Es ist: 08-12-2022, 07:37
Es ist: 08-12-2022, 07:37 Hallo, Gast! (Registrieren)


VR: Blaues Blut (453 d.D)
Beitrag #23 |

RE: VR: Blaues Blut
Vulun liebte den Ausblick aus dem hohen Fenster des Palastturmes. Von hier aus konnte er nicht nur die ganze Stadt, sondern auch weit darüber hinaus ins Land sehen. Im nahenden Abend war dies ein besonders schönes Bild. Die schmucken Häuser von Kayro'har unter ihm, die von der hohen Stadtmauer abgeschlossen wurden. Dahinter ein leicht hügeliges, grünes Land mit dunklen Nadelwäldern und hinter einigen Kuppen die schwarzen, schlanken Türme der nahen Akademie. Wie immer, wenn er sie bemerkte, runzelte der Fürst Kayro'kans die Stirn. Nicht nur die Schwarzen Magier störten das Bild. Zu viel Macht und Einfluss wollten sie ausüben, das spürte er. Und auch wenn Kayro'hars Häuser ihm malerisch in der Abendsonne glänzten, so verdeckten sie doch nur die verdreckten und elenden Slums, die auf der anderen Seite des Turms im Schatten lagen. Die Stadt, das ganze Land war zu arm und zu klein. Doch Vulun war angetreten, um das zu ändern. Und er würde Erfolg haben. Er würde nicht die Geißel für Gandal'kans machtpolitische Intrige sein. Ein energisches Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen düsteren Gedanken.
Nach einem energischen „Ja!“ trat einer seiner Kammerdiener ein.
„Mein Fürst. Ich habe Nachricht von General Thakis erhalten, dass die Stadt Noato erfolgreich eingenommen und Fürst Kalil gefangen genommen wurde.“
Augenblicklich hob sich Vuluns Stimmung.
„Dann war Thakis also doch zu irgendetwas zu gebrauchen!“, murmelte er sich eher selbst zu. „Dann schick sofort eine Nachricht dorthin. Kalil ist unverzüglich hierher zu bringen. Das duldet nicht den geringsten Aufschub. Ich will hier ihn haben!“
„Jawohl, mein Fürst.“
Der Diener verschwand wieder.
Vulun wandte sich wieder zum Fenster. Seine Träume schienen in Erfüllung zu gehen. Schon bald würde er Kalil hier haben und Rache für seine tote Schwester nehmen können. Und dann würde er auch bald Arjuk in seinen Händen haben. Sein Blick fiel wieder auf die Türme der Akademie. Das wäre sein Triumph, sein alleiniger Triumph. Selbst die mächtigen Magier dieser Schule würden dann vor seiner Größe knien und ihn als Herrscher anerkennen, nicht nur über Kayo'har, sondern über weit mehr noch...
Bei diesem Gedanken musste er unwillkürlich lachen. Mit raschen Schritten ging er hinüber zu seinem Schreibtisch und zog einen Schlüssel unter seinem Gewand hervor und öffnete, seine Hände schon ganz zittrig und voller Schweiß, eine kunstvoll verzierte Schatulle. Darin lag ein kleiner, unscheinbarer Ring, doch Vuluns Augen glühten auf bei seinem Anblick. Er nahm ihn und hielt ihn verzückt ins Abendlicht. In das Kupfer des Ringes war kleine, geschwungene Linien eingeritzt, die sich an einer Stelle zu einer schmuckvollen, aber dennoch nicht übermäßig protzigen Fassung vereinigten. Darin war ein winziger, roter Edelstein angebracht, der nun wie die untergehende Sonne aufleuchtete. Voller Wonne blickte Vulun auf den Stein, von dem er das Gefühl hatte, sein ganzes Schicksal läge darin. Schon bald würde ihm der Ring mehr Macht als jedem Anderen in Athalem geben, er war sich sicher. Dann würden neue Zeiten anbrechen, auch neue Zeiten für die Khami. Vulun hielt es für Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet sie den Schlüssel zu seiner neuen Herrschaft besaßen. Er würde es ihnen verdanken. Die nun völlig hinterm Horizont verschwundene Sonne ließ das Licht des Steins erlischen und riss Vulun wieder aus seinen Gedanken. Rasch ließ er den Ring wieder in die Schatulle fallen, schloss ab und bettete beschützend seine Hand darauf.
