Es ist: 08-12-2022, 07:26
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VR: Blaues Blut (453 d.D)
Beitrag #24 |

RE: VR: Blaues Blut
„Mein Fürst! Yerim ist soeben im Palast angekommen.“
Vulun nickte zufrieden.
„Sehr gut. Führt ihn sofort herein!“
Vulun blickte noch einmal an sich herab und ordnete seinen langen Brokatmantel. Der dunkelblaue, beinah schwarze Stoff war mit reichlich Goldfäden durchzogen, die Doppelreihe von Knöpfen war mit winzigen Saphiren besetzt. An seinen Fingern schimmerten weitere Edelsteine. Er strahlte Reichtum und Macht aus - so wie er von Yerim gesehen werden wollte.
Die großen Flügeltüren des Audienzsaales wurden aufgestoßen, der Diener trat zur Seite und ein Mann kam schnellen Schrittes herein. Vulun schmunzelte, als er Yerims schlichten Aufzug sah. Etwas anderes hatte er kaum erwartet von einem Gesandten Aven’kans, wo in dem Putsch vor fünf Jahren die Reste einer gebildeten Elite ausgemerzt worden waren und seitdem nur noch Bauerntölpel die Geschicke der Provinz lenkten.
Der Fürst erhob sich grazil, doch nicht zu schnell von seinem Thron und streckte die Arme zur Begrüßung aus. Yerims Verbeugung war eher ein Kopfnicken, doch Vulun verzog keine Miene.
« Mein Fürst! », sagte der Ostländer knapp.
« Willkommen! », antwortete Vulun freundlich, « ich bin erfreut, Euch so bald hier wieder begrüßen zu dürfen. Ich beglückwünsche Euch nochmals zu eurer Ernennung, Botschafter. »
« Sehr freundlich, Fürst. » antwortete Yerim ruhig, ohne das Lächeln zu erwidern. Wieder einmal empfand Vulun unwillkürlich Abscheu, als Yerims harscher Akzent an sein Ohr drang. Aven’kan war wahrlich tief gesunken - bis in die Schichten, die nicht mit Meir aufwuchsen.
« Lasst uns eine Kleinigkeit essen! » Vulun deutete auf den reich gedeckten Tisch und ließ sich auf den größeren der beiden Stühle nieder. « Eure Ernennungsrede ... sehr mitreißend, sehr gut formuliert! Wenn auch etwas ungewöhnlich. Nun, ich war beeindruckt. »
« Vielen Dank, Fürst. »
Yerim schien sich durch Komplimente nicht bestechen zu lassen, aber Vulun würde im Notfall andere Geschütze auffahren - dank Yerims gesprächigem Vorgänger, der so einiges über den neuen Gesandten ausgeplaudert hatte, wusste er schließlich bereits um die größte Schwachstelle des Mannes...
« In Eurer Rede habt Ihr die entscheidenden Punkte für eine engere Zusammenarbeit unserer beiden Länder genannt,“ sagte Vulun nun. „In der Tat sollten die Länder des Nordens die alte Bande mit Aven'kan wieder knüpfen, um endlich die Vorherrschaft Gandal'kans zu brechen, die uns bald jegliche Luft zum Atmen nehmen wird. Es war klug von Euch, Botschafter in meiner Stadt zu werden, denn Kayro'har wird als Sieger aus diesem Konflikt hervorgehen.»
Yerim teilte bedächtig einen Pfirsich.
„In dem Krieg gegen Nomae’kan gewiss,“ antwortete ruhig. „Wie aber steht es um die Konfrontation mit Gandal’kan?“
„Gandal’kan.“ Vulun lächelte schmal. „Gandal’kan hat sich zu viele Feinde gemacht. Wenn wir ein festes Bündnis schmieden, wird Gandal’kan schon bald nichts anderes als die Kapitulation bleiben.“
Zufrieden bemerkte Vulun, wie Yerim einen Moment stutzte. „Versteht mich nicht falsch, mein Fürst,“ erwiderte der Ostländer vorsichtig. „Niemand wünscht sich das Ende der Vorherrschaft Gandal’kans mehr als ich. Aber meine Provinz ist klein und kann es sich nicht leisten, sich auf Himmelfahrtskommandos einzulassen. Ich sehe nur wenig Aussichten, Gandal’kan militärisch zu bezwingen.“ Geschickt trennte er den Kern vom Fruchtfleisch. „Ich muss annehmen, dass Ihr noch einen Trumpf in der Hinterhand habt.“
Vulun runzelte die Stirn. Im Vergleich zu seinem einfältigen Vorgänger, der sich so leicht von stupiden Parolen gegen Gandal’kan hatte begeistern lassen, schien Yerim geradezu umsichtig zu sein.
