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Es ist: 21-09-2020, 04:00
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Ins Dunkle ferner Nächte (I.I)
Beitrag #1 |

Ins Dunkle ferner Nächte (I.I)
Countdown: Addendum

I n s D u n k l e f e r n e r N ä c h t e

(I.I)

(Préface - 1887)

Draußen vor den Fenstern brach der Morgen an.
Über den Dächern ein strahlender Sonnenaufgang, der Wärme versprach, sie aber nicht halten konnte. Stattdessen zog sich die Kälte mit eisigen Fingern durch die Laken des Bettes und streichelte die beiden Menschen darin wach. Zumindest versuchte sie es, konnte jedoch nur bei der Frau einen Erfolg verbuchen.
Ein erster Augenaufschlag, noch dämmrig, leicht verwirrt.
Sie schaute in sein schmales Gesicht ihr gegenüber, das sich noch in fernen Gefilden befand. Die Haare des Schnurrbarts, die gestern Abend an den Seiten noch hochgezwirbelt waren, befanden sich in heillosem Durcheinander. Selbst die vollen dicken Haare, die sie ein ums andere Mal an blühende Getreidefelder erinnerten, lagen derart schief auf dem Kopf, dass sie versucht war sie zu ordnen. Notfalls mit einer Drahtbürste.
Draußen auf den Straßen waren die ersten Schritte des Lebens zu hören. Ein Zeitungsjunge mit den neuesten Schlagzeilen. Gemurmelte Unterhaltungen unten an der Haustüre. Gefolgt von einer Kutsche mit wiehernden Pferden, die im gemächlichen Tempo vorbeifuhr.
Die Frau blinzelte und wandte sich ab. Der Blick wanderte von seinem friedlich schlafenden Gesicht zur Decke, wo immer noch die Träume der letzten Nacht hingen.
Sie starrte hinauf, gähnte schließlich und schwang sich aus dem Bett. Lange braune Haare, mehr glatt als gewellt. Ein anmutiges Gesicht, mit Lippen, die nicht zu voll und nicht zu schmal waren. Die braunen Augen wirkten bereits wacher als der Rest des nackten Körpers, der zwar einige Narben und Macken aufwies, aber ansonsten eine Ode an den Schöpfer der Welt darstellte.
Die Frau strich sich eine Strähne hinters Ohr, gähnte nochmals und stand auf. Das Laken um sich herum geschwungen wanderte sie mit nackten Füßen durch das Zimmer zu den Fenstern.
Vorbei an der Kommode, auf der ein Globus stand. Vorbei an zusammengerollten Landkarten, die ordentlich daneben gestapelt waren. An den Wänden hingen Bilder aus fernen Ländern. Urwälder, die die wenigsten Menschen bereits bereist hatten. Wasserfälle, deren Schönheit durch den Maler nur in Bruchteilen eingefangen worden war. Irgendwo am Rand stand ein Tisch mit der gestrigen Ausgabe der 'Le Petit Journal' und der großen Schlagzeile:

Boulanger wegen Disziplinlosigkeit aus der Armee entlassen!