Er durfte nichts überstürzen. Noch war nichts gewonnen. Ohne Arjuk war Ring nichts wert. Und dann war da noch etwas ... ein magischer Ausbruch auf dem Markt, so nah an seinem Palast. Wenn sein Verdacht richtig war, dann war er seinem Ziel näher als er vermutet hätte. Er musste sofort handeln, um sich sicher zu sein. Er riss die Tür zum Turmzimmer auf und eilte die Stufen hinab. Er würde Yerim sprechen müssen. Vulun hatte diesen einflussreichen Mann der Khami erst einmal gesehen, bei seiner Ernennung zum offiziellen Gesandten Aven'kans in Kayro'kan. Er wusste nicht viel über ihn, außer dass er Gandal'kan hasste ... das könnte sich als nützlich erweisen.
„Mein Fürst?“, kam ihm sein Diener wieder entgegen, als durch die große Halle am Fuß der Treppe eilte.
„Bestellt Yerim, dem Gesandten Aven'kans, dass ich ihn morgen empfange.“
„Jawohl, mein Fürst“, antwortete der Diener pflichtgemäß und rannte davon.

Arjuk hatte sich bereits gewundert, als ihr Wagen der großen Hauptstraße so weit nach Norden gefolgt war, während die Häuser zu ihren Seiten immer größer wurden und die Türme des Palastes immer näher rückten. Nun, da sie aus der Kutsche kletterten, konnte er sehen, dass ihre neue Unterkunft das Gegenteil der Gegend war, in der sie vor wenigen Tagen gefesselt an Yerim ausgeliefert worden waren. Die Straße war gepflastert und breit, das ausladende Grundstück wurde von einer hohen Mauer umgeben, in die ein herrliches Mosaik gelegt war. Als Arjuk den Blick nach oben schweifen ließ, blitzte hoch über ihm etwas auf der Mauer in der Mittagssonne auf: Klingen.
Auch Yerim selbst, der vor dem geöffneten Tor stand und seine Gäste erwartete, hatte feines Tuch angelegt. Seltsamerweise schien der türkisblaue Rock, der von einer einfachen Schärpe über Yerims Schmerbauch zusammen gehalten wurde, um einiges länger als üblich, und die bequemen, weich fallenden Hosen schienen Arjuk eher unter praktischen Gesichtspunkten ausgewählt worden zu sein.
„Das sind andere Verhältnisse als in Wanjas Herberge, was?“ Yerim grinste, nicht ohne Stolz. „Aber das ist erst der Anfang. Kommt herein.“
Mit einem letzten Blick auf die messerscharfen Metallspitzen, die über ihm die Mauerkrone zierten, ließ sich Arjuk hinter Milena durch das Tor in einen ausgedehnten Park führen, in dessen Mitte sich ein imposantes Anwesen erhob. Die Villa war natürlich wesentlich kleiner und bescheidener als das, was Arjuk in Noatos Palast gewohnt war, doch nach den Nächten in der armseligen Schenke fiel ihm dennoch regelrecht die Kinnlade herab.
„Gefällt euch mein Amtssitz?“
Amtssitz?“ Arjuk blickte Yerim ungläubig an. „Was für ein Amt ist das? Wer in aller Welt bist du eigentlich, Yerim?!“
Zufrieden mit der Verblüffung seiner Gäste lachte Yerim auf, während er seine Schritte durch die Grünanlage auf die Haupttür zu lenkte.
