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Es ist: 20-09-2020, 22:55
Es ist: 20-09-2020, 22:55 Hallo, Gast! (Registrieren)


Atlantis (III/III)
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Atlantis (III/III)
A T L A N T I S
(III/III)

(31.12.2005; 23:41 Uhr)

Irgendwann enden Welten, dachte er und blieb erstarrt. Auch wenn sie schon gestorben sind.
Irgendwo in seinem Kopf ratterten Protokolle wieder los, die er eigentlich schon lange begraben hatte, als er die Taschenlampe ausschaltete.
Wer ist das Mädchen? Warum ist sie eingesperrt? Wo konnte man sie um die Uhrzeit noch unterbringen? Hatte der Dom nicht eine Auffangstation?
Der kalte Hauch des Gestern und des Vorgestern, Schattenbilder aus der Zeit vor der Therapie, strichen um sein Herz und warteten darauf, es einfach aus der Brust zu klauen. Mitzunehmen und ihn wie ein toten Roboter einfach hier stehen zu lassen.
Irgendwo in seinem Inneren lachte ihn eine Stimme hämisch aus. Alles, was gerade noch gezählt hatte - das neue Leben in Fischbach, weit ab vom Moloch Königsberg entfernt - war weg, zerplatzt, als hätte es diese Träume nie gegeben. Das alte Leben kam in ihm hoch, wie eine bereits verdaute Portion Flecksuppe vom Hundegatt.
Für einen Moment hoffte er inständig, er wäre in seiner Wohnung zwischen den Pappkartons mit seinen Träumen eingeschlafen und würde gleich wieder aufwachen. Wenn der Umzugswagen kam.
Wenn er von hier weg konnte. Endlich w-
Das Mädchen atmete leise, fast nicht wahrnehmbar, aber er hörte und sah es: Die Nasenflügel vibrierten leicht, der Rest des Körpers blieb aber wie ausgeschaltet.
Wie alt?
Er legte den Kopf schief und musterte sie so vorsichtig, als würden alleine schon seine Blicke sie verletzen.
Vom Äußeren vielleicht zehn, elf. Oder zwölf.
Die Augen allerdings waren alt, gefühlt hundertzwanzig Jahre alt.
Wie die Zwerge aus dem Bergwerk, dachte er, wobei es ihm schwerfiel, die Vergangenheit vor ihm und die Zukunft in seinem Kopf zusammen in ein passendes Bild zu pressen.
"Ceylan?", rief Ludger aus dem Wohnzimmer. "Alles klar?"
Anstelle einer viel zu lauten Antwort kniete er sich vor der Badewanne hin, stützte sich mit dem Händen am Rand ab und beugte sich vorsichtig ein Stück hinein.
"Hallo. Wie ... wie heißt Du?"
Keine Reaktion.
"Ich bin Ceylan", flüsterte er so freundlich und vorsichtig wie möglich, wobei er die Hände da ließ, wo sie gerade waren. "Ceylan - und Du?"
Nichts, dafür hörte er aus dem Wohnzimmer Maiers Stimme:
"Scheiße! Das ist mein Baby!" Direkt gefolgt von Charly: "Halt endlich die Fresse."
"DAS IST MEIN BABY, IHR PISSER!"
"Das reicht jetzt."
Danach hörte er nur noch ein 'Hm. HM!', was wahrscheinlich daran lag, dass Charly ihm einen Knebel in den Mund gestopft hatte. Oder eine der stinkenden Socken von der Couch.
Baby?, dachte Ceylan. Sie ist doch mindestens ...
Er brach den Gedanken ab.
Ein nicht näher beschreibbares Gefühl zog sich durch seine Eingeweide und verwandelte das Herz in Kälte, als sein Blick von ihrem Gesicht herunter zu ihrem Bauch fuhr.
Manche Kinder sind von Natur aus pummelig, andere hatten zwar normale Maße, dafür aber einen dicken Bauch. Dieser hier schien allerdings nicht von Süßigkeiten zu stammen.
"Sag mal, kannst Du nicht antworten?", knurrte Charly, die plötzlich neben ihm auftauchte. Sie hielt abrupt inne und starrte auf das Mädchen. Eine Sekunde, zwei, dann presste sie die Lippen zusammen und holte tief Luft.
