Es ist: 28-09-2022, 17:44
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Das Lefavre-Experiment
Beitrag #16 |

RE: Das Lefavre-Experiment
Beute

Sanft kitzelten sie die Strahlen einer kaum wahrnehmbaren Dämmerung und zerrissen die lärmende Dunkelheit um sie herum. Knacken.
Die Heimatgemälde von Gletschern und den kargen, windgepeitschten Gräsern wurden verdrängt von Abbildern knirschender, brechender Knochen, dem Geschmack von Blut auf ihrer Zunge, untermalt vom verängstigten Quietschen hilfloser Beute. Fjóla erinnerte sich an die Mäuse, die manchmal über die Holzbohlen in der Küche huschten, Mäuse, die sie früher immer erheitert hatten. Doch nun nagte der Gedanke als Hunger in ihrem Magen und breitete sich langsam zu ihrem einzigen Daseinszweck aus.
Das Trappeln der winzigen Pfoten, ein leichtes Schnuppern mit dem Näschen. Das Fell vibriert vor Lebendigkeit und beinahe kann sie das Blut sehen, das darunter pulsiert, das Fleisch, das ihren Magen füllen wird. Die Augen sind völlig auf den Fischabfall neben dem gaflar gerichtet, es besteht keine Gefahr, dass sie frühzeitig entdeckt wird.
Augen. Fjóla hob den Kopf und kniff ihre nutzlos gewordenen Augen zusammen, wie um herauszufinden, ob ihre Sicht sich dadurch bessern würde. Es half nicht, nur das Verlangen nach Mäusen wurde größer und beunruhigender. Sie war Fjóla, ein Mädchen von neun Sommern, und befand sich –
Ich – ich weiß nicht, wo ich bin. Die schockierende Wahrheit des Gedankens entfaltete sich zwischen den enger rückenden Wänden der Zelle und umschlossen Fjóla wie die Fänge eines Gerfalkens seine Beute. Das hier ist nicht Island, wurde ihr klar, das Rauschen da draußen ist nicht das Rauschen der Skeiðará. Das hier ist –
Und ich bin anders.

