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Es ist: 30-11-2020, 05:23
Es ist: 30-11-2020, 05:23 Hallo, Gast! (Registrieren)


Könige der Prärie - 8. Teil
Beitrag #1 |

Könige der Prärie - 8. Teil
Der Häuptling Sakima hatte im zarten Alter von fünfzehn Wintern Amt und Ehre von seinem Vater übernommen und sich seitdem einen Namen gemacht. Von seinen Freunden, er besaß davon nur wenige, wurde er verehrt.
Seine Feinde, und dazu gehörte auch Yumas Vater, der Häuptling der Apachen, hätten den jungen Rivalen am liebsten mit seinem Vater in den ewigen Jagdgründen vereint gesehen.
Yuma zügelte sein Pferd und gebot seinen Begleitern ebenfalls, langsam zu machen, indem er die rechte Hand hob.
Sina wäre beinahe auf Dixons schweren Fuchshengst aufgeritten, der drohend ein Hinterbein hob. Sofort legte Silver die Ohren flach an den Kopf. Als Artgenosse akzeptierte sie nur Harlekin.
„Ist etwas geschehen?“, rief Katie und stellte sich in den Steigbügeln auf, um besser sehen zu können. Sie kniff die Augen zusammen, die Sonne schien ihr genau ins Gesicht. Irgendwo in der Ferne sah sie drei dunkle Punkte, die alles Mögliche hätten sein können und die rasch näher kamen. Sie presste kurze die Beine an den Bauch ihres Hengstes und befahl ihm so, sich neben Yumas Apaloosa zu stellen. Sina war froh über die Verschnaufpause und brach fast über ihrem Sattelhorn zusammen.
Die drei Punkte flogen rasch näher und Katie erkannte, dass es sich um drei Reiter handelte. Indianer, wie ihr langes schwarzes Haar, das offen im Wind wehte, verriet. In leichtem Galopp erklommen sie den kleinen Hügel.
Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen, als sie den Apachen und die drei Weißen sahen. Alle drei Reiter trugen Köcher mit gefiederten Pfeilen auf dem Rücken und führten einen Bogen mit sich. In ihren Gürteln steckten Messer und kurze, indianische Beile, Tomahawks genannt. Ihre untere Gesichtshälfte war mit blauer Farbe bemalt. Der erste der drei, er saß auf einem nervös tänzelnden schwarz-braunen Hengst, sprach Yuma mit barscher Stimme an. Katie konnte nur die Worte Apache und Lakota heraushören. Sina hing auf dem Hals ihres Pferdes und war nicht ansprechbar. Silver hatte sich zu Harlekin gesellt und schnupperte an seinem Hals. Jetzt da sie in der Nähe ihres Freundes war, hatte sich auch ihre Laune deutlich gehoben. Ihre Reiterin kümmerte das nicht. Sie kämpfte mit den Nachwirkungen ihres ersten Rausches. Die fremden Indianer registrierte sie nicht. Die fremden Laute rieselten monoton auf sie ein und wirkten wie ein Schlaflied, weder Apache noch Lakota war ihr geläufig. Ihre Reisesprache mit Dixon und dem Indianer war englisch, das hatte sie leidlich gelernt. Mit Katie sprach sie zumeist deutsch.
Vorsichtig öffnete sie ein Auge. Das grelle Sonnenlicht peinigte sie unbarmherzig. „Sind wir schon da?“, fragte sie auf Deutsch.
„Pscht“, Katie machte eine forsche Handbewegung. „Das sind keine Apachen. Klingt, als wären wir auf ihrem Gebiet.“
„Was sagen sie?“, stöhnte Sina. Zum logischen Verständnis war sie derzeit nicht in der Lage. Schwach erinnerte sie sich, dass sie zwei oder mehr tiefe Züge aus Dixons Flasche genommen hatte und irgendwann eingeschlafen war. Der zweite Indianer ritt einige Schritte auf die Mädchen zu. Scharf blickte er Katie an. „Was hat sie?“, fragte er mit starkem Akzent und zeigte auf Sina.