"Scheiße", sagte sie, ging neben ihm in die Hocke und starrte das apathische Mädchen in der Badewanne an. Berührt, zum ersten Mal sanft, was nur wenige Augenaufschläge dauerte, als auch sie den Bauch bemerkte. Charlys Gesichtszüge vereisten förmlich, als sie Ceylan ansah.
"Das darf nicht wahr sein", flüsterte sie zu ihm, als Ludger plötzlich im Türrahmen stand.
Mit großen Augen schaute er zur Badewanne.
Sah das Mädchen. Sah den Bauch.
Man konnte spüren, wie ein Schalter in ihm umgelegt wurde - vom Amtsleiter des Fremdenamtes zum Vater einer Tochter - als er sich wortlos umdrehte und wieder ins Wohnzimmer ging.
"Ludger!", rief Charly, sprang auf und lief ihm hinterher, doch sie konnte es scheinbar nicht verhindern, was Ceylan dann hörte: Ein Körper wurde hochgezogen, mehrere dumpfe Schläge, die sich wie ein Stakkato wiederholten. Immer wieder Charlys Stimme, gepresst, dass er es sein lassen solle.
Ceylan war das zuviel. Er hielt sich die Hände an die Ohren, schaute unentwegt das reglose Mädchen an, das nicht ein einziges Mal zuckte oder sonstwie verriet, dass sie mit dem Geist noch in dieser Welt schwebte.
Während einige Minuten später drüben im Wohnzimmer etwas Schweres zu Boden fiel, dem eine unangenehme Stille folgte, beugte er sich über den Badewannenrand weiter zum Gesicht des Mädchens vor. Die Augen waren starr, die Pupillen verengt. Das einzige, was lebendig schien, war das Blau der Iriden. Blau, wie das der Ureinwohner. Unheimlich und tief.
Gewittersturmaugen, dachte er, als Ludger wieder im Türrahmen stand. Schnaufend und mit bebender Halsschlagader.
"Kann sie gehen?", fragte er und zeigte auf das Mädchen.
"Ich glaube, sie braucht noch fünf Minuten", antwortete Ceylan und seufzte. "Vielleicht sind es auch ein paar mehr."
Anstelle einer Antwort griff Ludger zum Holster, zog seine Pistole heraus und lud sie durch.
"Fertiggeladen und gesichert", sagte er und hielt sie ihm mit dem Handgriff hin. "Du weißt doch noch wie es geht?"
"Ich habe noch nie eine Waffe gebraucht."
"Und ich habe noch nie so eine Scheiße gesehen."
Ceylan starrte erst auf die Waffe, dann in Ludgers Gesicht, bevor er nickte und die Pistole schließlich an sich nahm und sie zwischen Rücken und Hosenbund steckte.
"Gut", meinte Ludger. "Wir bringen den Drecksack nach unten. Du wartest hier einfach. Verstanden?"
Ceylan versuchte sich an einem Nicken, was kaum gelang.
"Verstanden."

Er hörte, wie sie den stöhnenden Herrn Maier wie einen nassen Sack hochhievten und aus dem Wohnzimmer schleppten. Dann die Wohnungstür, die geöffnet und rasch wieder geschlossen wurde.
Stille.
Man konnte den Wind hören, der ums Hochhaus fegte. Ceylan kam es so vor, als ob er von Minute zu Minute stärker wurde.
Wie lange noch, bis er durch die kleinsten Ritzen kommt?, dachte er. Und was kommt danach? Die Gier nach dem letzten Atemzug?
Er schüttelte die Gedanken ab, zwang sich wieder zu einem gradlinigen Denken. Abgesehen vom Wind waren da nur noch er und das Mädchen, während er sich fragte, wie sie es nachher schaffen sollten, die Kleine aus der Badewanne zu bekommen, sie aus dem Hochhaus zu bringen und ins Auto zu setzen. Und wer sollte sie anfassen, wenn sie reglos blieb? Ludger? Er selbst, oder doch lieber Charly?
Er räusperte sich.
"Hallo", sagte er so leise, vorsichtig und freundlich wie möglich, wobei ihm nicht nur sein trockener Hals auffiel, sondern auch die dadurch bedingt krächzende Stimme.
