Es ist: 09-12-2022, 17:22
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Das Lefavre-Experiment
Beitrag #9 |

RE: Das Lefavre-Experiment
Bestie im Morgengrauen

Die Sonne brannte schon unbarmherzig vom Himmel herab. Obwohl sie ihr Zenit noch nicht erreicht hatte, und ließ ihr Strahlen durch die Luft tanzen. Der Morgen war erfüllt von Leben, Insekten summten, vollführten wagemutige Kunststücke im warmen Wind.
Blätter raschelten, als Camille aus ihrer tiefen Starre erwachte.
Langsam kam Leben in sie. Beim Strecken krachten ihre Gelenke unheilvoll. Jede einzelne Sehne schien zu spannen, jeder Muskel sich zum ersten Mal zu bewegen. Vielleicht taten sie dies ja auch, die junge Frau wusste es nicht.
Zaghaft öffnete sie ein Auge nach dem anderen, nahm die Welt um sich jedoch nur verschwommen wahr. Farben und Muster waren miteinander verworren und ineinander geschlungen und über allem lag ein grauer Schleier, wie eine verhangene Wolkendecke. Nur langsam lichtete sich das Farbenwirrwar , die Schlieren wurden zu Bäumen und Pflanzen und schließlich war ihre Umgebung beinahe so klar, wie sie sein sollte.
Doch die Farbzusammensetzung stimmte noch immer nicht, mit ihrem linken Auge sah sie nur Grau, Schwarz und Weiß, eine verstörende Mischung. Das rechte Auge nahm die Welt in ihrer vollen Farbvielfalt wahr und so gab das Gesamtbild eine komische Kombination.
Sie blinzelte immer wieder, doch es wurde nicht besser.
Der Schreck darauf fraß sich in ihre Glieder, wanderte durch ihre Arme und Beine, hinterließ ein heißes Prickeln unter ihrer Haut. Eine leise Böe kam auf, wirbelte Camilles Haare umher, die vorher völlig verschwitzt an ihrem Kopf geklebt hatten. Spielte mit ihnen, ließ sie im Windhauch tanzen.
Camille hatte Angst, vor dem, was kommen würde und vor dem was geschehen war.
Was ist nur los mit mir? Warum sehe ich nicht richtig? Warum fühlt sich alles so fremd an?
Die Fragen schwirrten ihn ihrem Kopf wie Geister umher. So viele und auf keine wusste sich auch nur eine passende Antwort. Ganz erschöpft und mit sich überfordert bemerkte sie zunächst nicht den Schmerz, der in ihr pulsierte wie ein schlagendes Herz. Ein Schmerz so allgegenwärtig, dass sie sich fragte, warum sie ihn nicht schon vorher bemerkt hatte. Ein Blick auf ihren unter einer Lage Röcke verborgenen Körper genügte, um einen widerlichen Geschmack in ihren Mund zu treiben. Was einmal schneeweiße Beine gewesen waren, ähnelten nun mit Fell überzogenen Läufen. Die Füße waren riesigen Pfoten mit langen schwarzen Krallen gewichen. Sie drohte in Ohnmacht zu fallen.
Schmerzen. Höllenfeuer. Knochen,die brachen. Sehnen, die rissen und neu zusammenwuchsen. Schreie, markerschütternd! Fell gewachsen aus zarter Haut.
Schreie, Schmerzen, Ohnmacht!

Eine Flut von Bildern stürmte auf sie ein, beschlagnahmte ihren Geist. Doch Camille wollte es nicht sehen, wollte sich der Erinnerung nicht hingeben und diese auch nicht begrüßen! Sie wollte gar nichts, nur wieder so sein wie zuvor. Der Wind umspielte wieder ihr Gesicht, strich ihr mit zarten Fingern über die Wange und spendete dem Mädchen so ein wenig Mut, ein wenig Hoffnung in absoluter Hoffnungslosigkeit. Das Mädchen strich sich mit ihren verkrümmten Fingern die Tränen aus dem Gesicht. Es waren nicht die schlanken Finger einer Musikerin, sondern die Klauen einer Bestie. Mit Krallen und fellüberzogen. Das Herz wurde Camille schwer, drückte sie nieder.
Sie schloss ihre Augen und wollte sich der Trauer hingeben, doch eine Lawine neuer Bilder rollte über sie ein:
Eine junge Frau, mit geschlossenen Augen im Takt der Musik. Eine Melodie so wunderschön, dass sie nur von einer Göttin gespielt werden konnte. Ihre Finger, die die Seiten der riesigen Harfe gekonnt zupfen und strichen. Ein Moment des Glücks.
Die Melodie noch immer in den Ohren fasste sie neue Kraft, richtete sich mühsam wieder auf und schleppte sich einen ungewohnten Schritt nach dem anderen voran. Die neuen Beine und Füße taten, was sie sollten, forderten dafür aber große Anstrengung und enorme Willenskraft.
Camille wollte einfach nur weg von hier, raus aus dem scheinbaren Paradies, das so erfüllt war von Leben. Sie wollte die munteren Insekten verlassen und am liebsten nie wieder eines zu Gesicht bekommen. Deswegen schleppte sie sich weiter, nur angetrieben von dem Gedanken der Flucht.
Sie Sonne wanderte währenddessen weiter am Himmel entlang und wurde noch erbarmungsloser als zuvor. Bald stand sie vollends im Zenit und schicke ihre Strahlen auf die trockene Erde.
Camilles Beine wurden lahmer und die aufzuwendende Anstrengung immer großer.
Als das Gelände steiniger wurde, verließen sie ihre Kräfte, mit einem letzten Rest Energie erreichte sie eine kleine Höhle. Doch sie war nicht länger allein, sie vernahm gequälte Geräusche …


Sie mag rosenbekränzt
Mit dem Lilienstengel
Blumentäler betreten,
Sommervögeln gebieten
Und leichtnährenden Tau
Mit Bienenlippen
Von Blüten saugen
, --- von Goethe

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Das Lefavre-Experiment - von Trinity of Chaos - 28-03-2013, 15:45
RE: Das Lefavre-Experiment - von Adsartha - 13-04-2013, 19:02
RE: Das Lefavre-Experiment - von LaFleur - 14-04-2013, 11:49
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RE: Das Lefavre-Experiment - von Eselfine - 28-04-2013, 16:59
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RE: Das Lefavre-Experiment - von Eselfine - 07-01-2014, 19:43
RE: Das Lefavre-Experiment - von LaFleur - 23-04-2014, 11:44

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