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Es ist: 01-12-2022, 21:26
Es ist: 01-12-2022, 21:26 Hallo, Gast! (Registrieren)


Im Regen geboren (3)
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Im Regen geboren (3)
« 2. (Bus) Chamäleon


3. (Rosengarten) Vater

„Ein Käsebrötchen und eine Apfelschorle, bitte.“ Chamäleon legte das abgezählte Kleingeld auf den Tresen, während Leah nach dem Essen griff. Sie hatte keinen Appetit, in ihr lag zu viel Beklemmung, um jetzt in Ruhe etwas zu essen; weiterzuleben.
„Iss trotzdem etwas. Versuch es wenigstens.“
Sie nickte kaum merklich, als sie den Kiosk wieder verließen.
Halbherzig biss sie in das Brötchen. Chamäleon führte sie zu einer Bank, von der aus sie die Rosen sehen konnte, die bestimmt erst im Laufe des Tages ihre regenverschmierten Blüten wieder zu voller Farbe gebracht hatten. Die Sonne legte einen wohligen Schimmer auf ihre Häupter.
„Als wir das letzte Mal hier waren, kannten wir uns noch nicht.“
Sie biss noch einmal von ihrem Brötchen ab, jeder Klumpen Essen gelangte nur widerspenstig in ihren Magen. Leah nickte nur, bevor sie das Essen zurück in die Tüte packte und die Knie an den Körper zog.
Gedankenversunken betrachtete sie die Rosen vor sich. Jede zu jung, um sich an ihre erste Begegnung vor zwei Jahren zu erinnern.
„Was wollen wir hier?“ Das Schotterknirschen von Spaziergängern im Hintergrund.
„Du isst was, darum sind wir hier.“
„Ich hätte auch Zuhause ... ich meine, da, wo ...“ Herbstblätterrauschen. „Ich hätte überall etwas essen können. Überall, aber dieser Ort hier ... der ist besonders.“
Chamäleon nickte schweigend. Dann stand er auf und stellte sich an den Zaun, der den Garten neben dem Rosenbeet begrenzte. Er strich mit den Fingern über das Holz, an dessen tiefbrauner Farbe die Zeit genagt hatte. „Er müsste einmal wieder gestrichen werden“, wandte er sich an Leah. „Ich habe noch etwas Farbe Zuhause.“ Nach einem Zweig greifend beugte er sich nach unten, richtete sich wieder auf und imitierte eine Streichbewegung. „Ja, so sollte er bald wieder aussehen wie frü...“
„Er wird nie wieder so aussehen.“ Sie stieß ihm den Stock aus der Hand. „Auch wenn du ihn noch zehn Mal anstreichst. Es wird nicht mehr dasselbe sein.“
„Aber es könnte so ähnlich sein, so ähnlich oder besser. Man muss nur anfangen, verstehst du? Anfangen und dann wird es so.“
Wut schrieb Falten in ihr Gesicht. „Nein, verdammt!“
Die Bilder der Vergangenheit waren vor ihrem Auge verblasst, bevor sie Chamäleon das erste Mal getroffen hatte. Chamäleon, der dem Zaun seine alte Farbe zurückgegeben und für einen Moment eine ehemalige Gegenwart heraufbeschworen hatte. Doch es war nicht dasselbe gewesen, selbst wenn die Umgebung geblieben war. Derselbe Gartenzaun, doch ein anderes Kopffoto. Keine Übereinstimmung.
„Leah, was ist los? Darüber reden wir seit Monaten.“ Er setzte sich wieder auf die Bank und nahm den Hut vom Kopf, begann ein weiteres Mal, an dem Band zu zupfen. Sein Blick befahl Leah geradezu, sich neben ihn zu setzen. Doch sie blieb stehen.
In ihren Gedanken reflektierten sich die letzten Wochen; Worte von Mut, vom Anfang, davon, dem Innersten nachzugehen. Wie im Zeitraffer rasten sie an ihr vorbei, in ihr vorbei, und wurden ersetzt von den Bildern der letzten Nacht, all die Stunden einnehmend, die den großen Worten gedient hatten. Und zu nichts geworden waren.
„Zu spät“, gab sie leise von sich. „Du hast gesagt, es würde sich besser anfühlen, wenn man anfängt. Wenn man anfängt, sich selbst zu überwinden. Und wenn man dem plötzlichen Gefühl nachgeht, das wäre richtig. Das wäre richtig! Hast du gesagt.“ Viel kräftiger war ihre Stimme jetzt. „Und es ist falsch.“