„Einen Trumpf,“ wiederholte er. „Ja, so könnte man es nennen.“
Einmal mehr verfluchte sich Vulun, dass er ausgerechnet auf die Hilfe Aven’kans angewiesen war. Wie sollte er Yerim von der Aussicht auf den Sieg überzeugen, ohne ihm all zu viel über die Mittel dazu zu verraten? Er nahm einen Schluck Wein, um Zeit zu gewinnen, dann beugte er sich vor.
„Sprechen wir offen miteinander. Wir wissen beide, dass Aven’kan - verzeiht, wenn ich es so brüsk sage - militärisch nicht viel anzubieten hat.“
Zufrieden bemerkte er, wie sich Yerims Miene verhärtete. Dachte ich’s mir doch, dass auch du deinen Stolz hast!
„Dennoch hege ich Hochachtung für Aven’kan und sein Volk, das eine so große Vergangenheit vorzuweisen hat. Nur wegen dieser großen Sympathie für Euer Volk, aus dem auch meine Vorfahren stammen, biete ich Euch einen Handel an, dem ich nicht jedem unterbreiten würde.“ Er machte eine Pause. „In Anbetracht der... Umstände in Aven’kan erwarte ich keine militärische Beteiligung Eurer Provinz. Wenn Euch mein Wort auf den Sieg nicht genügt, muss sich Aven’kan nicht einmal offiziell als Bündnispartner Kayro’kans bekennen - im Falle einer Niederlage steht es damit nicht auf der Seite der Besiegten, im Fall des Sieges aber dennoch auf der Seite der Sieger. Das einzige, das ich mir wünsche, ist gewisse... logistische Unterstützung in meiner Sache.“ Vulun machte eine vage Handbewegung. „Sicherlich habt Ihr in einigen Regionen Verbindungen, zu denen meine Männer derzeit nur schwer Zugang haben. Ich denke an die Kham-Minderheiten in ganz Athalem, besonders aber an Kohn’kan, wo Ihr vor vielen Jahren an der Niederschlagung einer Rebellion beteiligt wart. Mir kam zu Ohren, dass Ihr Euch noch immer regelmäßig dort aufhaltet.“ Vulun nippte an seinem Wein, und fügte beiläufig hinzu: „Wie Ihr wisst, ist auch mein geliebter Neffe Arjuk spurlos verschwunden.“ Er blickte den Ostländer bedeutungsvoll an. „Wer immer ihn mir bringt, wird ewig in meiner Gunst stehen.“
„In diesen Fragen können wir Euch sicherlich behilflich sein,“ bestätigte Yerim. „Nun frage ich mich jedoch noch: Lohnt es sich, Euch gegen Gandal’kan zu verhelfen? Was können wir uns davon erhoffen?“
Vulun versuchte zu lächeln, doch innerlich war er höchst wachsam. „Ich bin sicher, dass ich einige Eurer Wünsche erfüllen kann,“ antwortete er eilig. „Denn mit Wünschen seid Ihr doch sicherlich zu mir gekommen?“
„Ihr wisst, was der innigste Wunsch meiner Provinz ist,“ sagte Yerim langsam. Über die Tafel hinweg blickte er Vulun ins Gesicht. „Die Rückgabe der Kham-Gebiete, die sich Kayro’kan und Gandal’kan einverleibt haben und die Rückgabe aller Mienen, die von Kayro’kan und Gandal’kan geführt werden, obwohl sie sich auf unserem Territorium befinden. Dies ist langfristig unser größtes Ziel.“
Einen Moment lang war Vulun wie vor den Kopf geschlagen angesichts der dreisten Forderung, dann aber schmunzelte er. Er hatte sich in seiner Einschätzung nicht geirrt, dass kein einziger fähiger Mann mehr in Aven’kans Verwaltung saß. Jeder mit nur etwas gesundem Menschenverstand begriff, dass die Rückgabe von Gebieten, die seit Hunderten von Jahren zu Vuluns Provinz gehörten, ausgeschlossen war.
Vulun zwang sich zu einem Lachen. „Sehr amüsant,“ lächelte er. Beinahe gelangweilt zupfte er einige Trauben ab und schob sie sich in den Mund. „Eine solche Forderung mag wohl zuletzt vor hundert Jahren gestellt worden sein. Hat Aven’kan die alten Zankäpfel noch immer nicht vergessen? Für so rückständig hatte ich die Provinz nicht gehalten.“
Zu Vuluns Überraschung lächelte der Ostländer. „Verzeiht, mein Fürst, aber ich bin ein einfacher Mann,“ sagte er beinahe treuselig. „Ich bin stolz darauf, in einem Nomadenzelt geboren worden zu sein. Die unrechtmäßige Aufteilung der Kham-Gebiete, möge sie sich noch so lange etabliert haben, lässt sich nicht mit diesem Stolz in Einklang bringen.“
Vulun lehnte sich zurück. Der störrische Revisionismus Aven’kans brachte ihn in Bedrängnis. „Nun, ich bin sicher, dass Ihr noch weitere Interessen hegt, außer dieser... schwierigen Angelegenheit,“ meinte er. „Vielleicht sollten wir die verbleibenden Detailfragen auf einen anderen Tag verschieben, meint Ihr nicht auch? Lasst uns über angenehmere Dinge sprechen. Ich wollte Euch noch etwas zeigen. Ein interessantes Schmuckstück, das ich kürzlich in meinem Familienbesitz entdeckte.“
Mit einer schnellen Handbewegung zog er sich einen Ring vom Finger und hielt ihn Yerim direkt unter seine Augen.
