Es ist: 26-09-2022, 10:53
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VR: Blaues Blut (453 d.D)
Beitrag #10 |

RE: VR: Blaues Blut
Das Medaillon pendelte vor Dendes Augen in immer kleiner werdenden Zügen hin und her und kam schließlich direkt vor seiner Nasenspitze zum Stillstand. Seit Stunden drehten Dendes Gedanken immer wieder um das Schmuckstück, doch genau wie das Amulett regelmäßig, von der Erde angezogen, aus der Schwingung geriet, so fiel auch in Dendes Kopf alles immer wieder auf einen Punkt zurück. Er hatte definitiv noch nie ein vergleichbares Amulett gesehen und das hieß, es konnte aus keinem von ihm bekannten Teil Athalems stammen. Und es war definitiv nicht so magisch, dass er dessen Zauberkraft hätte nutzen können. Andererseits würde das bedeuten, dass die Unbekannte allein für die Explosion verantwortlich war. Es kam nicht selten vor, dass plötzlich Menschen unkontrolliert Zeichen magischer Energie zeigten. Daraufhin wurden sie gewöhnlich schnellstens zu einem Magus gebracht um ordentlich trainiert zu werden. Doch dabei handelte es sich immer um Kinder. Einen derartigen Ausbruch bei einem Erwachsenen ... auch davon hatte Dende noch nie etwas gehört. Der Magier seufzte, ließ das Amulett in eine seiner Manteltaschen gleiten und blickte erschöpft zu der schlafenden Frau. Er hatte sich mit ihr in einem verlassenen Keller am Stadtrand verschanzt, weiter würden sie sowieso nicht kommen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Dende stieg die vermoderte Holztreppe hinauf, die unter seinem Gewicht verdächtig zu knirschen begann, schob vorsichtig eine Holzscheite zur Seite, die ein Loch im Mauerwerk freigaben und lugte ins Freie. Die Dämmerung war hereingebrochen und schon auf den ersten Blick bemerkte er die zahlreichen Fledermäuse, die den Himmel über der Stadt bevölkerten.
Spione der Schwarzen Magier, dachte Dende ärgerlich. Sie waren ihnen auf den Fersen, wie erwartet. Er würde keinen tierischen Spion losschicken können. Die Fledermäuse würden jeden Vogel und praktisch jedes Tier vertreiben, das nicht die Aura der schwarzen Magie in sich trug.
Unter sich hörte er ein leises Stöhnen. Sie wachte auf! Hastig schob er die Holzscheite wieder über das Loch, sprang die Treppe hinab und kniete sich neben das, in seinen Augen, blutjunge Wesen, das vor kurzer Zeit einen ganzen Marktplatz in Schutt und Asche gelegt hatte. Nur sehr langsam schlug sie die Augen auf und selbst dann blieb ihr Blick glasig, als ob ihre Augen hinter einem Schleier verborgen blieben.
„Wo ... bin ich?“, stammelte sie leise.
„In Kayro'har.“, antwortete Dende kurz.
Ein Blick aus Unverständnis und Verwirrung traf ihn.
„Wer bist du?“
„Mein Name ist Alvius“, log Dende. „Ich habe dich hierher gebracht.“
„Und wer bin ich?“
Dende zog seine Augenbrauen hoch.
„Das wüsste ich auch gerne, Kind. Du hattest einen ...“ Er zögerte kurz. „...Unfall. Auf dem Marktplatz. Erinnerst du dich nicht?“
Sie runzelte die Stirn.
„Nein ... ich ... da sind nur verschwommene Schatten. Der Marktplatz ... und ein Stand ... aber ich weiß nicht, wieso ... was ... warum war ich dort? Wer bin ich?“, fragte sie noch einmal verzweifelter. So sehr sie sich auch zu erinnern versuchte, da war einfach nichts. Kein Gedanke, an den sie sich klammern konnte, kein roter Faden – nur eine beängstigende Leere.
Dende musterte sie einen Augenblick kritisch, holte dann eine Feldflasche aus seiner Tasche und reichte sie ihr mit der Aufforderung: „Trink! Das wird helfen.“
Zögernd gehorchte sie und trank einige Züge. Dabei musterte sie ihr Gegenüber, ließ den Blick über das faltige, freundliche Gesicht schweifen, dass aus der Kapuze hervorblickte. Wie alt er war, konnte sie nicht sagen, doch das war im Moment auch eine ihrer geringsten Sorgen.
Nachdem sie einige Schlucke zu sich genommen hatte, fragte sie: „Was ist passiert?“
„Das ist etwas kompliziert zu erklären, fürchte ich.“ Da die junge Frau fragend die Stirn runzelte und offensichtlich mehr erwartete, fuhr Dende zögernd fort. „Du hattest einen Unfall auf dem Marktplatz und bist bewusstlos geworden. Deshalb habe ich dich hierher gebracht.“
Sie blickte sich irritiert um. Bis auf eine rostige Lampe, die den Raum gerade so ausleuchtete, konnte sie außer ein paar zerfallenen Möbeln an den Wänden nichts erkennen. Eine schmale Holztreppe führte nach oben, starker Modergeruch kam von den feuchten Wänden.
