Es ist: 26-09-2022, 11:39
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VR: Blaues Blut (453 d.D)
Beitrag #28 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.E)
„Neun... Zwölf... Fünfzehn... Achtzehn...“
Arjuk ließ sich neben Milena auf den Rasen fallen.
„Da hast du ja ganze Arbeit geleistet,“ sagte Milena.
„Ach was, Arbeit,“ murmelte Arjuk bescheiden. „Ich hab nur ein Spiel etwas... umfunktioniert.“
Zufrieden legte er sich ins Gras zurück. Er musste nicht mehr hinhören, um zu wissen, dass die drei Kinder von Yerims Bediensteten Leir ohne zu Zögern das Dreimaldrei auf- und abhüpften. Sie hüpften, weil Arjuk ihnen die Zahlenreihe in einer großen Spirale auf die Steinplatten des Hofes gemalt hatte, um den sich die drei bescheidenen Häuschen der Bediensteten drückten. Zuerst hatten die Geschwister - zwei Jungen und ein Mädchen - noch zögerlich zwei Felder abgezählt, bevor sie ihre nächste Zahl riefen, doch schon bald hatten sie das Gefühl für den nächsten Schritt erlangt.
„Siebenundzwanzig... Dreißig... Dreiunddreißig...“
„Hoffentlich hilft es auch,“ murmelte Arjuk. „Sie müssen das ganze irgendwann ohne eine Zahlenreihe vor Augen aufsagen. Und dann auch noch im Angesicht dieses Esels von Lehrer, der anscheinend glaubt, man könne ihnen durch Schläge was beibringen. Mir tun sie leid.“
„Das kann nur jemand sagen, für den es immer selbstverständlich war, etwas lernen zu können.“ Milena schüttelte den Kopf. „Man kann von Yerim denken, was man will, aber dass er den Kindern seines Untergebenen Unterricht ermöglicht, ist wirklich bemerkenswert.“
Natürlich hatte sie Recht, wie immer, aber Arjuk schwieg. Aus einem offenen Fenster mischte sich der Gesang von Leirs Frau Misa in die Kinderstimmen. Während er dem Lied lauschte - so alt, dass er es kaum verstand - stand Arjuk plötzlich wieder die Gravur des Medaillons vor Augen. Seit er gestern Abend so lange darauf gestarrt hatte, geisterten die gewundenen Linien ständig in seinem Kopf herum, verfolgten ihn regelrecht. Er hatte sogar davon geträumt, wirre, fiebrige Träume, die keinen Sinn ergaben, wie die Worte von Misas Volkslied...
„Ich frage mich,“ sagte Milena plötzlich langsam, „ich frage mich, ob dieser Samir überhaupt noch in Noato ist.“
Arjuk schwieg. Sein Herz begann wie wild zu klopfen.
„Tja,“ meinte er schließlich vage. „Ich frage mich so einiges, weißt du.“
Milena... du bist unglaublich! Mit etwas Glück würde ihr Fluchtplan gelingen. Nachdem die Zeichnung aufgetaucht war, erschien Arjuk Caralmur plötzlich wie das Paradies auf Erden. Er schloss die Augen und folgte den Linien, die sich über das Papier ergossen wie Blumenranken, Gravuren, die sich in Kupfer schnitten... sich formten zu Schnörkeln, sich wanden zu...
Hier seid ihr also.“
Arjuk fuhr auf, als Leirs ruhige, etwas leise Stimme plötzlich in seiner unmittelbaren Nähe erklang. Der Mann warf einen verwunderten Blick auf seine Kinder, die im Hof im Kreis hüpften, dann stahl sich ein Lächeln auf sein schmales Gesicht. „Weißt du, Andamir, vielleicht solltest du deine eigene Schule eröffnen. Aber jetzt solltet ihr euch beeilen, Yerim lässt euch dringend ins Empfangszimmer rufen.“
„Ins Empfangszimmer?“, wunderte sich Arjuk. „Uns beide?“
Er wechselte einen Blick mit Milena. Irgendetwas war im Gange...