„Ich bin nur ein General aus Aven’kan, dem die Revolution zu einem kleinen Regierungsamt verholfen hat,“ schmunzelte er bescheiden. Aus der Nähe bemerkte Arjuk, dass sich um Yerims Rock- und Ärmelsaum verschlungene ostländische Muster wandten. Plötzlich begriff er, dass die Kleidung offenbar eine Anlehnung an die alte Kham-Tracht darstellen sollte.
„Anders gesagt,“ mischte sich Kin ein, „Yerim hat eine tragende Rolle bei der Revolution gespielt und hat jetzt die ehrenvolle Aufgabe übernommen, gute Beziehungen zu Fürst Vulun zu pflegen. - Alles in Ordnung?“
Kin klopft Arjuk, der sich in einem Hustenanfall krümmte, auf den Rücken.
„’Tschuldigung, geht schon wieder,“ krächzte Arjuk schnell. Fürst Vulun! Da war er auf der Flucht vor seinem Onkel und nun sollte er direkt im Schatten der Palastzinnen in Kayro’har mit diesem Mann unter einem Dach leben, der bei Vulun ein und aus ging?
„Das heißt... diese Rede...“
„...war nichts geringeres als die Rede zu meinem Amtsantritt, den ich gestern Abend mehr schlecht als recht hingelegt habe. Nun ja, wenigstens die Rede hat dank deinem pathetischen Gekrakel ordentlich Eindruck gemacht. Gute Arbeit.“ Yerim lächelte zufrieden. „Ich hätte da allerdings noch einige Fragen an dich.“
„Ich höre,“ murmelte Arjuk schwach. Sie waren vor der Villa angelangt und Kin hämmerte energisch gegen die Tür.
Yerim blickte Arjuk sehr ernst an. „Mit welcher Gabel sollte man normalerweise zuerst zu essen beginnen?“
Arjuk konnte nur mit Mühe sein Lachen unterdrücken. Er war heilfroh darum, dass just in diesem Moment das Tor geöffnet wurde und sich ein Diener hastig verneigte.
„Yerim! Gerade ist eine Nachricht aus dem Palast eingetroffen. Du wirst morgen bei Fürst Vulun erwartet.“
Yerim sagte nichts, aber seine Stirn legte sich in Sorgenfalten.
„Du wirst mir diese Gabelsache sehr genau erklären, hörst du?“, sagte er eindringlich an Arjuk gewand, bevor er seine beiden Gefangenen über die Schwelle schob.
Arjuk aber ließ den Blick nur noch halbherzig über den spiegelnden Marmor der Empfangshalle gleiten. Plötzlich schien es ihm nicht mehr all zu tragisch, dass hier jeder Fluchtversuch spätestens auf der Mauerkrone enden würde. Yerim würde ständig mit Vulun in Kontakt stehen, zugleich aber benötigte der General, dessen Schläfen bereits grau wurden, dringend jemanden, der mit den gehobenen Kreisen vertraut war. Wer immer ihm mit Rat beiseite stand, würde unvermeidlich auch alle Neuigkeiten direkt aus dem Palast erfahren...





„Bist du das, Kin?“ Yerims Stimme dröhnte hinter der Tür, als Kin an dem Gemach seines Herren klopfte. Der junge Diener öffnete die Tür einen Spalt breit, nicht ohne noch einmal einen missmutigen Blick auf Arjuk zu werfen. „Andamir ist hier. Willst du ihn jetzt sehen?“
„Her mit ihm.“
Kin schien einen Moment zu zögern. „Und du bist sicher, dass du das willst?“ fragte er leise.
„Weißt du eigentlich, wie lange ich schon warte? Ich sagte her mit ihm!
Kin verdrehte die Augen - wohlweislich erst, nachdem er Yerim den Rücken zugewandt hatte - und öffnete Arjuk die Tür. „Eine Audienz bei Yerim,“ sagte er säuerlich.
