Es ist: 28-09-2022, 20:37
Es ist: 28-09-2022, 20:37 Hallo, Gast! (Registrieren)


VR: Blaues Blut (453 d.D)
Beitrag #67 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Ein lautes Klopfen riss Kara aus ihrem tiefen, diesmal traumlosen Schlaf. Sie brauchte einen Moment lang um sich in der ungewohnten Umgebung zu orientieren, zu erinnern, wo sie gerade war. Doch als sie ihren Blick durch das prachtvolle Zimmer lenkte, wusste sie mit einem Schlag wieder, wo sie sich befand: in einem brandgefährlichen Spiel mitten im Palast des Herzogs von Kayro'har.
Das Klopfen wiederholte sich, und Karas Augen schnellten zur schweren Eichentür, während sie sich hastig vom Diwan aufrappelte. Sie musste doch tatsächlich eingeschlafen sein, denn ein kurzer Blick zum Fenster zeigte, dass die Sonne mittlerweile deutlich über den Palastdächern stand. 


“Milady?”, ertönte eine gedämpfte Stimme vom Gang vor dem Gemach. Kara fasste ihren Mut zusammen und räusperte sich. Miriana von Pirmarys würde bestimmt nicht länger zögern.
“Herein!”, rief sie, unglücklich über ihre brüchige Stimme, die nicht gerade vor Autorität strotzte. Das musste sie definitiv noch üben.
Die Tür schwang auf, und herein trat ein edel gekleideter Bediensteter, der von zwei etwas schlichter gekleideten Dienern gefolgt wurde, die sich sogleich emsig in den Raum bewegten um die kaum angefassten Speisen und Getränke abzuservieren. 
Kara war einen Moment lang überrumpelt von der ungewohnten Situation und beobachtete das plötzliche Treiben der Diener. Dann stand sie rasch von ihrem gemütlichen Platz auf, wo sie wenige Minuten zuvor noch friedlich geschlafen hatte, und versuchte sich nicht von dem Blick undurchdringlichen Blick des sichtlich ranghöheren Bediensteten einschüchtern zu lassen. Seine stechenden, sturmgrauen Augen wurden von schmalen Lippen, hervorstechenden Wangenknochen und einem ehrwürdig angegrauten Haaransatz über den zusammengezogenen Augenbrauen ergänzt.
"Milady Pirmarys, gestattet mir mich vorzustellen: mein bescheidener Name ist Hoarim, Hofbediensteter des Hauses Dravarkesh, zu Euren Diensten”, sprach er mit unerwartet schmeichelnder Stimme, die Kara für einen Moment lang fast aus der Fassung brachte.
“Ich hoffe Ihr habt wohl geruht und die Unterkunft ist zu Eurer Zufriedenheit?"
Kara straffte die Schultern, blickte kurz prüfend links und rechts, und antwortete dann in einem wie sie hoffte für den Umgang mit Bediensteten angemessenen und möglichst unpersönlichem Ton: "Eure Gastfreundschaft ist sehr großzügig, ich könnte mich über nichts beklagen."
Ein vage angedeutetes Lächeln auf zusammengepressten Lippen erschien auf dem Gesicht des Mannes, der trotz seiner unscheinbaren Statur und leicht demütiger Körperhaltung eine Autorität ausstrahlte, die Kara nervös machte.
"Der Herzog ist noch beschäftigt und bittet um etwas Geduld, bis er Euch empfangen kann. Wenn Milady gestatten, lasse ich in der Zwischenzeit ein leichtes Frühstück servieren?", sprach Hoarim, und auf ein verhaltenes Nicken von Kara hin schickte er mit einem Handzeichen die zwei Diener wieder in den Raum. Diese hatten gerade erst die spärlich angerührten Speisen der vergangenen Nacht abserviert, und trugen nun sofort wieder frische silberne Teller und Platten hinein, auf denen sich so viel Essen stapelte, dass Kara sich sicher war, es könnten mehr als vier hungrige Männer davon satt werden. Das leichte Frühstück schien mindestens so opulent zu werden wie die Häppchen und Speisen, die ihr in der Nacht dargeboten wurden.
"Eure Reise war sicherlich ... turbulent", sagte Hoarim und Kara fühlte förmlich, wie er ihre Erscheinung von oben bis unten penibel musterte, "Wenn Milady wünschen, dann lasse ich eine Kammerzofe rufen und veranlasse, dass Ihr euch etwas frisch machen könnt?" Kara spürte, wie ihre Wangen rot wurden. Sie wurde sich unwohl bewusst, dass sie mit ihrer einfachen Kleidung vollkommen fehl am Platz wirken musste. Selbst die Uniform der Bediensteten waren trotz schlichtem Schnitt weitaus edler und prachtvoller als ihre abgetragene Bluse und der ausgewaschene Rock, den sie mit Milena für ihren Ausflug in die Stadt besorgt hatte.
"Dafür wäre ich Euch sehr dankbar, die letzten Tage waren in der Tat sehr turbulent", sagte Kara, und setzte nach kurzem Überlegen hinzu, "Ich fühle mich tatsächlich nicht ganz wie ich selbst, in diesem Aufzug."
Der Bedienstete nickte, fast schon verständnisvoll, und sagte: "Ich lasse Euch etwas Angemessenes schicken. Sobald der Herzog für Euch Zeit hat wird er nach Euch rufen lassen."
Dann verneigte er sich und verschwand mit den anderen Dienstboten ebenso schnell wieder, wie er aufgetaucht war. Als sich die Tür hinter ihm schloss merkte Kara, dass ihr Herz bis zum Hals schlug.


