Es ist: 08-12-2022, 08:01
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VR: Blaues Blut (453 d.D)
Beitrag #63 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
“Mein Name ist Miriana von Pirmarys, geboren in Nomae’har, Tochter von Gräfin Irina Pirmarys und ihrem Gatten …”

Verdammt. Wie hieß ihr vermeintlicher Adoptivvater noch einmal? Dhanas hatte ihr in kürzester Zeit so viele Informationen in den Kopf gehämmert, dass sie schon alles durcheinander brachte, noch bevor sie dem Herzog gegenüber stand. Kara schlug seufzend die Hände vors Gesicht, rieb sich die Augen und fuhr sich nervös durch die Haare. Halt! Hände aus dem Gesicht!, erinnerte sie sich selbst, genervt. So ein Verhalten würde sich wohl kaum für eine junge Dame von Rang und Adel geziemen. Auch das hatte Dhanas, neben hastigen Ausführungen über höfische Etikette, versucht ihr in aller Kürze einzubläuen. Doch zuvor hatte sie in schwindelerregendem Tempo den Stammbaum von Miriana von Pirmarys vorgebetet bekommen, alles über die teils skandalösen, teils stinklangweiligen familiären Verbindungen erfahren, sowie Hauswappen und Gutsgrenzen auswendig gelernt.

Miriana von Pirmarys, geboren aus erster Ehe von Gräfin Irina Pirmarys und ihrem Gatten - seine Seele möge friedlich ruhen - Orvex Pirmarys, Adoptivtochter von … Enkor? Erhan…? Erkhan von und zu Lichtenhain. Kara seufzte erneut. Wenigstens war ihr der Name ihres angeblichen Adoptivvaters wieder eingefallen, wenngleich ihr auch die Namen ihres Cousins zweiten Grades mit gerüchteweise zwielichtigen Ambitionen aber guten Verbindungen zum Hofe Gandal’hars, sowie der Name ihrer einflussreichen Großmutter väterlicherseits partout nicht einfallen wollten.
Miriana, die ihr ganzes Leben lang in der Grafschaft ihrer Mutter verbracht hatte, Gerüchten zufolge bereits mehrere Verehrer aus niedrigerem Stand eiskalt abblitzen lassen hatte, und die zuweilen den Ruf hatte, etwas wählerisch und … exzentrisch zu sein. Vor allem, was den Umgang mit Bediensteten anging. Miriana, Verlobte von Arjuk Nystrad - und somit Kara’s beste Eintrittskarte zum Hof des Herzogs von Kayro’har.

Dhanas hatte seine Authorität als Bibliothekar und angesehenen Historikers voll ausgespielt um den Wachen glaubhaft zu machen, dass sie neben den gemeinen Zeugen des Vorfalls vor dem Palasttor auch irrtümlicherweise eine waschechte Adelige aus Nomae’kan festgesetzt hatten, welche noch dazu die Verlobte von Vuluns Neffen sei. Während Kara noch damit beschäftigt war ihre neue Identität zu verinnerlichen und sich einen Plan zurecht legte, was sie eigentlich tun wollte, sobald sie Kontakt zu Arjuk hergestellt hatte, hatte Dhanas schon erreicht, dass die Wachen einen Boten zum Herzog schickten und Kara zwar mit scheinbar gebührendem Abstand und Respekt, aber dennoch misstrauisch anstarrten. Sie setzte ihr kühlstes Gesicht auf und versuchte die Abneigung, die sie vor der gesamten Situation hatte, in ihrem Ausdruck so wiederzugeben, dass es einer Adeligen, die unfreiwillig festgesetzt wurde, gerecht werden würde. Ob ihr laienhaftes Schauspiel überzeugend war oder nicht, das konnte sie nicht beurteilen, da nach kurzer Zeit der Bote zurück gekommen war und den Wachen den Auftrag übermittelt hatte, sie mögen die ehrenwerte Lady Pirmarys doch in annehmbarere Gemächer geleiten, bis der Herzog sie empfangen würde.