Reichlich verunsichert betrat Arjuk Yerims Gemach. Der große Raum war durchaus mit allerhand Bequemlichkeiten eingerichtet, weil aber der übliche pompöse Luxus vollkommen fehlte, wirkte es geradezu funktional. Yerim saß in einen Sessel gelehnt und musterte Arjuks Gestalt von oben bis unten. „Setz dich.“
Ungemütlich ließ sich Arjuk auf die Kante des Sessels sinken, der ihm gewiesen wurde.
„Deine Rede hat die hohen Herren ganz schön beeindruckt,“ sagte Yerim ohne Umschweife, beinahe etwas barsch. „Sie hat mich davon überzeugt, dich in ein paar hochvertrauliche Angelegenheiten einzuweihen.“ Er reichte Arjuk eine Pergamentrolle. „Das hier sind die Forderungen, die wir Vulun stellen werden.“
Forderungen? Etwas überrumpelt blickte Arjuk auf die Papierrolle in seinen Händen.
„Nun lies schon,“ brummte Yerim ungeduldig. „Versteh mich nicht falsch. Ich will in erster Linie testen, wie ein Westländer darauf reagiert, also halte dich nicht zurück mit deiner Meinung.“
Zutiefst verunsichert entrollte Arjuk das Papier. Die säuberlich in Kham geschriebene Liste umfasste sechs Punkte, die offenbar direkt an Vulun gerichtet waren. Unwillkürlich fühlte sich Arjuk an seine Lehrer erinnert, die ihm stundenlang perfide Verhandlungstricks erläuterten, und an seinen Vater, den er in den letzten Jahren des öfteren bei seinen Regierungsgeschäften hatte begleiten müssen. Arjuk selbst war meistens gescholten worden, er verhandle nicht aggressiv genug. Er hasste es, sein Gegenüber zu täuschen und zu hintergehen, nur um eine Münze weniger Zoll auf Wein aus Kayro’kan herauszuschlagen...
„Nun?“ Yerim blickte ihn ungeduldig an. „Du weigerst dich ja nach wie vor, unsere Sprache zu sprechen, aber lesen wirst du sie wohl können, oder?“
Arjuk warf noch einmal einen Blick auf das Pergament.
„Nun, in diesem Punkt, Zollfragen,“ er tippte auf die Zeile, „da habt ihr sicher Verhandlungsspielraum.“ Er legte das Papier weg und lehnte sich in den Sessel zurück. „Beim Rest sehe ich schwarz.“
Yerims Mine war wie in Stein gemeißelt. Beinahe musste Arjuk schmunzeln. Er hatte es etwas drastisch formuliert, aber keineswegs gelogen. Dem Dokument war anzusehen, dass bei seiner Verfassung kein Politiker, sondern ein General federführend war.
„Kannst du das genauer erläutern?“, fragte Yerim schließlich beherrscht.
In Arjuks Kopf tanzten die Zeilen bereits wie von alleine durcheinander, spalteten sich auf oder verschmolzen miteinander, wanderten auf die Liste der vordergründigen Worte oder auf die Liste der wirklichen Intentionen, ordneten sich zu falschen und echten Prioritäten. Es galt also, seinen Onkel über’s Ohr zu hauen? Plötzlich verspürte er keinerlei Skrupel mehr, all die Hinterlist anzuwenden, die er in Noato beobachtet hatte.

„Was ist los?“ Milena lachte, als sie Arjuks Gesicht sah. „Bist du zum Prinz von Aven’har gekrönt worden oder warum grinst du so zufrieden vor dich hin?“
Arjuk lachte. „Prinz von Aven’har - naja, viel ändern würde es ja nicht. Dann wäre ich jetzt eben nicht auf der Flucht vor Kayro’kans Soldaten, sondern auf der Flucht vor Aven’kans Nationalisten. Die ziehen die Säbel, wenn sie nur den Hauch von blauem Blut wittern.“
Erschöpft fuhr er sich über die Augen und fragte sich, wie viele Stunden lang er sich konzentriert mit Yerim besprochen hatte. Mit einem Blick über die Schulter stellte er fest, dass Kin bei Yerim zurück geblieben war, anstatt ihm wie gewöhnlich dicht auf den Fersen zu folgen. Kurzerhand schob Arjuk Milena aus dem Zimmer. „Lass uns irgendwo hingehen, wo Kin uns nicht so schnell findet und wir reden können,“ raunte er.
