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Es ist: 09-04-2020, 22:56
Es ist: 09-04-2020, 22:56 Hallo, Gast! (Registrieren)


Atlantis (I/III)
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Atlantis (I/III)
A T L A N T I S
(I/III)
(31.12.2005; 22:44 Uhr)

Irgendwann stirbt alles.
Zuerst die Automatismen.
Einatmen. Und ausatmen.
Er saß im dunklen Inneren eines Autos, mit dem Hintern auf einem unbequemen Beifahrersitz. Von unten aus dem Fußraum strömte warme Luft an seinen Beinen nach oben. Seine Augen registrierten die nasse Windschutzscheibe, deren Scheibenwischer monoton zur Seite und wieder runter gingen, bevor neue Wassertropfen das Glas trafen. Einzelne Ausschnitte, klar erkennbar, bevor sie wieder verregneten.
Kleine Bilder. Mit Schlieren durchzogen. Durch die Scheibe scheinbar weit entfernt, doch die wenigen Millimeter des Glases konnten mit einem geeigneten Gegenstand - Steine oder andere Wurfgeschosse - viel zu schnell durchschlagen werden. Kein wirklicher Schutz, das wusste er. Sich daran zu klammern, brachte nichts.
Einatmen. Ausatmen, dachte er. Ruhe bewahren.
Das Radio verkündete gerade die aktuellsten Meldungen, während der Duft eines Wunderbäumchens in seiner Nase perlte.
"... nun die aktuellen Meldungen des ODR aus dem Bundesland Ostpreußen", sagte eine weibliche Stimme betont freudig. "Im Königsberger Schloss ist die Silvesterfeier in vollem Gange. Sie ist eine der wichtigsten des ganzen Landes. Nicht nur zahlreiche Ehrengäste aus der Europäischen Gemeinschaft sind hier und heute in der östlichsten Großstadt zu Gast, sondern auch Vertreter der UdSSR. Alle zusammen warten mit Spannung auf den Mitternachtswechsel, wenn aus der Reichsverfassung das neue Grundgesetz, und aus dem Deutschen Reich die Bundesrepublik Deutschland wird."
Die Meldungen perlten von ihm ab, wie die Wassertropfen an der Scheibe. Viel zu oft schon hatte er es die letzten Tage und Wochen gehört. Vor allem aber in den letzten Stunden, bevor er in diesen Wagen gestiegen war. Seitdem rebellierte wieder sein Magen, seine Hände zitterten leicht und auch sein Herz hinterließ flatternde Gefühle, wobei es weder am Wagen selbst, noch am Fahrer neben ihm lag. Eher daran, dass er wieder für diese Stadt arbeiten musste. In einem Bundesland, das einer Insel im Meer der Warschauer Paktstaaten glich und irgendwann unweigerlich im Kommunismus ertrinken würde. Entkommen konnte man dem nur, wenn man einen Sitzplatz in einem Flugzeug von Devau bekam, an Bord eines Schiffs von Pilau aus - oder mit dem Zug eine der Transitstrecken quer durch die Volksrepublik Polen befuhr.
Nein, er hatte sich bereits gedanklich schon vor einer Ewigkeit von diesem Ort verabschiedet. Er war froh darüber, bald ein neues Leben anfangen zu können, und zwar dort, wo er wirklich Zuhause war.
Hier und jetzt war er nur ein Robinson-Crusoe, der auf Rettung wartete. Ein Überlebender seiner eigenen Katastrophe. Ein Fremder in einer fremden Welt.
Das Zittern in den Fingern nahm wieder zu.
Konzentration, dachte er und ballte die Hände zu Fäusten, während seine Augen weiter die Windschutzscheibe durchbohrten. Unablässig, als wollten sie alles, was dort draußen existierte mit einem bösen Blick vertreiben.
Was die Nacht vom Tage übrig gelassen hatte, wurde vom schmutzigen Licht der Laternen eingefangen. Umrahmt von den Neonleuchten der protzigen Werbetafeln, den blinkenden Schildern der Spelunken und Sex-Shops, die müde ihr Dasein fristeten, während Zwielichter ein und aus gingen. Ein angenehmer Geruch für einen dunklen Ort waberte am halb offenen Fenster vorbei und zog sich ungefragt ins Fahrzeuginnere. Süsslich und schwer. Der Sommer im Sonntagsstaat auf Stippvisite.
