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Es ist: 04-12-2020, 00:35
Es ist: 04-12-2020, 00:35 Hallo, Gast! (Registrieren)


Könige der Prärie - 5. Teil
Beitrag #1 |

Könige der Prärie - 5. Teil
Der Pfandleiher betrachtete das Collier von allen Seiten und gab vor, als hätte er wirklich Ahnung.
Sina musterte ihn forsch aus den Augenwinkeln und schwieg mit zusammen gekniffenem Mund. Nach einer ganzen Weile, die ihr fast wie eine Ewigkeit vorkam, legte der Pfandleiher betont gelassen das Collier auf den Tresen. Er stand zwischen Sina und dem Ladentisch, die Hand schwebte über der Halskette, als wolle er sein neues Eigentum sichern. „Nun“, er sprach die Worte langsam und gedehnt. „Das ist ja ein nettes Kettchen, das Sie mir da mitgebracht haben, meine Teure.“ Er lächelte milde, wie man über ein Kind lächelt, das seinen größten Schatz, schimmernde Kiesel, vorzeigt. Doch Sina bemerkte die Gier in seinen Augen und blieb gelassen, mit dem festen Vorsatz, sich nicht von diesem Männlein, das ihr nur knapp bis zum Kinn reichte, übertölpeln zu lassen.
„Aber von großem Wert ist sie natürlich nicht“, er sprach in väterlichem Tonfall.
„Ich kann Ihnen versichern, dass dieses Collier von einigem Wert ist“, brauste Sina heftig auf.
„Natürlich, natürlich“, stimmte er beruhigend zu. „Von ideellem Wert. Aber von materiellem … nein, leider nicht.“ Er machte eine kunstvolle Pause und ließ seine Worte wirken, um ihnen das nötige Gewicht zu verleihen. „Leider kann ich dir nur einige wenige Dollar zahlen, Kleine.“ Er war zu der vertraulichen Anrede übergegangen. Er legte ein paar Scheine auf den Tisch und zog dabei ein Gesicht, als wolle er sagen, dass er aus reiner Herzensgüte mehr zahlte, als die Ware wert war.
Sina lachte kurz auf. „Die Kette ist sehr viel mehr wert und das wissen Sie genau so gut wie ich.“ Sie machte Anstalten, nach dem Collier zu greifen. Sofort schoss die Hand des Pfandleihers vor und schloss sich wie eine Klaue um die Diamantkette. Auf seiner Stirn bildete sich eine steile Zornesfalte und er baute sich vor dem völlig verdutzten Mädchen auf.
„Zehn Dollar und keinen Penny mehr.“ Er lächelte eiskalt. Sina kannte sich mit amerikanischem Geld nicht aus, ahnte aber, dass zehn Dollar weit mehr als nur unter Wert waren. Bedrohlich machte der Pfandleiher einen Schritt auf sie zu. Sein Lächeln wirkte wie das eines alternden Raubtieres, das seine gelben Zähne bleckt. „Was hindert mich daran, mir die Kette einfach zu nehmen und dich aus meinem Laden zu werfen, du Diebin?“
Geringschätzig maß er Sinas schlanken Körper. Mit diesem jungen Ding wollte er schon fertig werden.
„Geben Sie mir das Collier zurück“, hauchte Sina. Panik stieg in ihr auf, das Herz schlug ihr heftig gegen die vom Korsett eingezwängten Rippen. Verstohlen schielte sie durch die weit geöffnete Ladentür, wo die Stadt in der brütenden Mittagshitze wie ausgestorben da zu liegen schien.
Aber natürlich kam ihr niemand zu Hilfe. Sie war auf sich allein gestellt. Noch einmal streckte sie die Hand aus. „Geben Sie mir mein Eigentum zurück“, forderte sie mit fester Stimme.
„Oder was?“, grinste er. „Ich rufe den Sheriff und behaupte, du hättest die Kette gestohlen, dann steht dein Wort gegen meines.“
„Und mein Gewehr gegen Euch“, schnarrte eine kratzige Stimme. Gleichzeitig wandten Sina und der Pfandleiher den Kopf. Auf Sinas Gesicht lag ein Ausdruck der Verwunderung, auf dem des Pfandleihers Angst.