Als Milena und Arjuk Yerims Empfangszimmer betraten, war dieser in eine Diskussion mit einem elegant gekleideten Fremden vertieft. Grimmig blickte er auf. „Wo zum Teufel habt ihr gesteckt? Den ganzen Tag steht ihr im Weg herum, nur wenn ich euch rufe, seid ihr wie von diesem vermaledeiten Erdboden verschluckt.“ Wie immer wenn er fluchte, rutschte er ins Khami ab. Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich wieder dem Fremden zu, ein etwas untersetzter Mann mit ausgedehnten Geheimratsecken und Doppelkinn. „So leid es mir tut, aber diese Sache geht Euch nichts an. Ich werde gerne...“
Arjuk verdrehte die Augen. Der vielsagende Blick, den er Milena zuwarf, wurde nicht erwidert - das Mädchen sah ausdruckslos zu einem jungen Mann, der bewegungslos am Ende des großen Empfangszimmers neben dem Fenster gelehnt stand. Arjuk konnte sein Gesicht im Gegenlicht kaum erkennen, doch auf der Brust schimmerte ein rotes Pentagramm auf dem nachtschwarzen Stoff. Plötzlich fröstelte Arjuk. Er hatte noch nie einen Schwarzmagier gesehen. Doch mehr noch als die dunkle Robe verstörte ihn Milenas Miene, starr wie in Eis gehauen...
„Bedauerlich, aber wenn Ihr darauf besteht, werde ich mich fügen müssen.“ Arjuk schreckte auf, als Yerims schwieriger Gast die Stimme erhob. Es war der Mann, der das Medaillon mitgebracht hatte! Mit plötzlich erwachtem Interesse versuchte Arjuk sich schnell, seine Gesichtszüge einzuprägen. „Ich hoffe, Ihr habt nichts dagegen, wenn ich hier warte? Ich würde gerne noch ein paar Worte mit Euch wechseln.“
Nachdem Kin den Mann hinaus geleitet hatte, atmete Yerim auf. „Der hatte mir noch gefehlt,“ brummte er. Dann wandte er sich an den Fremden.
„Nun zu dir - Geriyon Raven. Setz dich, mein Freund.“ Er klopfte auf einen Sessel. Als der Fremde bedacht vortrat konnte Arjuk endlich das schmale, von kastanienbraunen Haarsträhnen umrahmte Gesicht erkennen. Der Magier war jung; er konnte kaum älter sein als Arjuk selbst. Obwohl er ernst und etwas verschlossen dreinblickte, hätte er doch recht unauffällig wirken können, wäre da nicht das breite Band, das sein rechtes Auge bedeckte und das ihm etwas düsteres, ja etwas bedrohliches gab.
„Ich bitte die unangenehme Unterbrechung zu entschuldigen. Kommen wir zum Geschäft.“ Yerim beugte sich etwas vor, schien den Zauberer zu belauern. „Ich denke, ich habe Euch deutlich genug gemacht, dass Ihr keine große Wahl habt.“
Raven zog die Brauen zusammen, dann schloss er die Augen und schien sich kurz zu sammeln. Verwirrt blickte Arjuk zwischen den beiden Männern hin und her. Was in aller Welt war zwischen den beiden vor gefallen - und noch wichtiger: Was hatten Milena und er damit zu tun...?
„Nun, ganz so einfach ist das nicht,“ sagte der Magier schließlich kalt. „Ich würde durchaus eine Gegenleistung für meine Dienste erwarten, eine ganz bestimmte Information.“
Yerim fiel förmlich die Kinnlade hinab. Sein Gesicht nahm eine beängstigend rote Farbe an. „Eine Gegenleistung? Es sollte Euch Gegenleistung genug sein, dass ich nicht...“ Mit einem Seitenblick zu Arjuk und Milena verstummte er. Seine Hände ballten sich immer wieder zu Fäusten, während die beiden Männer sich gegenseitig taxierten.
„Nun gut - wir werden sehen, ob Eure Dienste einer Gegenleitung wert sind, Meir! Zunächst möchte ich wissen, wozu Ihr überhaupt fähig seid!“ Es gelang Yerim langsam, seine Hände wieder unter Kontrolle zu bekommen. „Kelim rühmt Euch als einen brillianten Gedankenleser, erzählt mir mehr davon.“
Arjuks Herz machte einen schmerzhaften Satz. Ein Gedankenleser? Jedes Kind wusste, dass Gedankenleser nur irgendwelche Scharlatane auf den Marktplätzen und Jahrmärkten waren, aber dieser Geriyon mit seiner Schwarzmagierkutte sah nicht aus wie ein Scharlatan...
„Gedanken lesen kostet eine Menge Kraft.“ Die Stimme des Magiers - Geriyon Raven - war ruhig und beherrscht. „Allerdings könnte ich für Euch herausfinden, ob Eure... Gäste Euch die Wahrheit sagen oder nicht. Erst wenn Sie lügen, wird das Gedanken lesen notwendig, nicht wahr?“
Arjuk schluckte. Ein dumpfer Geschmack lag ihm auf der Zunge. Plötzlich machte es einen Sinn, dass Yerim sie gerufen hatte. Er wollte herausfinden, was an der Lügengeschichte um Seyjuk dran war - und wenn die von schwarzem Stoff umhüllte Bohnenstange tatsächlich Gedanken lesen konnte, würde Yerim noch so einiges mehr herausfinden... Panisch floh sein Blick zu Milena, doch zu seiner Überraschung verfolgte sie das Geschehen interessiert und ohne Anzeichen von Beunruhigung. Schauspielerte sie nur so gut oder machte sie sich wirklich keine Sorgen? Hatte sie gar eine Idee, wie sie ihn hier heil herausbringen konnte?! Wenn irgendjemand dazu fähig war, dann nur Milena...