Daneben befanden sich massive Sessel, die so weich waren, dass man darin versinken konnte.
Ihre Füße wanderten an den auf dem Boden verstreuten Kleidern vorbei. Sein Hut auf der Hose, neben den achtlos ausgezogenen Schuhen. Direkt daneben ihr Kleid und ihre Unterwäsche, die sie mit keinem Blick würdigte. Der Holzboden knarrte und knirschte leise bei jedem ihrer Schritte, bis sie vor den Fenstern stand und die Welt dort draußen sah.
In der Ferne sah sie die stählernen Beine eines Turms, der für die Pariser Weltausstellung gebaut wurde und noch unvollendet war. Eine kurzweilige Angelegenheit, denn ungeachtet des Aufwands sollte er danach wieder abgetragen werden.
Unter sich sah sie enge Gassen. Die Menschen dort unten so groß wie kleine Zinnfiguren, denen man durch Zauberei Leben eingehaucht hatte. Die Dächer der Häuser hatten bereits bessere Zeiten gesehen. Notdürftig geflickt, stellenweise immer noch Löcher. Doch der Rauch, der aus den Kaminen kam, zeugte von der Unbeugsamkeit der Bewohner, ihr Zuhause niemals aufzugeben. Lieber lebten sie mit einem löchrigen Dach als unter einer Brücke. Oder auf der Straße selbst.
Sie beobachtete, wie ein Mann und eine Frau mit ihren sechs Kindern aus einem der Häuser kam. Die Jungs und Mädchen warteten brav an der Häuserwand, bis der Vater ihnen den Weg wies. Dann erst setzte sich der Troß in Bewegung und glitt aus dem Bild.
Die Frau am Fenster starrte noch auf den Punkt, an dem die Familie gerade noch gestanden hatten und verlor sich in ferne Gefilde.
"Was habt Ihr, meine Teuerste?", fragte der Mann, der plötzlich hinter ihr stand und seine Arme um sie schwang. Dass er aufgestanden war hatte sie genauso wenig mitbekommen, wie das Knirschen und Knarren des Holzbodens.
"Habt Ihr noch eine Dame, die weniger kostet als ich, Henri?"
In seinem gerade noch freundlichen Gesicht zog ein verärgerter Ausdruck auf.
"Ihr seid die Einzige", sagte er und konnte dabei ein leichtes Brummen in seinen Worten nicht verhindern. "Warum glaubt Ihr mir das nicht?"
"Weil Ihr auch für mich bezahlt habt." Sie starrte weiter durch das Fenster auf den einen Punkt, den nur sie sehen konnte. "Und wer einmal bezahlt, verlernt die üblichen Gepflogenheiten."
Für einen Moment war nur noch der Lärm von der Straße unter ihnen zu hören, der die Stille im Zimmer aber nicht ausfüllen konnte.
"Ich liebe Euch", sagte Henri, drückte sie näher an sich heran und küsste ihr dabei auf die linke Schulter. "Seitdem ich Euch das erste Mal sah."
Sie seufzte leise, dann drehte sie sich herum und schaute in sein Gesicht. Seine Augen schielten leicht, was sie niemals als Makel empfunden hatte, sondern stets als ein Merkmal, welches nicht viele Menschen ihr Eigen nennen konnten.