Der Lauf eines langen Jagdgewehrs, das mit Sicherheit schon bessere Zeiten erlebt hatte, genauer gesagt, war es ein klappriger Schießprügel, dessen Einzelteile nur aus Treue zu ihrem Besitzer zusammenhielten, zeigte genau auf den Pfandleiher.
Der Eigentümer der Flinte hatte sein Äußeres der Waffe angepasst. Ein kleines dürres Männchen, hätte er als Bruder des Pfandleihers durchgehen können. Die Kleidung bestand aus zusammen gewürfelten Lederflicken, die im Laufe der Jahre dunkel geworden waren. Sein dichter Bart verdeckte fast das ganze Gesicht und ging nahtlos in borstiges Kopfhaar über, das bis in die buschigen Augenbrauen hing. Die verhutzelte Gestalt stand auf krummen Beinen, doch ließ seine Haltung keinen Zweifel darüber, dass er mit dem Gewehr umzugehen wusste.
Sina atmete hörbar auf. Ihre Rettung war in Gestalt dieses Gnoms gekommen. Der Pfandleiher schien ihn zu kennen. Sein Gesicht wurde kalkweiß und er brabbelte unverständliches Zeug vor sich hin. Das säbelbeinige Männchen kam näher. Der Lauf seines Gewehrs zielte genau auf die Leibesmitte des Pfandleihers.
„Gib dem Mädchen seine Kette zurück“, forderte er den Pfandleiher in gutmütigem Plauderton auf. Dieser war völlig außerstande, sich auch nur zu rühren. Schließlich bog Sina die um das Collier verkrampften Finger auf und nahm die Kette an sich. Mit einem glücklichen Seufzer drückte sie die Kette kurz an die Brust.
„El Commandante hat dich im Auge“, das Männchen drohte dem Pfandleiher freundlich mit dem Finger, doch sein Tonfall ließ keinen Zweifel, dass er es absolut ernst meinte.
Die Sonne schien alles verbrennen zu wollen. Unter Sinas kleinem, vornehmen Damenhütchen bildete sich am Haaransatz ein dicker Schweißfilm. Allein dem Männlein, das sich El Commandante nannte, schien die Hitze nichts auszumachen.
„Da habe ich ja noch einmal Glück gehabt, vielen Dank Herr Commandante“, dankbar schaute Sina ihren Retter an.
„Seien Sie auf der Hut, junge Dame. Es heißt nicht umsonst der Wilde Westen.“ Er grinste unter seinem dichten Bart, der Lauf seines Gewehrs zeigte auf den staubigen Boden.
Sina war ehrlich erstaunt, dass dieser Waldläufer so gute Erziehung zeigte.
„Was führt eine junge Dame so allein in unsere bescheidene Stadt?“, fragte er in einem väterlichen Plauderton. Aber Sina fand, dass sie für diesen Tag schon genug Vertrauen in die falschen Menschen gesetzt hatte. Ohne diesem El Commandante, was bestimmt nicht sein richtiger Name war, Böses unterstellen zu wollen.
„Das ist eine lange Geschichte“, winkte sie ab. „Danke noch einmal. Sie haben ein Erinnerungsstück an meine Mutter gerettet.“
„Dann passen Sie gut darauf auf, Fräulein“, antwortete der Commandante. Sein Schmunzeln verschwand fast völlig unter dem struppigen Bart.
„Werde ich tun“, versprach sie und ging den Weg zurück zum Saloon. Wirklich viel Erfolg hatte sie nicht gehabt. Während sie in Gedanken versunken dahin schlenderte, fiel ihr Blick auf eine Gruppe Männer. Ihre Kleidung war staubig und auch vermutlich schon ein paar Tage nicht mehr gewechselt worden. Die Kerle waren unrasiert und ihre unflätige Sprache hallte weit über die Stadt, doch ihre Waffen waren gut gepflegt und glänzten trotz des Staubes, der sich überall verteilte, in der Sonne.
Interessiert blieb Sina stehen. Einer der Männer malte einen Kreis an die Wand. Ein schwarzhaariger mit breiten Schultern, der mit dem Rücken zu Sina stand, legte an und traf nur einen Fingerbreit neben die Mitte des Kreises. Seine Kumpane johlten vor Vergnügen.
