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Es ist: 10-07-2020, 16:11
Es ist: 10-07-2020, 16:11 Hallo, Gast! (Registrieren)


Blutklinge (10/10)
Beitrag #1 |

Blutklinge (10/10)




~*~

Der kleine Junge schlief.
Wie ein geprügelter Hund hatte er sich zusammengerollt, in einem Loch aus Dunkelheit, das ihn vor allen Blicken hätte verbergen sollen. Aber Makku sah ihn. Sah die dürren Arme und den abgemagerten Körper, das fransige Haar und die dunklen Striemen, die eine Lederschnur über Beine und Rücken gezogen hatte. Ohne die hellen Augen war es, als läge ein Fremder vor ihm – und trotzdem konnte er sich nicht einfach umdrehen und gehen.
Er wusste, dass er nicht bleiben durfte. Dies war kein Ort für sein Bewusstsein, es zog ihn fort, zurück in die Wirklichkeit, die hinter der Unendlichkeit schimmerte. Manchmal drangen Stimmen zu ihm, Gerüche und die Ahnung von Schmerz.
Er durfte nicht gehen.
Über ihm wanderten Sterne durch den Himmel, manche erloschen, andere entflammten, während Äonen am Wegesrand entlangzogen, ohne ihn zu beachten. Nichts geschah – nichts würde jemals geschehen. Wieder und wieder lief die Ewigkeit durch ihr Stundenglas und schliff seinen Verstand, bis er dünn wie Pergament war. Ein Windhauch hätte ihn zerreißen können.
Es war Zeit zu gehen.
Der kleine Junge schlief noch, als Makku die Augen aufschlug.
Die Welt stürzte über ihm zusammen, einen endlosen Moment lang, mit all ihren Gerüchen und Geräuschen, dem Blutgeschmack im Mund und dem sengenden Gefühl von Feuer auf Haut. Makku schnappte nach Luft, hörte sein Keuchen, spürte das Zucken seiner Muskeln, und wollte sich aufsetzen. Aber sein Körper lag bleischwer da, auf dem Rücken, über ihm der dreckig-weiße Stoff eines Zeltes, der Kopf zu träge, um ihn zu drehen. Als sei sein Bewusstsein nur zu Gast.
Allmählich schälten sich Einzelheiten aus dem Chaos, Stimmen, schweres Atmen, unterdrückte Schmerzenslaute. Hitze kochte die Luft und über allem hing der Gestank verbrannten Fleisches. Trotzdem dauerte es lange, bis Makku das Gesicht erkannte, das kurz in seinem Blickfeld auftauchte. Zu lange. Es war bereits wieder verschwunden, als sein Verstand Details übersetzte. Smaragdgrüne Augen wie die einer Katze, verfilztes Haar und rundliche Züge.
»Qai.«
Der Name kam als unverständliches Krächzen aus seinem Rachen und starb auf seiner Zunge. Es hinterließ einen fauligen Geschmack, den er am liebsten ausgespuckt hätte. Mühsam drehte er sich auf die Seite, jede Bewegung ein Kampf gegen seine eigenen Muskeln, und atmete durch. Nur am Rande nahm er seine Umgebung wahr: Körper am Boden, so wie sein eigener, an denen Erinnerungen klebten.
Ein Regen aus Pfeilen und ein Sturm aus Feuer.
Einige lagen reglos, andere wanden sich stöhnend vor Schmerz. Zwischen den Reihen der Verletzten eilten zwei Männer umher, deren Gesichter Makku nicht erkannte, wohl aber ihre Aufgabe. Die Feldscher der Söldnertrupps, die unter Xephos’ Kommando standen.
Xephos.
Er erinnerte sich, ihn gesehen zu haben. Verletzt, aber lebend. Vor oder nach dem Feuersturm? Nihel war bei ihm gewesen. Nihel konnte ihn schützen.
Nein. Er musste sich auf einen Gedanken konzentrieren, für mehr reichte seine Kraft nicht. Zuerst würde er auf die Beine kommen. Dann würde er weitersehen.
Er legte beide Hände auf den festgetretenen Boden – bemerkte, dass sie bandagiert waren, wie auch seine Arme – und drückte sich hoch. Wie aus einer klaffenden Wunde sickerte die Kraft aus ihm heraus, doch es gelang ihm, sich aufzusetzen, eine Hand noch am Boden, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Gut zwanzig Männer leisteten ihm Gesellschaft, die er ignorierte. Stattdessen richtete sich seine Aufmerksamkeit auf die Gestalt, die im Eingang erschien.
Lederbänder umschlangen den sehnigen Körper, der ein Bild in Makku weckte.
Qai, wie sie auf dem Galgen hockte, ein schwarzgefiederter Pfeil in der gespannten Sehne und der smaragdgrüne Blick scharf wie eine Trollzahnklinge.
Kein Künstler hätte den Tod in einem treffenderen Bild einfangen können.
Doch die Faszination der Erinnerung verflog, als sie neben ihm in die Hocke ging und ihn abschätzend musterte. Als überlege sie, ob er genesen würde oder den Gnadenstoß verdiene.
»Ich hätte erwartet, dass dein Nekromant mehr aushält.«
Ihre Augen waren gerötet, das erkannte er trotz der Schwere in seinem Kopf und noch bevor Xephos neben sie trat.
»Wie geht es dir?«, überging ihr Hauptmann den Spott der Wilden.
»Haben wir gewonnen?«
Seine Stimme krächzte noch immer und fühlte sich rau an. Verbrannt.
Trotzdem lachte Xephos und verzog gleich darauf das Gesicht, hielt sich die Seite. »Wir wären beinah von einem größenwahnsinnigen Nekromanten gegrillt worden. Aber ja. Wir haben gewonnen.«
»Die Phratag-sweln jagen die übrigen Phratag«, fügte Qai hinzu und lächelte knapp. »Sie glauben, dass die Wester es mit ihren Signalfeuern ein wenig übertreiben.«
Jedes Wort verankerte ihn tiefer in der Wirklichkeit, schärfte Konturen und zog klare Trennlinien zwischen Geräuschen und Eindrücken. Er brachte sogar ein Grinsen zustande.
Spürte die Dunkelheit, einen Herzschlag nur bevor sie erneut zuschlug. Ihn mit sich riss.
Zurück an den Ort, der kein Ort war.