Dixon wollte zu Hilfe eilen und antworten, doch der Indianer hob nur kurz ungeduldig die Hand und brachte ihn zum Schweigen. „Ich habe die Frau mit Haaren wie Feuer gefragt.“ Widerstand war zwecklos. Das Alter des Roten ließ sich schwer schätzen. Zwischen zwanzig und fünfzig Jahren war alles möglich. Obwohl sich in dem fast schon blau schimmernde Haar nicht auch nur ansatzweise graue Strähnen zeigte, war sein Gesicht von tiefen Furchen gezeichnet. Sein unbedeckter Oberkörper war von zahlreichen Narben, stumme Zeugen vieler Kämpfe, übersät. Sein Blick schien sich in Katie bohren und die Wahrheit aus ihr herausziehen zu wollen.
„Meine Schwester ist krank“, sie sagte das Erste, das ihr einfiel und fand, soweit wäre sie von der Wahrheit nicht entfernt, wenn man es im rechten Licht betrachtete. Letztendlich handelte es sich lediglich um eine Frage der Interpretation. „Wir müssen sie ins Dorf der Apachen bringen, damit sie genesen kann.“
Prüfend schaute der Lakota sie an. Katie hielt seinem Blick gelassen stand. Er rückte näher an Sina heran. Der Geruch von starkem Rum beleidigte seine empfindliche Nase. Angewidert verzog er das Gesicht und die Furchen gruben sich noch tiefer ein. „Krank?“, wiederholte er und es klang, wie eine Drohung. “Diese Krankheit rührt von zu viel Feuerwasser.“ Finster blickte er Katie an.
Der dritte Lakota schien jünger als die beiden anderen. Am Hinterkopf waren drei Adlerfedern in seinem Haar befestigt. Er saß auf einem Rappen mit langer, seidiger Mähne. Er rief etwas in seiner Sprache, seine dunklen Augen funkelten belustigt und er wirkte weder böse noch angespannt. Vielmehr schien er sich, auf freundliche Art, über die beiden Mädchen zu amüsieren. Dixon und den Apachen beachtete er nicht einmal. Beim Lachen blitzten seine weißen Zähne gegen den dunklen Teint.
Der Angesprochene antwortete mit einem tiefen Grollen, musterte die beiden Mädchen noch einmal mit kaltem Blick und wendete sein Pferd ab.
Der erste, der sie angesprochen hatte, ergriff wieder das Wort. „Euch ist gestattet, auf dem Land der Lakota zu reisen“, sein Tonfall verriet, dass er dies sehr bedauerte. „Aber nur bis zur Furt des Flusses, der die Grenze bildet.“
Katie atmete hörbar auf und auch Dixon sah man die Erleichterung an. Yuma behielt seine Gedanken für sich. Die Lakota ritten weiter und Katie hätte schwören können, dass der dritte ihr zuzwinkerte, als er an ihr vorbei ritt.
Die Hufe der Pferde patschten durch die Furt und kaltes Wasser bespritzte die vier Reiter. Sina wurde etwas munterer. Langsam klangen die Kopfschmerzen ab und aus dem Bienenstock in ihrem Kopf wurde ein sanftes Pochen hinter den Schläfen. „Nie wieder Alkohol“, schwor sie im Stillen.
„Wer waren die drei?“, fragte Katie, kaum dass sie die andere Seite erreicht hatten. Yuma presste die Lippen zusammen, bis sie nur noch ein schmaler Strich waren. „Lakota. Todfeinde der Apachen.“
„Der Wald am Fluss ist neutrales Gebiet“, ergänzte Dixon. „Bis zum Dorf der Apachen ist es nur noch ein Tagesritt.“ Dixon sprach etwas zu schnell. Sein Tonfall erweckte Katies Misstrauen. Er wandte sich an den Indianer. „Wenn Ihr erlaubt, werde ich die Fährte verfolgen, um herauszufinden, was die Lakota planen.“
„Er kann gar nicht schnell genug von uns wegkommen“, wisperte Katie der Freundin zu. Yuma schien die Gedanken zu teilen, doch wirkte er erleichtert. „Das Bleichgesicht handelt klug, vom Dorf der Apachen fernzubleiben. Die beiden Mädchen sind hier sicher.“
Sina zog sich im Sattel hoch, auch wenn ihre Haltung immer noch nicht wie gewünscht war. „Ihr wollt uns verlassen, Mister Dixon?“ Ihre Frage klang wie eine Feststellung.
