Es ist: 28-09-2022, 20:40
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VR: Blaues Blut (453 d.D)
Beitrag #20 |

RE: VR: Blaues Blut
Ich bin Kara, komme aus einem kleinen Bauerndorf außerhalb der Stadt und bin auf der Suche nach meiner Schwester Ine, die gestern auf den Marktplatz wollte und nicht mehr zurückgekommen ist.

Noch einmal vergewisserte sie sich, dass die Lumpen, die sie trug, ihre auffällige Kleidung verdeckten und hoffte, dass ihr mit Ruß geschwärztes Haar halbwegs normal aussah.
„Kara – mein Name ist Kara“, sagte sie zu sich selbst, stieg vorsichtig die schmale Holztreppe hinauf und hielt an der Tür inne, um zu lauschen. Als sie auch nach einer Weile keine Geräusche wahrgenommen hatte, die aus der unmittelbaren Umgebung zu kommen schienen, atmete sie tief durch und öffnete die Tür. Hoffentlich wirkt sich dieser Schutzkreis, den mein fragwürdiger Beschützer gezaubert hat, nicht auf mich aus... Vorsichtig streckte sie einen Arm aus der Kellertür und hielt den Atem an. Als nichts geschah, weder ein Lichtblitz, noch ein unheimliches Kribbeln, schlüpfte sie grinsend aus dem muffigen Keller und schloss die Tür hinter sich. Blinzelnd trat sie ins Sonnenlicht der unbelebten Seitenstraße. Außer einer Wäscheleine, auf der ein Rabe saß, und einer mageren Straßenkatze befand sich nicht viel zwischen den hohen, baufälligen Hausmauern. Nachdem sie sich in einer Sackgasse befand, blieb Kara die Wahl eines Weges vorerst erspart, und so fand sie sich nach kurzer Zeit auf einer breiteren, gepflasterten Straße wieder. Es war zwar keine Hauptstraße, doch geschäftig eilten Handwerker, Händler und sonstige Bürger auf und ab. Das Viertel in dem sich Kara befand war sichtlich kein reiches, doch je weiter sie der Pflasterstraße folgte, desto hübsche und neuer sahen die Häuser links und rechts aus. Und nun waren auch immer mehr Menschen unterwegs, die Kara vereinzelt flüchtige Blicke zuwarfen.
Kara zögerte kurz und fragte sich, ob sie nicht doch lieber im Schutz der Dämmerung auf die Straße gehen sollte. Doch dann meldete sich ihre innere Stimme; Das ist alles nur Einbildung, warum sollte dich jemand verdächtig finden? Dieser Magier hat zwar gemeint du seist in Gefahr, und dass die ganze Stadt nach dir suchen würde, aber hast du auch nur eine einzige Wache gesehen? Nein.
Es dauerte dennoch eine ganze Weile, bis Kara sich traute, jemanden nach dem Weg zu fragen:
„Guter Mann, wärt Ihr so freundlich mir den Weg zum Marktplatz zu beschreiben? Ich bin auf der Suche nach meiner Schwester.“
Der Angesprochene zögerte einen kurzen Augenblick lang, Karas Herz schlug schnell gegen ihre Brust, und fing dann schallend an zu lachen.
„Du bist wohl nicht von hier, was? Ich kann dir sehr wohl den Weg beschreiben, aber du musst mir schon sagen welchen Marktplatz du meinst! Immerhin gibt es in Kayro’har nicht nur einen. Dies ist eine Stadt, und kein Kuhdorf.“
Kara lachte höflich mit, während ihr Herz noch einmal an Tempo zulegte.
„Ich suche den Marktplatz auf dem gestern dieser… Unfall passiert sein soll.“
Schlagartig veränderte sich die Miene des Mannes, und der freundliche Blick war einem abschätzenden gewichen.
„Dort wirst du wohl kaum deine Schwester finden. Seit die Wachen gestern dort alles untersucht haben, meidet jeder diesen Platz. Wie heißt deine Schwester nochmal?“
„Ine“, antwortete Kara ohne zu zögern. Sei vorsichtig! Dieser Mann ist nicht so einfältig, wie er aussieht. Spiel die Unschuldige, spiel die besorgte Schwester!
„Wir haben uns gestern getrennt und sie wollte zum Markt, aber als sie am Abend nicht zurück war, da dachte ich es könnte ihr etwas passiert sein. Und dann habe ich von diesem schrecklichen Unfall gehört! Hoffentlich ist sie nicht verletzt, das könnte ich mir nie verzeihen!“
Karas Gegenüber ließ ein unstimmiges Brummen ertönen.
„Falls sie verletzt ist, dann findest du sie bestimmt nicht dort am Platz, sondern bei einem Heiler – und falls sie nicht verletzt ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie zur Befragung ins Amtshaus gebracht wurde.“
„Bitte, könnt Ihr mir den Weg zum Marktplatz und zum Amtshaus beschreiben? Vielleicht kann mir jemand am Markt sagen, wo genau meine Schwester ist.“
„Also gut. Du folgst dieser Straße, bis du auf eine größere stößt, und dann --- “