Aber nichts geschah.
"Mein ... Mein Name ist Ceylan." Aus Gewohnheit wollte er "Ich bin vom Jugendamt, Dir wird nichts passieren" sagen, schluckte es aber in letzter Sekunde herunter. "Und wie heißt Du?"
Plötzlich drehte sich ihr Kopf zu ihm hin, ihre Augen bewegten sich mit, ihre rechte Hand ließ vom Knie los - und griff nach seinem Arm.
Warm. Kalt. Zittrig.
Stromstöße, die das Leben aus der Haut vertrieben. Taubheit, die sich ausbreitete. Wie ein kaltes Feuer wucherte es am Arm entlang, hinauf bis zum Kinn, den Zähnen, den Wangen, den Ohren ...
Bevor das Badezimmer vor seinen Augen verschwand, sah er sie, wie sie ihn anstarrte, die ganze Zeit. Unergründlich, unfassbar und teilnahmslos.
Als würde gerade nichts
geschehen
war schon zuviel.
Rausgerissen
aus der Unschuld, eingerissen
die Stellen in ihrem Körper.
Wie billiger Tand wurde sie überreicht, wurde gierig beäugt,
gierig ausgezogen
und auf ein Bett geworfen.
Liegend,
auf behaglichen weichen Kopfkissen und einem Laken, kantig
und unrasiert der Mann, der auf ihr lag, sich erging in stoßhaften Bewegungen, zuckenden Gliedern. Wie Fremdkörper, sowohl Arme als auch das, was da unten war und ihren nackten Körper durchstieß.
Wann genau sie aus den eigenen Augen fiel wusste sie nicht mehr, wusste nicht mehr,
wie sie hieß, wusste nur, dass 'Schätzchen' oder 'Baby' falsch waren. Falsches Lächeln
war das Letzte was sie sah, als die Iriden zu Löchern in der Dunkelheit wurden. Fallend in sich selbst hinein. Die Löcher wurden kleiner, das Gesicht dahinter auch, aber die Verärgerung war ungespielt.
Auf dem Sinkflug in die Tiefe sah sie Farben:
grüne Flecken, Punkte, Sterne. Blaue und rote.
Begleitet von Nervenzuckungen, die Schmerzen waren, aber so gefiltert ankamen, dass sie sie
nicht mehr wahrnehmen konnte.
Ein Feuerwerk auf dem Weg nach unten,
heilend, guttuend, rettend,
wo sie irgendwann am weißen Strand eines schwarzen Meeres landete.
Beinahe sanft, behütet. Weicher Untergrund.
Keine Spielsachen, aber sie baute sich zuerst einen Graben, dann eine riesige Burg aus Sand,
mit Zinnen, die höher waren, als alle Menschen, die sie je gesehen hatte.
Lange Zeit blieb das Wetter in der dunklen Welt gleich, immerzu, tagein, tagaus, auch wenn die Zeit hier unten keinerlei Bedeutung hatte.
Bis eines Tages eine Veränderung stattfand.
Irgendwo jenseits der schwarzen See.
Irgendwas Unsichtbares, was pulsierte und ständig größer wurde. Bald würde es über das Meer kommen, die Burg hinwegfegen und nach ihr greifen.
Bald.
Doch bis dahin blieben die Iriden am dunklen Firmament die einzigen Sterne.
Das unrasierte Gesicht der Menschheit
schaute ab und zu hinunter,
während sie trotzdem noch eine Schlange am dunklen Horizontwerk sah,
gefolgt von den bunten Farbflecken.
Immer wieder.
Ewigkeiten.
Bis da dieses andere Gesicht
herunter
schaute,
einen Namen nannte, seinen Namen.
Tscheilan, Tscheiland. Heiland?
Den Sturz, den tiefen Fall durch
das Farbenmeer der Sterne hatte sie
nicht vor zu wiederholen, aber es drängte sie herauszufinden, ob es noch
eine zweite Menschheit gab. Da oben, am Firmament.
Runter auf den Grund der Seele zu kommen war einfach gewesen,
hinauf ein bisschen schwerer,
wie fliegen und klettern,
wie schwimmen durch eine zähe Flüssigkeit.