„Wieso hierher? Wieso nicht zu einem Heiler? Wieso---“ Vor lauter Fragen verstummte sie.
„Weil du meiner Meinung nach in Gefahr bist, Kind. In großer Gefahr! Erinnerst du dich denn an gar nichts?“
Wieder versank sie für einige Minuten in Gedanken, schüttelte dann aber langsam den Kopf.
„Ich erinnere mich an einen Platz … und Menschen ... aber weder an dich noch an einen Unfall, noch an irgendetwas Genaueres! Es ist als ob jemand… einfach meine Gedanken ausradiert hätte.“
„Ich verstehe...“ murmelte Dende leise und schlurfte langsam auf und ab. Dann drehte er sich abrupt wieder zu ihr um und das Amulett baumelte von seinem Finger.
„Erkennst du das?“, fragte er leise.
„Ja“, sagte sie überrascht und ihre Augen weiteten sich. „Ja! Ich erkenne es. Das gehört mir, es gehört mir!“
Sie wollte danach greifen, doch mit einer raschen Handbewegung ließ Dende das Amulett wieder in der Manteltasche verschwinden.
„Nicht so schnell, Kind! Dieses Ding gehört vielleicht dir, aber ich fürchte, es könnte dir noch Probleme bereiten.“
Sie runzelte verärgert die Stirn. Das Einzige, an das sie sich im Moment klammern konnte, war dieses Amulett – sie glaubte, nein, war sich sicher, es schon einmal gesehen zu haben – und der Fremde wollte es ihr nicht geben!
„Wieso? Was meinst du damit? Was versteht ein alter Bettler davon?“
Dende lächelte leicht.
„Nicht viel vielleicht. Aber nachdem was ich gesehen habe...“
„Aber was hast du gesehen?“, wollte sie wissen und schrie nun fast, „Warum drückst du dich so geheimnisvoll aus? Was ist mit mir passiert? Wo bin ich hier? Was soll das alles?“
Dende wollte antworten, doch ein Geräusch von der Treppe ließ ihn herumfahren. Noch ehe sie etwas anderes sagen konnte, war er mit einem Satz im Schatten unter der Treppe verschwunden.


Ein plötzliches Aufblitzen vom Ende der Treppe ließ die überraschte Frau blinzeln. Stimmen drangen ihr entgegen.
„Da ist jemand!“, rief ein junger Mann aufgeregt.
„Das muss sie sein.“, antwortete eine andere Stimme, tiefer, böser. „Die Ungeformte.“
Plötzlich standen die beiden Männer genau vor ihr. Der Ältere von beiden hielt einen Stab in seiner rechten Hand, an dessen Ende eine kleine Kugel weiß leuchtete, so dass sie immer noch blinzeln musste. Der Jüngere hatte keinen Stab, doch an seinem Gürtel hing ein kleines Messer. Beide trugen lange, schwarze Roben und blickten sie finster an.
„Du wirst der unerlaubten Verwendung von Magie beschuldigt!“, rief der Mann mit dem Stab, „du wirst mit uns kommen. Keinen Widerstand!“
Mit einer blitzschnellen Handbewegung hatte der Jüngere sie gepackt und wollte sie zu sich zerren, doch die junge Frau wehrte sich nach Kräften.
„Lass mich los, Bastard!“, zischte sie und schlug verzweifelt um sich.
„Schweig, Ungeformte!“, keifte ihr Angreifer. Er holte mit der anderen Hand aus um ihr eine Ohrfeige zu verpassen, doch plötzlich gefror sein gesamter Arm vom Ellenbogen zur Fingerspitze zu Eis. Erschrocken ließ er seine Gefangene los. Ein plötzlicher Windstoß ließ ihn gegen die gegenüberliegende Mauer knallen, so dass sein gefrorener Unterarm klirrend zerschellte. Ein gellender Schmerzensschrei durchdrang den Keller.
Der zweite Magier wirbelte herum und richtete seinen Stab in die Dunkelheit.
„Wer ist da?“, schrie er, seine Augen wild suchend.
„Nur Schwarzmagier können derartig ungehobelt und grob mit einem Mädchen umgehen“, erklang die leicht belustigte Antwort.
„Zeig dich!“
Der Magier schwang seinen Stab und eine Flammenkugel zischte durch den Raum. Sofort rauschte aus dem Dunkel eine größere Wasserwelle heran, die sowohl das Feuer erstickte als auch den Magier neben der vor Schreck erstarrten Frau an die Wand schleuderte. Plötzlich sprang ihr Retter wieder aus der Dunkelheit hervor, schneller als es für seinen gealterten Körper möglich erschien, entriss ihrem Angreifer seinen Stab und schlug ihn mit einer ausholenden Bewegung auf den Kopf. Bewusstlos sank der Mann zu Boden. Der Alte wirbelte herum und richtete die Spitze des Stabes auf den Hals des zweiten Magiers, der immer noch heulend seinen Armstumpf hielt.