„Warum ist es denn falsch?“ Unverstehen besetzte den Platz unter seinen Lidern. „Warum ist es falsch, Leah? Weil dein Vater tot ist? Das ist traurig und du wolltest es nicht. Aber du wolltest dieses Haus anzünden. Du wolltest es, du hast es doch gefühlt.“
Ein unnatürlicher Knall erklang, als ihre Handfläche auf seine Wange traf. Sie behielt die Luft in der Lunge und drückte ihre Finger mit aller Kraft auf sein Gesicht. Seine Augen suchten nach ihren, doch sie schaute weg. Konzentrierte alle Wut auf den Mann, der sie hierher gebracht hatte. Schaute weg, bis er endlich ihre Hand von seiner Wange löste und Leah an beiden Armen festhielt.
„Lass – mich – los!“, schrie sie ihn an, schwer atmend. Doch stattdessen stand er auf und überragte sie nun um mehr als einen Kopf. „Du sollst mich loslassen!“
Chamäleon starrte sie an, eindringlich, dann stieß er sie von sich fort. Sie stolperte nach hinten, fiel fast in das Rosenbeet und schaffte es gerade so, sich noch zu fangen. Halb in der Hocke und sich mit einem Arm am Boden abstützend schaute sie zu ihm nach oben. Wie ein Tyrann stand er über ihr, zum Gegenschlag bereit. Doch in seinen Augen fand sie Entsetzen.
Er wandte sich ab, ihrem Blick entgehend.
„Wo willst du hin?“, brachte sie zwischen zwei Atemzügen hervor und er stockte in der Bewegung. „Du kannst doch nicht weglaufen! Das hast du selbst gesagt. Man kann nicht weglaufen, früher oder später kommt alles zurück.“ Chamäleon fühlte die Taschen seiner Latzhose ab, fand, wonach er suchte und drehte sich wieder zu Leah um. Die rechte Hand zu einer Faust geschlossen, Zorn darin ballend.
Bevor er etwas erwidern konnte, stand sie auf und wischte ein paar Kieselsteine von ihrer Handfläche. Rote Abdrücke zeugten von seinem Griff, Schmerz pochte leise in ihren Gelenken.
Als Chamäleon wieder das Wort ergriff, klang seine Stimme fremd. Nicht mehr beruhigend, sondern als wäre sie in den letzten Minuten mit Bedrohlichkeit geölt worden. „Was bildest du dir eigentlich ein?!“ Er kam wieder ein Stück näher, zielstrebig sein Gang. In seinem halb geöffneten Mund lagen Phrasen, die kurz davor waren, sie zu erreichen. Doch er schloss die Lippen. Seine rechte Hand vergrub sich in einer Hosentasche, seine Gestalt entspannte sich für einen Moment. Dann fand er wieder zu Worten, ruhiger, doch Leah fühlte sich noch nicht wieder geborgen in seiner Gegenwart. „Bist du nicht auch auf der Flucht?“ Zielsicher. Fast ein Lächeln um die Mundwinkel. „Bist du nicht weggelaufen, als es gebrannt hat? Hast du dich nicht wie immer auf einem Spielplatz versteckt?“
Sie schaute ihn an wie einen Fremden, die Klänge der anderen Spaziergänger verloren sich in angespannter Stille.
„Hast du nicht gelächelt, als du das Streichholz entzündet hast? Hast du dich nicht gefreut, als die Flammen Nahrung fanden?“
Schwer sog sie die Luft ein, um am Leben zu bleiben. Auch wenn sich die Stille um sie herum und die Worte Chamäleons nicht wie Leben anhörten.
„Und trotzdem stehst du jetzt hier. Weil du weggelaufen bist!“
„Ich ...“ Doch ihr fehlte die Kraft, ihre Gedanken fortzulenken von Chamäleons Gesicht, dessen Ausdruck sie nicht deuten konnte. Wie das Starren ins Nichts war ihr Blick, nur dass ihr Nichts für den Moment alles war.
