Es ist: 24-02-2020, 15:38
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Gegen die Nacht (1)
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Gegen die Nacht (1)
Es ist spontan. Ich weiß, wo ich damit hinwill, aber nicht, ob ich da auch ankomme. Und es ist für einen Menschen, den ich nicht wirklich kenne, aber sehr mag. Dies ist der erste Teil. Der zweite folgt, aber ich weiß nicht genau, wann er fertig wird. Es ist naturbelassen, wie es in mir gewachsen ist.

Gegen die Nacht

Es regnete.
Schweigende Häuserfassaden träumten den Traum der Erneuerung; dort, wo sie den Himmel freigaben, fraßen die Wolken das Licht. Zwischen den namenlosen Steinen des Straßenpflasters bildeten sich Rinnsale, unaufhaltsam dahinfließend wie die Zeit. Die Zeit, die nicht reichte, um in Ruhe seine Zigarette zu rauchen. Einen Kaffee zu trinken. Seine Gedanken zu sammeln.
Dreadnoughts hetzte die Straße hinunter, warf den glühenden Stummel in einen Gulli. Den beißenden Rauch in seiner Kehle spürte er schon lange nicht mehr. Auch nicht seine Schmerzen im Bauch – die hatte er mit Tabletten getötet. Er hörte nicht das Trommeln der Tropfen auf den Regenrinnen, das ein Kindergemüt zum Singen gebracht hätte. Sah nicht die blinkende Leuchtreklame dieser neuen Boutique Janine, die roten und schwarzen Dessous im Schaufenster. Nahm keine Notiz von den Weihnachtslichterketten mit LED-Birnen, deren Kälte den Charme einer Spielhallenbeleuchtung aus dem Bahnhofsviertel besaß. Der EMW 327 stand zwei Straßenecken entfernt.
Scheiße. Nie gab es Parkplätze vor der Haustür. Er schaute auf seinen Chronoghraphen. Zehn Minuten zu spät. Zu spät für Zuversicht, zu spät für einen Ausweg, zu spät für die Zukunft.
Er brauchte für die Strecke nach Arbeitshausen gute zwei Stunden – Stau und Baustellen nicht mit eingerechnet. Hastig suchte er in seiner Manteltasche nach dem Schlüssel und fand den Zettel für den heutigen Einkauf. Ein Päckchen mit Leuchtmitteln erinnerte ihn daran, dass der linke Scheinwerfer nicht funktionierte.
Scheiße. Den hatte er völlig vergessen. Aber wann hätte er auch die Zeit dazu gehabt, das Auto zu reparieren.
Zugeparkt. Ein Kuss für die Nachbarn. Die Tür sprang auf, er klemmte sich hinter das Lenkrad und ließ den Motor an. Der schnurrte wie er sich fühlte: Ein mit Paracetamol vollgepumpter Tiger. Ein Papiertiger. Papier, das seinen Schreibtisch in einen Aktenberg verwandelte, der proportional zu seinen Anstrengungen wuchs, ihn zu bezwingen. Der Berg rief.
Vor Dreadnoughts geistigem Auge tauchte das Gesicht von Khaled auf.
„Komm, lass mich lieber fahren.“
Dreadnoughts zog eine Grimasse.
„Diesmal nicht, alter Junge.“
Das Bild zerfloss mit dem Wasser auf der Scheibe, der Wischer surrte leise und begann seinen Kampf mit aussichtslos erscheinender Beharrlichkeit.
Dreadnoughts rangierte zentimetergenau vor und zurück. Der Blinker sandte Signale in die Dämmerung und beleuchtete Schwaden grauen Nebels. Geschickt zwängte er den Wagen aus der Parklücke und drückte auf’s Gas. Das Herbstlaub verwandelte die Fahrbahn in eine rutschige Piste und in der Nässe spiegelten sich die Lichter dieser alternden Stadt, die nicht verstand - weder ihren Namen noch ihre unaufhaltsame Veränderung.
Zwei Straßen weiter reihte er sich in die länger werdenden Schlangen der Fahrzeuge ein. Die Ampel sprang auf rot.
Danke, dass Du auf mich gewartet hast.
Dreadnoughts zündete sich eine Zigarette an und öffnete das Fenster einen Spalt. Kalt wehte die Luft herein und verwirbelte den Rauch zu winzigen Schwaden. Schwaden, die sich in seinem Geist zu einer Burka verdichteten, durch deren Schlitze die Augen Thomas De Maizières blickten, versteckt hinter einer Brille. Zu einem braunen Schleier, den sich Frauke Petry um ihre Schultern schlang. Zu einer grauen Kirche, in der Angela Merkel verkündete, es täte ihr leid.