Dixon wand sich wie eine Schlange am Boden. „Genau wie mein tapferer roter Bruder sagte.“ Yumas Miene besagte, dass er mit Sicherheit keinen Bruder in Dixon sah. „Auf dem Land der Apachen seid ihr in Sicherheit.
Die beiden Mädchen sahen sich an. Sina zog eine Grimasse. Tags zuvor hatte Dixon die Mädchen noch vor den Fängen der Apachen schützen wollen und jetzt ließ er sie schnurstracks ins Dorf marschieren. Die Lakota auszuspionieren war da lediglich eine schwache Ausrede, sich von den dreien abzusetzen. Katie erinnerte sich, dass Dixon eine Fährte gelegt hatte. Irgendetwas plante er und es gefiel ihr nicht. Sie überlegte, ob sie Yuma davon berichten sollte. Später wenn sie unter sich waren.
Dixon zog vor den Mädchen den Hut und nickte Yuma zu, der den Gruß mit unbewegter Miene knapp erwiderte. Der schwere Fuchshengst wendete geschmeidig auf der Hinterhand und galoppierte durch die flache Furt, dass das Wasser nur so aufschäumte.
Eine Veränderung ging im Gesicht des Apachen vor. Die steile Falte zwischen den Brauen verschwand wie eine Regenwolke an einem Sommertag und ein Strahlen ging über sein Gesicht. Er sah jetzt aus, wie ein siebzehnjähriger junger Mann und nicht der harte Apachenkrieger. Die grünen Augen blickten weicher.
„Kommt“, sagte er und selbst seine Stimme hatte einen freundlicheren Klang. „Das Dorf der Apachen ist nicht mehr fern.“
„Wer von den drei Lakota war denn der Häuptling?“, fragte Katie und hätte sich im nächsten Moment ohrfeigen können. Sie ahnte bereits, dass sie den Finger in eine offene Funde legte.
Ein Schatten fiel über Yumas Gesicht, der genau so schnell wieder verschwand. Sakima war und blieb sein Feind. „Er saß auf einem schwarzen Pferd und trug als Zeichen seines Standes drei Federn im Haar“, antwortete er knapp.
Der mit den funkelnden Augen, dachte Katie. „Ich habe immer geglaubt, Häuptlinge reiten Schimmel“, fragte sie möglichst harmlos.
Doch Yuma gab sich bedeckt. „Indianer niemals reiten weißes Pferd. Viel zu auffällig.“ Damit war die Unterhaltung beendet und Katie bohrte auch nicht weiter. Trotzdem hätte sie gerne mehr über diesen Sakima in Erfahrung gebracht, der einen nicht geringen Eindruck auf sie hinterlassen hatte. Sie ärgerte sich über ihr verräterisches Herz, das bei dem Gedanken rasch ein paar Takte schneller schlug. Im Nachhinein bedauerte sie, den Lakota nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt zu haben.
Am späten Nachmittag des nächsten Tages erreichten sie müde und sattelwund das Dorf der Apachen. Sina hatte sich von ihrem Kater weitestgehend erholt.
Kinder tobten umher, Hunde bellten. Feuer ersetzten das schwindende Licht des Tages und in der Luft lag der Duft von kross gebratenem Fleisch. Die Mägen der erschöpften Mädchen knurrten laut.
Yuma führte die beiden zum größten Zelt, das mitten im Dorf stand. Die Außenhaut war mit kunstvollen Malereien verziert und zwei Krieger, beide mit einem langen, spitzen Speer bewaffnet, bewachten den Eingang.
