Es ist: 26-09-2022, 11:02
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VR: Blaues Blut (453 d.D)
Beitrag #64 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Schnee knirschte unter Arjuks Schuhen. Dicke Flocken legten sich auf sein Gesicht, versetzten ihm einen kleinen kalten Biss und schmolzen dann. In der Ferne zeichnete sich der hünenhafte Schemen der alten Weißblatteiche hinter einer Wand aus Schneegestöber ab. Doppelt so hoch und drei mal so breit wie alle anderen Bäume streckte sie ihre massigen Äste in den grauen Himmel, der sie in Weiß kleidete. Fast glaubte Arjuk, das Wispern in den silbrigweißen Blättern zu hören und das Rauschen des Wasserfalls... aber das musste eine Sinnestäuschung sein, denn in diesem bitterkalten Winter war jedes Wasser längt gefroren.

***

Die Vorhänge an seinem Bett waren vertauscht. Wer immer sie aufgehängt hatte, hatte nicht richtig aufgepasst. In den nachtblauen Samt waren feine Silberfäden eingewebt, und wenn man die Vorhänge zuzog, sollte sich auf dem Stoff eine Landkarte Athalems öffnen. Doch so, wie sie nun angebracht waren, würde Aven’kan wohl in den Westen rutschen und Nomae’kan an die Wüste Sheragi grenzen…

Macht nichts. Arjuks Welt war ohnehin auf den Kopf gestellt. Die Vorhänge passten so besser dazu.

„Na endlich“, ließ eine Männerstimme vernehmen. „Bist du jetzt wach, Schlafmütze?“

In einem prächtigen Sessel neben dem Bett lehnte ein junger Mann und sah mit stechendem Blick auf Arjuk herab. Arjuk richtete sich langsam auf, wobei ein stechender Schmerz in seinen Schläfen anschwoll. Er zuckte zusammen – auf dem eleganten Nachttisch lagen vier Messer in verschiedenen Größen säuberlich ausgebreitet. Auf den zweiten Blick erkannte Arjuk die Tinkturen und Tücher zur Reinigung daneben. Offenbar hatte sich der Mann die Zeit bis zu Arjuks Erwachen damit vertrieben, seine Dolchsammlung zu polieren.

Der Nachttisch kam Arjuk genauso bekannt vor wie die Vorhänge, das Bett, der dunkle Teppich … und all die Möbel, die im Raum verteilt standen. Es waren die Dinge aus seinem alten Zimmer in Noato. Nur dass er hier nicht in Noato war. Die Morgensonne schien durch das falsche Fenster hinein, alles stand am falschen Ort, in den Ecken stapelten sich unausgepackte Kisten und Truhen. Die Wand gegenüber von seinem Bett war so, wie es im Palast von Noato üblich war, weiß und mit einem zartsilbernen, fast unmerklichen Fischgrätenmuster. Doch als er den Kopf wandte und sich umsah, zeigte sich, dass an allen anderen Wänden gerade erst damit begonnen worden war, sie zu überstreichen. Sie zeigten deutlich ihre ursprüngliche Farbe: Flammendrot, durchzogen von Goldfäden.

Arjuk erinnerte sich gut an diese Wände. Er befand sich in Vuluns Palast. Endlich. Das Versteckspiel hatte ein Ende.

„He, ich rede mit dir. Sehr unhöflich, ich muss schon sagen.“ Der junge Mann hob entrüstet seine dunklen Brauen. Arjuk starrte ihn an. Sein Hemd war aus erlesener schwarzer Seide gefertigt. Darüber leuchtete ein purpurnes Wams, durchzogen von feinsten Goldfäden, welche sich auf der Brust zu einem Schlangensymbol formten. Mit seinem starken Kinn und der Habichtnase hatte der Mann einen schneidigen Ausdruck, doch etwas an seinem stämmigen Körperbau erinnerte Arjuk an einen kleinen, etwas pummeligen Jungen…