Aber sie schaffte es, und als sie oben nahe der Sterne war,
schaute sie nicht zurück zu ihrer Festung, ihrer Zuflucht, ihrem Zuhause.
Sie kletterte die letzten Meter fieberhaft weiter mach oben, bis sie wieder in ihrem Kopf saß.
Taube Gliedmaßen, stumme Finger, Beine aus Gummi, eng umschlungen. Es dauerte eine Weile, bis das Gefühl wieder kam: Das Gefühl, den eigenen Körper zu steuern, der so schwer fassbar war
wie ein ganzes Universum.
Zuerst waren es nur die Augen, dann der Kopf, schließlich die Hände, die Finger, die sich anfühlten, als wären sie fremd und taub.
Sie schaute der zweiten Menschheit ins Gesicht, fasste nach seinem Arm und spürte, wie alles, was sie je gesehen, je erlitten hatte, ihn durchfuhr wie ein Stromstoß.


***

Die Taubheit versiegte langsam. Die Bilder gingen, laut, polternd und viel zu schnell. Eine Reise durch Raum und Zeit, die er noch nie gesehen hatte. Kein Ort, wo Ewigkeiten Luftschlösser bauten. Stattdessen nur träumende Pappkartons, im Regen geboren.
Das Badezimmer war schon lange wieder da, als sich sein Herzschlag wieder zu den Ohren durchgekämpft hatte. Dumpfe Schläge, gefolgt von einem Rauschen im Kopf. Gefühlt tausend Fragen im Kopf, und doch tummelte sich keine auf der Zunge.
Stille um ihn herum, einzig der Gewittersturmblick des Mädchens blieb an ihm haften.
Minutenlange Sekunden. Schweigen. Anstarren. Gegenseitig.
Ceylan atmete tief ein uns aus, räusperte sich und versuchte seine Stimme nicht brüchig klingen zu lassen.
"Du ... kannst mir vertrauen."
Keine Reaktion, weder auf den Lippen, noch im Gewittersturm der Iriden.
Er schloss für einen Moment die schmerzenden Augen und seufzte.
Verdammt, dachte er. Das war doch schon alles weg. Das alles. Verarbeitet. Im Keller verpackt. Und jetzt?
Ein Moment, wo selbst die Zeit dem Menschen nochmals eine Pause gönnte. Um nachzudenken, die Fassungslosigkeit zu spüren, dass alles völlig sinnlos war. Dass es ein Schicksal gab, dem man nicht entrinnen konnte.
Er zwang sich an Fischbach zu denken, und daran, dass - wie auch immer - hier bei ihm ein Zwerg war, den er durch die Dunkelheit bringen musste, bis zum rettenden Ausgang. Einleuchtend, selbsterklärend - und es hatte mit der Vergangenheit dann auch nichts mehr gemeinsam.
Leiter des Bergwerks, dachte er. Ich bin der Leiter.
Dann stand er auf, wobei ihr Blick nicht von ihm abließ.
"Es ist sehr wichtig, dass Du mit mir mitkommst", sagte er. "Hier kannst Du nicht bleiben."
Er meinte ein Zucken im Gesicht gesehen zu haben, als sie plötzlich aufstehen wollte, doch der erste Versuch scheiterte. Wackelige Beine, die auf der Hälfte der Strecke nachgaben - und sie plumpste wieder zurück in die Badewanne. Kein Aufschrei, kein Aua, wobei Ceylan es vermied, ihr von sich aus aufhelfen zu wollen. Es ging nicht um die beklemmenden Bilder, die er gesehen hatte, sondern darum, dass jede Berührung kostbar war. Und er brauchte noch ein paar um sie hier aus dem Haus zu bekommen.
Und aus der Dunkelheit.
Es dauerte ein bisschen, doch nach dem dritten Anlauf stand sie schließlich und stieg vorsichtig über den Rand und blieb kerzengerade neben ihm stehen. Wie ein Roboter, der die einprogrammierte Bewegung ausgeführt hatte und jetzt mit hängenden Armen auf neue Befehle wartete.
Gott im Himmel, dachte er. Ist da alles tot in ihr?