Yuma sagte etwas in seiner Sprache und augenblicklich gaben die beiden den Weg frei. Die drei betraten das Zelt, das so hoch war, dass ein erwachsener Mann bequem darin stehen konnte. In der Mitte brannte ein Feuer, das mit flachen Steinen eingefasst war. Um die Feuerstelle saßen im Halbkreis vier Männer und unterhielten sich in der Sprache der Apachen. Als Yuma mit den beiden Mädchen eintrat, jäh verstummten sie. In der Mitte der vier saß einer, der wie die ältere Ausgabe von Yuma aussah, etwas erhöht auf einem Hocker, der von bestickten Decken verdeckt wurde. Als er den Jungen erblickte, leuchteten seine Augen für einen kurzen Moment auf. Er erhob sich, trat vor und legte Yuma beide Hände auf die Schultern, während er kurz mit ihm in seiner Muttersprach redete. Der Jüngere antwortete in zwei kurzen Sätzen auf Apache, dann wechselte er zu Englisch. „Yuma verdankt diesen beiden tapferen weißen Mädchen sein Leben. Banditen hatten ihm schon eine Schlinge um den Hals gelegt.“
Der Indianer wandte sich an die beiden Mädchen. „Ist das wahr?“
„Wir kamen zufällig hinzu“, berichtete Sina und Katie ergänzte: „Das hätte jeder andere auch getan.“
Sie benutzte eine dumme Floskel und war sich dessen auch bewusst. Der Häuptling indes überging sie, als sein Sohn etwas auf Apache sagte. „Deinen Vater suchst du?“, fragte er freundlich.
„Und ich habe ihn gefunden“, stieß Katie leise hervor. Aus dem Schatten des Zeltes löste sich eine Gestalt. Gekleidet wie ein Indianer mit Lederhemd und ausgefransten Leggins, doch mit deutlich kürzerem und hellerem Haar als die Roten.
„Guten Abend, Vater“, sagte sie trocken.
Obwohl Katie und ihr Vater einige Fuß vom Zelt entfernt standen, war drinnen jedes Wort deutlich zu vernehmen. Sie hatten das Häuptlingszelt verlassen, um unter vier Augen zu sprechen. Auch wenn nur Sina die beiden verstand, die lautstark auf Deutsch diskutierten.
„Zur Hölle. Warum bist du nicht im Kloster geblieben?“, herrschte ihr Vater sie an. „Allein durch den wilden Westen reiten mit so einem jungen Mädchen.“ Er unterdrückte nur mühsam seinen Zorn.
„Ich bin zwanzig Jahre alt. Schon vergessen?“, fauchte Katie zurück. Dies stimmte zwar nicht ganz, denn ihr Geburtstag war erst im November.
„Du bist immer noch nicht volljährig“, schnarrte ihr Vater. „Bist du weggelaufen?“ 
Katie biss sich auf die Lippen. Er sollte niemals von den Schlägen im Kloster erfahren und dass ihr Onkel sie von dort weggeholt hatte.
„Ich freue mich auch, dich wiederzusehen, Vater“, antwortete sie voller Zynismus. „Es ist ja nicht so, dass ich wochenlang den Ozean überquert habe und durch die Wildnis geritten bin. Vielen Dank für deine herzliche Begrüßung.“
„Also doch.“ Mit drei langen Schritten kam er so bedrohlich auf sie zu, dass sie erschrocken zurück wich. „Hier kannst du nicht bleiben“, er fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. „Morgen werden Apachenkrieger dich und deine Freundin zurück nach Roswell geleiten, dort nehmt ihr den Zug nach Boston, von wo aus ein Schiff zurück nach Deutschland geht.“ Er blickte sie scharf an. Katie wollte gerade zum Widerspruch ansetzen, als er sie mit einer unwirschen Handbewegung unterbrach. „Ich gebe dir etwas Geld mit und werde deiner Großmutter schreiben, dass sie sich um dich kümmert, bis wir über deine Zukunft entschieden haben.“
Abwehrend hob Katie die Hände. „Ich gehe nicht zurück ins Kloster. Vergiss es.“
„Hier kannst du auch nicht bleiben“, donnerte er zurück. „Das ist doch Wahnsinn.“ Er sprach mehr zu sich selbst, als zu seiner Tochter. „Zwei Mädchen allein im wilden Westen. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was alles hätte passieren können.“
„Deswegen haben wir auch Yumas kleinen Arsch gerettet“, schrie Katie unter Tränen plötzlich zornig auf. „Sina und ich haben allein vier Banditen in die Flucht gejagt.“ Zur Bekräftigung hielt sie ihm vier Finger vors Gesicht. „Vier.“ Dixons Dazukommen in letzter Minute unterschlug sie wohlweislich.