"Ihr habt eine Frau gesehen, die täglich für Geld ihren Körper zur Liebe hingab."
"Ich habe die Liebe selbst gesehen."
Wieder war es die Stille, die sich zwischen die beiden Menschen drängte. Augen schauten sich an, Lippen versuchten sich zu küssen, beließen es dann aber bei der Halbherzigkeit.
"Ich werde nicht mitkommen, Henri", murmelte sie, und vermisste innerlich dabei die Standfestigkeit, mit der sie es eigentlich aussprechen wollte.
"Aber ich liebe Euch!"
"Henri ..."
"Waren das nur Lippenbekenntnisse? All die Zeit?"
"Nein, das waren sie nicht."
"Und warum bin ich der einzige, der sich dazu bekennt?"
Sie schwieg erst, dann hauchte sie ihm einen Kuss auf die Wange, bevor sich ihr Kopf wieder zurückzog.
"Ich habe in meinem Leben nur käufliche Liebe kennen gelernt", sagte sie. "Und jeder Mann, der sich mir öffnete, sagte auch das, was Ihr gerade sagtet."
"Ihr glaubt mir also nicht?"
"Von allen, die kamen und gingen, seid Ihr derjenige, dem ich das mehr als alles andere glaube."
"Und warum wollt ihr nicht mit mir mitkommen?" Er zog sie ein Stück zu sich hin. "Weg von hier, in andere Länder, dorthin, wo kaum ein Mensch je gewesen ist."
"Ich kann nicht."
Er schaute wehmütig in ihr Gesicht und presste die Lippen aufeinander.
"Was hindert Euch daran?"
Als sie wegschaute, zog er das Laken ein Stück herunter, sodass ein blauer Fleck an ihrem rechten Oberarm zum Vorschein kam.
"Ist es wegen Georges und seinen ... Ertüchtigungen?"
Er hoffte inständig, dass sie nicken würde. Doch sie tat es nicht.
"Nein", antwortete die Frau und schüttelte den Kopf. "Ich ... muss wieder zurück."
Henris Hand ließ schlagartig von ihr ab.
Er trat einen Schritt zurück und starrte sie stirnrunzelnd an. Zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, wirkten die leicht schielenden Augen bedrohlich.
"Zurück?", rief er und zeigte auf die Fenster hinter ihr. "In diesen Sündenpfuhl?"
"Ihr wart auch dort, oder habt Ihr es vergessen?"
Er ignorierte ihren Einwand.
"Was um Himmelswillen treibt Euch wieder dort hin?" Er legte den Kopf schief. "Habt Ihr dort noch Schulden, die Ihr begleichen müsst?"
"Henri, es geht nicht darum ..."
"Worum denn dann?"
Sie schaute hinunter auf ihre nackten Füße, auf seine, und der Blick verlor sich im Holz des Bodens.
"Ihr wollt, dass ich Euch in ein fernes Land begleite", flüsterte sie. "An unbekannte Gestade, die kaum ein Mensch je gesehen hat."
"Ja, denn Ihr seid es, die mir dabei Halt geben wird", sagte er. "Mehr noch als die Begleiter, die Zeit meines Lebens an meiner Seite standen."
Sie schaute ihm wieder in die Augen.
"Aber wie soll ich das schaffen, wenn das Unbekannte in mir selbst größer ist, als das, was vor Euch liegt?"