Schließlich brachte er sie dazu, den Kopf zu schütteln und wieder zu sich zu kommen, indem er sich wieder auf die Bank setzte und Leahs heruntergefallenes Käsebrötchen aus dem Gras aufhob. Er lehnte sich gegen das Holz, zog den Hut weit ins Gesicht und verschränkte die Arme vor der Brust.
Versunken erschien er ihr, doch seine Worte schwammen noch auf der Oberfläche. Gelangten wie die Vorboten einer Flut in ihr Bewusstsein, bis sie merkte, dass es zu spät war, um sich noch hinter dem schützenden Damm zu verstecken.
„Du bist verrückt“, brachte sie leise hervor. „Du bist verrückt.“ Gewiss.
Chamäleons Gestalt erlangte die Körperspannung zurück, die Arme auf der Bank abstützend setzte er sich gerade hin. Sein Blick wirkte durchdringend, ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Du siehst deiner Mutter ähnlich, wenn du nicht weißt, was du sagen sollst.“ Jetzt richtete er sich auf und kam einen Schritt auf sie zu. „Ihr rümpft dann beide die Nase, als würde euch etwas nicht gefallen.“ Eine Hand nach ihrem Arm ausstreckend, fuhr er fort. „Und der Mund ist ein leicht nach unten gebogener Strich.“ Leah zuckte zurück und spürte, wie sie in einen der Rosensträucher trat. „Nur deine Augen, die gefallen mir nicht. Die sehen aus -“ Hier verblasste das Lächeln. „- wie von deinem Vater.“
Sie wollte rennen, doch in ihren Beinen steckte Stillstand. Für Sekunden schloss sie die Augen und behielt sie danach wie versteinert geöffnet. Sah nur, ohne reagieren zu können.
Wie er nach ihrem Arm griff, ihr seine rauen Finger über die Wange strichen.
Wie er mit seinem Gesicht ihrem so nah kam, als wollte er jedes Staubkorn auf ihrer Haut bewundern.
Wie er den Mikroskopblick noch tragend von ihr Abstand nahm, einem Abschied gleich.
Dann erreichte sie die Flut und ihre Instinkte zwangen sie, sich über Wasser zu halten. Sie stolperte zwei Schritte zur Seite und erkannte einen alten Mann vor sich, der ihr zum ersten Mal begegnete. Chamäleon schimpfte er sich, dabei trug er nur eine Farbe, verdeckt von einem falschen Spiel, dessen Ziel und Regeln sie nicht kannte. Nur die Spielfigur und das war sie selbst.
„Wieso redest du so über meine Eltern?“
Wieder stand ein überlegenes Lächeln zwischen seinen Lippen.
„Jetzt sag schon, wieso?“ Ihr Sichtfeld schwankte vor Aufruhr und Erschöpfung. Doch noch immer folgte keine Antwort. „Und woher kennst du meine Mutter? Woher?“
Jetzt regte sich seine Zunge und formte Laute, deren Bedeutung Leah nicht begriff.
„Weil ich ihr Vater bin.“


» 4. (nirgendwo) Mutter

... und von den wundersamsten Wegen bleibt uns der Staub nur an den Schuhen. (Dota Kehr)
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Im Regen geboren (3) - von Libertine - 16-04-2008, 11:39
RE: Im Regen geboren (3) - von Lilly - 16-04-2008, 19:04
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RE: Im Regen geboren (3) - von Libertine - 16-04-2008, 22:45
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RE: Im Regen geboren (3) - von bianca - 17-07-2008, 18:01
RE: Im Regen geboren (3) - von Libertine - 31-07-2008, 11:45
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RE: Im Regen geboren (3) - von Adsartha - 05-01-2009, 01:41
RE: Im Regen geboren (3) - von Libertine - 06-01-2009, 18:02
RE: Im Regen geboren (3) - von Adsartha - 06-01-2009, 20:38
RE: Im Regen geboren (3) - von Dreadnoughts - 28-02-2011, 23:03
RE: Im Regen geboren (3) - von Libertine - 29-03-2011, 18:01
RE: Im Regen geboren (3) - von Persephone - 14-07-2018, 20:33
RE: Im Regen geboren (3) - von Persephone - 14-07-2018, 20:39
RE: Im Regen geboren (3) - von Libertine - 07-10-2018, 09:12

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