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Es ist: 28-11-2020, 02:46
Es ist: 28-11-2020, 02:46 Hallo, Gast! (Registrieren)


Geburtenschicksal - Teil 2/4
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Geburtenschicksal - Teil 2/4
Geburtenschicksal

Teil 2




Während er auf dem Schemel saß – das Gesicht in den Händen verborgen – und den Schreien seiner Frau lauschte, stellte er sich eine einzige Frage: Warum?
Er sah auf und ließ seinen Kopf in einer Anwandlung von Selbstbestrafung auf die Wand hinter ihm fallen. Warum? Es war nicht gerecht, den Qualen seiner Frau zu lauschen und sich zu wünschen, statt ihr würde eine Andere im Bett liegen. Dabei war es acht Monate her, dass er die Hexe erneut aufgesucht hatte. Acht Monate, in denen er bereute, Marianne ein weiteres Mal besucht zu haben. Er hatte seiner Frau die Treue geschworen, er pries Moral, er hielt sich an die Gesetzte des Staates, aber auch an die der Kirche. Immer wieder beruhigte er sich mit dem Gedanken, dass sie ihn verführt hatte. Womöglich hatte sie ihn verhext, einen Liebestrank gebraut und in seinen Wein gemischt. Immerhin hatte er sich danach geschworen, sie nie wiederzusehen und er hatte diesen Vorsatz eingehalten.
Ein Geräusch ließ ihn aufschrecken. Die Tür hatte sich geöffnet, im Spalt zeigte sich ein verschwitztes Gesicht, in dessen Augen er etwas las, dass seine Brust zusammenschnürte. Erst jetzt bemerkte er, dass eine unheimliche Stille eingetreten war. Mit einem Satz sprang er von seinem Schemel auf und war an der Tür. Wortlos, mit einem stummen Seufzer, ließ ihn die Hebamme eintreten.
Der Anblick schien in einzelne Teile vor seinen Augen zu zerfasern. Das Bild brannte sich in seine Kopfhaut und ließ ihn die Luft anhalten. In der Mitte des breiten Bettes lag seine Frau, umgeben von zerwühlen Laken. Schweiß glitzerte im Kerzenschein auf ihrer blassen Haut, unter ihrem Schoß hatte sich eine Lache Blutes gebildet. Er brauchte nicht zu fragen, um es zu wissen. Kurz presste er die Augen zu. In der Dunkelheit seiner geschlossenen Lider fragte er: „Das Kind?“
Ein Augenblick des Schweigens, ehe eine bedauernde Stimme flüsterte: „Es tut mir Leid …“

Ein ganzes Jahr.
Ihm wurde bewusst, dass er nicht länger warten konnte. Es war Zeit, wieder zu heiraten, sich eine Frau zu suchen und sie an seine Seite zu binden. Er stand auf und ging hinüber zum Fenster, um es zu öffnen. Wind blies in das kleine Zimmer hinein, wirbelte den Staub von unzähligen Büchern auf. Mit der Zeit war die Bibliothek zu einem seiner liebsten Orte geworden – ein Rückzug, wenn er der Vergangenheit gedenken wollte.
Sein Blick fraß sich in den Anblick der untergehenden Sonne. Blassrotes Licht zog sich in ein Veilchenblau. Seufzend schüttelte er den Kopf. Es war nicht das erste Mal, dass er an sie dachte. Doch in letzter Zeit flammte ihr Name immer häufiger durch seinen Kopf. Was war aus ihr geworden?
Marianne.
Dieser einfache Name zu einer Frau, die so ungewöhnlich war. In dem Augenblick, da er versuchte, sich ihr Gesicht in Erinnerung zu rufen und merkte, dass er noch jeden einzelnen ihrer Züge vor sich sah, wusste er, dass er sie finden musste.