"So weit, so gut", dachte sie. Zumindest war ihr falsches Spiel noch nicht sofort entdeckt worden und man behandelte sie immer noch wie die, die sie zu sein vorgab. Wenngleich sie sich auch nicht ganz sicher war, ob sie ihre Rolle in der kurzen Konversation überzeugend genug gespielt hatte. Der ältere Bedienstete schien ein gewisses Maß an Misstrauen auszustrahlen, von dem Kara nicht genau sagen konnte, ob es seiner Grundeinstellung entsprach, oder ob sie ihm Anlass dazu gegeben hatte. Jedenfalls erinnerten ihre glühenden Wangen sie daran, dass sie sich bisher noch keine Gedanken gemacht hatte, wie ihr Aussehen zu ihrer neuen Rolle passte. Sie musste sich nicht nur so verhalten, wie eine Adelige, sie musste auch überzeugend aussehen, um den Herzog nicht sofort misstrauisch zu machen, wenn sie ihm begegnete.


Kara war noch nicht weit gekommen, darüber nachzudenken welche Kleidung wohl für Miriana von Pirmarys angemessen wäre, und was sie mit den langen, dunklen Haaren anfangen sollte, die in einem unordentlichen Zopf über ihre Schulter hingen, da klopfte es erneut an der Tür. Diesmal war es ein schüchternes Dienstmädchen, das eintrat und mit gesenkten Augen sprach:
“Milady, Euer Bad ist soweit, wenn es Euch genehm ist…”
Kara erhob sich vom Tisch, an dem sie gerade vom Frühstück probiert hatte, und wollte schon in Richtung Tür gehen, doch das Dienstmädchen zeigte zögerlich auf einen kunstvoll bestickten Wandteppich, dem Kara bisher noch keine große Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Verwirrt blieb sie davor stehen und beobachtete, wie das Dienstmädchen sich flink an einer Seite des Teppichs zu schaffen machte. Plötzlich schwang eine bisher verborgene Tür samt Teppich auf, und Kara blickte in einen kunstvoll gefließten Raum. Das Dienstmädchen huschte sogleich voraus, und als Kara ihr zögernd folgte, fand sie sich in einem Badezimmer wieder, das in seiner Pracht dem Schlafgemach um Nichts nachstand. Ein hohes Fenster aus bunten Glasmosaiken ließ schimmernd das Sonnenlicht in den sandfarbenen Raum fallen und bunte Lichtflecken tanzten auf dem Wasserbecken, das sich in der Mitte des Badezimmers befand. Von dort stieg warmer Dampf auf, der Kara sofort ins Gesicht schlug und sie mit dem Duft von Jasminblüten einhüllte. Neben dem Becken türmten sich wieder Kissen auf verschiedensten Sitzmöbeln, und auch hier waren mehrere Tischchen reichlich gedeckt mit silbernen Karaffen und einer ausladenden Schüssel voll exotischer Früchte. Das Mädchen deutete schüchtern auf einen hölzernen Paravent, hinter dem Kara eine gepolsterte Bank und ein Regal mit schneeweißen Handtüchern vorfand. 
“Braucht Milady Hilfe beim Entkleiden?”
Kara überlegte einen Moment lang und entschied dann, dass ihr das nun doch zu weit ging. Tarnung hin oder her, sie hatte weitaus Dringenderes zu tun als sich den ganzen Tag lang mit edlen Speisen füttern zu lassen und keinen Finger zu rühren, während Bedienstete um sie herum schwirrten.
“Danke, das ist nicht notwendig”, sagte sie, und begann ihre schlichten Kleider abzulegen. Auf dem spiegelglatten Boden kamen ihr die staubbedeckten Stiefel auf einmal besonders schäbig vor. Ein Blick hinter dem Paravent hervor zeigte Kara, dass das Dienstmädchen mit gesenkten Augen dastand und immer wieder kurze, prüfende Blicke in ihre Richtung schickte. Kara seufzte und zog die blaue Bluse über den Kopf.