„Dixon, das macht dir keiner so schnell nach“, rief einer. Sein Konkurrent legte an, zielte und betätigte den Hahn und traf- nicht einmal die Markierung. Hämisches Gelächter von allen Seiten, als er wie ein geprügelter Hund davon schlich.
Sina trat näher. Vor Aufregung fühlte sich ihr Mund ganz trocken an, während ihre Hände schweißnass waren. Die Rettung aus ihrem und Katies finanziellen Debakel führte gerade ein Wettschießen aus. Ihre Hand umklammerte das Collier. Noch einmal wollte sie nicht riskieren, das wertvolle Stück zu verlieren. An ihrer Hand glitzerte ein Ring. Unter tosendem Beifall der aristokratischen Gesellschaft hatte der ihr aufgezwungene Verlobte ihn angesteckt. Sina kam es vor, als würde dieser Tag Jahrhunderte und nicht erst wenige Wochen zurück liegen. Sie erinnerte sich nur noch wie aus einem verblassenden Traum daran. Tags darauf war sie weggelaufen. Doch den Ring besaß sie noch immer. Vorsichtig versuchte sie ihn zu bewegen, er saß fest, doch die feuchten Finger kamen ihr gerade zupass. Zwar kostete es einiges an Mühe, aber schließlich glitt der Ring vom Finger in ihre Hand. Fast schon hasserfüllt starrte sie das Bisschen Gold an, das sie ihr Zuhause gekostet hatte. „Jetzt wirst du wenigstens zu etwas gut sein“, knurrte sie das edle Metall an und gesellte sich möglichst unauffällig zu den schießenden Männern. Schrittchen für Schrittchen drängte sie sich in die vorderste Reihe. Die Männer beachteten das Mädchen zunächst nicht.
„Na, junge Dame. Auch einmal probieren?“, hörte sie eine dunkle Stimme hinter sich, die ihr seltsam bekannt vorkam. Sie drehte sich um und ein freudiges Lächeln erhellte ihr Gesicht, als den Mann sah. „Schön, Sie wieder zu sehen. Ich hatte ja schon in der Eisenbahn die Ehre.“ Der Kerl, der von seinen Kumpanen Dixon genannt wurde, beugte sich über Sinas kleine Hand und deutete mit einem fast schon unverschämten Grinsen einen Handkuss an.
„Leider habe ich kein Gewehr“, hauchte Sina gespielt schüchtern.
„Du kannst meines nehmen.“ Sein Gesicht war dem ihren fast schon ein wenig zu nah. Mit der linken Hand gab er seinen Kumpanen fast beiläufig ein Zeichen und der Kreis wich um einige Schritte zurück. Es war eindeutig, wer das Sagen hatte. Ein flachshaariger Kerl nagelte eine Karte an die Wand. Dixon ließ sich von einem anderen Kumpan ein Gewehr bringen.
„Nun, meine Schöne. Was ist denn der Einsatz?“ Sein Grinsen verriet mehr als Worte.
Sina zeigte ihren Ring vor. Dixon nahm den schmalen Reif und biss darauf. „Echtes Gold.“ Er griff in die Hosentasche und brachte einige zerknüllte grüne Scheine zum Vorschein, die er auf den Holzklotz zu dem Ring legte. „Mein Einsatz. Jeder hat drei Versuche Wir schießen abwechselnd. Ein Treffer ins Herz löscht alles andere aus. Die Dame zuerst.“ Er machte einen übertriebenen Diener, seine Kollegen lachten unflätig.
Sina war eine gute Schützin. In besseren Tagen hatte ihr Vater sie oft zur Jagd mitgenommen. Früher, als ihre kleine Welt noch heil war und man sie nicht zwangsverlobt hatte. Sie atmete tief durch und versuchte, die Nervosität zu verdrängen, zielte, drückte ab und traf nicht einmal die Karte. Hämisches Lachen von allen Seiten. Dixon seufzte übertrieben mitleidig, legte an und traf genau zwei Fingerbreit neben dem Herz. Ein Raunen ging durch die Gruppe.
