Es ist: 15-01-2021, 21:36
Es ist: 15-01-2021, 21:36 Hallo, Gast! (Registrieren)


Ahnung von Welt
Beitrag #6 |

RE: Ahnung von Welt
Moin poLet.

Wie Du unschwer erkennen kannst, bin ich ebenfalls zuständig für diese Rubrik geworden. Daher möchte ich meine extensive Lyrik-Kommentar-Karriere bei Dir beginnen - wenn es genehm ist.

'Ahnung von Welt' - mir viel fast nahtlos dabei ein, was ich gerne manchmal von mir gebe:
Die Wahrheit ist, dass niemand die ganze Wahrheit kennt.
Nunja, aus dem Munde eines Pseudo-Hobby-Prosaikers inmitten lyrischer Gestade recht merkwürdig, nicht wahr? Icon_wink Aber dennoch, der Titel bestach.

Anmerkungen:
1. Absatz
Zitat:Auf dem Tisch kaltes Hühnergebein
unterm Stuhl Gasmaskenattrappe
gezinkte Karten, Falschmünzerein
Nichts erscheint mir hier echt. Das kalte Hühnergebein kann seine Geschmacklichkeit nicht ausspielen, da kalt. Die Gasmaskenattrappen suggerieren Schutz. Ein Versprechen, dass sie nicht einhalten können. (Und auch nie konnten, da so konzipiert.)
Selbst die Karten (Synonym für Spiel?) und die Münzen (Synonym für Geld=Macht=seinen eigenen Lebensunterhalt sichern?) sind falsch.

2. Absatz:
Zitat:gestern Traum von dir mit Tarnkappe
aus Teer & Milch & Nesselsud
Der Traum erscheint mir eher wie ein 'Alptraum'. Das lyrische Du erscheint nicht wie ein Schreckgespenst, sondern in der Tat sehr bedrohlich. Die Komponenten, aus denen es sich zusammensetzt, erscheinen mir auch Synonyme zu sein. Teer in der ursprünglichen Bedeutung 'Harz' oder 'Holzteer' als schwarzes Blut der Bäume, weitergedacht zum dunklen Blut der Umwelt. Milch für das, was Säuglinge benötigen und Nesselsud als Gegenmittel zur Läuseplage. Ein sehr zwiespältiges Bild des lyrischen Dus, das Du hier zeichnest. Zudem erinnert es mich auch an Lucky-Luke-Comics, wo manchmal einer (oder alle) der Daltons auch gerne mal 'geteert und gefedert' wurden. Aufgrund der letzten Assoziation denke ich, kann man das lyrische Du auch so interpretieren:
Durch das eigene dunkle Blut der Natur verschmiert, mit Milch 'gefedert' - und dennoch aufgrund des Nesselsuds als bedrohlich einzustufen.
Zudem ist dort noch die Tarnkappe. Das lyrische Du ist also (meiner Meinung nach) meistens nicht sichtbar - nur dem lyrischen Ich erscheint es hier.

3. Absatz:
Zitat:heut die Tür versiegelt mit Haaren
medusenhaft - bald steigt die Flut
Frag mich nicht warum, aber hier dachte ich:
Das lyrische Ich wird von Verzweiflung gepackt, reißt sich die Haare raus, überlegt, was man damit tun kann und versiegelt die Tür. In dem Fall müssten die Haare schon etwas haben, was die Bedrohung aufhält. Die Genetik vielleicht? Wenn man den Gedanken weiterspinnt:
Man kann ja auch Menschen aus (Bart)haaren klonen, daher überlege ich, ob jedes dieser Haare auch für Mitstreiter/Menschen stehen könnten, die jedoch nicht da sind, um die Flut (aus Milch und Teer?) aufzuhalten.

4. Absatz:
Zitat:morgen üben, Atem zu halten.
Die letzte Zeile lässt mich meine Überlegungen zum 3. Absatz überdenken. Scheinbar sind die Haare tatsächlich ausgerissen, der Wahnsinn hat sie als Siegel benutzt, damit die Flut des Unsinns abgehalten wird. Unsinn, der sich in Form des lyrischen Dus präsentiert. Letztendlich ist die Bedrohung immer da, bricht aber nicht aus, sondern wirkt nur durch ihre Existenz, die derart unsinnig ist, dass das lyrische Ich bereits daran denkt, morgen den Atem anhalten zu üben. (Eine Steigerung zum Haare-verkleben des Heutes?)

Fazit:
Was ich an Gedichten generell schwierig finde, ist der breite Spielraum an Interpretationen aufgrund weniger Worte. Da ich ahne, dass Du mit einem Gedanken/einer Ahnung begonnen hast, argwöhne ich, dass dies eine Art Gefühl zum Zeitpunkt der Entstehung darstellt.
Trotzdem lese ich Themen der Gegenwart heraus, wie beispielsweise die (in meinen Augen) übertriebene Sicherheit vor Krankheiten/Katastrophen/etc. Allerdings sind die Themen im Auge des lyrischen Ichs wahnsinnig-machend. Anstelle eines (prognostizierten/erwarteten) Ausbruchs, vegetiert das Ich weiter in seiner Haltung. Insgesam gesehen ein nachdenklichmachendes Stück Lyrik.

Da ich zu Metrum/Metren oder anderen lyrischen Eigenheiten/Techniken nichts sagen kann, schweige ich.

LGD.


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Ahnung von Welt - von poLet - 04-06-2008, 21:48
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RE: Ahnung von Welt - von poLet - 01-07-2020, 21:31

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