Es ist: 08-12-2022, 08:05
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VR: Blaues Blut (453 d.D)
Beitrag #32 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Als Kara aufwachte, brauchte sie erst einen Moment bis sie sich erinnern konnte, wo sie sich befand und wie sie hergelangt war. Die Schwarzmagierakademie… der junge Magier, mit dem sie sich auf einem Friedhof getroffen hatte… Durch das schmale Fenster fiel goldenes Sonnenlicht auf die weißen Wände und ließ alles unwirklich und freundlich erscheinen. Erstaunt bemerkte sie, dass die Sonne schon tief am Himmel stand – das konnte nur bedeuten, dass es längst Nachmittag war. Zufrieden und mit einem Gähnen auf den Lippen räkelte und streckte sie sich in dem gemütlichen Bett. Während sie die dünnen Wolken draußen im satten Sonnenlicht beobachtete, kreisten ihre Gedanken um alles, was in den letzten Tagen geschehen war. Ein ganzer Marktplatz soll wegen mir zerstört worden sein – wie kann ich zu so etwas fähig sein, und es nicht spüren, oder wissen! Und meine ganze Vergangenheit… wie ausgelöscht. Mit einem tiefen Seufzer schlang Kara die Arme um ihre Beine und legte verzweifelt ihren Kopf auf die Knie. Es kam ihr so vor, als ob ihr Gedächtnis wie eine leere Leinwand war, an der ein Maler gerade erst wenige Striche geführt hat. Die einzigen Farbkleckse, die das Bild nicht im Geringsten ausfüllten, waren ihre Erinnerung an das Amulett, das der alte Magier, Dende, ihr abgenommen hatte, und der kleine Junge, der ihr in den Gassen der Stadt für kurze Zeit erschienen war. Mit einem Schaudern dachte Kara an den Augenblick zurück, in dem sie sich selbst in einem Karren sitzen gesehen hatte, einen kleinen Jungen auf dem Arm.
Ob ich einen Sohn haben kann, an den ich mich nicht erinnern kann? Ob ihm etwas geschehen ist, auf dem Marktplatz? Und was ist mit dem Amulett, dem einzigen Anhaltspunkt, den ich habe… ich muss es irgendwie wiederbeschaffen. Aber wie? Ach wüsste ich bloß, was geschehen ist bevor --- Karas Gedanken drehten sich im Kreis und immer wieder versuchte sie aus den wenigen Informationen, die sie hatte, neue Details zu gewinnen. Doch es war vergebens, so sehr sie sich auch wünschte, ihre Erinnerung würde auf einmal wieder zurückkehren, schlussendlich kam sie keinen Schritt weiter.
Seufzend fragte Kara sich, ob überhaupt irgendjemand sie vermisste, und ob außer den Wachen und eventuell dem Magier Dende noch jemand nach ihr suchte, ob sie der Welt da draußen überhaupt abging. Durch die bunte Glasscheibe am Fenster fiel nur mehr gedämpftes Licht und die Schatten an den Wänden wanderten und wuchsen. Auf einmal fühlte Kara sich furchtbar einsam, zog sich fröstelnd die Decke enger um die Schultern und starrte verloren aus dem Fenster.
Gerade als sie sich fragen wollte, wann sie das letzte Mal etwas anständiges gegessen hatte, und ihr Magen lautstark jegliche Überlegungen überflüssig machte, fiel ihr Blick auf einen reichlich gefüllten Teller, der direkt auf dem Nachtkästchen neben dem Bett stand, das sie aus unerfindlichen Gründen bis jetzt übersehen hatte. Der Anblick von Brot, Käse und frischem Obst brachte ihre Augen zum leuchten, und nach einem kurzen Kampf mit der Bettdecke hatte sie sich soweit befreit, dass sie bequem die einladenden Speisen erreichen konnte. Während Kara gierig die Mahlzeit verschlang, musterte sie erneut den Raum, in dem sie sich befand. Die einzigen persönlichen Gegenstände, die sie auf einer verschlossenen Holztruhe liegen sah, waren eine deutlich gebrauchte Schreibfeder und ein dickes, in Leder gebundenes Buch, auf dem allerlei verschnörkelte Zeichen zu sehen waren. Noch bevor Kara die Hand ausstreckte, um das Buch aufzuschlagen, ließ sie ein Geräusch aus der Richtung des Fensters zusammenfahren. Als ihr Blick zum Fensterbrett fiel, entdeckte sie dort Silberschwinge, die mit dem Schnabel gegen das Glas klopfte, um eingelassen zu werden.
