Es ist: 26-09-2022, 10:42
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VR: Blaues Blut (453 d.D)
Beitrag #6 |

RE: VR: Blaues Blut
............... Jo wandte sich um und beachtete kaum wie Varjuk seinem neuen Kunden alles mögliche aufschwatzen wollte, als sie plötzlich jemanden am benachbarten Marktstand stehen sah, das gelockte, dunkle Haar so ins Gesicht gefallen, dass nur noch die Augen hervorblitzten.
Abertausende Sterne am Himmel, eine Wiese übersät von tanzenden Glühwürmchen, Arjuks verwunderter Blick – seine Augen… das konnte nicht sein.
Wie von selbst schloss sich Jos Hand um das Amulett, das sie stets um den Hals trug; das Amulett, das Arjuk ihr bei ihrem Abschied geschenkt hatte. Und plötzlich strich sich die Gestalt das dunkle Haar aus dem Gesicht.

---- Sie waren gekommen, um ihn zu holen. Stießen ihn vor sich her durch die Nacht. Die Hände so fest auf den Rücken gefesselt, dass sie in seine Haut einschnitten, stolperte er vor ihnen her. Seine Füße verfingen sich in Brombeerranken; da endete der Weg jäh in einer Klippe. Entsetzt warf er sich gegen den Griff seiner Bewacher, die ihn an den Rand des Abgrunds zerrten. Unter seinen Fußspitzen bröckelte der Boden. Ein Blick zur Mondsichel. Er wusste, dass hinter ihm einer seiner Peiniger dazu ansetzte, ihm den Stoß in den Rücken zu versetzen, der ihn nach vorne stolpern lassen würde...

„Nein...“
„Was hast du gesagt?“ Varjuk wandte sich nach Jo um. Ihre Augen waren weit aufgerissen, ihr Gesicht leichenblass.
„Jo, Kind, was in aller Welt...“
Jo riss die Arme nach oben. Varjuk taumelte zurück, als ein grelles Licht aufzuckte.
Die Explosion ließ den Marktplatz erbeben. Varjuk ging unter der Druckwelle zu Boden. Instinktiv riss er die Arme über den Kopf als der Marktstand zusammenbrach. Nur knapp verfehlte ihn einer der Masten, die barsten, als seien sie Streichhölzer. Ein Fass rammte ihn in die Seite, dann legte sich die Plane des Standes über ihn.
Endlich rührte sich nichts mehr. Nur hysterisches Hühnergackern war zu hören, während Varjuk unter der Plane hervorkroch und sich ungläubig umsah. Der Marktplatz glich einem Schlachtfeld. Die Stände verwüstet, Kisten gefallen, Fässer auf das Pflaster geprallt. Zwischen über die Straße kullerndem Obst und ausgeschütteten Mehlbergen kamen allmählich die blassen Gesichter der Menschen zum Vorschein, die zu Boden gegangen waren. Nur eine einzige Person stand aufrecht inmitten der Verwüstung: Einige Augenblicke lang verharrte Jo wie zur Salzsäule erstarrt, dann ging sie in die Knie.
Varjuk näherte sich ihr vorsichtig. Das Mädchen lag leblos im Schutt. Jegliche Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen. Varjuk legte zwei Finger an ihren Hals. Erschöpft schlug ihr Puls gegen seine Hand.
„Was in aller Welt war das?“, murmelte einer der Männer um sie herum. Geistesabwesend klopfte er sich den Staub von seinem Rock.
„Dieses Kind ist gefährlich.“ Der Ostländer, der dieses sagte, musterte das bewusstlose Mädchen mit düsterem Blick. „Was immer sie im Schilde führt, sie muss sofort unter Arrest.“
„Wir müssen die Palastwache verständigen!“, rief ein anderer Händler.
Sorgfältig bettete Varjuk Jos Kopf auf seine Knie und wartete schweigend ab.