~*~


Das Rumpeln des Karrens polterte durch Makkus Kopf, als hätte das Geräusch seinen Ursprung direkt unter seiner Schädeldecke. Schon bei dem Gedanken, auf dem holpernden Fuhrwerk zu sitzen, wurde ihm übel – da hielt er sich lieber mit Müh und Not auf dem Pferderücken. Xephos neben ihm schien diesen Kampf nicht auszufechten. Dabei hatte ihr Hauptmann sehr viel mehr Wein getrunken als Makku. Die halbe Nacht hindurch hatte er mit den Söldnern ihren Sieg gefeiert und auf jeden Toten angestoßen.
Dreiundvierzig Mal.
Nur die leichte Neigung in seiner Haltung verriet noch die Schnittwunde an seiner Seite. Auch Makkus Verletzungen heilten gut. Viel mehr machte ihm die Narbe zu schaffen, die die Magie in seinen Geist gebrannt hatte. Drei Tage waren vergangen und noch immer spürte er das kühle Echo der Macht, spürte die Erschöpfung, die jeden Handgriff beherrschte.
Nihel hatte ihm versichert, diese Gefühle seien vollkommen natürlich nach einem Zauber solchen Ausmaßes. Angenehmer wurde es dadurch trotzdem nicht.
Im Moment ritt der Hexer am Ende des Trosses, der sich behäbig in Richtung Heimat bewegte, und hätte Makku Gelegenheit gegeben, mit Xephos zu sprechen. Wäre nicht der Grund, aus dem er dieses Gespräch suchte, knapp eine Armlänge von ihm entfernt geritten.
Qai.
Seit der Schlacht – seit Rasds Tod – war sie nur ein Mal kurz von der Seite der Blutklinge gewichen. Um mit den Phratag-sweln zu verhandeln. Um ihnen im Namen Lanneqs den Quellstein abzuschwatzen, den sie bei ihrer Feenhatz erbeutet hatten. Jetzt trug sie ihn wie einen Schatz in einer Ledertasche an ihrer Seite und machte weiterhin keine Anstalten, den Söldnerhaufen zu verlassen.
Es würde keinen Moment unter vier Augen geben.
»Warum ist sie noch hier?«
Er machte sich nicht die Mühe, auf die Waldelbe zu deuten. Konzentrierte sich stattdessen darauf, das Poltern aus seinem Kopf zu verbannen. Im ersten Moment bemerkte er nicht einmal, dass Xephos ihn stur ignorierte.
Die Waldelbe sah ihn an, als habe er etwas furchtbar Dummes gesagt. Dann wanderte ihr Blick zu Xephos, fragend, und zurück zu ihm. Ein spöttisches Lächeln stahl sich auf die schmalen Lippen, sie neigte den Kopf leicht.
»Du hast es deinem Nekromanten noch nicht erzählt?«
Er würde sich nicht auf ihr Spiel einlassen. Auch wenn ihm die Frage auf der Zunge brannte, was sie meinte. Bemüht gleichgültig trieb er sein Pferd an und schloss zu Xephos auf, der nur eine Mannslänge vor ihm ritt.
Noch immer wirkte ihr Hauptmann, als würde er nicht antworten wollen.
»Sie bleibt bei uns«, rückte er schließlich mit der Sprache heraus und atmete durch. »Sie hat mich darum gebeten und ich hab eingewilligt.«
»Dein Schwert hat eingewilligt.«
