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Es ist: 17-04-2021, 21:34
Es ist: 17-04-2021, 21:34 Hallo, Gast! (Registrieren)


Mondalphabet (4/6)
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Mondalphabet (4/6)
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6.  Kapitel - zuerst
 
„Ich möchte, dass Sie diesen Mann finden.“ Cornelius schob das Foto eines alten Greises über den Schreibtisch. Vinzenz beugte sich darüber und besah ihn sich genau, prägte sich jedes Detail ein.
„Wie ist sein Name?“ Vinzenz fragte nicht nach dem Grund, weshalb sein Auftraggeber einen alten Mann verfolgen lassen wollte. Nach Ursachen zu fragen war nicht seine Aufgabe. Gewisse Informationen brauchte er trotzdem.
„Maxwell. Er hat etwas in seinem Besitz was ich haben will.“ Vinzenz überlegte, was er noch fragen musste, aber Cornelius schob ihm eine Mappe über den Tisch und legte das Foto sorgfältig darauf ab.
„Hier sind alle Informationen, die ich beschaffen konnte. Enttäuschen Sie mich nicht.“
 
Das Streichholz flammte für einen kurzen Moment auf und erhellte spärlich die Nacht. Vinzenz zog an seiner Zigarette und dachte daran, dass ihn Maria oft gefragt hatte, warum er kein Feuerzeug benutzte. Vinzenz hatte ihr keine Antwort geben können. Eine alte Angewohnheit, vielleicht auch Familientradition. Sein Vater hatte es ebenso gemacht. Er drehte die glühende Zigarette zwischen seinen Fingern. Jetzt würde er ihr keine Antwort mehr geben können, oder vielmehr: Sie suchte die Antwort bei einem anderen. Er versuchte das Bild zu verdrängen, wie er eines Nachts nach Hause kam und seine Seite des Bettes von einem Mann belegt war. Manchmal konnte er über das Klischee lächeln, welches dieser Situation anhaftete. Er drängte Maria wieder zurück in die hintersten Schubladen seines Gedächtnisses. Es war schon lange her und ließ sich nicht mehr ändern. Er zog an seiner Zigarette und das Glühen erleuchete wieder zaghaft die Nacht vor seinen Augen. Was tat er hier eigentlich? Er saß auf einer nassen Parkbank und wartete. Im Dunkeln. Doch das gehörte zu seinem Auftrag und das hatte Priorität vor allem anderen. Vinzenz wusste, wie man jemanden verfolgte, wie man sich unauffällig verhielt und auch, dass einiges an Geduld dazugehörte.
Er beobachtete das Gebäude auf der anderen Straßenseite schon seit Stunden. Nichts passierte. Wieder flammte das Streichholz auf. Sie versteckten sich hinter einer Firma. Nicht sehr einfallsreich, dachte Vinzenz. Er hatte schon Wochen auf dieser Parkbank gegenüber der Firma verbracht. Hatte beobachtet, war den Angestellten gefolgt, hatte mal vormittags, mal nachmittags seinen Posten bezogen. Alles mögliche hatte er an Informationen gesammelt, sogar wann Maxwells Assistentin ihre Mittagspause machte. Aber eine Tatsache blieb immer noch seltsam: Vinzenz hatte keinen Kunden hinein- oder hinausgehen sehen.
 
Vinzenz setzte sich in seinem Bett auf. Er wusste, dass er schlafen sollte, aber sein Verstand gab keine Ruhe. Ruhelos blätterte er durch die Fotos, die Cornelius ihm gegeben hatte. Sie zeigten mal Maxwell, mal seine Firma. Maxwell schien schon sehr alt zu sein, entweder stützte er sich auf einen Gehstock oder auf den Arm seiner Assistentin. Bei der würde ich mich gerne auch mal abstützen, dachte Vinzenz und betrachtete Monjas langes, dunkles Haar. Sie hielt eine Thermoskanne in der Hand. Tee für den Alten? Irgendetwas stimmte an diesem Bild nicht. Vinzenz durchblätterte seine Sammlung von vorne. Die Thermoskanne tauchte immer wieder auf. Entweder wurde sie von Maxwells Begleitung getragen, oder von seinem Mitarbeiter, dessen Namen Vinzenz nicht kannte. Ein kantiges, fast haarloses Gesicht. Mitte dreißig. Attraktiv. Er versuchte es sich einzuprägen, aber sein Gehirn schien Gesichter nicht gut zu speichern. Zu seinem Glück gab es Fotografien.
Er blätterte erneut. Thermoskanne. Thermoskanne. Thermoskanne. Überall war dieses silbrige Ding und Vinzenz wurde das Gefühl nicht los, dass es wichtig war.
 
