Es ist: 17-08-2022, 03:10
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Das Lefavre-Experiment
Beitrag #4 |

RE: Das Lefavre-Experiment
Zellengebet

Heyr, himna smiður,
hvers skáldið biður.
Komi mjúk til mín
miskunnin þín.
Því heit eg á þig,
þú hefur skaptan mig.
Eg er þrællinn þinn,
þú ert drottinn minn.


Halbdunkel umfing Fjóla Hrönnsdóttir wie ein sanftes, schlafbringendes Tuch. Mit beinahe geschlossenen Augen lag sie zusammengekrümmt auf dem kalten Fußboden ihrer Zelle und träumte in der ziehenden Dunkelheit von nicht endenden Sommernächten. Das Licht wandert, doch es schwindet nicht. Der Himmel wird weiß, rötlich, bevor er bereits jenen Ton annimmt, der den Tag ankündigt. Das Leben schwieg in diesem winzigen Moment, hielt den Atem an, als wäre es sich nicht sicher, ob die Illusion des kommenden Tages wirklich war oder nur eine Täuschung. Stille bildete einen Vorhang, der das Mädchen einwickelte und gleichzeitig einem kühlen Luftzug preisgab. Einzig eine Wärme spendende, beruhigende Stimme hallte in ihren Gedanken nach, rezitierte wieder und wieder die alten Zeilen von Kolbeinn Tumason.
Herr, himmlischer Schmied,
höre, was der Dichter fragt.
Möge deine Gnade sanft über mich kommen.
Und so rufe ich dich,
weil du mich geschaffen hast.
Ich bin dein Sklave,
du bist mein Herr.

Das Gebet, das nicht geholfen hatte. Ein schleichender Schauer lief über Fjólas Gestalt. Wobei geholfen? Schwarze Löcher klafften in ihren Erinnerungen, nichts war klarer als die wenige Poesie, die sich hierher gerettet hatte. Sie sorgte für den nötigen Trost, wenn sie einsam war in einer Zelle, die ihr nichts sagte. Blanke, nackte Wände, die keinen Blick auf die endlosen Weiten zuließen, den Wind, der manchmal Eis, manchmal Schwaden beißendes Gases über die Hügel trieb, nicht hineinließen. Oftmals brachte er Kälte, überzog das Gras mit klirrendem Frost, der die Menschen in den erzählten Nächten des Winters an den nahen jökull erinnerte und ihnen verbat, leichtsinnig zu sein. Und auch die Dänen … Aus den Lücken krochen Gespräche hervor, die sie niemals verstanden und nur teilweise aufgeschnappt hatte. Gespräche über Freiheit. Doch was wollten sie? Freiheit, das waren für sie grasüberwachsene Ebenen, auf denen Schafe und hestar, Pferde, grasten. Freiheit, das waren die Hügel, das hinüberblinkende Weiß des Gletschers, der kühle Wind an endlosen, sonnendurchfluteten Tagen. Freiheit, das waren gelegentliche Rauchwolken am Himmel, das Schwarz der Lavafelder, das sprudelnde Schäumen der Skeiðará im Sommer, wenn sich die Seen unter dem Eis durch die Sonne füllten, die Gerfalken, die Jagd auf ihre Beute machten und an den Klippen nahe der Küste brüteten. Sie war frei. Gewesen. Eine Kralle grub sich in ihr Herz, zeigte ihr einen unbestimmten Verlust, ausgetauscht und ersetzt mit einer Enge, die nicht nur die Zelle in ihr verursachte. Doch woher? Von irgendwoher kam ein Geräusch, das sie sonst nicht vernahm und zerriss den Schutzmantel über ihr.
Langsam setzte sich Fjóla auf und warf einen Blick auf die verschlossenen Gitterstäbe, die sie von dem fernhielten, was sie unter Freiheit verstand. Die Dänen. Noch nie hatte sie etwas von ihnen gesehen, oder war es dieser Mann gewesen? Der Fetzen der Erinnerung löste sich auf, als ein Zucken sie wieder zu Boden warf und aufkeuchen ließ. Energie schien genauso schnell in sie zu fließen wie sie wieder entwich, höhlte sie aus und nahm ihr Bewusstsein mit sich. Bilder blitzten in schneller Folge auf, reihten sich aneinander wie in den zahllosen Geschichten, die den Winter vertrieben. Grummeln. Ein Rumpeln tief in der Erde, als hätte diese Bauchweh. Asche, die den Himmel verdunkelt, kreischende Falken. Wind, der das Gras platt drückt und auch Fjóla wie ein Schlag ins Gesicht trifft. Das ächzende Holz des gaflar, der Holzenden des Torfhauses, ängstlich rufende Lämmer. Dann Stille.
Wörter, Buchstaben, die ihr wenig bedeuteten und doch für etwas bedeutsam zu sein schienen, unterlegten die leere Ebene, auf der sich das Gras wieder aufrichtete. Nun eindringlicher, nahm die Stimme ihr Gebet wieder auf.
Guð, heit eg á þig,
að þú græðir mig.
Minnst þú, mildingur, mín,
mest þurfum þín.
Ryð þú, röðla gramur,
ríklyndur og framur,
hölds hverri sorg
úr hjartaborg.
Gott, ich rufe dich an,
damit du mich heilst.
Erinnere dich an mich, milder König,
So sehr brauchen wir dich.
Verdränge, o König der Sonnen,
jede menschliche Trauer
aus der Stadt unseres Herzens.

