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Es ist: 21-10-2020, 05:22
Es ist: 21-10-2020, 05:22 Hallo, Gast! (Registrieren)


Sag, was du zu sagen hast
Beitrag #1 |

Sag, was du zu sagen hast
[Vortrag: Als Inquit-Formel wird die Redeeinleitung bezeichnet, die üblicherweise aus einem Verb des Sagens und einem Nomen / Pronomen besteht, das den Sprecher kennzeichnet.]

[Nachtrag: Um nicht mögliche Diskussionsteilnehmer schon mit der puren Länge meines Eingangsposts zu verschrecken, hier die Fragestellung kurz und knapp: Bist du eher der Schreibtyp, für den "sagen" im Dialog das Allheilmittel ist, oder setzt du auf die Vielfalt der Synonyme und drückst die Stimmung der Dialoge zusätzlich mit Verben wie "brüllen", "kontern", "scherzen" und "blaffen" aus?]

Sag, was du zu sagen hast ...

… und bring es in wörtlicher Rede unter. Nicht in der Inquit-Formel.
So predigen es manche Schreibratgeber und manche Autoren. Selbst manche Leser verteufeln alles, was nicht »sagen« ist.
Ich hab mir sagen lassen, dass es im englischen Sprachgebrauch tatsächlich so ist, dass »said« hinter allem steht. Egal ob gebrüllt, geflüstert, gekeift oder gefragt wird. Es wird wohl gar nicht als Wort wahrgenommen, dient lediglich als Sprecherzuweisung. Damit der Leser den Überblick über die Dialogpartner nicht verliert.

Von deutschen Autoren wird nun immer häufiger das Gleiche gefordert:
Die wörtliche Rede allein soll dem Leser nahebringen, WIE etwas gesagt wird. Der Fokus soll auf dem gesprochenen Wort liegen, auf der wörtlichen Rede allein. Daher ist auf allen angehängten Firlefanz zu verzichten, ein schlichtes »sagte er/sie« muss genügen.
Nun, wenn’s bei Stephen King funktioniert, muss es ja gut und richtig und sklavisch einzuhalten sein, oder nicht?

Was ist aber so schlimm daran, wenn ein Autor nicht nur den Inhalt der wörtlichen Rede in den Fokus rücken will, sondern auch die Art, wie der Sprecher seine Worte von sich gibt?
Es scheint das Hauptargument der Sager zu sein, dass ein anderes Verb zu sehr vom eigentlichen Gesprochenen ablenkt. Dass der Ausdruck über die wörtliche Rede zu erfolgen hat, ob ein Satz nun geflüstert, geschrien oder aufgeregt hervorgebracht wird.
Es gibt tatsächlich Texte, da habe selbst ich mir schon gedacht, dass der Autor es übertreibt mit der Synonymfindung. Wenn hinter JEDER wörtlichen Rede eine neue, tolle, originelle Inquit-Formel zu finden ist, liest sich das in der Tat meist sehr unangenehm und bemüht.
Um fair zu bleiben: Hinter jeder wörtlichen Rede ein »sagte er« zu lesen, bringt mich nur geringfügig langsamer auf die Palme.

Ich muss sagen, ich bin als Autor ein absoluter »sagen«-Gegner. Ich bin der Meinung, die wenigsten Menschen »sagen« einfach so etwas, ohne einen Beweggrund, ohne Emotionen und ohne Motivation.
Wenn ich außer Puste bin und kaum Luft kriege, dann »sage« ich nicht »Sie sind hinter mir her!«, sondern ich »bringe es mühsam hervor« oder ich »keuche« es oder vielleicht benutze ich einfach gar kein Verb, sondern meine Stimme überschlägt sich oder der Satz ist kaum zu verstehen, weil ich um jeden Atemzug kämpfe.
Wenn jemand etwas zu mir sagt, und ich sage etwas als Erwiderung darauf, warum sollte ich es nicht »erwidern« dürfen? Warum sollte ich nicht »schlagfertig kontern« dürfen oder »geknickt klein beigeben«? Unsere wunderschöne Sprache bietet so viele Synonyme, die so viel mehr transportieren können als das pure »sagen«.

Sonst heißt es doch immer, ein Text brauche starke Verben. Nun, bei aller Liebe, aber »sagen« ist kein starkes Verb. Es sagt nämlich überhaupt nichts aus. Dass die wörtliche Rede gesagt wird, verkünden schon die Anführungszeichen, ein weiterer Hinweis auf das gesprochene Wort wäre nicht nötig. Die Sprecherzuweisung könnte über die Dramen-Form erfolgen. Name, Doppelpunkt, Rede.
Demnach wäre »sagen« nur ein Füllwort, überflüssig, durch die Anführungszeichen redundant. Und solche Wörter schmeißen wir für gewöhnlich raus. Das sagen uns auch die Schreibratgeber. Weg damit.
Wieso sollte ich als Autor diese Gelegenheit nicht nutzen, dem Leser ein bisschen Stimmung und Tonfall des Gesprächs über die Inquit-Formeln zu vermitteln? Was ist schlimm am »zischen«, »flüstern«, »fauchen«, »schnauzen«, »jammern«, »verkünden«, »nachhaken«, »entgegnen«, »erwidern«, »spotten«, »trösten«, »kreischen«, »keuchen«, »hauchen«, erklären« und all ihren Brüdern und Schwestern?