Ihre blauen Augen schauten ihn erwartungsvoll an, doch eine Frage kam nicht über ihre stummen Lippen, die wie zwei gerade Striche in einer leblosen Landschaft wirkten.
Nach einigen stillen Momenten, wobei er nicht wusste wie er es anstellen konnte, hielt er ihr seine Hand hin. Auffordernd und hilfsbereit.
Sie schaute erst auf seine Finger, musterte den Arm, dann wanderte ihr Blick wieder hinauf zu seinen Augen, als müsste sie erst noch entscheiden, ob sie ihm trauen konnte. Dann, beinahe wie auf Knopfdruck, nahm sie seine Hand.
Diesmal kamen keine Stromstöße. Die Finger waren warm, als wäre der dazugehörende Motor schon seit Stunden in Betrieb.
Gut.
Er nickte leicht, dann wandte er sich langsam um, ging mit ihr im Schlepptau durch die Tür ins Wohnzimmer, wo der Fernseher immer noch sein kaltes Bildschirmlicht nicht nur an die Wände warf, sondern auch in Richtung Balkon.
Ceylan hatte erwartet, dass sie sich sperrte, dass sie an ihm zog um nicht dorthin zu gelangen, aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen schaute sie zum breiten Fenster und sah die dunkle Nacht mit ihren gedankenverlorenen Wolken dahinter, die sich vom Firmament bis zum Erdboden erstreckte. Von hier oben, wo unten die Müllberge brannten und von johlenden Menschen weiter befeuert wurden, sah alles so klein aus. Die Bäume waren schwarze Flecken und die Wege nur dort als solche zu erkennen, wo noch aktive Laternen ihren Schein wahrten.
Sie stellten sich vor die gläserne Balkontür und schauten hinaus, sahen zwei Staatsbedienstete, die sich mit einer dritten Person abseits der Laternen den Parkplätzen näherten. Unbeobachtet. Unerkannt, als wären sie mit der Nacht verschmolzen.
Maier im Wagen fixieren und zurück nach oben, dachte Ceylan. Zehn Minuten. Vielleicht fünfze-
Da war was.
Ein Geräusch, das irgendwie nicht hierher passte, ließ den Gedanken absterben. Es war nicht der Wind, der von außen am Hochhaus rüttelte. Es kam von innen.
Ceylan drehte sich irritiert um und schaute zum dunklen Flur, der die Haustür verschluckt hatte. Es klang, als würde sich jemand am Schloss zu schaffen machen. Wer auch immer das sein mochte, er hatte keinen Schlüssel, gehörte nicht hierher. Und klingeln tat er auch nicht.
Seine rechte Hand langte automatisch nach hinten, um die Pistole aus der Enge zwischen Hosenbund und Rücken zu befreien. Mit der linken öffnete er die Balkontür und schob das Mädchen sanft, aber widerspruchslos, hinaus, schloss die Tür und ließ die knackenden Rollläden wieder herunter.
Tut mir leid.
Es raschelte, als der Wind wieder gegen die Lamellen schlug. Es klickte an der Tür. Und nachdem der Fernseher ein sehr helles Bild zeigte, konnte er nebenbei erkennen, dass der Teppich - auf dem er gerade stand - nicht allein Brauntöne in verschiedenen Abstufungen aufwies, sondern braune Flecken mit Rot dazwischen. Einem dunklen Rot.
Blut.


***


Die Haustür öffnete sich, die Haustür schloss sich.
Zwei Gestalten, nur schemenhaft zu erkennen, blieben abrupt stehen, als sie ihn im Schein des Fernsehbildes erkannten.
"Halt", rief Ceylan mit einer Festigkeit, die er selbst nicht erwartet hätte, und zielte mit der Pistole in den Flur hinein. "Keinen Schritt weiter."
Zuerst war selbst die Stille angespannt, dann hob der rechte Schatten seinen Arm.
"Ich muss mich entschuldigen", sagte der Flur mit einer männlichen Stimme. "Normalerweise klopfe ich vorher an."
Wirklich zu erkennen waren beide Gestalten nicht, dafür sorgte der blendende Fernseher, der ihn förmlich im medialen Licht anstrahlte. Und ihn anders hinzustellen war unmöglich.
"Was wollen sie hier?", fragte Ceylan und versuchte Festigkeit in seine Stimme zu bekommen.