“Wie heißt du, Mädchen?”, fragte sie, während sie ihre abgetragenen Kleider auf seidene Polster bettete.
“Mein Name ist Ariane, Herrin”, kam die schüchterne und leicht überraschte Antwort.
“Ariane, wärst du bitte so freundlich nebenan zu warten, während ich mein Bad nehme? Ich komme selbst ausgezeichnet zurecht.”
Es folgte eine kurze Pause, in der Kara sich fragte welche höfische Etikette sie wohl schon jetzt schon wieder verletzt haben könnte.
“Jawohl Herrin, wie Ihr wünscht. Bitte zögert nicht, mich zu rufen, wenn Ihr mich brauchen solltet!”
Kara seufzte erleichtert als sie die schnellen Fußtritte und das Rascheln der weiten Röcke des Dienstmädchens hörte, das sich von ihr entfernte. Nach drei Herzschlägen, trat Kara hinter dem Paravent hervor, sah sich prüfend im Badezimmer um, packte einen Pfirsich vom Obstteller, und begann ins Bad zu steigen. Als das warme, duftende Wasser sie umfing, und sie es sich am Beckenrand gemütlich gemacht hatte, machte sich ein zufriedenes Lächeln auf Karas Gesicht breit. Es wäre doch eine Schande, den ganzen dargebotenen Luxus nicht auszunutzen, solange sie noch konnte. Entspannt schloss sie die Augen und dachte: “Dieser Teil von Mirianas Leben ist gar nicht so schlecht…


***


“Milady, Ihr seht bezaubernd aus!”, sagte Ariane überschwänglich und in ihrer Stimme schwoll sichtlich Stolz mit, als sie Kara’s letzte Haarsträhnen in einen kunstvoll über die Schulter drapierten Zopf verwandelte. Kara blickte wie gebannt in den Handspiegel vor ihr und betrachtete die erneute Verwandlung, die durch die tatkräftige Hilfe des Dienstmädchens soeben stattgefunden hatte. In penibler Arbeit hatte Ariane der Reihe nach fast alle Puder, Tinkturen und Cremes, die auf der Kommode bereit standen, zum Einsatz gebracht, und auf Karas Lippen, Lidern, Wimpern und Wangen ein subtiles aber beeindruckendes Kunstwerk aus Textur und Farbe geschaffen. Die eisblauen Augen blitzten nun noch klarer und strahlender unter den dunkelschwarzen Wimpern hervor und die rosigen Lippen setzten einen warmen Kontrast dazu, der Kara fast automatisch dazu brachte zu Lächeln. Ihr gesamtes Gesicht glich einem feinen Gemälde, welches sich mit der Frisur aus komplex ineinander geflochtenen Strähnen perfekt zu einem Gesamtkunstwerk ergänzte.
“Danke, Ariane”, sagte Kara und riss sich von ihrem Spiegelbild los. Als sie aufstand raschelten die weiten Röcke des ungewohnten Kleids, in das Ariane sie nach ihrem Bad gesteckt hatte.
“Und du bist dir sicher, dass dieses Kleid nicht zu… extravagant ist?”, fragte sie zu wiederholten Mal, als sie über den seidigen Stoff strich.
“Aber nein, Milady, es passt wunderbar zu Euren Augen, und der Herzog - “
Ein lautes Klopfen an der Tür unterbrach das Dienstmädchen, und im selben Moment wurde die Tür auch schon weit geöffnet. Hoarim, der ältere und distanzierte Bedienstete, trat ein und schien gänzlich unbeeindruckt von Karas Verwandlung, als er sie nüchtern ansah und meinte: “Milady Pirmarys, der Herzog erwartet Euch nun. Wenn ihr mir also folgen würdet?”
Kara drehte sich kurz zu Ariane um, die Kara rasch den Handspiegel aus der Hand nahm und dann mit gesenktem Kopf einen kleinen Knicks machte.
“Also dann…”, murmelte Kara, als sie Hoarim mit einem mulmigen Gefühl im Bauch auf den Gang hinaus folgte, und ergänzte in Gedanken, “...auf in die Höhle des Löwen.