« Erkennt Ihr das? », fragte er, etwas schärfer als beabsichtigt.
Langsam nahm der Kham den Ring und betrachtete ihn genauer. Vulun runzelte die Stirn. Ihm schien, als zuckte es kurz in Yerims Gesicht, bevor sich seine Miene verschloss.
« Nun, das ist ein Schmuckstück aus Aven'Kan », sagte Yerim lakonisch, während seine Augen über das Rot des Kristalls und die feinen Linien im Kupfer wanderten.
„Zweifellos ja. Habt Ihr schon einmal etwas Vergleichbares gesehen?“
« Nein. Ich glaube kaum. » Gelangweilt reichte Yerim den Ring an Vulun zurück.
Wütend biss Vulun die Kiefer aufeinander. Zu steinern war die Miene des Kham, zu beherrscht.
« Zu schade. » Vulun nahm den Ring zwischen seine Finger und musterte ihn. „Es gibt ein Gegenstück dazu. Seht.“ Er reichte Yerim ein Stück Pergament. „Es ist eine alberne Liebhaberei von mir, aber Sammlungen möchte ich komplett besitzen. Ich hatte gehofft, Ihr könntet mir in dieser Angelegenheit behilflich sein.“
Einen Moment lang betrachtete der Kham ausdruckslos das Pergament, auf dem in feinen Linien ein Ring und ein Amulett abgebildet waren. „Fürst Vulun.“ In Yerims Stimme lag ein seltsamer Unterton. „Ihr befindet Euch im Krieg. Sollten sich Eure Gedanken nicht um andere Dinge drehen als um einen Ring?“
Fasziniert beobachtete Vulun das unstete Flackern, die unterdrückte Verachtung in den dunklen Augen des Ostländers. Dieser Mann hat während den Aufständen Dutzende Adeliger über die Klinge springen lassen, rief er sich in Erinnerung. Er war geradezu angewidert, mit einem solchen Mann verhandeln zu müssen, aber er in diesem Fall war es geschäftlich unumgänglich...
„Es mag nicht so scheinen, aber meine volle Aufmerksamkeit gilt dem Krieg. Das kann ich Euch versichern.“ Vulun lächelte. „Da fällt mir ein - in einem Handel können wir uns vielleicht schon heute einig werden. Eine persönliche Angelegenheit.“ Er machte eine wirkungsvolle Pause. „Mir kam zu Ohren, Ihr seid auf der Suche nach Eurem Sohn, der sich angeblich in Kayro’har aufhalten soll.“
Urplötzlich versteinerte sich die Miene des Ostländers. „Ihr wisst viel über mich, Fürst Vulun,“ sagte er hart. „Aber offenbar noch nicht genug: Auf der Suche bin ich, doch schon lange nicht mehr auf der Suche nach einem Sohn. Ich nehme an, Ihr wollt mir Eure Zusammenarbeit anbieten, um Seyjuk aufzuspüren?“
Vulun unterdrückte ein zufriedenes Schmunzeln. Der Kham verlor offenbar die Beherrschung.
„Nun, Seyjuks Spur endet möglicherweise nicht in Kayro’har,“ fuhr Yerim fort, „sondern in Noato. Könnt Ihr mir auch dort behilflich sein?“
„Noato.“ Vulun hob die Brauen. „Interessant. Da habe ich gute Nachrichten für Euch. Vor wenigen Stunden wurde mir die Botschaft übermittelt, dass Noato eingenommen ist. Eurer Bitte werde ich mit Freuden nachkommen.“
Bedachtsam steckte sich Vulun den Ring wieder an den Finger. „Im Gegenzug möchte ich alles über diesen Ring wissen, was Ihr herausfinden könnt - und über das Gegenstück.“ Er konnte einen süffisanten Unterton nicht ganz unterdrücken, als er mit schmalen Lächeln hinzufügte: „Ich habe mich schon immer sehr für die wunderbare Kunstfertigkeit Eures Volkes interessiert.“


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VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Mira - 06-03-2008, 20:33
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