***

Irgendwo zwischen dem Morgen und dem Jetzt, fallend ins Gestern. Schwebend frei.
Kein Oben, kein Unten.
Trotzdem sank sie langsam abwärts, auch wenn sie nicht wusste warum. Zugerne hätte sie mit den Händen nach irgendwas gegriffen um sich festzuhalten, aber einerseits fand sie nichts, und andererseits spürte sie noch nicht einmal ihre Arme.
Panik wäre logisch, doch anstelle dessen waren es immer die Gefühle gewesen, die ihr Innerstes beherrschten. Die Liebe, die kam und ging, ohne sie zu sehen. Die Leidenschaft für Vorlieben. Und das Bauchgefühl, besonders bei ihrer Arbeit, die sie nie als solche sah, sondern immer als Dienst. An den Menschen. An der Gesellschaft. Und natürlich am Staat.
Aber das waren nur gefühlte Gedanken, die sich gerade durch ihren Kopf tanzten, wobei sie noch nicht einmal mit Bestimmtheit sagen konnte, wo sich dieser gerade befand.
Inmitten der Dunkelheit. Durchsetzt mit aufblinkenden Sternen. Kalt oder Warm war nicht fühlbar, so sehr sie sich auch anstrengte. Es erinnerte sie daran, wie sie als kleines Mädchen manche deutsche Worte so lange aufgesagt hatte, bis diese ihr fremd vorgekommen waren. Und mit der Kindheit kamen auch die anderen Erinnerungen wieder.
Auf dem Bolzplatz, irgendwo an der Mauer zum abgeschotteten Dortmund hin, das immer noch verseucht war und gesperrt blieb. Mit all den anderen Jungs - und sie als einziges Mädchen. Man hatte sie ins Tor gestellt und die Mannschaft, der sie zugeteilt worden war, hatte sich bereits als Verlierer gesehen. Doch so oft die gegnerischen Jungs auch aufs Tor schossen, so oft sie auch versuchten, direkt auf ihr Gesicht oder ihren Bauch zu zielen - sie hatte ihren Kasten sauber gehalten. Alle Torschüsse abgewehrt. Die blauen Flecke hatte sie mit Stolz nach Hause getragen.
"Stolz?", zischte es durch die Dunkelheit, und sie hörte ein Klatschen, von dem sie wusste, dass es ein Schlag in ihr Gesicht war. "Den treib ich Dir aus."
Schmerzen spürte sie nicht, obwohl sie fühlte, wie ihre Arme hinter dem Rücken lagen. Die Hände gefesselt. Im Mund ein Knebel, der nach Blut schmeckte. Und langsam schälte sich ein altes Bild aus der Finsternis heraus. Es blieb zwar verschwommen und dunkel, aber der Kopf des Mannes, der sich zu ihr hinab beugte, war beinahe klar zu erkennen. Der Rest des Körpers blieb verzerrt, obwohl sie die anderen Gestalten hinter ihm an der Kellerwand deutlicher sehen konnte: Frauen in Ketten. Jung. Blond. Und fast tot.
Es klatschte wieder durch ihr Gesicht, und diesmal konnte sie nicht nur den tauben Schmerz spüren, sondern auch, dass sie bis auf einen Slip und einen BH fast nackt auf dem schmutzigen Boden kauerte.
"Du wirst das tun, was ich Dir sage!"
Und noch ein Schlag, deutlicher. Schmerzhafter.
"Hast Du das verstanden, kleine Schlampe?" Der Mann griff nach ihrem Hals und drückte so fest zu, dass sie beinahe keine Luft mehr bekam. "Sonst bist Du wertlos für mich!"
Das Bild blendete sich selbst aus und erstickte im Schwarz. Sie merkte, wie sie nicken wollte, es aber doch nicht tat. Jede Sekunde war notwendig, war wertvoll, war unersetzlich - nicht für sie, sondern für die anderen.
Bevor der nächste Schlag kam, krachte es. Er ließ von ihr ab, sie bekam Luft, hörte Tumult wie aus weiter Ferne. Irgendjemand rief: "BUNDESPOLIZEI!"
Oder waren es mehrere?
"WAFFEN WEG!"
Dann ein Schuss, dem ein zweiter folgte. Stille. Das Wimmern der anderen Frauen, die jetzt schon zu alt gewordene kleine Mädchen waren.
Jemand rüttelte an ihren Schultern, hob eines ihrer Augenlider und schaute in ihre Seele hinein.
Ein Mann, groß, kräftig, vertraut. Er presste die Lippen aufeinander, als er das Wrack in ihr sah.
"Charly?", fragte er.
Dann drehte er sich weg und schrie:
"WO BLEIBEN DIE SANIS?"
Es rumpelte, krachte, das Bild verschwand und sie befand sich für einen Augenblick irgendwo zwischen Traum und jetzt.
Sie lag, sie konnte es genau spüren, auf etwas Weichem. Etwas abgeschlossenem. Hörte ihren Herzschlag, spürte die Maske, die sich auf ihrer Nase befand, fühlte den Puls, der schubweise durch ihren Körper ging. Ihre Augen blinzelten und die Finsternis vermischte sich mit dem Blick auf den gläsernen Deckel ihrer Stasiskabine. Dahinter war es rötlich dunkel. Ein Schatten huschte vorbei, unschwer zu erkennen.
"Get them out of there!", rief plötzlich jemand. "Come on!"
Sie konnte die fremde Stimme nicht zuordnen, als diese auch noch zornig wurde.
"Are you kidding me? Then pick up at least one of them!"
Nein, vom Gefühl her konnte es nicht aus ihrer Vergangenheit sein. Aber war es die Gegenwart? Oder nur ein Alptraum?
Irgendwann spürte sie, wie etwas durch sie hindurch strömte. Und sie schlief wieder ein.