Flankiert von zwei gut gerüsteten Wachen, die penibel darauf achteten ihr in respektvollem aber doch kurzem Abstand zu folgen, wurde Kara zügig die Korridore entlang geführt. Man brachte sie vom ersten Stock über ein weitläufiges Treppenhaus ins Erdgeschoss, wo sie schließlich aus dem steinernen Korridor des Palastinneren in einen überdachten Arkadengang hinaus traten. Dieser führte den Innenhof entlang, den Kara von ihrem Fenster aus in der Nacht zuvor betrachtet hatte. Nun blendete sie das grelle Sonnenlicht, das auf den weißen Kieseln und dem kleinen geometrischen Wasserbecken reflektiert wurde, und eine Welle warmer, trockener Luft ließ Kara’s Haare im Nacken kurz in einem Anflug von Gänsehaut zu Berge stehen. In der unbarmherzigen Mittagssonne wirkter der Hof mit seinen verlassenen, steinernen Bänken äußerst uneinladend. Die Abwesenheit von Menschen und Pflanzen unterstrich dieses Gefühl nur, ebenso wie der einsame Schatten eines hoch oben kreisenden Vogels. Kara merkte, wie sie langsam unter den weiten Röcken zu schwitzen begann, und als sie endlich auf der anderen Seite des Hofes wieder durch eine Tür in den Palast eintraten war sie spürbar erleichtert, in die angenehm kühle Luft zurückzukehren, die die Marmorböden und Wände dort ausstrahlten. 
Doch die Erleichterung hielt nicht lange an, denn als sich ihre Augen wieder an die dunklere Umgebung gewöhnt hatten bemerkte Kara, dass sie nun durch einen langen, breiten Korridor geführt wurde, an dessen Ende sich ein großes, schwarzes Tor befand, hinter dem sich sicherlich der Herzog befinden musste. Zu offensichtlich waren die roten Schlangenmuster, die sich auf dem nachtschwarzen Teppich vor dem Tor ineinander schlangen und das Wappen der Dravaskeshs formten. Kara schluckte trocken und wünschte sich, sie hätte wenige Augenblicke zuvor in ihrem Zimmer noch die Zeit genutzt um etwas zu Trinken. Mit jedem Schritt, den sie dem dunklen Tor näher kamen, schlug ihr Herz schneller, und auch die goldgerahmten Portraits zu beiden Seiten des Korridors trugen nicht zu ihrer Beruhigung bei. Die Blicke der portraitierten Lords und Ladies schienen sich geradezu in ihren Rücken zu bohren und sie als Schwindlerin zu entlarven, und Kara war sehr bedacht darauf den Blickkontakt mit den auf Leinwand gebannten Adeligen zu vermeiden. Wenige Meter vor dem drohenden Tor ertappte Kara sich dabei, wie ihr Blick doch zum letzten Portrait auf der linken Seite des Korridors wanderte und dort für einen Moment lang hängen blieb. 