Sofort nachdem Kara den quietschenden Riegel vor dem Fenster entfernt hatte, hüpfte der nachtschwarze Vogel auf den Schreibtisch, und ließ sich anschließend elegant auf der Lehne des Stuhls nieder. Schweigend bat Kara dem Raben etwas Brot an, das dieser mit einem Kopfschütteln ablehnte. Geriyon schickt mich. Er wird noch etwas länger in der Stadt zu tun haben.
Nickend nahm Kara dies zur Kenntnis und setzte sich mit dem gefüllten Teller aufs Bett, um unter den Blicken der glänzenden Vogelaugen ihren Hunger zu stillen. Als sie fertig war stellte sie den Teller zurück auf den Schreibtisch und sah unschlüssig aus dem Fenster. Es wurde schon langsam dunkel und Kara fühlte sich zusehends gelangweilt, jetzt, da sie zwar nicht mehr in einem Keller sitzen musste, aber sich in einem fremden Zimmer versteckte. Als nach einiger Zeit immer noch nichts Spannenderes geschehen war als dass Silberschwinge ihr Gefieder säuberte, beschloss Kara trotz aller Gefahren entdeckt zu werden einen Streifzug durch die Akademie zu machen. Sie warf sich den schwarzen Mantel um, den Geriyon zu ihrem Glück dagelassen hatte, streifte sich die Kapuze über und war in ein paar Schritten bei der Tür angelangt.
Wo willst du hin?
„Mich etwas umsehen. Ich bin immerhin schon den ganzen Tag in diesem Zimmer gewesen…“, rechtfertigte Kara sich und drückte entschlossen die Türklinke hinunter – doch nichts geschah. Mit zusammengezogenen Brauen probierte sie es noch einmal, bis sie begriff, dass die Tür schlicht und einfach versperrt war.
Geriyon meinte du solltest lieber im Zimmer bleiben. Ich muss dich doch wohl nicht daran erinnern, was passiert wenn du hier entdeckt wirst, oder? sprach Silberschwinge und seine Augen folgten Kara aufmerksam, als diese erst den Schreibtisch und dann das Nachtkästchen durchsuchte, um einen zweiten Schlüssel oder irgendetwas Brauchbares zum Schlösserknacken zu finden.
„Ha!“, rief sie triumphierend als in der zweiten Lade des Nachtkästchens ein abgenutzter Schlüssel zum Vorschein kam, „Ja, ich weiß was passiert wenn ich erwischt werde, aber ich halte es nicht mehr aus einfach hier herumzusitzen und zu warten, dass irgendetwas geschieht.“
Wenn ich schon keine Ahnung habe, was in der Vergangenheit gewesen ist, dann möchte ich wenigstens mehr von meiner Gegenwart wissen…
Mit einem doch etwas mulmigen Gefühl schloss Kara die Tür auf und atmete tief ein, bevor sie sie einen Spalt öffnete. In diesem Moment kam Silberschwinge durchs Zimmer geflogen und ließ sich auf ihrer Schulter nieder.
Ohje… Geriyon wird nicht erfreut sein.