*

Der erste Gruß der Wirklichkeit bestand aus einem Pochen, als wäre ein Schmied aus dem Mittelalter in ihrem Kopf, der mit einem Hammer heißes Eisen in die passende Form schlug. An den Augenlidern schienen tonnenschwere Säcke zu hängen, und der Rest ihres Körpers kämpfte sich gerade mühsam aus der Taubheit zurück.
"Charly?"
Die Stimme war diesmal eindeutig weiblich, obwohl ein knurrender Unterton deutlich zu hören war.
"Komm zu Dir."
Sie spürte ein Knacken, wusste aber nicht, ob es von ihr kam.
"Das sieht gut aus."
Anscheinend. Obwohl es ihr nicht bewusst war.
"Na los, Du warst beim letzten Mal auch die Erste, die wach war."
Ja, da war was. Sie fühlte etwas, das in der Vergangenheit lag, konnte es aber noch nicht klar erkennen. Zu verschwommen, zu vage. Dafür schaffte sie es, mehr als überraschend, die Augen zu öffnen, auch wenn es schwer war.
Ein heller Fleck, ein Gesicht, das zum Glück schnell klarer wurde. Der Rest des Körpers verlor sich unter einer schwarzen Jacke und Hose. Sie konnte auch den Namen auf der Zunge spüren, irgendwas mit ...
"Allison?", murmelte Charly und sah sie, wie sie über der geöffneten Stasiskabine hing und zu ihr hinunter schaute.
"Korrekt." Es klang nicht enttäuscht, eher faszinierte der Ausspruch durch fehlende Gefühllosigkeit. "Na komm schon."
Sie hielt ihrer Kollegin eine Hand hin und half ihr vorsichtig aus der Kabine. Als Charly endlich draußen war, musste sie sich noch am Rand festhalten, weil ihr beinahe die Beine weggeknickt wären. Dazu kam leider noch das Gefühl kotzen zu müssen, aber sie versuchte den Reiz einfach herunterzuschlucken. Wie lange das allerdings funktionieren würde, war eine ganz andere Sache.
"Alles in Ordnung?", fragte Allison.
Charly atmete langsam ein und aus, dann nickte sie vorsichtig.
"Ging ... mir-schon-besser."
"Siehst aus, als wärst Du Seekrank."
"Kein Schiff, ..., kein ... Wasser."
"Da wäre ich mir nicht so sicher."
Eine kurze Information huschte durch ihren Kopf. Von Quinn, auf dem Weg zur Umkleidekabine, als er sie unterwegs gebrieft hatte. Der Landeort. An der Themse.
"Stimmt, ..., St. Katherine-...-Docks", murmelte Charly. "Lagerhaus."
"Das meinte ich leider nicht", sagte Allison und zeigte auf den Boden.
Charly folgte dem Finger und musste mehrmals hinschauen, bis sie erkennen konnte, was ihr Gegenüber meinte.
Pfützen auf dem Boden. Hier und da. Zwischen den Noppen wie kleine Flüsse, aber erstarrt. Nur bei der geschlossenen Luke gegenüber ihrer Kabine war sogar ein kleiner See zu sehen.
"Leck?", fragte sie.
"Und wie soll ich das überprüfen?"
Da war wieder der Reiz und sie schloss die Augen, versuchte ihn erneut herunter zu schlucken, bevor sie mit einem leicht torkelnden Finger auf die dunkle Technik-Leinwand zeigte.
"Wartungs- ...", murmelte sie. "... programm."
"Würde ich ja gerne, aber ..."
Kotzen? Oder nicht kotzen?
"... das ganze System hat sich abgeschaltet."
"Hm ...?"
Allison knurrte wieder.
"Das Ding ist tot."