"Ebenfalls mit Spannung wird der erste Tag des totalen Nichtraucherschutzes erwartet. Das Schlossmanagement hat bereits für die Silvesterfeier ein Tabakverbot ausgesprochen. Das Ordnungsamt ist mit mehreren Beamten im Einsatz, die gegen Zuwiderhandlungen vorgehen sollen", sagte die Radiofrau gerade. "Dazu äußerte sich der Initator der Anti-Rauch-Kampagne wie folgt: <Das war längst überfällig. Allerdings sind diese Vergehen nicht als Ordnungswidrigkeiten zu ahnden, sondern stellen Straftaten dar. Die Täter sind schonungslos zu verhaften, denn es sind immer noch viel zu viele Opfer, die sich dem beißenden, stickigen Qualm aussetzen müssen. Gut, dass das alte Jahr so vorausschauend en->"
Der Fahrer schaltete das Radio abrupt aus.
"Scheiß Verbote", murmelte er und schaute zum Beifahrer hinüber, der allerdings keinerlei Reaktion zeigte. "Hey, Ceylan?"
Nichts. Der Angesprochene starrte nur weiter apathisch durch die Frontscheibe, durch die Nacht, mit den bröckelnden Fassaden, den halbseidenen Türstehern, den umgeworfenen Mülltonnen auf dem Bürgersteig, den zerfetzten Zeitungen.
Und durch die roten Rücklichter der Autos vor ihnen. Bis in den Kofferraum hinein, wo das lag, weswegen manche Gestalten an den Beifahrertüren standen. Die Rauschmittelverkäufer lagen am Rand des Wahrnehmbaren und er konnte sie da draußen bewusst ausblenden, bewusst ignorieren, wie er alles wegdenken, sich sogar wegträumen konnte.
Zurück zu einem Ort ganz weit weg von hier, obwohl jedes Navigationsgerät die Entfernung mit einigen hundert Kilometern anzeigen würde. Zu einem Nirgendwo an der Mosel. Weinberge. Hohe und steile Berge. Hupende Bahnen. Vorbeifahrende Containerfrachter. Und eine Stadt durchzogen von steilen Straßen und Gassen, die größtenteils quer zum Berg verliefen.
Ganz anders als hier: Gartenstadt. Ein heruntergekommener Vorort, den die Russen im letzten Krieg fluten ließen, als die Alliierten sich anschickten, die Stadt zurückzuerobern. Damals noch weitaus schöner anzusehen als heute. Zumindest, wenn man den Doku-Serien glauben konnte, denn heute war Königsberg nicht mehr als die dreckigste, unfreundlichste und gefährlichste Großstadt. Das dunkelste Loch des Reichs. Tröstlich blieb der Gedanke, dass noch weiter nach Osten die UdSSR anfing. Und die war selbst ein Loch für sich.
Verdammter Moloch, dachte er, obwohl er nichts mehr dabei fühlen konnte.
Sogar ein Loch im Nichts hatte ein Innenleben, im eklatanten Gegensatz zu ihm selbst, wo nur die Leere präsent war. Das lebhafte und unbekümmerte Damals seiner Jugend war Jahrzehnte entfernt, und vom Gefühl her sogar nicht mehr auf einer Landkarte zu finden. Alles, was ihn je ausgemacht hatte, die Sprache, das Lebensgefühl, die innere Ruhe, war weg. Unwiederbringlich aufgesogen vom Leben.
"Hallo?", fragte der Fahrer und in seiner Stimme schwangen dabei Partikel aus Sorgen mit.
"Alles in Ordnung, Ludger", murmelte Ceylan und konzentrierte sich auf sein verschwommenes Spiegelbild mit den dichten gelockten schwarzen Haaren, dem eher schmalen Gesicht, dessen sonnenbraune Hautfarbe im Spiegelbild nicht wirklich zu sehen war. Schmale Lippen, die Augen stumpf, die Ohren klein. Dafür mit einer Nase wie ein schnittiger Schiffsbug, nur umgedreht.
"Du wirkst geistesabwesend", meinte der Fahrer, der nur am Blickfeldrand auftauchte.