„Erst einmal möchte ich einen Beweis für Eure Fähigkeiten.“ Yerims Blick richtete sich auf Arjuk. „Wie lange bist du schon in diesem Haus?“
„Seit gestern,“ stotterte Arjuk verwirrt.
Erst als der Magier sich erhob und auf ihn zutrat, verstand er den Sinn der Frage. Unwillkürlich wich er einen Schritt zurück. Geriyons unverhülltes graues Augen schienen durch ihn hindurch zu blicken als sähe es ihn gar nicht.
„Er sagt die Wahrheit.“
„Milena, du warst so freundlich und hast Misa bei den Einkäufen geholfen. Wie oft?“
„Nur ein Mal.“
„Stimmt nicht.“ Die Antwort des Magiers kam schnell und sicher.
Yerim schien noch nicht ganz überzeugt. „Eine Stufe höher,“ kündigte er an. „Wie lautet der Name dieses Jungen?“
Arjuk sank das Herz wie ein Stein im Wasser. Ihm war, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen.
„Dazu müsste ich Gedanken lesen,“ wandte Geriyon ein.
„Ganz genau,“ bestätigte Yerim. „Ich will sehen, wozu du fähig bist.“
Verdammt! Das durfte einfach nicht wahr sein! Sein Vater hatte die Flucht in die Wege geleitet, war in Noato zurück geblieben, in der Hoffnung, seinem Sohn einen Vorsprung zu verschaffen... Er, Arjuk, hatte sich mühsam Yerims Vertrauen erlangt... All das würde in einem einzigen Augenblick hinweggefegt werden!
Kaum nahm er wahr, wie Geriyon seine Hand hob, als wolle er nach seinem Augenband greifen. Doch der Magier schien sich anders zu entscheiden und führte nun beide Hände vor seinem Gesicht, um ein Dreieck aus Daumen und Zeigefingern zu bilden. Seine Lippen begannen unhörbare Worte zu formen.
Arjuk schloss die Augen. Das war’s. Verzeih mir, Vater. Dein Sohn hat schnell und gründlich versagt... Er wusste, dass er sich nach einem Fluchtweg hätte umsehen sollen, dass er irgendetwas tun müsste, aber sein Geist gehorchte ihm nicht mehr. Er wirbelte um einen einzigen Gedanken: Vulun... Bei der Vorstellung an das Bevorstehende wurde Arjuk speiübel.
„Andamir.“
Arjuk stand starr wie eine Statue. Hatte er richtig gehört? Nein, der Magier hatte nicht gerade Andamir gesagt. Das war nur eine Wunschvorstellung, ein Traum...
Auf Geriyons Gesicht lag ein undeutbarer Ausdruck, als er sich an Yerim wandte. „Er heißt Andamir.“
Beinahe hätte Arjuk laut aufgelacht. Das konnte nicht wahr sein. Irgendjemand spielte ihm hier einen Streich, einen höchst absonderlichen Streich! Eine unendliche Erleichterung durchströmte ihn. Erst jetzt bemerkte er, dass seine Knie weich wie Butter waren, bemerkte den süßlichen Geschmack in seinem Mund. Er hatte sich die Lippe aufgebissen.
„Woher hast du diese Papiere, Andamir?“, fragte Yerim und wedelte mit Seyjuks Dokumenten.
„Milena hat sie mir gegeben,“ antwortete Arjuk zögernd. Er blickte zu dem Mädchen hinüber und bemerkte überrascht, dass sie ihm aufmunternd zulächelte. Da wusste Arjuk, was der Magier sagen würde, noch bevor er die Worte sprach:
„Er sagt die Wahrheit.“
Arjuk fiel ein zentnerschwerer Stein vom Herzen. Milena lächelt. Wenn Milena lächelt, wird alles gut werden... Wie im Traum verfolgte er, wie Yerim nun Milena aufforderte, ihre Geschichte zu erzählen. Er hatte zwar nicht den geringsten Schimmer, wie dieses Wunder zustande gekommen war, doch vorerst akzeptierte er sein Glück...


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VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Mira - 06-03-2008, 20:33
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