Es hupte anhaltend, das Grün der Ampel sprang Dreadnoughts ins Gesicht und er fuhr fluchend weiter. Rücklicht hinter Rücklicht schob sich die Schlange der Wagen auf die Autobahn. Es wollte nicht hell werden. Die Sicht war so erbärmlich wie die Musik aus dem Radio. Dreadnoughts schaltete um.
CSU-Chef Horst Seehofer hat Angela Merkel in der Flüchtlingskrise eine Kapitulation des Rechtsstaats vorgeworfen. Seehofer kritisierte am Samstag in Erding mit dieser Formulierung Merkels Äußerung, dass sich die deutsche Grenze nicht effektiv schützen ließe.
Genervt schaltete er ab.
Es wurde dunkler anstelle von hell. Oder war das sein Gemütszustand? Er bemerkte, dass der Verkehr weniger geworden war anstatt mehr. Die Kurven der Autobahn schienen nicht in der richtigen Reihenfolge zu verlaufen. Der Regen prasselte unaufhörlich auf die Frontscheibe, der fliegende Scheibenwischer versagte und Dreadnoughts verlor das letzte Rücklicht eines möglichen Vordermanns aus den Augen.
Er blinzelte. Drosselte die Geschwindigkeit. Sah auf die Uhr und fluchte. Ein Tag, an dem er unter keinen Umständen zu spät kommen durfte. Es war sein Fall. Das Einsatzkommando wartete auf sein Okay. Je später er kam, desto größer wurde die Gefahr, dass sie alle zu spät kamen. Für ein weiteres Drama, dessen winzige Chance auf Abwendung mit jeder Minute verrann.
Er tastete nach seinem MobTel, wählte die Nummer.
Ein Piepton ertönte. Nur einer. Zu kurz. Es gab keinen Empfang.
Zur Hölle mit dem Mobilnetz.
Er starrte angestrengt auf die Straße.
Die Fahrbahn schien sich zu verengen und plötzlich sah er sich vor einer dichten Nebelwand. Dreadnoughts bremste abrupt, der Wagen geriet ins Schlingern und rutschte mitten hinein in diese Wand aus undurchdringlichem Grau. Dahinter wurde es finster.
Wenn Schwarz eine Kraft bedeutete, dann war dies das erste Schwarze Loch, das sich auf der Erde befand. Er glaubte, an den Rand einer Straße zu fahren, die er nicht sehen konnte. Der Wagen kam zum Stehen. Er stieg aus. Die Lampen des EMW verloschen.
Es gab keinen Wind. Kein Geräusch. Kein Licht. Nichts. Einfach nichts. Er holte einmal tief Luft. Immerhin konnte er atmen. Es roch nach nichts, welche Überraschung.
Was zur Hölle geht hier vor? Worauf laufe ich? Sein Sinn für das Gleichgewicht geriet ins Trudeln. Er stützte sich auf einen Wagen, den er nicht sah.
Er tastete nach der Wagentür und öffnete sie. Er musste sich setzen. Der Wagen und er. Allein. In der Dunkelheit.
Die Innenbeleuchtung reichte nicht für das Außen. Fieberhaft überlegte Dreadnoughts, an welcher Stelle er aus seiner vertrauten Umgebung geraten sein mochte. Er war diese Strecke so oft gefahren, dass er nicht mehr auf alles achtete. Diese Nebelwand. Die Schwärze dahinter. Er spürte, wie er den Mut verlor. Er musste etwas unternehmen.
Vorsichtig schob er sich wieder aus dem Wagen und tastete sich vorwärts bis zum Kofferraum. Er suchte nach einer Taschenlampe und fand sie. Der Schein reichte nicht mal einen halben Meter weit.
Er dachte an seine Arbeit und fluchte. Vielleicht konnte er mit dem Auto vorsichtig zurücksetzen, zurück durch die Nebelwand.
Wie wahnwitzig, rückwärts auf der Autobahn. Falls er dort überhaupt herauskam.
Er rief.
"Hallo? Hallo? Ist jemand hier? Irgendjemand? Wo ist hier überhaupt?"
Die Stille verschluckte seine Worte.