Ein blasser, dunkel gelockter Junge starrte ihr entgegen, die Brauen über den ebenso dunklen Augen leicht zusammengezogen. Er erschien ihr unnatürlich ernst für sein Alter, und ehe sie ihren Blick im Vorbeigehen losreißen musste, dämmerte es ihr langsam, wo sie diesen Blick schon einmal gesehen hatte: Arjuk Nystrad. Wie jedes Mal, wenn sie diesen Namen in ihren Gedanken wiederholte, machte sich ein schwaches aber beständiges Gefühl von Vertrautheit in ihr breit, dem sie aber nicht bis zu seiner Wurzel folgen konnte, bevor ein unnachgiebiger Nebel jeden klaren Gedanken unmöglich machte. Ob Arjuk wohl auf ihr falsches Spiel als angebliche Verlobte einsteigen würde? Oder würde er sie sofort vor seinem Onkel enttarnen? Ein Räuspern riss Kara aus ihren Gedanken, und sie beeilte sich wieder zu Hoarim aufzuschließen, der sich ungeduldig nach ihr umgedreht hatte. Auf ein Zeichen von ihm traten die Wachen vor und öffneten das schwarze Tor.


Der Blick auf den Thronsaal dahinter ließ Kara’s Atem stocken und einen Augenblick lang war sie von der Eleganz und Schönheit des Saales so abgelenkt, dass sie ganz vergaß, aus welchem Grund sie hier war. Mit vor Staunen geöffnetem Mund trat sie durch das Tor in diese vollkommen fremde Welt aus goldenem Licht und spiegelndem Marmor ein, bezaubert vom Widerschein der Kerzen in abertausenden Kristallen. Der hohe Raum strotze nur so von Reichtum und Macht und war gewiss so gestaltet worden, dass alle Gäste ausreichend Notiz davon nahmen.
“Mein Herr, Lady Miriana von Pirmarys”, hörte Kara Hoarim sagen und riss ihren Blick von den goldenen Ornamenten an der Decke. Vor ihr stand eine lange Tafel, an deren Kopfende ein Mann mit kantigem Gesicht, dunklen Locken und purpurfarbenem Umhang saß. Das musste also der Herzog von Kayro’kan sein, Vulun Dravarkesh. Der Herzog schickte mit einem knappen Nicken den Wachmann fort, mit dem er sich gerade noch leise unterhalten hatte, und stand langsam auf. 
“So, so… Lady Miriana von Pirmarys. Tretet näher”, sagte er mit einer Stimme, die Befehlen gewohnt war, und schickte gleichzeitig Hoarim mit einer Geste seiner Hand fort.
Etwas in Vulun’s Stimme und Körperhaltung versetzte Kara sofort in höchste Alarmbereitschaft. Ihr wurde schlagartig bewusst, dass sie ihre bisherige Situation vollkommen unterschätzt hatte, und das obwohl sie geglaubt hatte sie wüsste, auf was für ein gefährliches Spiel sie sich eingelassen hatte. Der Mann vor ihr war kein reicher, gelangweilter Einfaltspinsel, dem man so leicht etwas vorspielen konnte. Sein harter Blick und seine beiläufig lässige Gestik strahlten in Kara’s Bewusstsein vor allem eines aus: Gefahr. Obwohl sie sich fühlte wie eine Maus vor einer gefräßigen Schlange, bewegte sich Kara langsam auf den Herzog zu und versuchte ihre rasenden Gedanken unter Kontrolle zu bringen und ihren Herzschlag zu beruhigen. Sie hatte sich freiwillig in diese Situation gebracht, jetzt war es an der Zeit die Flucht nach Vorne anzutreten.