Sie schob sich an ihrem Vater vorbei und rannte in die Dämmerung. „Katie. Katharina“, die Rufe ihres Vaters verhallten im scheidenden Licht des Tages.
Stumm saß Katie auf einem bequemen Stein und starrte über den breiten, gemächlich dahin fließenden Fluss, der sich wie ein grünes Band zwischen steilen Felsen schlängelte.
Am Himmel stand der abnehmende Mond, begleitet vom Abendstern. In einem nahegelegenen Dornenbusch zwitscherte ein ihr unbekannter Vogellei. Katie war so sehr in ihre eigene Gedankenwelt versunken, dass sie den Häuptling, der sich ihr fast lautlos näherte, zuerst gar nicht bemerkte. Romeo und Julia lag auf ihrem Schoß. Geistesabwesend strich sie über den Buchdeckel.
„So gemächlich der Fluss dahin zieht, kann seine Strömung mitunter reißend sein“, hörte sie plötzlich eine tiefe Stimme hinter sich. Sie drehte den Kopf und sah in das freundliche Gesicht des Apachenhäuptlings.
Taim war sein Name, wenn sie sich recht erinnerte. Während des Streitgesprächs hatte ihr Vater ihn genannt. Donner. Indianernamen hatten immer irgendwelche Bedeutungen. Sakima hieß übersetzt König. Wieder machte ihr Herz diesen verräterischen Hüpfer. Sie musste ihn vergessen, denn sie würde ihn niemals wieder sehen.
„Darf ich mich setzen?“, fragte Taim höflich. Katie rutschte wortlos zur Seite und der Häuptling nahm neben ihr Platz. „Die Strömung ist wichtig, denn sie hält das Leben in Gang“, nahm er den Faden wieder auf. „Allerdings darf man sich vom Strudel nicht in die Tiefe reißen lassen.“
Fragend schaute Katie den Apachen an. Sie verstand den Sinn hinter seinen Worten nicht.
„Der Zorn reißt dich und deinen Vater mit hinab in die Dunkelheit“, erklärte Taim. Wütend sprang Katie auf. Romeo und Julia landete im Staub. Geduldig blieb Taim sitzen. Sein Sohn war ungefähr im gleichen Alter wie dieses Mädchen, dessen Haar an eine leuchtende Flamme erinnerte. Er kannte die hitzigen Ausbrüche der Jugend zu Genüge und begegnete ihnen mit Nachsicht. Zeit und bittere Schule des Lebens ließen sie zur Weisheit reifen. Er hob das Buch auf und wischte mit der flachen Hand den Staub ab. „Was liest du da?“, fragte er in unverfänglichen Plauderton.
„Eine Liebestragödie“, Katie gab sich mürrisch. „Romeo und Julia. Nichts Besonderes.“ Sie zuckte gelangweilt mit den Achseln. Taim lächelte nachsichtig und schlug das Buch an einer beliebigen Stelle auf. Er tippte mit dem Finger auf eine Zeile. „Ist das die Sprache der Weißen jenseits des großen Wassers? Leider verstehe ich die Worte nicht.“
Katie las stumm. So einzig‘ Lieb aus großem Hass entbrannt. Sie setzte sich wieder neben den Häuptling. Vornübergebeugt, die Hände zwischen den Knien, starrte sie auf den Boden.
„Ich hasse meinen Vater nicht“, sagte sie nach einer ganzen Weile des Schweigens. „Es ist nur so, dass ich … Ich bin…“ Sie wusste selbst nicht, was sie war.
„Du bist zornig und enttäuscht. Vor allem bist du enttäuscht“, beendete Taim ihren Satz.