Sina war wieder an der Reihe. Sie zwang sich zur Ruhe und traf diesmal in die Karte, allerdings immer noch weit von dem eigentlichen Ziel entfernt. Dixon lächelte siegessicher. Mit dem kleinen Mädchen wurde er schnell fertig. Er legte den Arm um ihre Schulter und zog sie dicht an sich. Sein Atem roch nach Whisky. Zum ersten Mal kamen Sina erhebliche Zweifel, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte, als sie von zu Hause weglief. Schutzlos war sie jedem auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Diese Männer konnten nach Belieben mit ihr verfahren und selbst El Commandante würde sie da nicht heraus retten können.
„Was wollt Ihr noch?“, fragte sie kühl und befreite sich energisch aus Dixons aufdringlicher Umarmung.
„Den Einsatz erhöhen, um die Spannung zu erhöhen“, gab er zurück und grinste unverschämt unter dem schwarzen Schnurrbart. Seine dunklen Augen maßen das junge Mädchen. Sie gefiel ihm. Hochmütig ignorierte Sina seine offensichtliche Provokation und legte das Collier ihrer Mutter zu dem Ring und den Dollars.
„Da habt Ihr Euren erhöhten Einsatz“, sie spie die Worte mit kalter Verachtung aus. Beim Anblick des Colliers weiteten sich Dixons Augen für einen Moment kaum merklich, doch konnte er seine Erregung geschickt verbergen. Er unterließ einen zweiten Versuch, das Mädchen in seine Arme zu ziehen.
„Siehst du die Stute dort?“ Sinas Augen folgten seinem ausgestreckten Zeigefinger zu einem Pferd, das ein wenig abseits im Schatten angebunden stand. Dabei war es ihr völlig gleichgültig, ob der Zosse weiblichen oder männlichen Geschlechts war. Sie mochte keine Pferde und Reiten war auch mehr Verdruss als Vergnügen für sie. Leider waren Pferde und das damit verbundene Reiten ein notwendiges Übel in der Prärie, wo man mit den Kutschen feiner Damen nicht sehr weit kam. Was Sinas Aufmerksamkeit erregte, war das silbrig schimmernde Fell des Tieres, das wie ein frisch geprägtes Geldstück glänzte und die abschätzende Art, wie es aus feurigen Augen seine Artgenossen anblickte. Sina hatte etwas voreilig gehandelt und das wusste sie auch nur zu gut, doch war es jetzt zu spät, noch einen Rückzieher zu machen. Sie legte an und schoss, doch traf ihre Kugel nur einen Fingerbreit neben dem Herzen ein.
„Du wirst besser, kleines Mädchen“, kommentierte Dixon. Mit angehaltenem Atem beobachtete sie ihn. Er war höchstens dreißig Jahre und auf seine unverschämte Art erinnerte er Sina an einen Piraten. Der dunkle Teil ihres Wesens fühlte sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen, auch wenn sie sich derartige Gedanken verbat.
Dixon, seinen Vornamen behielt er lieber für sich, schien die Ruhe selbst zu sein. Mit größter Gelassenheit legte er an und die Kugel traf knapp über dem Herzen ein. Er war auf dem besten Weg zu gewinnen.
Enttäuscht ließ Sina ihr Gewehr sinken. Sie hatte Schadensbegrenzung betreiben wollen und war jetzt auf dem besten Weg, alles zu verlieren. So schlecht hatte sie noch nie zuvor geschossen. Stets hatte ihr Vater ihre ruhige Hand gelobt.
Mit dem Zeigefinger hob Dixon ihr Kinn. „Ein letzter Versuch. Alles gegen alles.“ Dixon sprach so leise, dass nur Sina ihn verstehen konnte. Sein Atem strich über ihren Hals und ein nicht unangenehmes Kribbeln kroch über ihren Rücken.
„Leider habe ich nichts mehr einzusetzen“, gab Sina resigniert zu.
„Du hast immer noch dich und du gefällst mir; kleines Mädchen.“ Einen Augenblick fiel die aalglatte Maske. In seinen unergründlich schwarzen Augen las sie die Begierde und plötzlich machte ihr Herz ein paar wilde Hüpfer. Ein rosiger Schimmer breitete sich über ihren Wangen aus.