"Hm, was will ich hier, was will ich ..." Und nach einer kleinen Pause, in der er zu überlegen schien: "Oh ja, ein Missverständnis aus der Welt räumen."
"Ein Missverständnis?"
"Okay, vielleicht missverständlich, das Missverständnis. Kleiner Scherz."
"Gehts klarer?"
Nein, viel war wirklich nicht zu sehen, obwohl Ceylans Augen sich langsam an die Lichtverhältnisse gewöhnten, als der Schatten einmal in die Hände klatschte.
"Hm, sagen wir es mal so: Die Nacht, also die richtig dunkle, richtig finstere Nacht, die ist mein Favorit, wissen Sie? Die Stille in ihr, ja, die Stille hat mich angerührt. Und so fliehe ich stündlich vor der Sonne." Er kicherte. "Man könnte auch sagen: Sie hat mich angefixt."
"Witzig."
"DANN LACHEN SIE DOCH!", schrie der Schatten plötzlich. "NA LOS DOCH!"
Ceylans Gesichtszüge blieben hart.
"Wenn müde Zungen sich verknoten, kann nichts Gutes dabei herauskommen."
Der Zorn verschwand so schnell, wie er gekommen war.
"Das war nicht so gut wie meiner", sagte der Schatten freundlich.
"Kommen sie zur Sache und dann verschwinden sie."
"Schon gut, schon gut. Wir werden die Räumlichkeiten gerne verlassen", sagte er. "Aber erst, wenn sie uns 25.000 Reichsmark ausgehändigt haben. Gerne auch schon in Ecus. Oder das Kind."
"Ich habe kein Geld dabei. Und in der Wohnung ist auch nichts."
"Gut", meinte er und hob ergebend die Hände. "Kein Problem. Dann eben das Kind."
Ähnliche Situationen aus seinem alten Büro tauchten als verblasste Erinnerungsfetzen auf. Anfangs hatte er noch den Servicegedanken gehabt, den jeder eingeimpft bekam. Später hatte sich herausgestellt, dass es besser war hart und kompromisslos zu sein. Niemals nach unten schauen. Niemals den Blick vom Gegenüber abzuwenden. Hochnäsigkeit war wortwörtlich zu nehmen. Und Arroganz ein Schutz.
"Und warum sollte ich das tun?"
Er wandte sich an seinen Begleiter.
"Stimmt, warum sollte er das tun? Wieso hast Du mich nicht darauf hingewiesen, hm?" Und zu Ceylan: "Verdammt gute Frage. Wirklich, meine Hochachtung."
"Soll ich sie wiederholen?"
"Nein, nein, das brauchen sie nicht, wirklich. Nun, es geht, wie schon erwähnt, um das Kind, mein Eigentum." Seine Stimme bekam einen bedrohlichen Unterton. "Und es gehört mir. Ich will es zurück. Jetzt. Sofort."
"Sind sie der Vater?"
"Ich bin alles, was Sie wollen."
"Wer sind Sie?"
"Ja, das ist wahrlich eine gute Frage. Wer sind wir, wer ist Maier? Und wo ist mein Mitarbeiter geblieben?" Der Schattenkopf schaute übertrieben den Raum mit den Augen ab. "Wo ist er nur?"
"Ich nehme an, er wurde von besagtem Herrn hier umgebracht und dann von der Reichsbahnbrücke geworfen."
Es klatschte leise, als sich der Schatten gegen die Stirn schlug.
"Stimmt, klar."
"Und warum dann das ganze Theater?"
"Weil er nicht bezahlt hat", sagte der Schatten. "Keine Haare zwischen den Beinen, unberührte Haut und drei Löcher, an denen er sich hemmmungslos laben kann. So oft er will. Beneidenswert, oder?" Dann lächelte er wieder. "Kinder sind eben teuer, nicht wahr? Und wer ein minderjähriges Mädchen haben will, wofür auch immer, muss genauso zahlen wie die Leute, die mit hungrigen Mägen im Hundegatt vor der Feldküche Schlange stehen. Das sehen sie doch genauso, oder?"
"Gier und Neid sind aber keine Speisen."