*

Einige Minuten später standen Flynn und Allison in ihren schwarzen Uniformen (ohne Aufnäher) außerhalb der Kugel, die die Frau von der Marine gerne als Ding bezeichnete, während die Schweizerin eher den offiziellen Namen verwendete: Temporale Maschinen-Anlage. (Besser gesagt, das Kürzel TMA.)
Das Weiß auf der Hülle hatte diesmal von seiner strahlenden Kraft etwas eingebüßt und sah jetzt schmutzig aus. Stellenweise konnten sie sogar kleine dunkle Flecken erkennen, die sich wahllos auf der Oberfläche verteilten. Zumindest bis zu dem Punkt, wo die Kugel im steinernen Boden verschwand. Ziemlich nah am imaginären Äquator, was wenigstens den Vorteil hatte, dass zwischen Luke und Untergrund kein nennenswerter Höhenunterschied war. Warum aber die Puffer unterhalb der TMA nicht ausgefahren worden waren, erschloss sich ihnen genauso wenig wie die Frage, warum die Maschine überhaupt im Boden steckte.
"Ganz schön kalt hier", murmelte Allison und rieb sich die Oberarme warm.
"Die Vergangenheit ist nunmal kälter als die Gegenwart."
"Leider."
Flynn hatte auch das Verlangen nach Wärme in sich, allerdings gab es gerade wichtigere Sachen.
"Wie geht es ihr?", fragte sie ihre Nachbarin und meinte Charly, die sich noch im Inneren befand. Und im Gegensatz zu Allisons Verhalten im Besprechungsraum, schien die Sache von 1975 vergessen zu sein.
"Sie sieht nicht gut aus", sagte sie. "Ist unter Deck und schaut sich die ZPMs an."
"Hoffentlich reiert sie mir nicht die TMA voll."
"Sie ist alt genug."
"Hm", murrte Flynn, legte den Kopf in den Nacken und starrte nach oben, als ein paar Vögel verschreckt davon flogen. "Wir sollten auch leiser reden, es hallt hier ziemlich."
Sie befanden sich in einem alten Lagerhaus, das von den Architekten sehr großzügig bemessen worden war. Viele hohe Fenster an der einen langen Seite, die allesamt von außen mit Brettern vernagelt waren. Auf der gegenüberliegenden Seite befanden sich mehrere Tore, die aber, nachdem Flynn versucht hatte sie zu öffnen, verschlossen waren. Trotzdem sickerte an den unterschiedlichsten Punkten Licht herein und tauchte das Innere des Gebäudes in ein unbehagliches Zwielicht, wobei schwer zu sagen war, ob es sich um zu- oder abnehmendes Sonnenlicht handelte.
Unter dem Dach, das sehr weit über ihnen thronte, befanden sich querliegende Stahlträger mit einer Winde, herunterhängenden Stahlketten und manngroßen Haken zum bewegen schwerer Lasten.
Das ganze Gebäude war sogar so groß, dass man bequem ein weiteres Haus hineinbauen konnte, was Flynn an die russischen Matrjoschkas erinnerte.
Aber nicht das war es, was es letztendlich zu einem perfekten Ort machte. Denn das einzigartige Gebäude sollte ursprünglich als Umschlagplatz für schwere Maschinen und Motorenteilen dienen. Doch als die Hafenbecken fertiggestellt worden waren, erwies sich als unmöglich für die großen Schiffe in das Hafenbecken zu gelangen. Was dazu führte, dass die St. Katherine-Docks zu einer der größten Fehlplanungen des viktorianischen Zeitalters wurden.
"Also", flüsterte Allison. "Das ist definitiv das anvisierte Lagerhaus. Es gibt kein vergleichbares in London."
"Wenn wir Quinn glauben dürfen, dann wird hier bis zum Ersten Weltkrieg kein Mensch reinkommen. Was erstmal Sicherheit bedeutet."
"Nur wenn heute der 08. November ist."
"Fragt sich, wie wir das rausfinden", überlegte Flynn, doch Allison schüttelte den Kopf und in ihrer Stimme schwang leichte Panik mit
"Nein, viel wichtiger wäre eine andere Frage", sagte sie und zeigte zur TMA. "Warum ist das Ding da tot?"
Flynn schien unbeeindruckt zu sein.
"Das kriegt Charly schon noch raus", antwortete sie.
"Sag mal, hast Du etwa keine Angst, dass wir hier festsitzen könnten?"
"Warum sollte ich?" Flynn blieb völlig ruhig. "Das ist die Vergangenheit."
"Was ist das denn für ein Argument?"
Flynn bedeutete ihr leise zu sein.
"Es liegt doch in der Natur der Sache", sagte sie gedämpft, "dass wir über die Vergangenheit mehr wissen, als über Gegenwart und Zukunft, oder?"
"Ja und?"
"Dieses Wissen macht diese Zeit aber für uns überaus sicher."
"Sicher?", stieß Allison hervor. "Da draußen läuft ein Serienkiller herum, dem einige sogar in hundert Jahren noch nacheifern werden!"
"Nicht, wenn heute der 08.11. ist", entgegnete Flynn. "Ab morgen verschwindet er."
Allison presste die Lippen aufeinander und zwang sich zu schweigen, was aber nicht gelang.
"Für Dich sind das alles wirklich nur Echos, oder?", knurrte sie. "Schatten, die Dir nichts anhaben können."
Flynn seufzte.
"Hast Du irgendwo Deinen Namen auf der Opferliste gesehen?", fragte sie. "Oder Dich selbst auf einem der Bilder?"
Allison schwieg, während Flynn sich von ihr abwandte.
"Ein bisschen weniger Wahnsinn würde Dir echt gut tun."