Karas Herz klopfte immer noch, als sie erneut in einen langen düsteren Gang einbog, und sie hoffte, dass nicht noch mehr angehende Magier sie darauf aufmerksam machen wollten, dass sie den Weg zum Speisesaal in der falschen Richtung suchte. Schön langsam gingen ihr die Erklärungen aus, wohin sie denn zur Essenszeit wollte, und auch Silberschwinge schien es leid zu sein ihr dabei auszuhelfen. Natürlich wäre es viel unauffälliger, wenn Kara sich einfach den anderen Magiern anschließen würde, doch das Letzte, das sie nun brauchte war ein Saal voll schwarzgekleideter Gestalten, die sie jederzeit als Eindringling enttarnen konnten. Ihre Schritte hallten in dem Gemäuer wieder und neugierig öffnete sie eine weitere der Pforten aus dunklem, massivem Eichenholz, aber der Gang dahinter sah genauso aus wie alle anderen: karger Stein, vereinzelt einige Statuen, und Spinnweben unter der Decke. Wäre Silberschwinge nicht bei ihr gewesen, hätte Kara in diesem Gewirr von immer gleichen Korridoren wohl fürchten müssen, den Rückweg nicht mehr zu finden. Immerhin schienen sich hier keine Magier herumzutreiben. Gerade als sie um die nächste Ecke bog, hinter der sich eine steinerne Treppe in die Tiefe schlängelte, hörte sie plötzlich Stimmen, die ihr entgegenkamen. Rasch sah Kara sich um, und das einzige Versteck, das ihr ins Auge sprang, war eine staubige Statue, die zur Hälfte in einer Nische stand. Mit einem Satz war sie hinter dem Abbild des finster blickenden Magiers verschwunden und hoffte inständig, dass die karge Beleuchtung sie verbergen würde, wenn die nahenden Schritte sie erreicht hatten. Doch plötzlich verstummten die Schritte, ein gutes Stück von ihrem Versteck entfernt, und auch die Stimmen hielten einen Moment inne, bis auf einmal das schabende Geräusch von schwerem Stein auf Stein die unwirkliche Stille zerriss, und die Magier – es mussten zwei sein – wieder begannen sich leise zu unterhalten.
Kara konnte ihrer Neugier nichts entgegensetzen und obwohl ihr bewusst war, wie riskant es war, konnte sie nicht davon ablassen einen Blick aus ihrem Versteck heraus zu werfen.
Wäre das seltsame Geräusch der Steine und das Gemurmel der Magier nicht gewesen, so hätte sie sich garantiert dadurch verraten, dass sie überrascht die Luft einzog.
Sie hatte sich geirrt, es waren nicht zwei sondern drei Männer, doch der eine war definitiv kein Schwarzmagier, sondern seine zerrissenen aber ehemals edlen Kleidungsstücke erzählten eine andere Geschichte. Doch was Kara schockiert hatte war, dass er sich in einer seltsamen Starre zu befinden schien, die Arme unnatürlich an den Körper gepresst, die Augen schreckensweit aufgerissen, und statt auf seinen Beinen zu stehen, war er einfach an die Wand gelehnt, wie ein Brett. Die zwei Magier beobachteten indessen, wie ein unscheinbarer Steinblock in der Wand zur Seite glitt und einen geheimen Gang freilegte.
“Ein Gefangener!“, dachte Kara bestürzt und zog sich wieder weiter hinter die schützende Statue zurück, als der Geheimgang endgültig freigelegt war und sich die Magier daran machten, den erstarrten Mann in die Finsternis zu tragen. Das Letzte, das sie beobachtete war, dass einer der Schwarzgewandeten mit der Hand über eine unauffällig gemusterte Stelle an der Wand strich – dann begann der Eingang sich zu verschließen und kurz darauf war sie wieder mit Silberschwinge allein im Korridor.
Der Gedanke daran, dass sie ebenso enden könnte, falls man sie entdeckte, ließ Kara schaudern, und sie blieb eine ganze Weile in ihrem Versteck, bis sie sich aufraffte um Silberschwinge zuzuraunen:
„Könntest du mir den Weg zurück zeigen, bitte? Du hattest Recht, ich hätte auf dem Zimmer bleiben sollen…“

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Mira - 06-03-2008, 20:33
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