Es war, als wäre die Zeit an diesem Ort stehen geblieben. Über seinem Kopf stimmte das Zittern der Blätter, vereint mit dem Gesang der Nacht ein stilles Lied an. Er sprang von seinem Pferd ab, band die Zügel an einen Baumstamm und betrachtete den Eingang der Höhle. Moos und Efeu rankten am Stein empor, eine Spinne krabbelte über den Fels und kehrte zu ihrem schimmernden Netz zurück.
Nach einem letzten Seufzen trat er einen Schritt in die Dunkelheit ein. Er wusste, dass er einige Meter ins Ungewisse gehen musste, ehe er den eigentlichen Wohnraum der Hexe erreichte. Doch etwas hielt ihn davon ab, weiterzugehen. Ein Knacken, das ihn herumwirbeln ließ.
„Dann bist du also zurückgekommen.“
Er kniff die Augen zusammen und versuchte in der Finsternis des Waldes eine Gestalt auszumachen; jene Gestalt, zu der die unverkennbare Stimme gehörte. Wieder ertönte ein Knacken. Gleich darauf trat sie in den Schein des Mondlichts, genau vor ihm.
Diesmal wirkte ihr Haar beinahe Silbern, ihre Augen schienen zu leuchten. Vielleicht irrte er sich, vielleicht lag es an der tiefen Schwärze, aus der sie getreten war – aber sie wirkte völlig unverändert, um keinen Tag gealtert. Er bemerkte den Korb um ihren Arm und spürte gleichzeitig, wie sie ihn musterte.
„Ja, das bin ich.“
Unmerklich nickte sie. „Es tut mir Leid“, sagte sie.
„Was?“
Er wünschte, sie würde nähertreten. Die Dunkelheit hing wie ein Schleier an ihren Schultern und ließ ihn frösteln.
„Du hast deine Frau verloren und einen Sohn.“
„Woher weißt du, dass es ein Sohn war?“ Seine Worte hatten einen bedrohlichen Klang angenommen, seine Haltung wurde lauernd.
Sie hat kein Recht, es zu wissen. Sie sollte es nicht wissen.
Ein melancholisches Lächeln ließ sich auf ihren Lippen nieder, ehe sie antwortete. „Hast du vergessen, was ich bin?“ Es lag keine Bitternis in ihrer Frage, nur ein stummer Vorwurf. Eine Mahnung, dass er sie nicht unterschätzen und schon gar nicht mit ihr spielen sollte. Sie war nicht eine seiner Frauen und schon gar nicht eine von jenen, die sich beugten.
„Hast du es gewusst, Hexe? Hast du gewusst, dass sie sterben würden? Wenn ja, warum hast du mir den Trank gegeben? Ja, er hat gewirkt, sie gebar ein Kind und verlor dabei ihr Leben, ebenso mein Sohn. Was hatte es für einen Zweck? Was hatte es dann für einen Sinn?“
„Ich wusste es nicht“, sagte sie schlicht. „Ich kann nur das voraussehen, was man mir zeigt. Ich bin nicht allwissend. Lass deinen Zorn also nicht an mir aus.“
Er bemerkte, dass jeder Muskel in seinem Körper mit einem Mal angespannt war und versuchte seine Wut zu lösen. Wie lange saß sie bereits in seinem Herzen?
„Weshalb bist du hergekommen?“
„Ich weiß es nicht“, gestand er und erwiderte ihren Blick eine Weile, bis sie sich endlich von der Stelle löste und an ihm vorbei in die Höhle ging. Ein Geruch nach Hartz und Erde hing ihr nach. Im Inneren des Felsens entzündete sie mit zwei Steinen die Fackeln. Roter Lichtschein zog sich über die Wände, fraß sich in den Stein und ließ Schatten in die Winkel huschen. Nach einer Biegung erreichten sie den kreisrunden Wohnraum. Auch hier hatte sich nichts verändert, bis auf …
Er neigte den Kopf zur Seite und starrte in eine hintere Ecke. „Was ist das?“
Er deutete auf etwas wie eine größere Holzkiste, deren Boden abgerundet war.
Mariannes Blick war unergründlich.
„Das“, sie machte eine Pause, um ihren Korb auf den Boden zu stellen. Er sah, dass sie Kräuter darin gesammelt hatte. „Das ist das Bett deiner Tochter.“
