Es ist: 08-12-2022, 07:46
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VR: Blaues Blut (453 d.D)
Beitrag #65 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Ein Rabe ließ sich von den Aufwinden die Stadtmauer entlangtragen - das Licht des untergehenden Mondes verlieh seinem dunklen Gefieder einen sanften silbernen Schimmer.
 
Am großen Stadttor, das dem Goldenen Turm der schwarzen Gilde zugewandt war, ging er in einen gemächlichen Kreisflug über. Tief unter sich konnte er Gestalten in schwarz-roten Roben erkennen, die die Verteidigungsanlagen des Tores vollständig überrannt hatten. Einige Soldaten der Wachmannschaft hatten sich offenbar ergeben und saßen nun gefesselt an einer Wand aufgereiht. Die Zahl der Leichen überstieg die Ihre jedoch deutlich.
Mit einem Mal - viel zu plötzlich, um ein natürliches Phänomen zu sein - wallte dichter Nebel auf und hüllte diesen Teil der Stadtmauer in einen undurchdringlichen Schleier. Oder jedenfalls nahezu undurchdringlich. Denn wenn man scharfe Rabenaugen hätte, dann würde man vielleicht Gestalten in den weiten Kapuzenmänteln der grauen Gilde erkennen, die sich in lautloser Schnelligkeit über das Gelände bewegten. Als der Nebel sich verzog - ebenso rasch, wie er gekommen war - fanden die verbliebenen Wachen sich verdutzt in Freiheit wieder und selig schlummernden Schwarzmagiern gegenüber. Sie fackelten nicht lange.
 
Silberschwinge wandte sich nun stadtinwärts. Mit einigen gemächlichen Flügelschlägen erreichte er, ungefähr zeitgleich mit dem ersten Licht der aufgehenden Sonne, das herausstechende Gebäude des Rates der Drei. Um die Speiche der schwarzen Gilde zog sich ein Wall aus baumhohem, mannsdickem Eis. Flankiert wurde er von einer Hand voll Paladinmagistern der weißen Gilde, deutlich zu erkennen an den Wappenröcken über ihren Roben und den Magierstäben, die eher Speeren als Stecken glichen.
 
Nun hatte Silberschwinge genug gesehen und beschleunigte seinen Flug. Rasch näherte er sich dem Schloss des Fürsten von Kayro'har und steuerte zielsicher einen der Wachtürme an, an dessen Zinnen sich ein Soldat deutlich gegen die Dämmerung abzeichnete. Der Wachmann nahm jedoch keine Notiz vom Raben - noch nicht einmal, als der Vogel nur wenige Handbreit an seinem Gesicht vorbeirauschte. Stattdessen blieb sein seltsam entrückter Blick ins Nichts gerichtet.
 
***
 
Elegant landete Silberschwinge auf Taniyas Arm und mit einer gewissen Genugtuung kraulte sie ihn unterm Schnabel. Erst dann hüpfte der Rabe mit typischen Vogelsprüngen hinüber zu Geriyon. Dessen Anblick wiederum versetzte ihr einen Stich. Ihr langjähriger Freund wirkte mit seiner gekrümmten Haltung, den blutleeren, bleichen Wangen und den zum bloßen Strich zusammengekniffenen Lippen nur noch wie ein Schatten seiner selbst. Und gleichzeitig ... gleichzeitig war sie ziemlich stolz auf ihn. Er hatte eine Situation überstanden, die viele andere das Leben gekostet hätte, und tat dennoch alles in seiner Macht, um Kara und Arjuk zu retten. Nicht das sie ihm das sagen würde. Sein Selbstbewusstsein war schon so groß genug.
Ein feines Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, während Geriyon sie und Dende über das Geschehen in der Stadt unterrichtete. Die drei Magier saßen im Kreis im Schutz der Zinnen des Wachturms mit gutem Blick auf das Hauptgebäude des Schlosses, während der Wachsoldat von einer ruhigen, ereignislosen Schicht träumte, die Taniya aus seinen Erinnerungen ausgegraben hatte. Ruhig und ereignislos und gelegentlich von einem intensiven Déjà-vu durchbrochen.
 