„Das trifft sich gut, ich hätte auch ein Wörtchen mit dir zu wechseln. Und ich habe auch schon eine Idee, wie wir unseren lästigen Wachhund abschütteln.“ Milena schmunzelte in sich hinein, während sie die Stufen hinab und in Richtung der Tür ging.
„Nach draußen? In den Park?“ Arjuk runzelte die Stirn. „Der ist doch von jedem Fenster aus gut zu überblicken.“
„Genau deshalb gehen wir dorthin. Und jetzt leg mal den Arm um mich.“
„Was?“ Unwillkürlich war Arjuk wie angewurzelt stehen geblieben, aber Milena lachte nur.
„Nun zier dich nicht wie ein schüchternes Mädchen, Andamir,“ grinste sie verschmitzt. „Jede Wette, dass Kin uns eine Weile ungestört lässt, wenn er uns so sieht!“
Arjuk blinzelte. Warum fiel ihm ausgerechnet jetzt, trotz des trüben Dämmerlichts in dem schlecht ausgeleuchteten Gang, auf, wie hübsch Milena war? Als sie sich kennen gelernt hatten, hatte ihm das ebenmäßige Gesicht mit den schräg gestellten Augen, umrahmt von langem seidigem Haar tatsächlich so manche schlaflose Nacht bereitet. Die schlagfertige und selbstbewusste Milena jedoch hatte nie ein anderes Interesse gezeigt, als sich von Arjuk ihren Korb tragen zu lassen und ihn bei ihren Ausritten zu waghalsigen Wettstreiten anzustacheln. Letztendlich war es Arjuk ganz recht gewesen, den all zu vermessenen Gedanken an die Tochter des Schmiedes aufgeben zu müssen.
Nun war ihm Milenas Idee nicht ganz geheuer, aber schließlich legte er etwas linkisch einen Arm um ihre Schultern. Mit einem unterdrückten Kichern drückte das Mädchen die Tür auf; als scheinbar trautes Paar schlenderten sie in die Grünanlage hinaus.
Milena steuerte eine der Bänke an, die zwar außer Hörweite der Villa sein mochte, aber gut von ihr aus zu sehen war. Wieder zögerte Arjuk, aber auf Milenas auffordernden Blick hin positionierte er gehorsam einen Arm auf der Lehne hinter ihrem Rücken.
„Mal sehen, was passiert,“ schmunzelte Milena mit einem verstohlenen Blick zurück auf die Villa. „Aber jetzt lass uns die Zeit nutzen. Hast du irgendeine Ahnung, warum Vulun so scharf darauf ist, dich in die Finger zu bekommen? Gibt es irgendetwas Besonderes an dir? Hat dein Vater denn gar keine Andeutung gemacht, als er deine Flucht vorbereitete?“
„Du kennst mich doch.“ Arjuk zuckte die Schultern. „Was soll schon besonderes an mir sein? Laut Katrina ein besonderer Dickkopf, aber auf den hat es Vulun wohl kaum abgesehen. Wenn du mich fragst, will Vulun nur eine Geisel und dieser Typ, dieser Händler von gestern übertreibt einfach maßlos.“
Milena schüttelte den Kopf. „Nimm das nicht auf die leichte Schulter,“ sagte sie düster. Geistesabwesend biss sie sich auf die Lippe. Hinter ihrer Stirn schien ihr messerscharfer Verstand auf Hochtouren zu arbeiten, aber Arjuk konnte mit der Frage nicht an sich halten.