“Herzog Dravarkesh”, sagte sie und bat die Götter um stillen Beistand, “Es ist mir eine Ehre bei Euch zu Gast sein zu dürfen.” Demut, Verneigung, Knicks - das hatte ihr Dhanas eingeschärft - und auf keinen Fall den Kopf heben, bevor man angesprochen wurde! Ein paar quälend lange Herzschläge lang fühlte Kara nur den eisigen Blick des Herzogs auf ihr ruhen und verharrte in vollkommener Stille in ihrer Verneigung.
“Die Ehre ist ganz meinerseits”, sprach Vulun schließlich und erlöste Kara aus ihrer Starre.
“Immerhin hatte ich noch nicht das Vergnügen die Verlobte meines Neffen kennenzulernen.”
Kam es ihr nur so vor, oder hatte Vulun das Wort Verlobte ganz bewusst für den Bruchteil einer Sekunde lang hinausgezögert und seltsam betont? Sie versuchte sich an einem schüchternen Lächeln und wagte es einen Augenblick lang direkt in die bernsteinfarbenen Augen des Herzogs zu blicken. “Die Verlobung hat ja auch erst vor recht kurzer Zeit und im kleinsten Kreis stattgefunden und die beunruhigenden Ereignisse an den Grenzen Nomae’kans und in Noato selbst haben natürlich auch zu einer gewissen … Zurückhaltung beigetragen”, erklärte Kara und versuchte irgendeine Regung in Vulun’s Gesichtzügen zu erkennen. Doch der Herzog ließ in keinster Weise erkennen, was hinter seiner selbstsicheren Fassade vorging.
“Aber natürlich”, sagte er und setzte ein entwaffnendes Lächeln auf, “Das war bestimmt äußerst nervenaufreibend für Euch und Eure Familie.”
Vulun legte kurz den Kopf schief, so als ob er spontan über etwas nachdenken musste, und setzte dann nach: “Eure Eltern …  sie befinden sich doch wohl nicht etwa auch in Kayro’har?”
Kara schluckte und wusste, dass der Herzog nun jedes Wort von ihr auf die Goldwaage legen würde, wenn er auch nur den leisesten Verdacht hegte, sie würde nicht die Wahrheit sagen.
“Nein, meine Eltern - das heißt meine Mutter und mein Adoptivvater -  sind nach Nomae’har gereist, kurz bevor die ersten Truppen Noato erreichten und die Grenzen abriegelten.”
“Und wie kommt es dann, dass Ihr so unverhofft in Kayro’har gelandet und nicht mit Eurer Familie zusammen abgereist seid?”, wollte der Herzog mit aalglatter Stimme wissen.
“Nun, ich sollte meinen zukünftigen Ehemann und Noato trotz alledem noch etwas besser kennenlernen und hätte ein paar Tage später ebenfalls abreisen sollen. Doch niemand hatte gedacht dass sich die Lage so schnell zuspitzen würde…”
Kara strich sich verlegen eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht und hoffte, dass die angemessen betroffen aussah.
“Schließlich wurde allen bewusst wie ernst die Lage wirklich war, und Prinz Arjuk und ich verließen in letzter Sekunde die Stadt. Es war außerordentlich mutig und ehrenhaft von ihm, mir zur Flucht zu verhelfen. Ich stehe tief in seiner Schuld.”
“Welch eine rührende Geschichte”, Vulun seufzte und runzelte dann die Stirn, “Aber so erklärt mir doch bitte warum es meinen Neffen und Euch nun ausgerechnet nach Kayro’har verschlagen hat? Schlussendlich waren es ja meine Truppen, die Euch zur Flucht veranlasst haben…”
Auf diese Frage war Kara vorbereitet.
“Ihr kennt Euren Neffen sicherlich besser als ich, und wisst, wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, dann kann ihn nichts mehr davon abbringen. Nach wenigen Stunden unserer Flucht hatte er sich bereits geschworen, diesen unnötigen Krieg um Noato zu beenden und Euch persönlich dafür zur Rede zu stellen … und dafür blieb uns nichts anderes übrig, als im Geheimen nach Kayro’har zu reisen.”
Das Körnchen Wahrheit, das sich in dieser gewagten Geschichte befand, gab ihr den nötigen Rückhalt um dem Herzog ohne zu Blinzeln eine weitere Lüge aufzutischen.
“Doch das Glück hat uns kurz vor den Stadttoren Kayro’hars verlassen, als uns dort plötzlich Schwarzmagier aufgriffen und vor Euren Palast zerrten. Bei ihrem grauenvollen Angriff muss ich wohl das Bewusstsein verloren haben”, sagte Kara und berührte demonstrativ die blauen Striemen an ihrem Hals, die Ariane nicht vollständig verstecken hatte können, “Und als ich wieder aufwachte, befand ich mich alleine unter Fremden in einem schwer bewachten Raum wieder.”