"Na endlich. Es wurde Zeit, dass die Gilde aufhört, auf ihren Händen zu sitzen und endlich etwas unternimmt. Dann hat meine kleine Ansprache tatsächlich etwas bewirkt bei diesen Kleingeistern." Dendes Mimik verriet keine Emotion, lediglich eine schmale Falte war zwischen seinen Brauen zu sehen. Taniya entschied, dem alten Magier diese Respektlosigkeit gegenüber ihren Meistern zu verzeihen - vorerst. Schließlich war er der Grund, dass sie die Erlaubnis erhalten hatte, Geriyon zu suchen.
"Und Ihr seid Euch sicher, dass dieses Mädchen und dieser Junge hier im Schloss sind?" wandte Dende sich an Geriyon. Der hob die Schultern.
"Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch. Ich spüre die Maske, die ich mit ihr zusammen angefertigt habe. Da Arjuk und Kara zusammen waren, als wir getrennt wurden ..." Sein Gesicht verfinsterte sich bei der Erinnerung daran.
Dende seufzte.
"Nun ja, besser als nichts. Ich schlage vor, dass ..."
Er wurde je vom Aufflammen eines magischen Lichts unterbrochen, das nicht nur bei den drei anwesenden Magiern, sondern bei allen Gildenmagiern im Umkreis von mehreren Meilen eine helle Glocke im Bewusstsein ertönen ließ. Unisono wandten sich die drei ab vom Schloss und blickten Richtung Innenstadt. Kaum zu übersehen leuchtete nun das Zeichen des Rates der Drei als riesige Glyphe am Himmel über Kayro'har.
"Das werden die Weißen sein" brummte Dende. "Nachvollziehbar, wenn auch sehr vorhersehbar, nun eine Ratssitzung einzuberufen. Wenn wir nicht gewesen wären, wäre die weiße Gilde von den Ereignissen einfach überrannt worden."
Nachdenklich schloss er die violetten Augen.
"Eine solche Sitzung dürfte weitestgehend ergebnislos bleiben, aber Information ist alles. Maga von Weißfels, ich würde vorschlagen, Ihr begebt Euch dorthin und nehmt ein wenig Einfluss. Magus Raven benötigen wir hier, um das Mädchen aufzuspüren und damit hoffentlich den Jungen. Und -"
"Nein!"
Taniya funkelte den elfischen Magier an, während sie den aufglühenden Zorn niederrang, der wie ein Stück heiße Kohle in ihrer Kehle saß.
"Ihr solltet gehen" setzte sie hinzu, während sie Dendes stechenden Blick standhielt. "Ihr könnt mich jetzt nicht einfach wegschicken! Es ist meine Aufgabe, Arjuk zu beschützen. Ich fühle mich verantwortlich, ich werde nicht länger tatenlos rumsitzen." Unprofessionell! brüllte etwas in ihrem Hinterkopf, aber sie schob das vorerst beiseite.
Bevor Dende etwas entgegnen konnte, sprang ihr auch Geri bei.
"Ihr habt schon bewiesen, dass ihr die Geschicke der Gilden beeinflussen könnt, Meister Dende. Maga al Weißfels und ich würden von den Ratsmitgliedern ignoriert werden. Euch wird das nicht passieren. Es ist viel sinnvoller, wenn ihr geht."
Dende wirkte sehr unzufrieden. Für einige Atemzüge schloss er die Augen.
"Nun gut, das Argument ist nicht von der Hand zu weisen. Vielleicht kann ich diese Kindsköpfe davor bewahren, einen neuen Magierkrieg anzuzetteln." Der alte Magier verdrehte die Augen. Dann wurde sein Blick wieder stechend und sein Zeigefinger schoss wie ein Dolch in Taniyas Richtung.
"Vergesst nicht, dass wir Verbündete sind. Ich habe euch einen großen Dienst erwiesen. Ich erwarte, dass ihr mir im Gegenzug sofort mitteilt, wenn ihr auf neue Informationen stoßt. Und mit sofort, meine ich sofort."
Ohne eine Antwort abzuwarten erhob sich Dende und vollführte eine beiläufig wirkende Handbewegung. Schmatzend verschluckte ihn der gemauerte Boden.
 
Für einen kurzen Moment blieb Taniya still, dann sank sie seufzend gegen die Mauer zurück. "Das war nicht schlecht, Geri. 'Nur Ihr könnt die Geschicke der Gilden beeinflussen!' Du hast ihn bei seiner Arroganz gepackt. Das hätte glatt von mir kommen können." Geriyon lächelte nur schwach, aber sein Auge funkelte vergnügt. Beide wurden jedoch schlagartig wieder ernst.
"Dieser Dende ist gefährlich. Gut, dass er zur Zeit auf unserer Seite ist."
Geriyon nickte nur.
"In Ordnung, wie gehen wir weiter vor?" fragte er.
Taniya erhob sich und ließ ihren Mantel zu Boden gleiten. Darunter trug sie immer noch das Bauerkleid, mit dem sie sich und Kara in die Stadt gebracht hatte.
„Ich schleiche mich im Palast ein. Du findest Kara und nimmst dann über Silberschwinge wieder Kontakt mit mir auf. Mit Karas Hilfe finden wir Arjuk und holen die beiden da raus. Und dann bringen wir dich an einen sicheren Ort, damit du dich erholen kannst.“ Entschuldigend sah sie den Hellseher an. “Geri, es tut mir leid, dass du noch hier sein musst. Eigentlich gehörst du in ein Krankenbett, aber …“
 