Wie eine Silhouette, eine Kontur, ein Nichts und Niemand, wenn man nicht genauer hingeschaut hätte. Eine durchschnittliche Größe, obwohl selbst das größer als Ceylan bedeutete. Die Haare noch schwarz, obwohl sich an einigen Stellen bereits das Grau der Zeit hineinschlich. Er trug eine Bomberjacke und eine schwarze Cargohose, die in ebenso dunkle Stiefel mündete. Auf dem Rücken waren einige Buchstaben zu erkennen, die zusammen FREMDENAMT KÖNIGSBERG ergaben, allerdings in der Position nur schwer zu erkennen waren.
"Ich wirke ... wie?"
"Geistesabwesend." Ludger tippte ihm ans linke Bein. "Ganz ehrlich: Hast Du Schlaftabletten genommen?"
Der Beifahrer schloss kurz die Augen, um die Verbindung zu unterbrechen, um sich von all dem, was er da draußen in sich selbst sah, einfach auszublenden. Dann ein hörbares Ausatmen.
"Nein", sagte Ceylan. "Ich nehme nichts, das weißt Du doch."
"Sieht aber ganz anders aus", antwortete der Fahrer, tippte auf dem EMW-Emblem des Schaltknaufs herum und wartete auf das Grün der Ampel. "Scheiße Mann, Du musst klar im Kopf sein, sonst wird das nichts."
"Ja ja, Ludger", murmelte Ceylan und vom Tonfall hätte es auch ein "Ja Papa" sein können.
"Ja Ja heißt: Leck mich am Arsch!", fauchte der Fahrer. "Verdammt, ein bisschen Professionalität wäre jetzt nicht verkehrt."
"Dann hättest Du jemand anders anrufen müssen", sagte Ceylan.
"Und wen?" Ludger zeigte auf die Welt hinter der Windschutzscheibe. "Es ist Silvester. Und nur Du bist ans Telefon gegangen."
"Leider."
Sie schwiegen, während Ceylan an sich herabsah. Sein drahtiger Körper steckte in einer Hose mit Beintaschen und einem dicken Pullover. Beide schwarz wie die Nacht. Auf seinem Schoß lag seine alte verblichene Windjacke ordentlich zusammengelegt, auf dessen Rücken in großen Lettern JUGENDAMT KÖNIGSBERG stand. Zum Glück für die Gestalten da draußen konnte man es so nicht sehen. Und auch das Auto, ein EMW 330D, trug weder verräterische Indizien an den Türen, noch zeugte das Kennzeichen von der Zugehörigkeit zum Magistrat der Stadt. Ein ganz gewöhnliches Übergangszeichen 'KP-W-359' gaukelte den Typen da draußen Normalität vor.
"Stimmt", murmelte Ludger, mehr zu sich, als zu Ceylan. "Ich hatte gehört, dass Du die Stadt verlässt."
"Ja. Und zwar übermorgen."
"Und dann?"
"Dann werde ich den Transitzug durch die Volksrepublik Polen nehmen und diesem verschissenen Moloch entfliehen."
"Sehr drastisch ausgedrückt", meinte Ludger. "Und das heißt?"
"Das heißt, dass das Bundesland Saarland-Pfalz mich in seine Dienste übernehmen wird", antwortete Ceylan, und fügte hinzu: "Als Leiter des Kupferbergwerks in Fischbach, das Anfang Februar stillgelegt und dann im Sommer für Besucher freigegeben wird."
"Machst Du dann auch Führungen?"
Ceylan nickte, und es war ein erleichterndes Nicken. Gleichzeitig bedeutete es einen Anflug von Normalität, und nicht nur, weil er seine 'alte' Arbeit bestens vergessen konnte.
"Habe schon alles gelernt", sagte er, während Ludger den Wagen von der Hauptstraße in eine der dunkleren Nebenstraßen lenkte. "Wie Kupfer mit Handarbeit gewonnen wurde, wie es aus dem Berg kam, wieso die Menschen damals so groß wie Zwerge waren ..."
"Zwerge?"
"Ja. Lag am Arsen, dass vor allem die Kinder und Frauen beim Brennen einatmeten: Es verhinderte das weitere Wachstum."
Ludger nickte geistesabwesend.
"Ich dachte immer, dass Du zu uns ins Fremdenamt kommst."
Ceylan schüttelte den Kopf.