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Arjuk blinzelte, als er die Fensterläden aufstieß und Morgenlicht in das kleine Zimmer fiel. Tief sog er die frische Luft ein. Vor seinen Augen breitete sich Nomae’har aus: Kleine, dicht aneinander gedrängte Häuser mit roten Dächern. Der Duft von Essen strömte auf die verwinkelten Gassen. In der Ferne ragten die noch nebelverhangenen Türme des Schlosses auf.
Im Herbergszimmer hinter ihm wälzte sich Chavan verschlafen auf die andere Seite. Arjuk grinste, als sein Blick auf den wirren kaffeebraunen Haarschopf zwischen den Decken fiel. Felims Bett daneben war bereits leer - das bedeutete keine wachsamen Augen auf Arjuk.
Mit einem Satz war Arjuk an seinem Lager und wollte ihm die Decke wegreißen, doch der Stallbursche klammerte sich an sie.
„Aufwachen!“, rief Arjuk. „Wir wollen doch Nomae’har entdecken, oder etwa nicht?“
Chavan brummte nur etwas unverständliches. Arjuk versuchte, seinen Griff zu lockern, indem er ihn kitzelte, und im Nu waren die Jungen in ein wildes Gerangel verwickelt. Der Stalljunge war erstaunlich stark und wendig, doch letztendlich entschied der Altersunterschied für Arjuk.
„Ich steh ja schon auf! Ich steh ja schon auf!“
Lachend entließ Arjuk ihn aus dem Schwitzkasten. Es war schon oft der sieben Jahre jüngere Chavan gewesen, der ihm die Spiele und Streiche gezeigt hatte, die man nicht kennen lernte, wenn man nicht mit den Kindern auf der Straße spielen durfte. Erst jetzt begriff Arjuk, dass all die strengen Regeln vorerst nicht mehr galten...
Arjuk grinste und trat an den Wasserbottich, der ihnen zum waschen bereit gestellt war.
„He, Chavan!“
Kaum wandte sich der Junge zu Arjuk um, landete eine gehörige Portion Wasser in seinem Gesicht. Chavan schrie empört auf. Gerade wollte er zum Gegenangriff übergehen, als es an ihrer Tür klopfte.
„Aus den Federn, ihr Schlafmützen! Sonst ist die beste Ware schon weg!“
Katrinas energische Stimme genügte, dass Chavan blitzschnell von Arjuk abließ und eifrig in seinem Bündel nach seinem Kittel wühlte.
„Als sei die ganze Stadt bereits wach, nur um dir das beste Brot wegzukaufen“, brummte Arjuk.
„Was weißt du schon von einem richtigen Markt“, entgegnete Katrina jenseits der Tür.
Arjuk grinste. „Nicht viel, aber mehr als du glaubst“, antwortete er, indem er sich sein Hemd überzog. Kaum hatte er die Tür geöffnet, wurde ihm auch schon ein großer Korb in die Hände gedrückt. „Wozu habe ich das Mannsvolk mit, wenn ich dann alleine meine Körbe schleppen muss.“
Schon wollte Arjuk ihr die Treppe hinab folgen, als er im dämmrigen Licht des fensterlosen Ganges zwei glitzernde Äuglein bemerkte. In einem Winkel kauerte das kleine Mädchen, das ihnen gestern den Weg zu der Herberge gezeigt hatte.
„Guten Morgen“, grüßte Arjuk überrascht. „Was machst du denn hier?“
„Guten Morgen!“, schmetterte die Kleine zurück. „Ich komme euch besuchen!“
„Das ist aber lieb.“ Katrina hatte sich umgewand und war sichtlich angetan von dem munteren, pausbackigen Kindergesicht.
„Seid ihr heute Abend noch hier?“ Unerwarteterweise hatte die Kleine in lupenreinen Khami gesprochen.
„Wir reisen morgen gegen Mittag ab“, antwortete Katrina verdutzt in ihrer Muttersprache. „Aber sag, warum sprichst du so gut Khami?“
„Meine Eltern sind in Samir’bat geboren“, erklärte das Mädchen. Ihr Lächeln entblößte eine Reihe schneeweißer Milchzähne. „Dann bis später!“
Schon war sie flink wie ein Wiesel zwischen ihnen hindurch und die Treppe hinab.
„Was für ein niedliches Kind“, erklang Milenas Stimme. Sie hatte das Geschehen wohl vom Fuße der Treppe aus die ganze Zeit beobachtet. „Was hat das Mädchen gesagt?“
Während die Gefährten die kleine Herberge verließen und den Weg in Richtung Marktplatz einschlugen, gab Katrina das kurze Gespräch wieder.