Geriyon unterbrach sie mit einer beschwichtigenden Handbewegung. „Alles in Ordnung, Taniya. Deine Mission ist von großer Bedeutung. Und außerdem möchte ich den beiden auch helfen. Allen voran Kara – sie ist völlig unverschuldet in die Angelegenheit hineingeschlittert.“
Allen voran Kara, so so. Aus unerfindlichen Gründen versetzte ihr das einen Stich, doch sie schob diese Empfindung mit einer gewissen Willensanstrengung beiseite.
„Danke, Geri!“ Taniya wandte sich zur Wendeltreppe, die hinab in den Schlosshof führte.
„Taniya … sei vorsichtig!“ Geriyons Miene war sorgenvoll.
„Das sagt der Richtige!“ Die Magierin strahlte ihn an. Mit zwei schnellen Schritten war sie bei ihm und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Ich bin froh, dass es dir gut geht!“ Nicht ohne Genugtuung bemerkte sie, dass Geriyons Gesicht leicht rötlich zu schimmern begann. Dann machte sich Taniya auf den Weg.

***

„Eine neue Dienstmagd? Erster Tag? Und das bei den verschärften Sicherheitsvorkehrungen?“ Zweifelnd musterte der Gardist am Nebeneingang zum Palastgebäude sie von oben bis unten. „Also mir hat man davon nichts gesagt!“
„Doch, das hat man.“
Taniya fing seinen Blick mit ihrem und das intensive, prickelnde Gefühl magischer Kraft füllte ihre Augen. Ihre Magie sickerte durch die Ritzen und Risse in dem Schutzwall seines Bewusstseins und stellte die Verbindung zwischen ihrem und seinem Geist her. Die Magierin schöpfte tief aus ihrem arkanen Reservoir, das in den letzten Stunden viel zu viel seines Inhalts eingebüßt hatte und wob eine Pseudoerinnerung in das Gedächtnis des Wachmanns. Es war eine feine Balance nötig: Nicht zu wenig Details, denn dann war die Erinnerung zu leicht als falsch zu durchschauen, jedoch auch nicht zu viele, damit das Unterbewusstsein des Gegenübers die Lücken ausfüllen konnte und die Erinnerung nicht als Fremdkörper herausstach. Taniya war recht stolz auf ihre Fähigkeiten als Psionikerin. Hier und jetzt jedenfalls gelang das Kunststück. Der Gardist kniff die Augen zusammen und blickte für einen Augenblick ins Nichts.
„Doch, jetzt wo Ihr es sagt … der Hauptmann hat in der allgemeinen Aufregung wohl vergessen, es uns heute Morgen noch einmal …“ Er schüttelte den Kopf. „Verzeiht meine Unhöflichkeit, die Situation ist angespannt, Ihr versteht.“
Taniya schenkte ihm ihr bezauberndstes Lächeln. „Ach, das ist doch nicht der Rede wert!“
„Nun, ähm, wisst Ihr, wo Ihr hinmüsst?“
„Ich soll mich direkt in der Waschküche melden. Vielleicht wäret Ihr so freundlich mir den Weg zu verraten?“
„Ah, selbstverständlich.“

Wenige Augenblicke später betrat Taniya den Palast und folgte dem Weg zur Waschküche. So weit, so gut. Am Ziel angekommen, würde sie sich Kleidung der hiesigen Dienstmägde besorgen und sich dann auf die Suche machen.
Als sie an zwei tuschelnden Bediensteten vorbeikam, hielt sie kurz inne, um sich – scheinbar – den Rock zu richten.
„Gestern Nacht am Tor …“ hörte sie. Und: „Man sagt, es sei der Neffe des Fürsten …“ Arjuk ist also wirklich hier. Ein Glück!  Taniya setzte sich wieder in Bewegung.
„Ein Gardist hat mir gesagt, er hat dem Schwarzmagier einfach den Arm a b g e f r o r e n!“
Bitte WAS hat Arjuk gemacht?

Die meisten Menschen haben überdurchschnittlich viele Arme und Beine ...

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VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Mira - 06-03-2008, 20:33
RE: Athalem: Blaues Blut - von Ichigo - 19-04-2008, 18:58
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RE: VR: Blaues Blut (453 d.E) - von Ichigo - 07-03-2009, 20:08
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