"Nein, die Personalabteilung hatte mich bei euch stellentechnisch nur zwischengeparkt", sagte er und fügte hinzu: "Für die Dauer der psycho-therapeutischen Behandlung."
"Wieso eigentlich?"
"Wieso was?"
"Die Behandlung", sagte Ludger. "Die lange Krankschreibung." Und als Ceylan hörbar einatmete, beeilte er sich hinzuzufügen: "Geht mich eigentlich nichts an, nur interessehalber."
"Hm."
"Du warst im Jugendamt. Lange Jahre, direkt nach dem Studium."
"Ja."
"Versteh mich nicht falsch", meinte Ludger. "Ich bin der Amtsleiter, aber selbst dem wird heutzutage nichts mehr gesagt. Vor allem, wer die Leute sind, woher sie kommen und was für ein Problem sie haben. Ich muss es immer nur akzeptieren."
"Ich ... habe kein Problem."
"Kein Problem mehr?"
"Ist das eminent wichtig für den heutigen Ausflug?"
Ludger hob eine Augenbraue, dann lenkte er den Wagen nach rechts in eine Parklücke (in Fahrtrichtung) zwischen zwei anderen Fahrzeugen.
"Pass mal auf Ceylan", sagte er und drehte sich zu ihm um. "Mich interessiert es sehr, wie mein Partner - und sei es nur für ein paar Stunden - tickt, denkt und welche Probleme er hat."
Ceylan wollte etwas erwidern, doch Ludgers rechte Hand erhob sich gebieterisch.
"Mir ist es dabei völlig gleich, wie er aussieht, heißt, wann er furzt oder mit welcher Mutti er ins Bett springt, kapiert?"
Der Motor tuckerte noch im Leerlauf und die Welt strömte gleichgültig an den Türscheiben vorbei, während Ceylan ergeben seufzte.
"Das hast Du jetzt sehr drastisch ausgedrückt."
"Dafür bin ich leider berühmt."
"Glaub ich gerne."
"Und?"
Ceylans Finger verharkten sich ineinander. Stocksteif.
"Hm", sagte er und suchte nach einem richtigen Anfang, bevor er monoton begann. "Hatte eine Anpassungsstörung nahe PTBS." Er hielt kurz inne. "Zusammen mit einem Burn-Out. Und einer depressiven Episode."
Ceylan hätte ein "Herzlichen Glückwunsch" seitens Ludgers erwartet, doch der Fahrer lenkte den Wagen wieder auf die Straße.
"Die Kunden?", fragte er nach einer endlos langen Sekunde und bog aus einer kleinen Gasse in eine größere ab. "Oder der Magistrat?"
Ceylan schwieg im ersten Moment. Man konnte es förmlich spüren, wie sein Körper sich innerlich verkrampfte. All das, was er mit dem Doc in den letzten Monaten erfolgreich verarbeiten konnte, tauchte wieder wie ein großes schwarzes Loch vor ihm auf und gierte nach seinem letzten Atemzug
"Jeder Mensch, ob jung oder alt, ist eine Welt für sich", murmelte er schließlich. "Und es waren zuviele Welten, die meine eigene versiegen ließen."
Stille, während draußen die Realität stumm an den Fenstern vorbeiglitt.
"So habe ich das Jugendamt noch nie gesehen", meinte Ludger.
"Mein Doc ist kleiner Lyriker", murmelte Ceylan, wollte noch was ergänzen, brach dann aber mit einem halben Kopfschütteln ab. "Wieso wolltest Du das wirklich wissen?"
"Weil ich gute Leute gebrauchen kann", sagte Ludger. "Denn den Job im Fremdenamt will auch niemand übernehmen."
"Ist wohl auch eine Hölle für sich."
"Ja, leider."
"Und warum ich?", fragte Ceylan. "Weil ich bereits einen an der Bimmel habe? Oder weil ich ein Türke bin?"
Ludger stöhnte.
"Ja, Du bist, verzeih mir den Ausdruck, ein gebranntes Kind", antwortete er. "Du bist einer der wenigen, die sich für diese Art Jobs nicht zu schade sind und anpacken können." Und nach einer kleinen Pause. "Aber Du bist kein Türke."
"Nicht?"
"Nein."
Ceylan blinzelte verwundert.
"Und wie kommst Du darauf?"