»Rasd hat sich geopfert, um Nihel und mich zu retten. Ich bin es ihr schuldig.«
»Sie ist eine dreckige Wilde!«
»Sie hat ein ziemlich gutes Gehör«, warf die Waldelbe von hinten ein.
Ohne es zu wollen, drehte Makku sich zu ihr, spürte jede Bewegung bis in die Knochen, und das Bild kroch aus seiner Erinnerung. Wie sie auf dem Galgen hockte, der Tod in seiner Perfektion. Der Gedanken ließ ihn nicht mehr los, seit drei Tagen schon. Quais schwarze, schlanke Silhouette auf dem Galgen, den Bogen in der Hand und die wilden Katzenaugen wie geschliffene Smaragde in der Dunkelheit. Es faszinierte ihn. Und das wiederum ärgerte ihn. Er wollte dieses Bild nicht immerzu in seinem Kopf.
»Was sagt dein Vater dazu, dass du mit einer Bande dreckiger Söldner durch Feindesland ziehen willst?«
»Ich diene dem Waldfürsten Lanneq nicht mehr. Ich bin frei«, erwiderte sie, klang hölzern. »Meine Treue gehört der Blutklinge.«
Das konnte nur böse enden.
Obwohl Makku die Antwort bereits kannte, wandte er sich wieder Xephos zu.
»Was ist mit dem Quellstein? Dem, den Lanneq haben will, du erinnerst dich? Den seine Tochter für ihn beschaffen sollte.«
»Sie bringt ihn Galbûn.«
»Du spielst mit Feuer, Xephos. Glaub mir, damit kenn ich mich aus.«
Ihr Hauptmann schwieg, den Blick in die Ferne gerichtet und eine Hand am Griff der Klinge an seiner Seite. Er lauschte ihrem Flüstern. Keine Macht dieser Welt würde ihn dazu bringen, seine Entscheidung zu ändern.
»Dreck! Warum hab ich euch beide nicht einfach zusammen mit diesem götterverlassenen Sumpf zu Asche verbrannt?«
Xephos lachte müde. »Weil du für etwas anderes bestimmt bist.«
Wie gerne hätte Makku widersprochen. Hätte dem Träger der Blutklinge erzählt, dass er ebenso frei war wie die dreckige Wilde, keiner Bestimmung, keinem großen Schicksal unterworfen.
Doch am Rande seiner Wahrnehmung spürte er den Blick einer höheren Macht, älter als der Himmel und älter als die Zeit. Immerzu.
»Erwarte bloß nicht, dass wir Freunde werden.«
Sie war die Kühle in seinem Geist – sie war jeder einzelne seiner Gedanken. Er war ein Teil von ihr. Solange sie es wollte, würde er der Blutklinge folgen.
Bis in die Leere. Und wenn es sein musste, auch wieder zurück.

~*~*~

»Couldnʼt you crawl into a bush somewhere and die? That would be great, thanks.« (Alistair, Dragon Age)

»You can be anything you want on the internet.
What's funny is how many people choose to be stupid.«
(Zack Finfrock)

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Blutklinge (10/10) - von Lanna - 29-08-2015, 13:11
RE: Blutklinge (10/10) - von SirJasonCrage - 01-09-2015, 21:17
RE: Blutklinge (10/10) - von Lanna - 07-09-2015, 13:20
RE: Blutklinge (10/10) - von SirJasonCrage - 07-09-2015, 21:24

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