Arjuk lächelte. „Jarmak“, murmelte er schwach. „Du bist groß geworden.“

Jarmak Dravarkesh brach in Lachen aus. „Leider nicht ganz so groß wie du, Cousin“, gab er mit unverhohlenem Neid zurück. „Du kannst es immer noch nicht lassen, mich zu übertrumpfen, was?“

„Nicht doch, Jarmi.“ Arjuk setzte sich vorsichtig auf und hoffte inständig, dass sein Cousin nicht bemerkte, wie viel Kraft ihn dies kostete. „Ein kleiner Wuchs hat viele Vorteile. Sicher kannst du dich noch immer bequem unter dem Thron verstecken…“

„…und dort einen halben Tag lang schmoren, während mein verträumter Cousin schon längst vergessen hat, dass er mich suchen sollte“, ergänzte Jarmak düster.

Einen Moment lang schwiegen sie, dann brachen beide in Lachen aus. Es war seltsam. Arjuk freute sich aufrichtig, nach all den Jahren seinen Cousin wiederzusehen … und während er lachte, stand ihm in aller Klarheit vor Augen, dass er sich in Lebensgefahr befand.

Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie einer der Dienstboten den Raum verließ. Es stand außer Zweifel, dass er Herzog Vulun benachrichtigen würde. Einen Moment lang wunderte sich Arjuk über seine eigene Ruhe, doch dann zuckte er die Schultern. Es war einfach zu kalt für Angst – und es war besser so. Er hatte die Angst satt.

Arjuk wollte aufstehen, doch Jarmak hielt ihn zurück. „Langsam, langsam. Erinnerst du dich an gar nichts mehr? Du bist verletzt.“

Er deutete auf Arjuks Arm. Arjuk erinnerte sich daran, dass er sich den Arm am Fensterglas in der Bibliothek zerschnitten und die Knöchel seiner Hand geprellt hatte. Komischerweise spürte er nicht den geringsten Schmerz. Kurz streiften seine Gedanken zurück. Das letzte, an das er sich erinnern konnte, war das alles vernichtende Eis, das von dem Ring aus in seine Hand, in seinen Arm, seinen Körper sickerte. Jetzt war der Schmerz zu einer angenehm frischen Kälte abgeflaut.

Vorsichtig schälte Arjuk den Verband von seiner Hand, um sie zu mustern. Sie war zur Faust geschlossen und angeschwollen. Die Knöchel waren violett verfärbt, der Rest der Faust schimmerte bläulich. Arjuk hob sie vor sein Gesicht, um sie aus der Nähe zu betrachten. Eine dünne Schicht Eis zog sich über die Faust, ein filigranes Gewebe aus Eiskristall, das sich wie ein Handschuh über seine Haut schmiegte. Plötzlich begriff er, dass der Ring noch immer in der Faust lag. Offenbar hatte es niemand geschafft, seine Faust zu öffnen, während er bewusstlos war. Kalter Triumph durchfloss ihn.

„Als du hier reingeschleift wurdest, warst du eiskalt“, sagte Jarmak. „Vater sagt, du hast deine eigene Lebenskraft benutzt, um sie in etwas umzuwandeln… etwas, das wie Magie wirkt, aber keine ist. Und es sieht ganz so aus, als würdest du es noch immer tun.“

Arjuk blickte seinen Cousin an. „Und du meinst, es wäre das Beste, ich höre damit auf, ja? Damit ihr meine Faust öffnen und den Ring herausholen könnt.“

Einen Moment lang sah Jarmak ertappt aus. „Vermutlich wäre es das Beste für dich“, gab er zurück. „Mir persönlich ist es gleich. Denn weißt du was? Wenn du dich mit diesem Ding selbst umbringst, dann bin ich der Letzte in unserer Blutslinie und der Ring geht an mich über. Und dann werden wir sehen, wozu er wirklich imstande ist.“ Seine Augen blitzten plötzlich gefährlich. „Ist das nicht verrückt? Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Arjuk y Nystrad plötzlich mit Superkräften vor der Tür steht! Was wird unser kleines Träumerchen wohl damit anstellen? Einen Regenbogen zaubern? Einen Rosengarten? Ein Bild für seine Mami?“