"Hast Du die deutsche Staatsangehörigkeit?"
"Ja."
"Na siehste."
"Aber darum geht es doch gar nicht."
Ludger schüttelte den Kopf, während er vor einer weiteren roten Ampel hielt.
"Du hast von Geburt an die Staatsangehörigkeit von Saarland-Pfalz. Damit hast Du auch die deutsche", sagte Ludger. "Und falls das noch nicht genug für Dich ist: Du bist einer von uns."
"Wie meinst Du das?"
Ludger tippte sich an die Brust.
"Du bist auch in Deinem Herzen Deutscher."
"Versteh ich nicht."
"Sprech ich türkisch?"
Schweigen breitete sich aus.
"Es ist also egal", fragte Ceylan schließlich, "dass die meisten Menschen eher einen Türken in mir sehen?"
"Als ich das letzte Mal in die Reichsverfassung geschaut habe, stand da nichts davon, wie ein Deutscher aussehen soll." Er schaute demonstrativ auf seine Armbanduhr. "Und das war gestern Mittag, als ich wieder einen Schwung Abschiebungsanordnungen geprüft habe."
"So einfach ist das für Dich?"
Ludger nickte.
"So einfach ist das."

Für Ceylan war das bis jetzt der sonderbarste Tag des ganzen Jahres.
Vorhin hatte er noch auf Umzugskartons gesessen, in einer viel zu kleinen Wohnung, deren Wände nur noch kahl waren. Die Matratze war noch da, lag mitsamt Bettzeug vor dem Fernseher, der auf einem Sprudelkasten stand. Doch was auch immer dort für Sendungen abgespult worden waren, es war nur geistiges Hintergrundrauschen und perlte förmlich an seinen Ohren ab.
Stattdessen hatte er mit leeren Augen permanent durch die beiden Fenster geschaut, hinaus auf das sterbende Jahr, wo die Wolken zunahmen. Und der Tag ab.
Seine Gedanken taumelten wieder, frei wie wild, springend von einem Punkt zum anderen, von einer Verknüpfung zu anderen Bildern. Allesamt führten weg von dieser Stadt, diesem Land und mündeten über Umwege alle in ein altes Bergwerk aus dem Mittelalter. Und darüber hinaus.
Ein neues Auto? Vielleicht wieder eine Gefährtin für die Untiefen des Lebens?
Er sah sich schon Untertage, als Führer einer Besuchergruppe, bewaffnet nur mit einer alten Öllampe aus eben dieser Zeit. In einer Welt, in der es niemals Tag werden würde. Manchmal hatte er sich gefragt, wie es wieder sein würde, die Weinberge hochzukraxeln, sich für eine Strecke von wenigen Kilometern stundenlang durch die Lande zu bewegen, bis man so weit oben stand und einen atemberaubenden Blick auf das Tal mit der Mosel haben würde.
Aber würde, hätte, wäre waren Wörter, die erst noch geboren und mit Leben gefüllt werden mussten, und zwar seinem neuen Leben.
Stattdessen hing er hier in einem EMW und fuhr durch die Nacht, ohne das Ziel zu kennen. Der Weg vor ihnen mäanderte, wie schon so viele vor ihm, als sie aus Gartenstadt nach Ponarth kamen.
Die Häuser veränderten sich. Fassaden, die vorher noch vom individuellen Stil aus dem letzten Jahrhundert zeugten, wurden glatter und schnörkelloser.
Keine Goblins mehr auf den Dächern. Keine Verzierungen an den Fenstern. Keine wohlgemeinten und gottesfürchtigen Sprüche mehr über den Hauseingängen. Anfangs waren selbst die Bürgersteige noch sauber und ordentlich, aber mit zunehmender Fahrt wurden die Platten schief. Löcher klafften wie fehlende Zähne im Gebiss des Betons, nur provisorisch mit achtlos hingeworfenem Teer gefüllt. Unkraut gesellte sich aus der Tiefe zu dem Inhalt der umgekippten Mülltonnen hinzu, und auch die Fahrzeuge am Straßenrand zeugten mehr von Gewalt als Frieden: Verbeult, mit eingeschlagenen Fenstern oder bereits durch Feuer stark in einen Klumpen Schwarz geformt.
Eine Fahrt durch Chaos und Anarchie.