„Woher hast du diese Samir-in-Noato-Geschichte?“, platzte er heraus. „Und woher wusstest du, dass Yerim darauf reinfallen wird?“
Milena lächelte. „Katrina hat mir alles erzählt,“ erwiderte sie leicht. „Ich hatte keine Ahnung, ob Yerim daraus einen Hinweis auf Seyjuk ziehen kann oder nicht. Offenbar aber schon.“
„Dann war das die Wahrheit?“ Arjuk fasste sich an die Stirn. „Warum weißt du eigentlich alles und ich nichts?! Katrina sagte mir, sie hat keine Ahnung!“
Milena zuckte nur die Schultern und nickte dann zur Villa hinüber. „Schau mal.“ An einem Fenster war Kins Gestalt erschienen. Er schien sie zu beobachten, machte aber noch keine Anstalten, sie zu stören. „Dachte ich’s mir doch,“ schmunzelte Milena zufrieden. „Aber,“ fügte sie hinzu, indem sie die Stimme senkte, „wer weiß, wie lange wir noch unsere Ruhe haben. Hör zu, wir müssen weg von hier.“
Überrascht blickte Arjuk auf. Dass Milena an einem Ausweg arbeitete, hatte er sich gedacht, aber er war überrascht, so schnell eine Strategie präsentiert zu bekommen.
„Ich muss die Wachposten noch ein wenig beobachten, aber bald habe ich meinen Plan fertig,“ begann sie. „Ich werde dir ein Zeichen geben. An diesem Abend wirst du etwas trödeln, wenn die Männer zum waschen gehen, und irgendetwas in den Zimmern liegen lassen. Am besten lässt du dir das erst dann einfallen, wenn schon alle fleißig am planschen sind, denn dann wird Kin sicherlich zu faul sein, sich noch einmal anzukleiden und dich nach oben zu begleiten. Du kannst also alleine zurück kommen, aber nicht in die Zimmer, sondern schnurstracks zum Hauptausgang.“
„Wir brechen zum Haupttor aus?“ Arjuk runzelte ungläubig die Stirn. „Ich kann mich an jemanden erinnern, der mich genau dafür einen Dummkopf nannte...“
„Vertrau mir.“ Milena blinzelte ihm verschwörerisch zu. „Es wird alles gut gehen. An dem Tag, an dem ich sage, Ich frage mich, ob Samir überhaupt noch in Noato ist, verschwinden wir von hier.“
Arjuk hob die Brauen. „So einfach ist das?“ Er war zwar erleichtert, dass Milena einen Ausweg gefunden zu haben schien, andererseits spürte er beinahe etwas wie Enttäuschung. „Dabei dachte ich schon, ich könnte über Yerim ein paar Dinge herausfinden,“ seufzte er. „Schon die Vorstellung, untätig in Caralmur zu sitzen, macht mich ganz krank...“
Milena unterbrach ihn scharf. „Du willst nicht im Ernst sagen, dass du hier bleiben willst, oder?“
Arjuk schwieg. „Natürlich nicht,“ murmelte er schließlich etwas halbherzig. „Aber Yerim scheint mir wirklich viel anzuvertrauen, weiß der Himmel warum. Und wenigstens, ob Jo in der Stadt ist, hätte ich noch gerne herausgefunden. Ich habe das Gefühl, sie steckt vielleicht in Schwierigkeiten.“
„Jo?“ Verwundert blickte Milena auf. „Du meinst dieses Straßenmädchen, das dir vor zwei Jahren geholfen hat, die Heilpflanze für deine Mutter zu suchen?“
„Und diese Kette trug, die der Händler Yerim gezeigt hat,“ ergänzte Arjuk. „Ich bin mir sicher, dass es genau das Medaillon ist, das ich damals in den Blauen Bergen gefunden und Jo gegeben habe. Die Frage ist, wie es dann von ihr in die Hände des Händlers gelangt ist.“
„Ach, deshalb kanntest du das Medaillon also.“ Milena schwieg einen Moment. „Aber du würdest ihr doch eher Schwierigkeiten machen, als ihr zu helfen,“ meinte sie schließlich. „Jeder, der weiß, dass du noch am Leben bist, ist in Gefahr.“
Arjuk seufzte tief auf. Manchmal war es doch zum verrückt werden, dass Milena einfach immer Recht hatte! Alles, was sich für ihn so falsch anfühlte, klang in Milenas Mund plötzlich so logisch...