Vulun hatte nachdenklich die Arme vor dem Körper verschränkt und ließ einige Sekunden verstreichen, bevor auf Kara’s Bericht reagierte.
“Das sieht meinem Neffen tatsächlich ähnlich, dass er impulsive Entschlüsse fasst und sich damit von einer vertrackten Lage in die nächste manövriert.”
Kara atmete innerlich auf, als Vulun’s Lächeln diesmal auch seine Augen erreichte, und somit seinen raubtierhaften Ausdruck etwas menschlicher machte. Doch die Erleichterung hielt nur kurz an, denn Vulun fuhr mit unbeirrtem Lächeln fort: “Dennoch werdet Ihr sicherlich verstehen, dass ich Eure Geschichte zuerst überprüfen lassen muss, bevor ich dieser dramatischen Erzählung vollsten Glauben schenken kann.”
Da war es wieder, das Gefühl in einer schrecklichen Falle ohne Ausweg zu sitzen.
“Mein Neffe ist leider gerade etwas unpässlich, weswegen wir ihn erst etwas später in diesem Dilemma zu Rate ziehen können. Bis dahin steht Euch aber selbstverständlich grenzenlose Gastfreundschaft zur Verfügung, Lady Miriana.”
Kara schluckte. Wenn Arjuk mitspielte, dann hatte sie hoffentlich noch eine Chance den Herzog von ihrer Geschichte zu überzeugen. “Wo-”, sie räusperte sich und setzte mit etwas festerer Stimme erneut an, “Wo ist Arjuk? Geht es ihm gut?”
“Sagen wir so, er muss erst lernen mit seinen Kräften hauszuhalten und hat sich wohl etwas zu sehr verausgabt”, sagte Vulun mit einem rätselhaften Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen Ärger, Belustigung und Stolz zu schwanken schien. Kara folgte dem Blick des Herzogs und sah plötzlich, dass einige Kronleuchter nahe dem großen Eichentor schwer in Mitleidenschaft gezogen waren und mehrere Kerzen vermissten. In einem Winkel war ein Bediensteter dabei möglichst unauffällig aber eilig einen Haufen Scherben zusammenzukehren und mit großen Tüchern den Boden zu trocknen. Die Scherben glänzten seltsam im Kerzenlicht. Oder war das etwa Eis?
Was zur Hölle hatte Arjuk bloß nun wieder angestellt...


Vulun’s Stimme riss Kara aus ihren Gedanken zurück:
“Keine Sorge, Arjuk ist in besten Händen. Ich lasse nach Euch rufen, wenn Euer Verlobter soweit ist euch zu sehen. Ihr fühlt Euch sicherlich in der Zwischenzeit im Kaminzimmer wohl. ” 
Mit einer lässigen Handbewegung winkte der Herzog die zwei Wachen, die Kara schon aus ihrem Gemach hierher begleitet hatten, wieder zu sich. Kara fühlte sich wie eine Marionette an unsichtbaren Fäden geführt und verneigte sich erneut tief vor dem Herzog, der sie mit einem zufriedenen Lächeln beobachtete. Kara hätte gerne noch irgendetwas Bedeutsames erwidert um sich nicht vollkommen ausgeliefert zu fühlen, aber ihr Kopf war von einer bedrohlichen Leere erfüllt. So beschränkte sie sich darauf wortlos möglichst ungezwungen zu Lächeln und drehte sich dann in die Richtung, in welche die Wachen geduldig deuteten. Als sie sich nach wenigen Schritten noch einmal zum Herzog umdrehte, sah sie wie sich die Gestalt eines jungen Mannes aus dem Schatten einer Säule löste und schnurgerade auf Vulun zuging. Kara’s Herz versuchte erneut ihren Brustkorb zu sprengen, als sich just in diesem Moment ihre Blicke kurz kreuzten und ein selbstgefälliges Grinsen auf dem Gesicht des jungen Mannes erschien. Die kantigen Gesichtszüge und die Körperhaltung ließen keinen Zweifel aufkommen: das Raubtierhafte lag in der Familie Dravarkesh.

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Mira - 06-03-2008, 20:33
RE: Athalem: Blaues Blut - von Ichigo - 19-04-2008, 18:58
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RE: VR: Blaues Blut - von mondenschein - 16-11-2008, 19:02
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RE: VR: Blaues Blut (453 d.E) - von Ichigo - 19-03-2009, 22:48
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Dende - 02-05-2009, 22:34
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Ichigo - 03-06-2009, 21:59
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RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Ichigo - 07-09-2009, 00:41
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