Und mit jedem Vorort mehr verlor die Welt ihren Charme, wurde aus einer alten ehrwürdigen Stadt ein riesiger Müllhaufen, in dem Recht und Gesetz nur schöne Worte auf Papier waren.
Ceylan starrte weiter durch die Windschutzscheibe. Doch die dunkle Welt dort draußen drang nur bis zur Netzhaut und verpuffte wirkungslos an seinem Geist, der abwesend im Gestern hing.
Viel zu viele Gedanken, die unsortiert und unstrukturiert ihre Bahnen durch die Gehirnwindungen zogen. Bilder, von banal bis grotesk. Fetzen von Gesprächen, von abstrus bis tiefsinnig. Immer dabei die kleinen Fragen des Lebens, die auf dem Gang durch den Alltag aufgeschnappt wurden und nun ihr tristes Single-Dasein in seiner inneren Enzyklopädie fristeten: Wer oder was steuert die Atmung? Ist es nicht seltsam, wie sehr sich der Klang eines Wortes verändert, wenn man es mehrmals hintereinander sagt?
Und warum, dachte er, haben die meisten Menschen braune Augen, und die wenigsten blaue?
"Das liegt daran, dass die meisten Menschen heutzutage Nachfahren der afrikanischen Ureinwohner sind", antwortete Ludger plötzlich. "Die blauen Augen dagegen sind von den europäischen Ureinwohnern, von denen es damals schon kaum noch welche gab."
Ceylan runzelte die Stirn und starrte seinen Nebenmann an.
"Ich hab wieder laut gedacht, oder?"
"Jepp."
"Scheiße."

Die klare Nacht verschwand schlagartig und es wurde nebelig. Ceylan wusste nicht, ob es am wechselhaften Wetter lag, oder an den grauen Schwaden, die über den Boden krochen und die großen und kleinen Mülltonnen beinahe zärtlich zudeckten, die entweder mit halboffener Klappe herumstanden oder erschlagen am Boden lagen und den Inhalt auf den Bürgersteig kotzten. Der Gestank erreichte sogar das Innere des EMWs, als Ludger in die letzte Straße einbog, die gerade wie leergefegt zu sein schien.
"Übel", murmelte Ceylan und hielt sich die Nase zu.
"Keine Panik", meinte Ludger. "Das wird noch besser."
"Und wie?"
Aus dem Halbdunkel der Nacht, jenseits des trostspendenden schmutzigen Laternenlichts tauchte ein grün-weißer Wagen auf. Mit blauem Blinklicht auf dem Dach, das aber ausgeschaltet war.
"Das?", fragte Ceylan und zeigte auf eine einzelne Gestalt vor dem Polizeiwagen, der zwischen anderen Fahrzeugen auf dem Parkstreifen am Fahrbahnrand stand. Mit dem Heck Richtung Straße. "Das ist nicht besser, sondern lebensmüde."
Ludger lachte leise, dann parkte er den EMW in eine freie Lücke etliche Meter rechts des anderen Wagens, der sich als Vauxhall Astra Kombi heraustellte.
Eine Umdrehung mit dem Zündschlüssel, dann starb der Motor.
"Greifst Du mal bitte ins Handschuhfach?", fragte Ludger und zeigte mit der rechten Hand dorthin.
Verdutzt öffnete Ceylan das Fach und runzelte die Stirn, als er sah, was im Inneren lag.
"Das ist nicht Dein Ernst", murmelte er. "Wie kommt denn bitte schön eine Knarre hierhin?"
"Das ist meine alte Dienstwaffe", antwortete Ludger und hielt ihm fordernd die Hand hin. "Stammt noch aus der Zeit, als das Fremdenamt zur Polizei gehörte."
"Du warst ein Bulle?"
"Eher bewaffneter Verwaltungsbeamter."
Ceylan griff nach der Waffe und hielt sie ihm mit spitzen Fingern hin.
"Bitte schön", meinte er angewidert, als Ludger die Pistole unter seiner Jacke in den Halfter gleiten ließ.
"Hast Du ein Problem damit?"
"Ich hab ein Problem mit Waffen."
"Hattest Du nicht bei der Reichswehr gedient?"
Ceylan winkte ab.
"War am Ende nicht mehr mein Fall."
Ludger nickte erst, dann öffnete er die Tür.