Dort befand sie sich nun, in einem prunkvoll eingerichteten Zimmer, in dessen Vergleich der vorige Raum tatsächlich fast wie ein schlichtes Gefängnis wirkte. Auch hier hingen blutrote Vorhänge vor dem Fenster, eingewebte Goldfäden harmonierten mit den kunstvoll eingelassenen Wandreliefs aus Gold. Ein gigantisches Himmelbett prangte mitten im Raum, bedeckt von unzähligen Kissen aus feinsten Stoffen und Seide. Nicht weit davon entfernt, ein ausladender Arbeitstisch mit feinsäuberlich gestapeltem Briefpapier, Tinte und Feder, Siegelwachs in allen erdenklichen Farben. Ein ausladender Diwan nahe dem Fenster, begleitet von einem goldenen Tischchen, auf dem sich Obst türmte. Eine Sitzgruppe an einem etwas größeren Tisch, auf dem sich ebenfalls Speisen und Getränke drängten. Eine Kommode, beladen mit Kerzen, Tiegelchen und Parfümflakons, ein silberner Handspiegel.


Kurz nachdem die Wachen sie in diesen Raum geführt und sich höflich verabschiedet hatten, war auch schon ein edel gekleideter Bediensteter mit einem recht auffälligen, schlangenbedeckten Wappen auf der Brust aufgetaucht. Aus ihrer Kurzeinführung in die Geschichte Athalems wusste Kara gerade noch, dass das wohl das Wappen des Hauses Dravar’kesh sein musste. Im Schlepptau waren noch zwei weitere Diener, die Speis und Trank gebracht und sämtliche Kerzen im Raum entzündet hatten. Ihr wurde mitgeteilt, dass der Herzog gerade unabdingbar sei und sich entschuldigen lasse, er würde rufen lassen, sobald es ihm genehm wäre. Nachdem die Bediensteten den Raum verlassen hatten, wagte Kara es zum ersten Mal, seit sie im Palast aufgewacht war, tief durchzuatmen. Sie war alleine, und zumindest vorerst nicht in unmittelbarer Gefahr. Sie hatte keine Ahnung, wie viel Zeit seit dem Vorfall vor dem Palasttor genau vergangen war, aber ein Blick aus dem Fenster zeigte ihr, dass es noch mitten in der Nacht war. Wie wahrscheinlich war es wohl, dass der Herzog sie vor Morgengrauen empfangen würde? Musste sie damit rechnen, dass jederzeit jemand zur Tür herein stürmte, der sie verhören würde, wer sie sei und was sie hier täte? Vermutlich nicht, beruhigte sie sich, sonst hätte man es ihr wahrscheinlich nicht so gemütlich gemacht. 