Ich verstehe die Abneigung gegen (umständliche) Wendungen, die konstruiert wirken, dem Ton der wörtlichen Rede widersprechen oder auch eine klar aus der wörtlichen Rede hervorgehende Tatsache nur wiederholen. Aber was spricht gegen kurze, emotional gefärbte Synonyme für »sagen«? Wörter, die nicht nur den Tonfall des Gesagten transportieren können, sondern auch über die Intention des Sprechers Auskunft geben oder über die Auffassung des Angesprochenen. Jemand der etwas »stolz verkündet« kann aus der Sicht einer anderen Person »prahlen« oder auch einfach nur etwas »mitteilen«.
Inquit-Formeln sind meiner Meinung nach ein wunderbares Werkzeug, um in einem Dialog die Sprecher über das Gesagte hinaus zu charakterisieren und Stimmung zu schaffen.

Wohlgemerkt: In Maßen, nicht in Massen.
Wenn JEDE wörtliche Rede mit einem anderen Synonym eingeleitet wird, ist das natürlich nicht besser, als wenn jede Rede mit einem »sagen« eingeleitet wird. Aber das liegt nicht an den Wörtern, sondern an der Masse.
In einem zehnzeiligen Dialog mit drei Inquit-Formeln darauf zu pochen, dass da jedes Mal »sagen« stehen muss und bloß nichts anderes, weil es den Leser vom Inhalt der wörtlichen Rede ablenkt … Bisher hab ich noch kein Argument dafür gelesen, das mich überzeugt hätte, »sagen« wäre immer und überall die bessere Wahl.
Ist es in unserer (echten) Kommunikation nicht meistens sogar wichtiger, WIE unser Gesprächspartner etwas sagt und nicht, welchen genauen Wortlaut er dafür wählt? Für die geschriebene Sprache gelten natürlich andere Regeln, aber den Tonfall kann wörtliche Rede eben nicht (immer) transportieren. Und bei einer Figur, die gerade erst neu auftaucht, fehlt auch die Erfahrung, um den Leser selbst seine Schlüsse ziehen zu lassen, ob ihre Aussage nun ironisch, zaghaft oder anklagend gemeint ist.

Ich habe gar nichts dagegen, beim Lesen ab und zu mal über ein »sagen« zu stolpern. Ich habe schon Texte gelesen, da hat es mich kaum gestört und war an manchen Stellen sogar richtig gut und passend.
Aber ich habe Angst vor dieser Entwicklung, nichts anderes mehr zuzulassen. »sagen« als die einzig richtige und gute Inquit-Formel zu preisen. All den schönen Synonymen die Daseinsberechtigung abzusprechen.

Ich selbst verwende »sagen« nie. Weil es mir einfach viel zu wichtig ist, WIE meine Figuren sprechen, mit welchem Ziel sie einen Satz von sich geben oder wie sie einen Satz von jemand anderem auffassen.
Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass mir schon hin und wieder eine Inquit-Formel ins Auge fällt, bei der ich nur denke »Aua, was hast du da geschrieben?« - aber dann ersetze ich sie entweder durch eine passendere oder lasse sie ganz weg. Wenn ich den Sprecher kennzeichnen will, gebe ich ihm eine kleine Aktion, lasse ihn nicken oder eine Geste machen oder jemanden ansehen. Denn das ist ebenso Teil eines Gesprächs wie die wörtliche Rede.

Um die Atmosphäre von wörtlicher Rede zu transportieren, greife ich daher immer zu einer gesunden Mischung aus abwechslungsreichen (aber nicht zu ausgefallenen) Inquit-Formeln, Handlungsbeschreibungen und ab und zu einfach mal gar keinem Autoren-/Erzähler-Kommentar.

Für mich fällt »sagen« in die gleiche Sparte wie »klein« und »groß« oder »sein« - schwache Wörter, die hin und wieder angebracht sein können, die sich aber meist durch ein aussagekräftigeres, originelleres und ausdrucksvolleres Wort ersetzen lassen.


Mein (etwas länger gewordenes) Wort zum Sonntag
– oder –
Was ich schon immer mal verkünden predigen beklagen sagen wollte

Liebe Grüße
Lanna

»Couldnʼt you crawl into a bush somewhere and die? That would be great, thanks.« (Alistair, Dragon Age)

»You can be anything you want on the internet.
What's funny is how many people choose to be stupid.«
(Zack Finfrock)

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Sag, was du zu sagen hast - von Lanna - 20-10-2013, 23:47
RE: Sag, was du zu sagen hast - von Chewi - 21-10-2013, 13:26
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