7.  Kapitel - Jetzt
 
Er rauchte in Ruhe seine Zigarette auf. Erst dann trat er sie sorgfältig aus und überquerte die Straße. Der Schriftzug: „Maxwell Security“ lachte ihn an. Aber Vinzenz ließ sich davon nicht beeindrucken, sondern stieß selbstsicher die Glastür auf. Ein heller und luftiger Raum empfing ihn. Standard-Mamor–Empfangshalle, dachte er. Zielsicher ging er auf den Tresen zu, hinter dem sich die Assistentin verschanzt hatte. Monja. Der ungewöhnliche Name war ihm im Gedächtnis geblieben, obwohl er es gewohnt war sich alles aufschreiben zu müssen.
„Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“ Sie klang unverbindlich. Professionell. Vinzenz versuchte sich an seinem besten Lächeln. Es fühlte sich gekünzelt an –wie ein Fremdkörper in seinem Gesicht – und er konnte nur hoffen, dass es trotzdem funktionieren würde. Er begann seine sorgfältig zurechtgelegte Geschichte:
„Ich hätte gerne einen Termin, um …“
„Tut mir leid“, unterbrach sie ihn, während sie wild auf ihrer Tastatur klapperte und scheinbar gleichzeitig mit der Maus herumfuhr. „Termine haben wir erst wieder in sechs Monaten frei.“ Sie lächelte ihn an, als ob er gerade etwas gewonnen hätte.
„Aber …“, setzte Vinzenz erneut an. Es hatte ihn viel Mühe gekostet die Geschichte auswendig zu lernen.
„Es tut mir wirklich leid.“ Sie behielt ihren professionellen Ton bei.
„Ich will den Geschäftsführer sprechen.“ Vinzenz wollte nicht unverrichteter Dinge wieder gehen. Dass dieser Satz beinahe schon der Wahrheit entsprach, störte ihn nicht. Er fand ihn passend.
„Tut mir leid, aber …“, setzte Monja wieder an, aber diesmal wurde sie durch eine sich öffnende Tür unterbrochen. Heraus kamen ein alter und ein jüngerer Mann. Der Alte war Maxwell, das wusste Vinzenz von dem Foto. Der andere kam ihm vage bekannt vor, er hatte ihn bei seinen Observierungen schon gesehen. Der Jüngere, Vinzenz schätzte ihn auf Mitte dreißig, hielt in der einen Hand eine Thermoskanne und den anderen Arm Maxwell als Stütze hin. Gleichzeitig schaffte er es irgendwie die Tür hinter ihnen zu schließen. Vinzenz durchforstete sein Gedächtnis auf der Suche nach diesem Gesicht. Fast haarlos, kantig, wohl nicht unattraktiv für Frauen. Er fand aber keine Informationen dazu. Sein Blick blieb an dem silbrigen Gefäß haften. In Ermangelung an Alternativen blieb er einfach am Tresen und sah den beiden Männern entgegen, die langsam auf ihn und Monja zukamen. Als sie ihr Ziel erreicht hatten, musste Maxwell erst wieder zu Atem kommen. Er schnaufte. Vinzenz hob sein Alter gedanklich noch etwas an. Aber er achtete kaum auf ihn, sondern konzentrierte sich auf seinen unbekannten Begleiter. Dieser wiederum war sehr damit beschäftigt Monja zuzulächeln.
„Eliah wird mich jetzt zu meinem Termin fahren.“ Maxwell hatte wieder Atem geschöpft und wurde sogleich mit einem Lächeln Monjas belohnt.
„Alles klar, Chef.“ Natürlich kannte sie seine Termine, deshalb erwähnte – zu Vinzenz Pech – auch niemand wohin sie fuhren. Seinen Wunsch mit Maxwell zu sprechen hatte sie offenbar vergessen, was Vinzenz jedoch nicht störte, denn er hatte einen neuen Namen für seine Unterlagen: Eliah. Dieser hielt seinen Chef wieder den Arm hin und nahm auch die Thermoskanne an sich, bevor sie sich  auf den Weg nach draußen machten. Vinzenz Gedanken überschlugen sich. Sollte er ihnen folgen, oder sollte er seine aussichtslose Diskussion wegen seines Termins fortsetzen? Er entschied sich für Ersteres, wollte sich aber höflich von Monja verabschieden, um nicht in ihrem Gedächtnis zu bleiben. Während er das tat und den anderen beiden den Rücken zuwandte, verschwanden Maxwell und Eliah nach draußen. Gerade als die beiden ins Auto stiegen, verließ Vinzenz eiligen Schrittes die Firma. Etwas stimmte hier nicht, sein Gefühl verriet es ihm. Er musste diesem Eliah und seiner Thermoskanne folgen. Egal was es kostete.
 