Ein unangenehmes Kribbeln durchzog Arjuks Arm, schwoll an zu stechendem Schmerz. Ein leises Knacken. Eiskristalle wuchsen über seinen Arm, legten sich um seine Haut, töteten den Schmerz. Das Eis schützten ihn vor allem, was ihm zu nah zu kommen drohte. Er setzte ein kaltes Lächeln auf. „Ich werde deine Vorschläge in Betracht ziehen. Aber als erstes werde ich wohl der Schwarzen Gilde einen Besuch abstatten müssen und meinen Vater holen, da dein Vater nicht in der Lage ist, in seinem eigenen Land für Ordnung zu sorgen.“

Jarmak atmete hörbar aus. Doch er schluckte alle Erwiderungen herunter. „Vergib mir meine Enttäuschung, Cousin“, sagte er schließlich mit einem schwachen Lächeln. „Du musst verstehen. Mein Vater schiebt deinetwegen schlaflose Nächte, führt Kriege, und dann ist alles, was du zustande bringst, einen Arm abzufrieren. Ich hatte etwas mehr erwartet.“

Irgendwo, sehr fern hinter einer Eisschicht, verspürte Arjuk den Hauch von Erleichterung: Er hatte den Schwarzmagier also nicht getötet. Wohl aber schwer verletzt. Unter Verwendung des Rings.

„Dürfte ich dann jetzt aufstehen und meinen Onkel sprechen…“, fragte Arjuk und konnte es sich nicht verkneifen, nachzuschieben: „…Doktor?“

Jarmak grinste breit. „Nicht in diesem Zustand, Cousin. Du siehst nicht nur aus wie ein Stallbursche, du riechst auch wie einer. Ich rufe die Diener herein, sie werden dich etwas herrichten und zu meinem Vater führen.“

Versonnen beobachtete Arjuk, wie sein Cousin seine Messer aufräumte. Die Klingen erschienen ihm plötzlich nicht mehr allzu bedrohlich. Er war in Vuluns Palast, er wusste mittlerweile sogar in etwa, was Vulun von ihm wollte – und er war bewaffnet. Was immer es mit dem Ring auf sich hatte, er konnte ihn benutzen. Kalter Triumph durchflutete ihn, dann schloss er die Freude wieder sorgfältig unter eine Eisschicht. Hatte Dhanas nicht genau das gesagt? Dass er einen kühlen Kopf brauche? Nun, er hatte Recht gehabt. Arjuk war immer zu sehr mit sich beschäftigt gewesen. Zorn, Angst, Schmerz, Sehnsucht – so viele lästige Gefühle, die ihn verwirrten. Doch jetzt nicht mehr. Sein Kopf war klar, nichts verstellte ihm mehr die Sicht. Nur sich selbst spürte er nur noch undeutlich. Aber das war ihm im Moment gar nicht so Unrecht.

„Arjuk.“ Jarmak wandte sich noch einmal um. „Es hat mich wirklich gefreut, dich zu sehen. Lass uns einfach nicht mehr über diesen Ring sprechen, ja?“

Nachdenklich blickte Arjuk seinem Cousin nach. Als sie sich das letzte Mal gesehen hatten, war er sechs und Jarmak acht Jahre alt gewesen. Sie hatten in dem Heckenlabyrinth im Palastgarten gespielt und die Dienstboten, die sie zum Abendessen holen sollten, so lange an der Nase herumgeführt, bis Nataliya Dravarkesh persönlich erschien und die Jungen zur Ordnung rief. Warum hatten sie aufgehört, sich zu besuchen?

Arjuk vertrieb die widersprüchlichen Gedanken. Nicht Jarmak war sein Feind, sondern Vulun. Und gleich würde er ihm gegenüberstehen.


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VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Mira - 06-03-2008, 20:33
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