„Wo liegt denn Samir’bat?“, wollte Arjuk wissen. „Wohl irgendwo in Aven’kan, oder?“
„Herrje, Arjuk!“ Katrina verdrehte die Augen. „Samir’bat ist der Name, den die Kham für die Provinzhauptstadt verwenden, die hier Aven’har genannt wird. Sag bloß, du hast davon nie etwas gehört.“
„Oh.“ Arjuk ließ den Blick über die enge, staubige Gasse streifen. Die Herberge befand sich abseits des geschäftigen Stadtzentrums mit seinen breiten Straßen.
„Warum zwei Namen für dieselbe Stadt?“, hakte er nach. „Aven war doch der General, der die Provinz in Athalem eingliederte, wenn ich mich recht erinnere. Deshalb Aven’kan und Aven’har.“
Das haben sie dir also beigebracht.“ Katrina lächelte „Du bist wirklich ein Westländer durch und durch.“
„Was auch sonst?“, gab Arjuk unwillig zurück. Ein dunkler Haarschopf allein hatte noch niemanden zum Ostländer gemacht.
„Aber du erinnerst dich doch auch an Samirjuk, oder?“, fragte Katrina.
„Samirjuk, der erste König? Natürlich erinnere ich mich an den. Du hast mir ja ständig Legenden von ihm erzählt und wie er sein Königreich errichtete. Ach so!“ Arjuk schlug sich vor die Stirne. „Klar, die Kham wollen ihre Hauptstadt nach ihrem ersten König benennen, deshalb Samir’bat. Aber Athalem will von dem alten Königreich nichts wissen und nennt die Stadt Aven’har, nach dem ersten Provinzverwalter nach dem Fall des Königreiches. So ist es doch, oder?“
„Ganz genau“, lächelte Katrina zufrieden. „Warum stellst du so dumme Fragen, wenn du dann so kluge Antworten darauf weißt?“
„Vielleicht wären meine Fragen nur halb so dumm, hättest du mir mehr als nur Märchen und Lieder beigebracht“, brummte Arjuk.
„Was für Märchen und Lieder?“ Milena blickte Katrina erstaunt an.
„Märchen und Lieder, die ich diesem verzogenen Bengel vor dem Einschlafen gesungen habe, als er noch ein harmloses Kind war wie unsere kleine Freundin eben in der Herberge.“ Katrina schmunzelte.
Arjuk zog es vor, die Bemerkung zu übergehen, und Katrina begann Milena zu erklären, warum sie im Palast von Noato gelandet war.
„Ich bin in Caralmur geboren, eine freie Reichsstadt genau zwischen Kayro’kan, Gandal’kan und Aven’kan. Die Mehrheit der Bevölkerung ist immer noch Kham. Ich habe dort schon länger in guten Häusern gedient, wusste also, wie man sich vor den gnädigen Herrschaften zu verhalten hat, und eines Tages hörte ich, dass irgendein hohes Haus im Westen ein Kindermädchen für ihren Nachwuchs sucht. Ein Kindermädchen aus dem Osten. Die gnädige Dame stammt nämlich aus einer Familie mit Kham-Vorfahren und hatte sich in den Kopf gesetzt, ihrem Kleinen ein wenig von dem Glanz dem alten Kham-Reich zu vermitteln, den sie selbst nie kennen gelernt hatte. So wurde Noato zu meinem zweiten Zuhause und Arjuk zu meinem Sohn. Auch wenn ihm seine Lehrer eine Menge seltsame Ansichten in den Kopf pflanzten.“
Arjuk wandte sich aus ihrem Griff, als sie ihm über das Haar fuhr. Sie musste sich recken, um ihrem Schützling die Locken zu zausen.
„Da hast du mir ja sogar fast die Wahrheit erzählt“, bemerkte Milena mit einem etwas spitzen Unterton. „Wenn man mal beiseite lässt, dass deine angebliche Mutter in Wirklichkeit dein Kindermädchen ist.“
Katrina lachte auf. „Das möchte ich hören, was das Schlitzohr dir erzählt hat“, schmunzelte sie.
Arjuk wurde das Gespräch zu heikel.
„Komm Chavan, wir lassen die Frauen in Ruhe tratschen“, brummte er, indem er den Stalljungen am Arm fasste und ein schnelleres Schritttempo anschlug.
„Wo ihr schon dabei seid, großspurig vorneweg zu laufen ohne den Weg zu kennen, könntet ihr mal jemanden nach dem Markt fragen“, schallte ihnen Katrinas Ruf nach.


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VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Mira - 06-03-2008, 20:33
RE: Athalem: Blaues Blut - von Ichigo - 19-04-2008, 18:58
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