Er straffte sich. „Du bist dir also sicher, dass dein Fluchtplan aufgeht?“, versicherte er sich.
Auf Milenas Gesicht erschien ein kleines, aber siegessicheres Lächeln. „Todsicher.“


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VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Mira - 06-03-2008, 20:33
RE: Athalem: Blaues Blut - von Ichigo - 19-04-2008, 18:58
RE: VR: Blaues Blut - von Dende - 21-09-2008, 17:58
RE: VR: Blaues Blut - von Ichigo - 25-09-2008, 13:10
RE: VR: Blaues Blut - von Der Weltenwanderer - 02-10-2008, 00:57
RE: VR: Blaues Blut - von Ichigo - 03-10-2008, 12:44
RE: VR: Blaues Blut - von Dende - 04-10-2008, 13:50
RE: VR: Blaues Blut - von Der Weltenwanderer - 07-10-2008, 00:16
RE: VR: Blaues Blut - von Ichigo - 13-10-2008, 01:09
RE: VR: Blaues Blut - von mondenschein - 23-10-2008, 20:15
RE: VR: Blaues Blut - von Ichigo - 23-10-2008, 21:05
RE: VR: Blaues Blut - von Mira - 25-10-2008, 16:53
RE: VR: Blaues Blut - von Ichigo - 25-10-2008, 17:35
RE: VR: Blaues Blut - von Der Weltenwanderer - 28-10-2008, 01:29
RE: VR: Blaues Blut - von Dende - 28-10-2008, 16:01
RE: VR: Blaues Blut - von Ichigo - 31-10-2008, 13:30
RE: VR: Blaues Blut - von Dende - 06-11-2008, 15:01
RE: VR: Blaues Blut - von Der Weltenwanderer - 10-11-2008, 00:04
RE: VR: Blaues Blut - von Dende - 13-11-2008, 22:32
RE: VR: Blaues Blut - von mondenschein - 16-11-2008, 19:02
RE: VR: Blaues Blut - von Der Weltenwanderer - 26-11-2008, 02:49
RE: VR: Blaues Blut - von mondenschein - 10-01-2009, 19:11
RE: VR: Blaues Blut - von Ichigo - 15-01-2009, 21:37
RE: VR: Blaues Blut - von Ichigo - 08-02-2009, 02:09
RE: VR: Blaues Blut (453 d.E) - von Ichigo - 07-03-2009, 20:08
RE: VR: Blaues Blut (453 d.E) - von Ichigo - 12-03-2009, 22:45
RE: VR: Blaues Blut (453 d.E) - von Dende - 19-03-2009, 22:16
RE: VR: Blaues Blut (453 d.E) - von Ichigo - 19-03-2009, 22:48
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Dende - 02-05-2009, 22:34
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Ichigo - 03-06-2009, 21:59
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Dende - 01-09-2009, 22:17
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Ichigo - 07-09-2009, 00:41
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Dende - 01-10-2009, 23:04
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Dende - 02-11-2009, 19:19
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Ichigo - 16-03-2010, 00:27
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Ichigo - 20-07-2010, 13:34
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Dende - 31-07-2010, 23:21
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Ichigo - 23-02-2011, 00:09
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Dende - 11-05-2011, 21:00
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Ichigo - 12-05-2011, 01:49
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Ichigo - 05-10-2012, 19:48
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Dende - 14-10-2012, 18:02
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Ichigo - 07-05-2021, 15:50
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Ichigo - 19-05-2021, 20:46
RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Ichigo - 29-07-2021, 22:32

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