Sie wussten, dass sie verfolgt wurden. Eliah fuhr und Maxwell hielt die Thermoskanne.
„Tut mir leid, Eliah.“ Maxwell meinte es ehrlich.
„Aber es ließ sich nicht vermeiden. Früher oder später hätten sie uns gefunden. Das tun sie jedesmal“
„Ich weiß.“ Eliah wusste, wie resigniert er sich anhörte. Als hätte er nichts gesagt fuhr Maxwell fort: „Aber es ist leichter, wenn sie denken ich wäre alt und gebrechlich.“ Beinahe hätte Eliah gesagt: „Das bist du auch.“ Aber er konnte sich gerade noch aufhalten.
„Wo soll ich hinfahren? Es dürfte kein Problem sein ihn abzuhängen.“
 
Eliah war es nur mit viel Mühe und ein wenig Glück gelungen seinen Verfolger loszuwerden und Maxwell zu seinem Kundengespräch zu bringen. Dabei sein durfte er nicht, stattdessen musste er sich mit der Gesellschaft der Thermoskanne zufrieden geben. Kaum hatte er sich mit diesem Schicksal abgefunden, stieg sein Vorgesetzter auch schon wieder auf den Beifahrersitz und ließ sich von Eliah nach Hause bringen. Er wollte ihn nur ungern an einer Straßenecke aussteigen lassen, aber Maxwell bestand darauf und beteuerte, dass er es nicht weit bis nach Hause hatte.
„Sicherheitsgründe.“ Lautete seine Begründung. Den Heimweg trat Eliah dann wiederum in Gesellschaft der Thermoskanne an und nahm sie pflichtbewusst mit in seine Wohnung.
 
Vinzenz Hände schlugen auf das Lenkrad. Er hatte die Spur verloren. Das hätte ihm nicht passieren dürfen. Ziellos fuhr er durch die Straßen und überlegte fieberhaft. Die beiden würden heute nicht mehr in die Firma zurückkehren. Langsam ging der Tag in den Abend über und dieser Eliah würde bald Feierabend haben. Wo fuhr er hin, sobald er den alten Herren abgeladen hatte? Nach Hause, wie jeder andere Mensch auch. Aber wo war das? Gedankenverloren hatte Vinzenz an einer grünen Ampel gehalten, das Hupen seines Hintermannes riss ihn aus seinen Überlegungen. Er musste die beiden wiederfinden. Oder zumindest einen von ihnen. Vinzenz fuhr weiter und plötzlich geschah das, was er zuerst für undenkbar gehalten hatte: Er sah den Wagen am Fahrbahnrand stehen. Für Vinzenz sah es aus, als ob er nur einen Moment dort halten wollte. Vielleicht um jemanden aussteigen zu lassen. Maxwell? Vinzenz Gedanken arbeiteten fieberhaft. Mehr aus einem Reflex heraus, als aus Überlegung hielt er auf dem Bürgersteig auf der gegenüberliegenden Straßenseite und spähte zu dem dunklen Auto. Es war eindeutig Eliah, der am Steuer saß. Halb von dem Auto verdeckt konnte Vinzenz die Gestalt des alten Maxwells erkennen. Er schien gerade erst ausgestiegen zu sein, hatte sich aber noch einmal zu seinem Mitarbeiter heruntergebeugt. Er reichte ihm einen Gegenstand durch das geöffnete Seitenfenster und Eliah musste sich auf den Beifahrersitz hinüber beugen um ihn entgegenzunehmen. Vinzenz konnte keine Details erkennen und die Situation mehr erahnen, als sehen. Schließlich lehnte sich Eliah wieder in seinen Sitz zurück. Vinzenz konnte erkennen, dass er etwas in der Hand hielt. Den Gegenstand, den er von seinem Vorgesetzten, Maxwell, erhalten hatte. Die Thermoskanne.
Das Ding bereitete Vinzenz Kopfzerbrechen. Was war an dieser Thermoskanne so besonderes? Vinzenz wusste es nicht und ihm fiel auch kein besonderer Grund ein, außer dass vielleicht so etwas wie Medizin für den gebrechlichen Mann darin war. Vinzenz beschloss vorerst nicht auf seiner Spur zu bleiben –auch wenn es vielleicht eine einmalige Gelegenheit war heraus zu finden, wo der Alte wohnte – sondern Eliah und der Thermoskanne zu folgen.
Routiniert fädelte Vinzenz sich durch den Verkehr, er folgte dem dunklen Wagen vor sich, als ob er ihn nie aus den Augen verloren hätte. Schließlich flammten die Bremslichter vor ihm auf. Eliah steuerte sein Auto auf einen Parkplatz. Vinzenz suchte sich wieder einen Halteplatz, diesmal auf der gleichen Straßenseite und mit besserer Sicht auf sein Zielobjekt. Eliah stieg schwungvoll aus und schloss das Auto ab. Es antwortete ihm mit einem leisen piepen. Mit schnellen Schritten umrundete er es und ließ die letzten Meter zu seiner Haustür hinter sich. Vinzenz kniff die Augen zusammen, die letzten Sonnenstrahlen färbten den Abendhimmel. Im roten Licht des Abends konnte er sie schimmern sehen, silbern und sicher in Eliahs Armbeuge: die Thermoskanne.

weiter zu Teil 5

Wer nicht kann, was er will, muss das wollen, was er kann. Denn das zu wollen, was er nicht kann, wäre töricht. -Leonardo da Vinci-
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Mondalphabet (4/6) - von LadydesBlauenMondes - 31-01-2016, 11:20
RE: Mondalphabet (4/6) - von coco - 31-01-2016, 18:43
RE: Mondalphabet (4/6) - von Persephone - 24-03-2018, 08:17

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