"Schön gesagt, aber ich habe es leider eilig", sagte der Schatten und hielt ihm auffordernd die Umrisse einer Hand hin. "Wo ist das Kind?"
"Sie werden ohne sie gehen müssen."
Das Schweigen kehrte zurück in die Wohnung und verirrte sich zwischen den Fronten. Eine lautlose Ewigkeit, in der sich Ceylan fragte, wie er hier nur rauskommen sollte. Vor allem mit dem Mädchen? Letztendlich blieb nur der Spruch 'Schützen und Dienen' übrig, der sich wie ein Mantra hinter seinen Augen zementierte.
Verdammt, wo bleiben Ludger und Charly?
Der Schatten vor ihm schien auch zu überlegen, während Ceylan im Augenwinkel sah, wie gerade eine Sendung über den Jahresrückblick 2005 über den Bildschirm flatterte. Leider kein schöner Anblick, denn es war der Ausschnitt vom Oktober, und man sah eine Animation des Space Shuttles Atlantis, wie es nach einer Not-Abtrennung von den Startraketen und dem großen Tank auf dem Rückweg in der oberen Stratosphäre auseinanderbrach. Ohne Überlebende.
"Ich möchte Ihnen gerne etwas zeigen", sagte der Schatten und nickte zu seinem Begleiter, der sich umdrehte und zurück in den Flur gehen wollte.
"Halt!"
"Ganz ruhig, es stellt keine Lebensgefahr für Sie dar."
„Keine Bewegung.“
Wo bleiben die beiden?
Der Schatten seufzte.
"Sie sind wirklich paranoid", meinte er. "Er wird nur das Licht einschalten und dann die Wohnung verlassen. Und zwar ganz langsam"
Der Lauf der Pistole zielte abwechselnd vom Schatten zu seinem düsteren Gefolgsmann, was immer noch ziemlich schwer war.
"Also ich würde das Jahr gerne ohne Blutbad ausklingen lassen", sagte der Schatten gerade. "Wäre das okay?"
Was hätte er sagen sollen? Nein? Und als Reaktion zwei unbewaffnete Personen einfach erschießen, wegen was?
Scheiße.
Ceylan schwieg, visierte aber weiterhin den Kopf des Schattens an und wartete mit klopfendem Herzen, bis das Licht langsam wieder von oben herabsickerte. Zuerst in einem gold-orangenen Ton, gefolgt von einem schmutzigen Gelb, und schließlich das gleiche gleißende Hell, als Charly Herrn Maier gegenüberstand. Und als der Begleiter schließlich aus der Wohnung trat und die Tür hinter sich zuzog, konnte Ceylan nicht glauben, was er sah.
"Verstehen Sie es jetzt?", fragte der Schatten, dessen Kopf sich langsam aus den Konturen schälte. Mit einem länglichen Gesicht. Mit dichten gelockten schwarzen Haaren. Mit einem dunkleren Teint. Und kohlefarbenen Augen.
"Sie fragten, wer ich bin, nicht wahr?" Der Schatten, der keiner mehr war, legte den Kopf schief und grinste. "Haben Sie sich das auch schon mal gefragt?"
Ceylan traute seinen Augen nicht. Es war ein Mann, der ihm nicht unähnlich sah. Bis auf die Nase und die etwas größeren Ohren ein beinahe exaktes Spiegelbild seinerselbst.
"Ich sehe einen verwandten Menschen vor mir", sagte der Mann und trat einen Schritt nach vorn. "Wir sind beide näher aneinander, als sie zu dem, was Sie denken mögen."
"Ach ...", krächzte Ceylan.
"Sie und ich, wir sind wie Brüder, sind faktisch eins", sagte der Schattenmann und kam noch einen Schritt näher. "Aber anstatt das zu akzeptieren, haben sie sich vor Urzeiten dafür entschieden, nicht dazu zu gehören. Und jetzt stehen wir beide hier, sie und ich, und sprechen diese beschissene Sprache, um uns zu verständigen. Und warum?" Er blieb stehen und beugte sich mit dem Kopf ein Stück vor. "Weil Sie ihre Herkunft verleugnen."
"Tu ich nicht."