Er konnte nicht beschreiben, wie sein Herz zu einem Klumpen wurde, wie das Blut von einer Sekunde auf die nächste kochte und in sein Gesicht stieg. Seine Augen verwandelten sich in schmale Schlitze, er beugte sich vor.
„Was hast du gesagt?“
Sie antwortete nicht, sonder nickte hinüber zu dem Bett. Es kam ihm unglaublich mühselig vor, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Als stünde plötzlich eine Barriere zwischen ihm und der Kiste. Seine Hände verkrampften sich, während er sich über die kleine Gestalt lehnte und am Rand der Wiege festklammerte.
Das Kind lag auf der Seite, das blonde Haar fiel ihm ins Gesicht, der Mund war leicht geöffnet. Sein Blick hing an den kleinen Händen, die sich zu einer Faust geballt hatten. Er konnte sogar Atemzüge hören. Eine Decke war über den kleinen Körper ausgebreitet.
„Du sagst, es ist meine Tochter?“ Er betrachtete das Gesicht. Waren das nicht seine kleinen Ohren und der Zeh war ebenso geformt wie sein eigener.
„Ich schwöre es bei meinem Leben.“
„Was ist der Schwur einer Hexe wert?“
Er wirbelte herum. Zorn stieg in ihm auf.
Ein Jahr.
„Warum hast du es mir nicht gesagt? Warum?“
„Deine Frau war schwanger und wer hätte eine Hexe zu dir vorgelassen?“
Luft in seine Lungen zu pumpen schien ein mühseliger Vorgang geworden zu sein. Dabei konnte er nicht einmal sagen, was schlimmer war: Dass sie ihm ein Kind verschwiegen hatte oder dass er plötzlich eine uneheliche Tochter an Stelle eines Sohnes hatte. Aber eines war sicher: Er hatte ein Kind.
„Ich werde sie zu mir nehmen. Ich werde sie anerkennen! Sie ist meine Tochter.“
Etwas veränderte sich in Mariannes Gesicht. Ihre zuvor ausdruckslosen Züge verwandelten sich in kühle Entschlossenheit.
„Nein, das wirst du nicht. Sie bleibt bei mir. Wer würde das Kind einer Hexe schon anerkennen? Was willst du ihnen sagen? Nein, meine Tochter wird nicht in Schimpf und Schande aufwachsen. Niemand wird sie als Bastard brandmarken. Sobald sie diesen Wald verlässt, ist sie nicht mehr als das Kind einer … einer Ausgestoßenen.“
„Dann willst du sie also gerade dazu erziehen?“ Er schritt zu ihr hinüber und schüttelte den Kopf. „Soll sie ewig hier bleiben? Willst du ihr deine Künste beibringen? Ist das alles, was sie vom Leben zu erwarten hat?“
Er hatte nicht erwartet, dass ihre Stimme einen derartig schneidenden Klang annehmen, derartig kalt wirken konnte, als sie sagte: „Du kannst sie nicht anerkennen! Selbst wenn du es tust, niemand anderes wird dir dabei folgen.“
„Hier kann sie aber auch nicht bleiben.“
Marianne seufzte, wandte ihr Gesicht von ihm ab und verschränkte die Arme vor die Brust. „Gut“, er fühlte sich müde, erschöpft. „Was soll ich also tun?“
Ihr Blick traf ihn unerwartet und eisern.
Auch dieses Mal würde er ihren Worte folgen leisten.

Zu Teil 3

"kein Mann ist so stark wie eine Frau, die schwach wird" (Hans Holt)
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Geburtenschicksal - Teil 2/4 - von bianca - 07-08-2009, 22:25
RE: Geburtenschicksal - Teil 2/4 - von bianca - 14-08-2009, 21:57
RE: Geburtenschicksal - Teil 2/4 - von bianca - 22-12-2009, 16:30
RE: Geburtenschicksal - Teil 2/4 - von bianca - 25-01-2010, 23:16
RE: Geburtenschicksal - Teil 2/4 - von Adsartha - 24-04-2010, 21:14
RE: Geburtenschicksal - Teil 2/4 - von bianca - 31-07-2010, 13:04

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