"Waffen töten keine Menschen", meinte er beim Aussteigen. "Nur Menschen töten Menschen."
Dann stieg auch Ceylan hinaus in die nebelige Nacht, streckte sich und bemerkte, wie sich die Person, die sich mit dem Hintern an den Kotflügel des Vauxhalls gelehnt hatte, in Bewegung setzte.
Doch je näher sie kam, desto verdutzter wurde er, während Ludgers Grinsen immer breiter wurde.
"Ich träume ...", murmelte er leise.
"Du träumst nicht."
"Dann alpträume ich."
"Mit p oder b?"
"Scheißegal."
Die Person war nicht groß, nicht klein - sie hatte eher dieselbe Größe wie sein Nebenmann. Der Körper steckte in einem grünen Kampfanzug mit Schutzweste, unten waren schwarze Stiefel zu sehen und auf dem Kopf ein grünes Barett mit Reichsadler.
Es war nicht so sehr der Spruch "Schützen und Dienen", der auf Brusthöhe zu erkennen war; eher die Tatsache, dass ein kleiner Haarzopf unter dem Barett entsprang und sich bis zum Nacken hinzog.
"Eine Reichsgrenzschutzbeamtin?", murmelte Ceylan und machte große Augen.
"Hast Du noch nie eine gesehen?"
"Doch, aber ..., ich mein", begann er, hielt kurz inne und raunte Ludger schließlich ins Ohr: "Scheiße Mann, das ist hier Amalienau!"
"Ich weiß."
"Beamtinnen sind hier die ersten, die ..."
Ludgers Blick ließ ihn verstummen.
"Das ist Charly", raunte er zurück. "Und sie ist nicht beim RGS, weil sie gut aussieht."

Ludger hatte Recht: Sie sah nicht schlecht aus.
Zumindest das, was Ceylan sah - und das war nur das Gesicht, da Uniformen nie maßgeschneidert wurden: Ein heller Teint. Die Augen hellwach, und die Lippen nicht zu schmal. Sie passten perfekt zur Nase, die ihn unwillkürlich an Cleopatra erinnerte. Insgesamt mit einem lieblichen Ausdruck, völlig unpassend zu dem, was sie gerade darstellte.
Definitv ein Verlust für die Ästhetik, dachte er, falls sie nicht lebend aus Amalienau herauskommen sollte.
Er wandte sich ab, als sie Ludger und ihn beinahe erreicht hatte. Vielleicht war es wegen dem Blick, den sie auf ihn richtete, vielleicht aber auch, weil er unsicher war. Viel zu lange schon hatte er alleine leben müssen, und die Frauenwelt kannte er nur als Kollegen, die genauso kaputt waren wie er selbst.
Er richtete seine Augen auf den Bürgersteig, auf den Rasen, der sich ihm anschloss und von dort auf die Hochhäuser (mit vierzehn Stockwerken) in einiger Entfernung, von denen durch den Nebel nur die Konturen hervorstachen. Graue eckige Archen, die selbst Noah nie betreten hätte. Sie standen nicht in Reih und Glied wie manch andere Hochhäuser (mit nur neun Stockwerken) aus Charlottenburg oder Tragheim, die man in den siebziger Jahren erbaut hatte, sondern immer leicht versetzt zueinander, so als hätte der Stadtplaner vom Bauamt seinen verspielten Tag gehabt: Ein künstliches Areal aus kleinen Gruppen von Bäumen, umgarnt von verschlungenen Pfaden, begleitet von Spielplätzen mit Sandkästen, Schaukeln und Parkbänken.
Vom idyllischen Utopia, als die Hochhäuser gebaut worden waren, war nichts mehr zu sehen, oder dem Sinn entraubt: Im Sand steckte mit Sicherheit Hundescheiße, die Schaukeln waren weg, das Seil wurde schließlich woanders gebraucht, und von den Bänken waren auch nur noch die Gerippe zu erkennen. Einzig die Bäume standen noch, aber nur, weil man sie nicht einfach wegtreten konnte.
Und überall, wo Platz dafür war, stapelten sich Müllberge aus alten Sofas, aufgeplatzten Mülltüten, Reste von Kücheneinrichtungen oder brennenden Fernsehern, die von Menschenmengen eifrig befeuert wurden. Gröllend und schreiend, wobei er die Sprache zwar zuordnen, aber nicht verstehen konnte, warfen sie sogar schon Silvesterknaller hinein.