Kara wandte sich vom Fenster ab, von dem aus sie den Blick auf einen schwach erleuchteten Innenhof hatte. Sie befand sich also im ersten Stock des Palastes und man hatte ihr sichtlich ein ihrer vermeintlichen Stellung angemessenes Zimmer zugeteilt. Nun gut, dann sollte sie sich vermutlich so verhalten, wie man es von einer Adeligen erwarten würde. Nachdem sie den Raum ausgiebig erkundet hatte und die Tür immer noch nicht überraschend von bewaffneten Wachen, die ihre Scharade durchschaut hatten, aufgerissen wurde, begann Kara sich langsam etwas zu entspannen. Sie kostete vorsichtig von den appetitlich arrangierten Speisen, die auf einem edlen Tablett dargeboten waren und nippte an einem Kelch von Rotwein, der mit Gewürzen versetzt war. Daran konnte sie sich bestimmt gewöhnen! Sie schlenderte zur zum Arbeitstisch und klappte wahllos ein paar Bücher auf, die dort auf einem Regal ausgestellt waren. Kurz erwog sie “Die Geschichte Athalems und seiner Adelshäuser” näher zu studieren, doch sie entschied sich dagegen. Die sehr kurze Geschichte des Hauses Pirmarys musste fürs Erste reichen. Sie wollte nicht noch mehr Titel und Wappen und unaussprechliche Familiennamen in ihrem Kopf herumschwirren haben. Gedankenverloren ließ Kara ihre Finger im Vorbeigehen über die edel verzierten Buchrücken gleiten, drehte sich dann zur ausladenden Kommode um und begann die verschiedenen Tiegel und Flakons zu studieren, die dort dicht an dicht aufgereiht waren. Man hatte sichtlich mit allem Erdenklichen aufgewartet, das man an Kosmetik für lebensnotwendig erachtete. Doch mit einem Anflug von Verzweiflung erkannte Kara, dass sie nicht einmal bei der Hälfte der dargebotenen Dinge wusste, was sie damit anfangen sollte. Das eine ging bestimmt als Gesichtspuder durch, ein andere war wohl unmissverständlich dazu da, die Lippen Rosenrot zu färben. Aber all diese Cremen, Salben und Wässerchen? Kara seufzte überfordert und schnupperte an einem kristallenen Flakon in dem sich eindeutig Parfüm befand. Der aufdringliche Geruch von Blumen und Süßholz stieg ihr in die Nase. Was für ein gewaltiger Aufwand bloß betrieben wurde, nur um dieses eine Fläschchen Parfüm herzustellen? 
Sie griff zum versilberten Handspiegel und betrachtete ihr blasses Gesicht im Kerzenschein. Für einen kurzen Moment lang starrte sie verwirrt in die Reflexion und konnte nicht genau sagen was daran sie irritierte. Die strahlend blauen Augen blitzen ihr fremd entgegen, die Wangenknochen stachen im flackernden Licht besonders stark hervor. 
Dann plötzlich, ganz ohne Vorwarnung, schoss ihr ein Gedanke wie ein Silberpfeil durch den Kopf: Das ist nicht dein Gesicht. Das ist deine Maske, deine zweite Chance.
Jetzt fiel es ihr wieder siedendheiß ein! Sie hatte mit Geriyon eine magische Maske erschaffen, die sie vor der Verfolgung durch die Stadtwache und Schwarzmagier schützen sollte. Wie hatte sie das nur vergessen können? Jetzt, da sie sich darauf konzentrierte, konnte sie auch wieder das schwache, fast unmerkliche Kribbeln spüren, das sich über ihr Gesicht bis in den Nacken ausbreitete. Kara runzelte die Stirn und bewegte ihr fremdes Gesicht probehalber hin und her. Sie musterte die ungewohnten Züge eingehend und probierte verschiedene Gesichtsausdrücke aus bis sie einen fand, der ihr edel und unnahbar genug vorkam. Ja, das konnte funktionieren. Schaudernd nahm sie Notiz von dem blutunterlaufenen blauen Fleck, der sich um ihren gesamten Hals wand und legte dann rasch den Spiegel zur Seite.


Wie spät es wohl war? Kara schnappte sich den Kelch mit Wein und setzte sich seufzend auf den Diwan am Fenster. Noch war es im gesamten Palast totenstill und dunkel. Wann würde man sie bloß vor den Herzog zitieren? Wann würde der Erste ihren gewagten Schwindel durchschauen? Würde man sie dann in den Kerker werfen oder Schlimmeres mit ihr anstellen? Wenn sie doch vorher wenigstens die Möglichkeit hätte mehr über ihr gefährliches Erbe, über ihre seltsamen Fähigkeiten zu erfahren… Ein Gähnen breitete sich in ihr aus, und Kara blickte zum Fenster, das immer noch dunkel blieb. Sie konnte ja wenigstens kurz ihre Augen ausruhen, entschied sie, und lehnte sich zurück an die seidenen Kissen. Wenn sie es schaffte, Arjuk’s Vertrauen zu gewinnen, dann könnte sie vielleicht aus diesem ganzen Schlamassel heil rauskommen und sich wieder erinnern, wer sie war… 

Kara’s Gedanken kreisten immer langsamer und langsamer, bis sie schließlich dem sanften Drang nachgab und in einen tiefen Schlaf glitt. Kurz darauf stimmte der erste Vogel sein Morgenlied an, und wenig später zeigte sich ein goldener Schimmer von Morgengrauen am Horizont über dem Palast.

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Mira - 06-03-2008, 20:33
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