Er tastete sich einige Schritte weit vom Wagen weg. Wenn er sich dicht über dem Boden bewegte, würde er vielleicht wenigstens einen Fahrbahnstreifen finden. Er suchte, mit einem Auge den Wagen im Blick behaltend, doch der Boden gab nichts preis außer dieser unheimlichen, unwirklichen Schwärze.
Dreadnoughts kehrte zurück. Er vermochte sich nicht zu orientieren und der EMW war das einzige, was ihm blieb. Er zwang sich zur Ruhe. Setzte sich in den Wagen und schaltete die Taschenlampe aus.
Er griff erneut nach dem MobTel – kein Empfang. Kein Navi, kein GPS. In seinem ganzen Leben hatte er sich noch nie so abgeschnitten gefühlt. Es war völlig absurd. Nicht fassbar. Er kniff sich in den Arm, aber der Schmerz befreite ihn nicht von einer Wahnvorstellung, die keine zu sein schien.
„Soll ich nicht doch lieber fahren?“
Dreadnoughts zuckte heftig zusammen und drehte sich langsam um. Er kannte diese Stimme. Auf der Rückbank saß ein Mensch, sehr groß und breit gebaut, gehüllt in eine olivgrüne Hose mit Beintaschen, eine Bomberjacke in der gleichen Farbe, und auf dem kurzgeschorenen Kopf ein dunkelgrünes Barett. Das Gesicht sah markant aus, doch vor allem trug es ein Braun zur Schau, als wäre es sein Leben lang unter einem strahlenden wolkenlosen Himmel gewesen. Oder unter der Sonnenbank. Khaled hatte ein breites Grinsen im Gesicht.
„Ich sagte doch, lass mich lieber fahren. Der Wagen gehört mir ohnehin.“
Dreadnoughts glaubte nicht einen Augenblick, dass er verrückt sei, aber hier gab es etwas richtig zu stellen:
„Moment mal, Du bringst da was durcheinander. Dein Wagen ist ein EMW X5 mit Halterungen für Pistolen und Handschellen neben den vier Sitzen, und zusätzlichem Überrollrahmen.“
„Genau. Dieser hier.“
Ein Augenblinzeln später saß Dreadnoughts in einem EMW X5 mit Halterungen für Pistolen und Handschellen neben den vier Sitzen, und zusätzlichem Überrollrahmen. Er begann eine Winzigkeit an sich selbst zu zweifeln, aber nur einen klitzekleinen Augenblick.
„Oh nein, so geht das nicht. Ich, verstehst Du, ich habe Dich erschaffen. Nicht umgekehrt. Ich mache die Spielregeln, nicht Du.“
„Die Zeit, Dread“, sagte Khaled. „Nur sie ist es, mit der man die Träume von der Wirklichkeit unterscheiden kann.“ Er nickte, mehr zu sich selbst.
„Feste Bezugspunkte, obwohl nicht wirklich greifbar, aber spürbar. Sie geben jedem Meter Luft, jedem Moment einen klaren Punkt. Eine Verankerung, die man fühlen kann.“
Dreadnoughts schaute unwillkürlich auf seinen Chronographen. Die Zeiger bewegten sich gemeinsam im Sekundentakt. Er stöhnte.
„Der Einsatz. Ich muss mich beeilen. Was ist das hier? Wie komme ich hier wieder weg? Und wie bekomme ich Dich hier wieder weg?“
„Flynn und Charly regeln das diesmal für Dich. Ich schlage vor, Du kletterst rüber und lässt mich fahren. Du wirst den Weg niemals finden.“
Dreadnoughts schüttelte den Kopf. Wurde er doch langsam verrückt? Er rieb sich die Augen. Khaled stieg aus und ging um den Wagen herum. Dreadnoughts kletterte auf den Beifahrersitz hinüber und beäugte die Handschellen in der Halterung. Er wünschte sich, dass sie sie nicht brauchen würden. Für welchen Wahnsinn auch immer.



Anmerkung: Ich habe mir erlaubt, ein paar Sätze von Dir zu übernehmen, Dread.

Liebe Grüße von slainte music


Mich kann man nicht komprimieren!

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Nachrichten in diesem Thema
Gegen die Nacht (1) - von slainte - 21-12-2016, 16:50
RE: Gegen die Nacht (1) - von Dreadnoughts - 21-12-2016, 22:18
RE: Gegen die Nacht (1) - von slainte - 21-12-2016, 23:02
RE: Gegen die Nacht (1) - von Dreadnoughts - 21-12-2016, 23:52

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