Katie nickte langsam. „Ich habe mein Leben im Kloster gefristet, ohne meinen Vater zu kennen. Er schrieb mir und einmal im Jahr hat er mich auch besucht. Aber das war schon alles. Eigentlich kenne ich ihn kaum.“ Sie lachte bitter auf. „Das letzte Mal besuchte er mich zu meinem sechzehnten Geburtstag vor vier Jahren, danach schrieb er nur noch. Immerhin erhielt ich drei Briefe im Jahr.“
Taim schwieg. Aus Erfahrung wusste er, dass ein offenes Ohr oftmals mehr bewirkte, als ein ungebetener Rat.
Aus Katie sprudelten die Worte nur so hervor. „Ich bin hunderte Meilen durch die Prärie geritten, habe mich mit Banditen geprügelt, nur um den Mann zu sehen, der sich mein Vater nennt.“ Ein trockener Schluchzer entrang sich ihrer Brust. „Und was macht er? Hat nichts Besseres zu tun, als mich wieder wegzuschicken.“ Sie starrte wieder auf den Fluss, dessen jadegrünes Wasser sie in der Dunkelheit nicht sehen konnte.
Der Apache wiegte gedankenvoll den Kopf. Selbst für ihn war es jetzt schwierig, die richtigen Worte zu finden.
Er wollte Katie nicht belügen. Andererseits war es auch noch zu früh, sie die ganze Wahrheit wissen zu lassen.
Die Tatsache, dass ihr Vater, der Freund und weiße Lehrer, als der er seit vielen Wintern im Wilden Westen bekannt war, hatte bei dem Stamm eine Zuflucht gefunden. Nach dem Verlust von Frau und Kind begann er mit dem Trinken und verfiel dem Goldrausch, wie Tausende vor und nach ihm, die über das große Wasser nach Kalifornien kamen. Getrieben von der Gier nach dem gelben Metall.
Schnell hatte er einen nicht allzu kleinen Claim für sich beansprucht und die Besitzrechte eintragen lassen. Genauso schnell verlor er ihn auch wieder. Teils durch Glücksspiel, teils weil er im Branntwein einen zweifelhaften Ersatz für die verlorene Familie fand, bis er eines Tages zwischen die Fronten von weißen Banditen und den Indianern geriet. Im Kampf gegen das Böse und seinen unermüdlichen Einsatz für den Frieden zwischen Weiß und Rot fand er einen neuen Lebenssinn. Dennoch hatte er nie das kleine Mädchen mit den roten Locken vergessen und trug stets ein Bildnis von ihr in der Brusttasche. Doch die Jahre flogen vorüber und aus dem kleinen Mädchen war eine junge Frau geworden, die sehr bald unbequeme Fragen stellen würde.
„Er liebt dich sehr, Katharina“, sagte der Häuptling bedächtig. Katie entging nicht, dass er sie mit ihrem vollen Namen ansprach, statt der Abkürzung Katie, wie es eigentlich jeder tat.
„Tut er das?“, fragte sie schmerzerfüllt und vermied Taims Blick. Sie wartete seine Antwort nicht ab, sondern zog ihr Hemd ein Stück hoch und entblößte den Rücken.
Der Häuptling, der schon in vielen Kämpfen einiges an Blutvergießen gesehen und auch dazu beigetragen hatte, konnte nur ein erschrockenes „Uff!“ ächzen, als er die Narben sah, die der Rohrstock hinterlassen hatte.
Katie bedeckte wieder den Rücken. „Ich habe es ja überlebt.“ Sie sprach mit kaltem Zynismus. „Aber so sehr liebt er mich, dass er das zugelassen hat.“
„Ich werde mit meinem weißen Bruder sprechen“, versprach der Häuptling und mühte sich, das Zittern in seiner Stimme zu unterdrücken. Die brutale Gewalt, die man dem jungen Mädchen angetan hatte, erschütterte ihn bis ins Mark. „Du und Sina seid immer willkommen bei den Apachen.“
„Ich danke Euch, Häuptling“, gab Katie förmlich zurück.

9.Teil

Den Stil verbessern, das heißt den Gedanken verbessern

(Friedrich Nitzsche)



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Könige der Prärie - 8. Teil - von Persephone - 02-05-2017, 16:04
RE: Könige der Prärie - 8. Teil - von coco - 02-05-2017, 19:55

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