Von draußen ertönte ein Knall, wieder raste Energie durch das Mädchen, verbrannte ihre Eingeweide und ließ sie unfähig, sich zu bewegen, zurück. Etwas geschah, etwas, das sie nicht einordnen konnte, so weit war es von Schafen, Pferden und auch dem Wasser entfernt, das sie auf einmal umgab. Schmerz durchflutete sie, etwas Schweres, ein Gewicht, das sie nicht abschütteln konnte, drückte auf ihren Kopf, entlockte der Schwärze grausame Farben.
Der Fluss kam in der Nacht, ohne weitere Vorwarnung als ein Rauschen und die entsetzten Pferde, die schon am Vortag kaum noch zu halten gewesen waren. Nie hatten sie ihren Gefährten, die den Sommer im Hochland verbrachten, folgen wollen, doch nun schienen sie genau dies im Sinn gehabt zu haben. Fjóla hatte es nicht verstanden. Der Grímsvötn sei wieder lebendig geworden, wie ihr ihre Eltern erklärten, wie beinahe alle zehn Jahre. Es bestehe kein Grund zur Sorge, die Erde würde sich schon wieder beruhigen und höchstwahrscheinlich würde von dem Ausbruch nichts zu spüren sein. Die Schwärze umgab sie wieder, als sie in dem gletschergekühlten Wasser untertauchte und hilflos mit den Beinen ruderte, in einem letzten Versuch, dem Griff der Skeiðará zu entkommen wie die Falken, die am nächsten Tag über ihr kreisen würden.
Deutlich spürte sie Knochen brechen, dem Druck nachgeben, an ihrer Stelle bildete sich etwas Neues, Beängstigendes. Fjóla wurde von einer plötzlichen Gewalt in die Luft gehoben und schlug dann wieder auf, hörte Gitterstäbe krachen, doch das Geräusch kam nicht von ihrer Zelle. Fliehen wollte sie, fliehen, weg aus dem Halbdunkel, aus dem sie umgebenen Wasser, das sie lange nicht mehr gespürt hatte. Weg von den Schmerzen, dem Gefühl, ihr sei ein Arm abgerissen worden. Dem Stechen hinter ihren Augen, dem Knacken in ihren Füßen. Einem innerem Impuls folgend floh sie sich zu der immer noch rezitierenden Stimme, fiel in die Strophe mit ein und suchte Trost in dem ihr seit ihrer Geburt, seit elf Jahren, bekannten Text. Die Fluten wirbeln um sie herum und dringen in ihren zum Schreien geöffneten Mund, ersticken die Worte, die sie beruhigen und zuversichtlich werden lassen sollen.
Gæt þú, mildingur, mín,
mest þurfum þín,
helzt hverja stund
á hölda grund.
Send þú, meyjar mögur,
málsefnin fögur,
öll er hjálp af þér,
í hjarta mér.

Der Schmerz endete so abrupt, wie er gekommen war, nur ihr Körper zuckte noch weiter, aufgeladen von der Energie, die ihn durchflossen und zerstört hatte. Fjóla probierte etwas in der Finsternis um sie herum zu erkennen, doch der Versuch scheiterte ebenso wie der, aufzustehen. Ihr rechter Fuß schien sie nicht mehr zur Gänze tragen zu wollen. Noch einmal knackte es in ihren Schultern, ein Glühen rauschte durch das Mädchen hindurch, ließ die die blonden, nun fedrigweiß durchsetzten Haare erzittern. Erschöpft fiel sie auf den nun glitschigen Boden der Zelle, neigte den Kopf vor den schimmernden Gitterstäben und schloss die Augen. Die Nacht hatte vor ihr nicht halt gemacht und war eingebrochen.

Wache über mir, milder Einer,
So sehr brauchen wir dich,
in jedem Moment
in der Welt der Menschen.
Gib uns, Sohn der Jungfrau,
gute Absichten,
alle Hilfe ist von dir,
in meinem Herzen.


We are all accidents
Waiting
Waiting to happen
Radiohead, "There There"

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Das Lefavre-Experiment - von Trinity of Chaos - 28-03-2013, 15:45
RE: Das Lefavre-Experiment - von Adsartha - 13-04-2013, 19:02
RE: Das Lefavre-Experiment - von LaFleur - 14-04-2013, 11:49
RE: Das Lefavre-Experiment - von Eselfine - 15-04-2013, 17:04
RE: Das Lefavre-Experiment - von rex noctis - 16-04-2013, 14:39
RE: Das Lefavre-Experiment - von Eselfine - 28-04-2013, 16:59
RE: Das Lefavre-Experiment - von Adsartha - 29-04-2013, 22:33
RE: Das Lefavre-Experiment - von LaFleur - 30-04-2013, 17:01
RE: Das Lefavre-Experiment - von rex noctis - 02-06-2013, 00:08
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RE: Das Lefavre-Experiment - von rex noctis - 10-10-2013, 17:17
RE: Das Lefavre-Experiment - von Adsartha - 07-12-2013, 11:59
RE: Das Lefavre-Experiment - von rex noctis - 05-01-2014, 16:53
RE: Das Lefavre-Experiment - von Eselfine - 07-01-2014, 19:43
RE: Das Lefavre-Experiment - von LaFleur - 23-04-2014, 11:44

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