*

Charly hatte sich die Klamotten angezogen, die die Firma extra für temporäre Einsätze vorgeschrieben hatte. Jacke, Hose, Stiefel - alles in schwarz. Sie waren sehr bequem, feuerfest, und
so gefertigt worden, dass nichts reflektieren konnte - vom Stoff bis hin zu den Klettverschlüssen. Leider fror man sich in diesen Dingern beinahe tot. So wie jetzt.
Das Licht von oben begleitete sie, während sie die kurze, aber schmale Leiter zum unteren Deck hinunter kletterte. Nebenbei wunderte sie sich darüber, wie intensiv sie wieder ihre Hände spüren konnte. Ihre Finger, die förmlich vor Leben nur so strotzten. Auch die Muskeln in ihren Armen und Beinen waren nicht länger Phantome ihres Körpers, sondern sie konnte sie tatsächlich wahrnehmen.
Unten angekommen knipste sie eine Taschenlampe an und bewegte sich vorsichtig von der Leiter weg. Hier konnte man nicht so aufrecht stehen wie oben, da die gerade Fläche nicht mehr unter den Füßen war, sondern über dem Kopf. Sie hatte das Gefühl, entweder auf- oder abwärts zu stehen.
An den Wänden befanden sich beschriftete Schubfächer, auf denen unter anderem - in deutsch und englisch - 'Historische Kleidung', 'Technisches Zubehör', 'Medizinische Geräte', 'Medikamente' und schließlich 'Ersatzaggregate' standen.
Sie leuchtete zu einem Stab, der genau mittig von der geraden Decke herunterhing. Eher ein dicker Dorn, ähnlich einem jahrhundertealten Stalagtit aus einer Tropfsteinhöhle. Mit einzelnen quadratischen Platten auf der Oberfläche. Sie waren kaum größer als eines ihrer Science-Fiction-Bücher, jedoch mit Zahlenreihen statt Titeln versehen.
"Hm", murmelte sie, als ihr auf dem Dorn ein dunkler Fleck auffiel, der sich über mehrere dieser Platten verteilte. "Was ist das denn?"
Sie drückte auf die Platte, die sich im Zentrum des Flecks befand. Sah, wie sie sich öffnete, doch anstelle eines verkohlten zylinderförmigen ZPMs offenbarte sich ihr ein äußerlich völlig intaktes Gerät. Einzig das mehrfarbige Leuchten und das Schnurren im Betriebszustand fehlten.
Sie runzelte die Stirn.
"Wie geht das?", murmelte sie und starrte das ZPM fragend an, doch der Zylinder hüllte sich in Schweigen.
Charly konnte sich an eine Begebenheit aus ihrer Kindheit erinnern. Als ein Fußball durch ein offenes Fenster geflogen war und dabei eine billige Vase getroffen hatte. Sie hatten diese zwar unbemerkt ersetzen können, aber die Splitter, die hinter eine Kommode gefallen waren, hatten sie letztendlich verraten.
Ein intaktes ZPM. Und drumherum verkohlte Stellen?
Sie wandte sich um, leuchtete auf das Schubfach mit den Ersatzaggregaten, öffnete es und sah mit Erstaunen inmitten intakter Zylinder genau ein Gerät, das völlig ausgebrannt war.