Verlegen wandte sie sich ab. „Das kann ich nicht.“
„Nur eine einzige Nacht“, seine Lippen streiften kurz ihr Haar. Einer seiner Freunde wollte das Geschehen kommentieren, wurde aber mit einem Blick Dixons zum Schweigen gebracht. Dies waren Angelegenheiten des Bosses, in die sich niemand einzumischen hatte.
„Ich bin doch keine Hure“, zischte Sina wütend und versuchte, der mehr als unangenehmen Situation zu entkommen.
„Das bist du ganz sicher nicht“, flüsterte Dixon ihr ins Ohr. „Aber wenn ich dich jetzt gehen lasse, wirst du vielleicht zu einer.“
Einen Augenblick glaubte Sina, echte Besorgnis in den dunklen Augen zu lesen, dann setzte er wieder sein unverschämtes Grinsen auf.
„Du hast die Wahl. Selbstverständlich bestehe ich nur darauf, wenn du verlierst. Gewinnst du, gehört all das dir. Natürlich auch der Gaul.“
Die silberne Stute schnappte gerade mit eng an den Kopf gelegten Ohren nach einem der Kerle.
Sina dachte kurz nach. Keiner von ihnen hatte ins Herz getroffen, aber Dixon war näher dran, also galt er als Sieger. Sie hatte ihr altes Leben und die falsche Dünkelhaftigkeit abstreifen wollen. Aber deswegen mit einem völlig Fremden ins Bett steigen ging dann doch zu weit. Andererseits hatte sie nicht viel mehr zu verlieren.
Nur falls du verlierst, wisperte ein Stimmchen ganz weit hinten in ihrem Kopf.
Der Einsatz war beinahe zu hoch. Sie wandte sich ab. In ihrem Kopf herrschten die widersprüchlichsten Gedanken. Natürlich wollte sie sich nicht zur Hure machen, aber… das Verbotene übte plötzliche einen unheimlichen Reiz auf sie aus. Das Risiko ließ prickelnd ihren Körper erbeben. Sie setzte alles auf die sprichwörtliche Karte, die gerade auch an der Wand befestigt wurde.
Sina starrte auf die Waffe in ihrer Hand.
„Jeder hat nur einen Schuss“, hörte sie Dixons Stimme an ihrem Ohr. Wie zufällig berührte er Sinas Oberarm. Langsam schaute sie zu ihm auf, versuchte, den reinen Schurken in ihm zu sehen, wenn er nur nicht so verdammt gutaussehend gewesen wäre.
„Nur eine einzige Nacht“, hörte sie sich plötzlich sagen. „Sollte ich verlieren.“ Sie lächelte kühl.
„Braves Mädchen“, brummte Dixon mehr zu sich selbst. Die Kleine hatte Schneid. Er schlug in die ihm dargebotene kleine Hand.
Dixon als vorläufiger Sieger stand der erste Versuch zu. Seine Kugel verfehlte das Herz nur um wenige Millimeter.
„Das wird eng“, flüsterte Sina. Plötzlich war es ihr egal. Sie dachte nicht mehr darüber nach, dass sie jetzt völlig mittellos war. Die gesellschaftlichen Konventionen kümmerten sie nicht länger.
Dann soll er meinen Körper haben, dachte sie bei sich. Diesen schmierig grinsenden Kerlen, die in ihr lediglich eine Sache, der man sich beliebig bedienen durfte, sahen, wollte sie eine empfindliche Lehre erteilen. Kaltblütig legte sie an, zielte nur kurz, ohne lange nachzudenken und betätigte den Abzug. Der Schuss krachte so ohrenbetäubend, dass sogar sie selbst zusammen zuckte. Einen Moment wurde ihr schwindlig. Die drückende Schwüle, der Staub, der in alle Poren kroch und nicht zuletzt die Aufregung der letzten Stunden forderten ihren Tribut. Sie musste sich auf das Gewehr stützen. Der Geruch von Schießpulver brannte in ihrer Nase und vor ihren Augen tanzten kleine Punkte. Zwei aus Dixons Truppe rannten zu der Karte. „Mitten ins Herz“, rief einer völlig ungläubig. Sina brauchte einen Moment, um die Bedeutung der Worte zu verstehen.
„Was?“ Sie riss die blauen Augen weit auf und konnte es selbst kaum glauben. Sie bahnte sich einen Weg durch die Gruppe, die sich um die Karte drängte.