"Ach, Sie fühlen sich als Deutscher, als edler Deutscher, nicht wahr? Was für ein Blödsinn! Sie und ich, wir sind Brüder, also nehmen Sie endlich die Waffe herunter und händigen mir das Kind aus, damit der Tag ein gutes Ende nehmen kann."
"Niemals."
Der Mann trat wieder einen Schritt vor.
"Halt!", rief Ceylan.
"Brüder schießen nicht aufeinander."
"Wir sind nicht verwandt."
Und noch einer.
"Ihre Gene würden was anderes sagen."
"Quatsch."
"Ich weiß genau, wie Sie sich fühlen. Allein in einem fernen Land, das so grausam ist wie die Hölle selbst. Ja, Sie können selbst die alten Wörter dieser Stadt in den Mund nehmen, können 'degagiert' reden, von 'Blaustrümpfen' oder 'Pomenadenhengsten', aber es wäre egal. Nichts von alledem würde dazu führen, dass sie inmitten dieser Hochwohlgeborenen wirklich einer der Ihren werden."
"Ich bin Deutscher. Und in der Reichsverfassung steht nich-"
"Nein", unterbrach ihn der Schattenmann und blieb im Türrahmen zum Wohnzimmer stehen. "Hier sind wir beide fremd. Und verbrannt." Er machte eine kleine Pause, in der er Ceylan musterte, dann grinste er. "Und Du hast es noch nicht gemerkt, Bruder."
Bitte?, dachte Ceylan und innerhalb eines Augenaufschlags streckte der Schattenmann seinen rechten Arm vor. Noch bevor die Bewegung zuende war, schoss aus dem Ärmel ein Gestell mit einer Pistole, die von der Hand aufgefangen wurde.
Mit gespanntem Hahn zielte sie kalt auf Ceylans Kopf, als dieser aus seiner Lethargie erwachte - und den Finger am Abzugsbügel zurückriss.
Doch anstelle eines Schusses, eines hinfallenden Schattens, ..., war da nichts.
Kein Klicken, kein 'Peng'.
"Dein Sicherungshebel steht noch auf S, Bruder", zischte der Mann.
Und schoss.


***


Sie stand auf dem Balkon. Abgestellt. Weggestellt und verbannt. Die Rollläden, die knisternd heruntergelassen wurden, hallten in ihren Ohren nach. Dann war da nur noch der Wind, der von Sekunde zu Sekunde stärker wurde. Er rüttelte am Hochhaus, als wollte er es einfach wegreißen.
Kälte kroch durch ihren Schlafanzug, besonders über den Bauch, aber sie registrierte es nur. Es war kein Teil von ihr, wobei sie sich instinktiv vorstellte, wie man es herausschneiden konnte.
Schweigend, und mit herunterhängenden Armen, starrte sie auf die finstere Stadt mit ihren kleinen Laternenlichtern, die die Nacht niemals bändigen würden. Im Zentrum, weiter weg, war ein hoher Turm. Festlich geschmückt, doch er sah aus wie eine Fratze, die sie hämisch anstarrte.
Sie beugte sich zum Geländer, schwang ein Bein hoch, ließ das andere folgen und setzte sich schwerfällig drauf. Mit beiden Händen hielt sie sich krampfhaft fest, obwohl der Wind zornig an ihr rüttelte. Die ersten Regentropfen stürzten vom Himmel, trafen die Nase, die Haare, den Schlafanzug - doch sie registrierte es nur.
Die Welt dort unten und sie hier oben. Abseits der Augen, diesmal davor, statt dahinter. Ein unbeschreibliches Gefühl wanderte durch sie hindurch, ließ alles vergessen, alles neu erscheinen.
Bis es klirrte.
Ein Schmerz im rechten Schulterblatt, der die tauben Nerven aufschreien ließ, als plötzlich aus der finsteren Stadt hunderte Raketen starteten und im Nachthimmel explodierten. In so vielen Farben, so vielen Formen. Blaue Sterne, rote und grüne.
Ein zweiter Schuss durchbrach das Fenster, die Rolladen, ihre linke Brust. Und die glitzernde Welt verschwamm vor ihren Augen, kippte einfach weg, als sie den Halt verlor.
Ein Feuerwerk auf dem Weg nach unten.
Zum weißen Strand eines schwarzen Meeres.
Vielleicht.


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