Die Wucht der Erkenntnis hob den Boden an und tunkte ihren befiederten Arm in Feuchtigkeit, was ihn noch schwerer machte. Nein, schrie es in ihr, was ist passiert? Wo ist der Gletscher, unser gaflar, Mama, Papa? Worte schälten sich aus ihrer Angst, Worte, die die Kraft der Heimat in sich trugen.
Heyr, himna …
Die violett schimmernden Lachen auf dem Boden gewannen an Kontur und plötzlich erkannte sie ihre Bedeutung. Wasser. Wo es Wasser gibt, gibt es auch Beute. Ihr Körper gehörte nicht ihr, als Fjóla sich aufrichtete und mit einem Ächzen auf die Beine kam. Ihre Füße fühlten sich unsicher an, wie rutschige Felsbrocken, starr und unbewegliche wie erkaltete Lava. Doch sie stand, halb auf die ihren Flügel-Arm gestützt, halb gegen die nächste Wand gelehnt, die ihr grauenvolle Geschichten der Enge zumurmelte, halb unter der Hand, wie eine Erzählung, die sie eigentlich gar nicht hören sollte. Fjóla musste aus der Zelle, wisperte der kalte Stein, hinaus in das Schimmern und Rauschen und den Luftzug. Sie blickte auf.
Augen. Die Dämmerung starrte zurück, jagte sie rückwärts in die Ecken ihrer Zelle, die ihr sicherer erschienen als die freie Fläche davor. Hunger. Und Augen, die sich mit den Fischabfällen beschäftigen … Beute.
Langsam kroch sie wieder nach vorne, gebeugt unter der Last ihrer Flügel, Kraft sammelnd für den Todesstoß und angelockt von dem Grauen in den Augen ihres Gegenübers. Verlangen sammelte sich in den steifen Krallen ihrer Füße, bereit, sie zu biegen und zu brechen, um das Glänzen aus diesen Augen zu pressen und damit die Leere in ihr zu füllen.
Die Maus hat den Schatten bemerkt, der hinter ihr lauert, wendet sich um und erstarrt im Angesicht ihres Jägers. Doch die Jagd wird nicht erfolgreich sein, wenn sie auf dem Boden lauert, sie muss –
Fjóla hob die Arme und sprang mit einem Kreischen in die Luft. Für einen Moment schwebte sie, spürte den Jubel in sich, versuchte, nach vorn zu gelangen, um zuzustoßen, doch dann sprudelten die Flüssigkeiten gleich einem Geysir in die Höhe und umschlossen sie, um sie wie die Skeiðará zu ertränken. Diesmal würde es gelingen, sie strampelte, ruderte mit Armen und Beinen, stieß an Felsbrocken und erstickte –
Schreie, Trampeln. Der Grimsvötn spuckt und raucht, keucht letzte Schwaden aus und schickt die Pferde in einem entsetzten Gewühl davon. Sie werden zurückkehren, wenn der Fluss wieder gesunken ist, so ist es immer gewesen. Doch das lauter werdende Rauschen kündet von einem Unheil, das ihnen den Rückweg abschneiden wird. Die Asche verdunkelt den Himmel und beerdigt schwarz die Sonne.
Fjóla wusste nicht mehr, wie lange sie im Violett des Wassers gelegen hatte, als die Feuchtigkeit ihre Federn verklebte und ihren pochenden Körper in eine aufrechte Position zwang. Die Augen vor der Zelle waren nun verschwunden, vielleicht waren sie Einbildung gewesen wie diese Maus und das Verlangen, sie zu fangen. Es musste Einbildung gewesen sein, eine Einbildung in der Einbildung, denn nichts anderes konnte dieser Körper sein, in dem sie steckte. Morgen würde sie in ihrem Bett aufwachen, den salzfischigen Geruch des Meeres und die raue Note der Asche einatmen und die Gräser mit den Pferden niederreiten, begleitet von den Rufen der Möwen und Falken und Papageientauchern. Normalerweise wachte sie immer auf, wenn ihr etwas vollkommen Seltsames geschah, doch offenbar war ihre Verwandlung noch nicht seltsam genug. Was konnte draußen auf sie warten, außer einem Anlass zum Aufwachen?
Sie kämpfte sich auf die Füße und wunderte sich darüber, wie schnell es vorhin gegangen war. Was hatte sie nur so angetrieben? Die Augen. Der Hunger. Ein sanfter Schimmer desselben Gefühls kroch über ihre Haut und ließ sie schaudern. Mäuse. Was würde ich nur für eine Maus geben. Hier müssen doch irgendwo welche sein, was sonst konnte es vorhin gewesen sein? Langsam kroch sie los, den schweren Flügel-Arm hinter sich her schleifend, und taumelte durch eine neue Lücke in den Gitterstäben, gerade groß genug für ihren nun unförmig befiederten Körper. Das Violett, das sie auf Wasser auf dem Boden hinwies, zog sich einen Gang entlang, in dem das Rauschen immer lauter wurde.
Atmen. Stoßweise gehender Atem ließ sie auf eine Öffnung in den Wänden aufmerksam werden und erneut meldete sich das Verlangen nach etwas, das ihren Magen füllen könnte, nach Beute. Beinahe sah sie die Maus wieder, als sie über Holztrümmer in einen düsteren Raum kletterte, dem Atemgeräusch folgend. Es gab kein Wasser hier, fiel Fjóla mit dem Fehlen der violetten Flecken auf dem Boden auf, das wenige, was sie von ihrer Umgebung erkennen konnte, beschränkte sich damit auf verschwommene Flecke in Einheitsdunkel. Ihre Federn untermalten den Takt ihrer Schritte, näherten sich stetig dem Geräusch, bis einzelne violette Flecken sie von ihrem Weg weglockten. Flüssigkeit, kein Wasser, wie ihr die dunklere Farbe mitteilte, eher etwas Dickeres, etwas, das trocknete. Beute, flüsterte der kräftiger werdende Hunger und bäumte sich auf, als sie den Farbton des Violetts erkannte.
Dann stießen die Krallen an ihren steifen, deformierten Füßen an lebloses, weiches Fleisch, rutschten ab und verloren den Halt auf dem glitschigen Boden. Als die Dunkelheit wieder nach ihr griff, schmeckte sie Blut.


We are all accidents
Waiting
Waiting to happen
Radiohead, "There There"

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Das Lefavre-Experiment - von Trinity of Chaos - 28-03-2013, 15:45
RE: Das Lefavre-Experiment - von Adsartha - 13-04-2013, 19:02
RE: Das Lefavre-Experiment - von LaFleur - 14-04-2013, 11:49
RE: Das Lefavre-Experiment - von Eselfine - 15-04-2013, 17:04
RE: Das Lefavre-Experiment - von rex noctis - 16-04-2013, 14:39
RE: Das Lefavre-Experiment - von Eselfine - 28-04-2013, 16:59
RE: Das Lefavre-Experiment - von Adsartha - 29-04-2013, 22:33
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RE: Das Lefavre-Experiment - von rex noctis - 02-06-2013, 00:08
RE: Das Lefavre-Experiment - von LaFleur - 04-06-2013, 13:30
RE: Das Lefavre-Experiment - von rex noctis - 10-10-2013, 17:17
RE: Das Lefavre-Experiment - von Adsartha - 07-12-2013, 11:59
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RE: Das Lefavre-Experiment - von LaFleur - 23-04-2014, 11:44

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