Zehn Minuten später hatte Kara eine breite, belebte Straße betreten, die laut der Wegbeschreibung des Fremden nicht mehr weit vom Marktplatz entfernt war. Inzwischen war ihre Angst vor Passanten etwas gesunken, denn immerhin wurde sie kaum beachtet. Jeder strebte hastig seinen eigenen Zielen zu und in dem Gedrängel fiel sie keineswegs auf.
Als sie schon eine Zeit lang die Straße entlangwanderte, war es Kara, als ob alle Farben vor ihren Augen blasser würden, und die Szenerie der belebten Straße verschwamm deutlich. Alarmiert blickte sie um sich, fand eine schmale Seitengasse, und war gerade in diese gestolpert, als ihre Knie drohten nachzugeben und sie sich gegen eine Hausmauer lehnen musste, um nicht umzufallen. Was passiert mit mir?! Blinzelnd blickte sie die Gasse entlang, doch ihre Sicht verbesserte sich nicht.
Doch plötzlich sah sie am Ende der Gasse einen hölzernen Wagen, gezogen von einem Ochsen, der, begleitet durch helles Kinderlachen, vorbeirumpelte. Unverzerrt und in keinster Weise verschwommen, nahm Kara darin zwei Gestalten wahr. Einen kleinen Jungen, vielleicht gerade einmal 2 Jahre alt, und eine junge Frau, die lachend in ihre Richtung deutete.
Das…das bin ich… ich sitze in diesem Wagen und halte ein kleines Kind auf dem Arm! – meinen Sohn?
Kara wollte den Gestalten etwas zurufen, doch in diesem Moment war der Wagen hinter einer Hausecke verschwunden, und ihr wurde schwarz vor Augen.

Ein Krächzen was das Erste, das sie wieder wahrnahm bevor sie die Augen öffnete. Mit einem leicht schwummrigen Gefühl im Magen kam Kara auf die Beine und sah einen Raben ganz in ihrer Nähe in einem Hauseingang sitzen. Seine glänzenden Augen blickten sie intelligent an, und sein Krächzen wurde drängender, als er etwas am Ende der Gasse erblickte.
Wachen!
So schnell sie konnte, sprang sie auf den Hauseingang zu, in dem der Rabe saß, und kam keine Sekunde zu früh in den schützenden Schatten an, als auch schon die Wachen aufmerksam in die Gasse blickten.
Bitte, nicht in diese Gasse! BITTE --- verschwindet!
Sekunden und Minuten verstrichen quälend langsam und Kara glaubte jeden Moment lang, die zwei Wachen würden sie auf die Straße zerren --- doch es geschah nichts.
Erst nach guten fünf Minuten traute sie sich, den Kopf aus dem Schatten zu strecken und die Gasse entlang zu sehen. Doch sie war leer.
Erleichtert und erschöpft zugleich ließ sie sich erneut auf den Boden sinken. Als Karas Herzschlag sich wieder annähernd beruhigt hatte, wandte sich sie an den Raben, der immer noch neben ihr saß und den Kopf schief gelegt hatte, als würde er nachdenken.
„Danke, du hast mich rechtzeitig vor den Wachen gewarnt…“, murmelte sie verlegen und überlegte kurz, ob sie die Hand ausstrecken sollte um den Vogel zu streicheln.

Keine Ursache. Verjagt hast du sie schließlich…

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Mira - 06-03-2008, 20:33
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