"Hey Ludsche", sagte die Frau gerade und riss Ceylan vom Anblick los. "Lange nicht gesehen, wie gehts?"
Ihre Hand schlug in die von Ludger ein. Wie zwei alte Gangster, die sich hier trafen, um ihre Reviere neu abzustecken.
"Schön Dich zu sehen, Charly", sagte er.
"Schickes Wägelchen", sagte sie und nickte zum EMW. "Deiner?"
"Jepp." Ein bisschen Stolz schwang in Ludgers Stimme mit. "Ein 330 D."
"Und ich dachte schon, die Stadt hat Geld für neue Fahrzeuge."
Ludger lachte.
"Nein, das ist mein Weihnachtsgeschenk", antwortete er. Und als er Charlys große Augen bemerkte, fügte er hinzu. "Lissy und Nassira haben, mehr oder weniger, zusammengeschmissen."
"Cooles Geschenk", meinte sie, schaute auf das schwarze Blechkleid und nickte anerkennend. "Wie gehts Frau und Tochter?"
"Gut", antwortete er. "Warten beide darauf, dass wir nachher das Feuerwerk starten können."
Charly machte ein zerknirschtes Gesicht.
"Soll nicht an mir liegen."
"Quatsch. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps."
Ceylan stand etwas abseits und hörte nur mit einem halben Ohr zu. Sein Blick blieb seit einigen Sekunden magisch an dem Spruch auf Charlys Weste haften: Schützen und Dienen.
Ein Witz, schoss es ihm durch den Kopf. Dienen ja, beschützen müssen sich die Kollegen selbst. Der Rest schreit nach Polizeistaat, oder sitzt im Reichstag und rationalisiert alles w-
"Hey!" Charly schnippste plötzlich mit den Fingern vor seinen Augen. "Hallo?"
"Ja?"
"Gefallen Dir meine Titten?", fragte sie und in ihrer Stimme schwang eine freundliche Drohung mit. "Kannst sie gerne haben, dann tut mir der Rücken nicht mehr so weh."
"Ich ...", begann er, brach aber ab. "Tut mir leid."
"Verdammt Ludsche", murmelte sie und wandte sich an Ludger. "Was ist das denn für ein Vogel?"
"Ein Kollege", antwortete er. "Und jetzt verrat uns, wieso Du hier alleine bist."
Charly kniff die Augen zusammen.
"Weil alle Kollegen beim Schloss sind und die gepuderten Rot-Ärsche bewachen sollen", meinte sie und legte den Kopf schief. "Und ich der Idiot bin, der übrig geblieben ist?"
"Nur ein Polizist?", fragte Ceylan verwundert. "Für die ganze Stadt?"
Sie starrte ihn an, als würde sie ihn gleich einfach einatmen und dann achselzuckend ausscheiden.
"Was meinst Du Klugscheißer, warum ihr wohl hier seid?"


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Atlantis (I/III) - von Dreadnoughts - 19-11-2016, 19:03
RE: Atlantis (I/III) - von coco - 22-11-2016, 23:26
RE: Atlantis (I/III) - von Dreadnoughts - 23-11-2016, 00:34
RE: Atlantis (I/III) - von Persephone - 09-12-2016, 18:37
RE: Atlantis (I/III) - von andreaskohn - 16-12-2016, 22:41
RE: Atlantis (I/III) - von Dreadnoughts - 17-12-2016, 00:07
RE: Atlantis (I/III) - von Zack - 10-12-2017, 20:03
RE: Atlantis (I/III) - von Dreadnoughts - 11-12-2017, 07:58
RE: Atlantis (I/III) - von ReddiRoy - 11-12-2017, 22:13
RE: Atlantis (I/III) - von Dreadnoughts - 11-12-2017, 22:30
RE: Atlantis (I/III) - von ReddiRoy - 11-12-2017, 22:37
RE: Atlantis (I/III) - von Dreadnoughts - 11-12-2017, 22:47
RE: Atlantis (I/III) - von ReddiRoy - 22-12-2017, 23:20
RE: Atlantis (I/III) - von Dreadnoughts - 22-12-2017, 23:33

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