"Und jetzt wird es unheimlich."
Über ihr erschien Flynns Gesicht in der quadratischen Deckenöffnung.
"Was ist unheimlich?"
"Ist da oben irgendwas online?"
"Nein."
"Hm", brummte sie und starrte den Dorn an. "Das ist schlecht."
"Wieso?"
"Wir müssten Saft haben, aber der kommt nicht an."
Flynn nickte.
"Okay, kommst Du mal nach oben?"
Charly steckte die Taschenlampe ein, drehte sich zur Leiter um und kletterte wieder hinauf. Als sie sich oben aus der Luke aufs Deck hievte, sah sie Flynn an einer Stasiskabine lehnend. Allison saß in dem Stuhl, der aber seine ergonomischen Zusatzfunktionen nicht ohne Energie zur Verfügung stellen konnte. Demzufolge blieb er in der etwas unbequemen Grundposition, was der Frau ziemlich egal zu sein schien.
"Und jetzt nochmal zum mitschreiben", meinte Flynn. "Wir haben Energie, aber die kommt nicht zu den Endgeräten?"
"Jepp. Ich tippe auf einen Kurzschluss", sagte Charly. "Wenn wir Glück haben, dann liegt die Ursache im Dorn. Wenn nicht, müssen wir die Zwischendecke wohl auseinander nehmen."
"Na super", murmelte Allison und starrte zu Boden, während Flynn die Arme vor der Brust verschränkte.
"Und was meintest Du mit unheimlich?"
"So wie der Dorn von außen an einer bestimmten Stelle aussieht, müsste da ein ausgebranntes ZPM im Inneren stecken", antwortete Charly. "Aber das ZPM dort ist völlig in Ordnung." Sie machte eine kleine Pause. "Dafür befindet sich zwischen den Austauschgeräten ein ausgebranntes."
Verblüffende Stille. Allisons Blick wanderte fragend nach oben.
"Vielleicht hat einer der Techniker das ZPM vor dem Start ausgetauscht?"
"Er hätte das ausgebrannte aber durch eins vom Lager ersetzt", erwiderte Charly. "Und nicht durch eins von hier. Dadurch würde ja der vorgeschriebene Reservebestand unterschritten."
"Vielleicht wollte er uns sabotieren?"
"Dafür hätte er das ZPM nicht austauschen müssen."
Flynn tippte sich mit dem Zeigefinger an die Lippen und überlegte.
"Okay", sagte sie. "Wie das Gerät dahin gekommen ist, wissen wir nicht. Wo der Kurzschluss ist, wissen wir auch nicht. Genauso wenig kennen wir das aktuelle Datum."
"Wir sitzen also in der Scheiße", sagte Charly und Allison seufzte wieder.
"Ganz toll."
Flynn schüttelte den Kopf.
"Scheiße ist relativ", meinte sie. "Wichtig ist das Datum. Nicht nur für die Mission, sondern auch für die Heimreise."
"Und was sollen wir Deiner Meinung nach machen?", fragte Allison.
"Ihr kümmert euch um die TMA", antwortete Flynn und stieß sich von der Stasiskabine ab. "Und ich schaue mir London etwas genauer an."


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Ins Dunkle ferner Nächte (I.I) - von Dreadnoughts - 27-12-2015, 22:33

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