Sie hatte einen Meisterschuss geliefert. Die Kugel hatte das Herz genau durchbohrt. „Nun, Mister Dixon“, sie lachte froh. „Ein Schuss ins Herz löscht alles aus.“
Einer der Männer näherte sich von hinten und stieß Sina rüde zur Seite. Ein grober Kerl, dem man nicht nur ansah, dass er wieder ein Bad vertragen konnte, sondern auch riechen konnte. Er kaute Tabak und seine blutunterlaufenen Augen musterten das Mädchen auf eine widerliche Art, dass sie unbewusst einen halben Schritt hinter Dixon machte, der sich zu ihr gesellt hatte, so als würde sie Schutz bei ihm suchen.
Der Kerl fuhr sich mit der Zunge über die aufgesprungenen Lippen und zeigte dabei eine Reihe fauliger, abgebrochener Zähne. Sina drehte sich der Magen um.
„Man kann die Spielregeln auch ändern“, er grinste lüstern. „Wer sollte uns daran hindern?“
 Ängstlich schaute Sina auf Dixon, in dessen Gesicht eine Veränderung vorging. Er schob sich zwischen seinen Kumpan und Sina. „Ich.“
Überrascht schaute der Kerl ihn an.
„Das Mädchen hat gewonnen und du lässt deine dreckigen Finger von ihr.“ Dixons Gesicht war weiß geworden und seine Augen funkelten wie Onyxe.
Der Kerl wich vor der kalten Wut seines Bosses zurück, doch seine Miene verriet, dass in dieser Angelegenheit das letzte Wort für ihn noch nicht gesprochen war.
Mit schiefem Blick zu den beiden zog er sich zu einer fast leeren Whiskyflasche zurück. Sina gestattete sich einen kleinen geheimen Seufzer. „Ähm, ich gehe dann wohl besser.“ Sie reichte Dixon das Gewehr.
„Behalte es“, murmelte er gerade so laut, dass nur sie ihn verstehen konnte und drückte ihr die Waffe in die Hände. „Du wirst es da draußen noch brauchen.“ Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck der Besorgnis.
Sina befestigte die Waffe am Sattel der glänzenden Stute. „Diese Farbe nennt man Cremello. Sie ist eine Lady.“ Seine Mundwinkel glitten nach oben und zeigten den Anflug eines echten Lächelns.
Die beiden waren allein. Dixons Männer hatten sich in den Schatten zurückgezogen und glichen ihren Flüssigkeitsverlust mit Branntwein aus. Überrascht schaute Sina den hochgewachsenen Mann an. Er schien ehrlich besorgt um sie zu sein, dabei hatte er sie vor ein paar Minuten noch in seinem Bett sehen wollen.
„Die Prärie ist nicht der richtige Ort für eine junge Frau wie dich“, er sprach nüchtern und ohne jegliche Anzüglichkeit mit ihr. Seine Finger spielten mit einer gelösten Haarsträhne Sinas. „Scheue dich nicht, das Ding“, mit einer Kopfbewegung zeigte er auf das Gewehr, „auch einzusetzen.“
„Ich werde auf mich achtgeben“, versprach Sina und schlug die Augen nieder. Einen Moment hatte sie wirklich überlegt, wie es wäre, ihn zu küssen. Sie nahm die Zügel der Stute, die sie Silver nannte und ging davon, zurück zum Saloon.
Dixon schaute ihr nach, bis sie verschwunden war, dann fiel sein Blick auf den Holzklotz, wo ein schmaler goldener Ring in der Sonne glänzte. Er nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn nachdenklich. Der Reif passte nicht einmal auf seinen kleinen Finger. Verstohlen steckte er den Ring ein. Die Botschaft hatte er verstanden. Sina hatte ihm ein Andenken hinterlassen.
„Wir sehen uns wieder, kleines Mädchen“, versprach er leise.

6.Teil

Den Stil verbessern, das heißt den Gedanken verbessern

(Friedrich Nitzsche)



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Nachrichten in diesem Thema
Könige der Prärie - 5. Teil - von Persephone - 18-04-2017, 13:48
RE: Könige der Prärie - 5. Teil - von coco - 21-04-2017, 22:42

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