„Wie ist dein Name?“, zischte er leise.
„Rach'Kor“, stammelte der Andere unter Schmerzen.
„Du stammst von der lokalen Akademie der Schwarzmagier, nicht?“
Der junge Mann nickte langsam.
„Nun, ihr habt euch das falsche Opfer ausgesucht. Das Mädchen steht unter meinem Schutz, ich fürchte, sie ist zu wertvoll, um sie an Schwarzmagier zu vergeuden. Unglücklicherweise seid ihr beiden mir jetzt im Weg...“
Die junge Frau und der Magier blickten Dende erschrocken an. Seine Worte klangen wie eine gefährliche Drohung.
„Die Schwarzen werden dich für ewig jagen, wenn du uns tötest, Magier!“ Die Drohung des Schwarzmagiers klang nur halb so gefährlich, da er vor Schmerz am ganzen Körper zitterte.
Dende blickte ihn lange an.
„Keine Sorge. Ihr werdet nicht sterben, noch nicht. Aber ihr müsst erst einmal schlafen ... lange schlafen!“
Leise Worte der Magie entsprangen seinen Lippen, die Kugel am Ende des Stabes leuchtete noch einmal auf, dann kippte der Mann einfach wie tot um. Wie ein nasser Sack ließ Dende sich neben ihn fallen, lehnte sich gegen die Mauer und atmete erschöpft mehrmals langsam ein und aus.
„Das war früher leichter“, murmelte er keuchend.
Langsam näherte sich ihm die junge Frau, ihre aufgerissenen Augen musterten ihn ungläubig und mit bebender Stimme fragte sie: „Wer bist du?“
Dende lächelte leicht und mit einer zitterenden Hand fuhr er sich langsam übers Gesicht. Als er die junge Frau anblickte, wich sie erschrocken zurück. Dort war immer noch das Gesicht eines alten Mannes und doch ein völlig anderes. Dieses Gesicht war nicht dies eines alten Bettlers, es erschien zugleich jünger als jeder Mensch und doch so, als ob jede einzelne Falte darin durch harte Kämpfe und unzählige Abenteuer entstanden sei. Es war weiser, erfahrener, müder, härter und definitiv kein menschliches Gesicht. Die weißen, schulterlangen Haare, wie Silber schimmernd, verdeckten nicht die langen, spitzen Ohren. Die schmalen Lippen waren immer noch zu einem leichten Lächeln gekrümmt, das allerdings niemals die kalten, violett schimmernden Augen erreichte.
Der Magier blickte zu Boden.
„Mein Name ist Dende do Avarion“, sagte er leise. „Ich bin ein Magier.“
Dann blickte er der jungen Frau wieder direkt in die Augen und ihr war, als würde sie innerlich erfrieren. „So wie du auch, fürchte ich.“

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Mira - 06-03-2008, 20:33
RE: Athalem: Blaues Blut - von Ichigo - 19-04-2008, 18:58
RE: VR: Blaues Blut - von Dende - 21-09-2008, 17:58
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RE: VR: Blaues Blut - von mondenschein - 16-11-2008, 19:02
RE: VR: Blaues Blut - von Der Weltenwanderer - 26-11-2008, 02:49
RE: VR: Blaues Blut - von mondenschein - 10-01-2009, 19:11
RE: VR: Blaues Blut - von Ichigo - 15-01-2009, 21:37
RE: VR: Blaues Blut - von Ichigo - 08-02-2009, 02:09
RE: VR: Blaues Blut (453 d.E) - von Ichigo - 07-03-2009, 20:08
RE: VR: Blaues Blut (453 d.E) - von Ichigo - 12-03-2009, 22:45
RE: VR: Blaues Blut (453 d.E) - von Dende - 19-03-2009, 22:16
RE: VR: Blaues Blut (453 d.E) - von Ichigo - 19-03-2009, 22:48
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Dende - 02-05-2009, 22:34
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Ichigo - 03-06-2009, 21:59
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Dende - 01-09-2009, 22:17
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Ichigo - 07-09-2009, 00:41
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Dende - 01-10-2009, 23:04
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RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Ichigo - 16-03-2010, 00:27
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Ichigo - 20-07-2010, 13:34
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Dende - 31-07-2010, 23:21
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Ichigo - 23-02-2011, 00:09
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Dende - 11-05-2011, 21:00
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Ichigo - 12-05-2011, 01:49
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Ichigo - 05-10-2012, 19:48
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RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Ichigo - 07-05-2021, 15:50
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Ichigo - 19-05-2021, 20:46
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Ichigo - 29-07-2021, 22:32

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