Es ist: 26-09-2022, 10:50
Es ist: 26-09-2022, 10:50 Hallo, Gast! (Registrieren)


VR: Blaues Blut (453 d.D)
Beitrag #38 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Angegriffen?“ Vulun fiel förmlich die Kinnlade herab.
„Nun, nur der erste Tross.“ General Thakis stand mit hängenden Schultern vor ihm und schien sekündlich kleiner zu werden. „Die anderen Wagen sind wie gesagt sicher angekommen und werden gerade entladen...“
Nur der erste Tross, ja?“ Einen Moment lang krampften sich Vuluns Hände zu Fäusten zusammen. War er denn nur von Schwachköpfen umgeben? Wieder einmal wünschte sich Vulun, er hätte persönlich nach Noato reisen und die Dinge regeln können, doch der unfähige Fürst, die intriganten Grafen der Provinz und nicht zuletzt die undurchschaubaren Schwarzmagier machten es ihm unmöglich, die Geschicke in Kayro’har auch nur einen Tag sich selbst zu überlassen. Stattdessen musste er Männer wie Thakis losschicken, die nicht einmal einen Gefangenen von Noato nach Kayro’har transportieren konnten.
„Nur der erste Tross, in dem sich zufälligerweise ein überaus wertvoller Gefangener befand. Ich möchte Euch etwas fragen, General Thakis.“
Der Herzog nahm einen tiefen Atemzug, dann erhob er sich und schlenderte ans Fenster. „Habe ich Euch, General, meine gesamten Streitkräfte einschließlich der Eliteeinheiten zur Verfügung gestellt, damit Ihr Euch von einer Horde Wegelagerer überrumpeln lasst? Oder -“ Vulun wandte sich um und blickte Thakis durchdringend an, „weil ich annahm, dass mit der Hilfe so vieler tapferer Männer nicht einmal Ihr einen einzelnen Mann entwischen lassen könnt?“
„Mit Verlaub, Eure Hoheit,“ wandte General Thakis kleinlaut ein. „Bei den Angreifern kann es sich unmöglich um gewöhnliche Banditen gehandelt haben. Sie haben nicht einen einzigen Überlebenden gelassen. Ich selbst habe mich davon überzeugt, dass die Leichen... wie soll ich sagen? Sie sind nicht von Schwertern erschlagen worden. Eure Hoheit,“ Thakis schien noch einen Zentimeter zu schrumpfen, „es deutet alles auf einen magischen Angriff hin.“
Ein magischer Angriff kurz vor Kayro’har, bei dem eine Eliteeinheit niedergemetzelt wurde und Graf Kalil spurlos verschwand... Langsam wandte sich Vulun zum Fenster. Selbst an dunstigen Tagen wie heute schien in der Ferne vor dem Südtor ein goldener Schimmer zu flimmern. Was immer er plante, wie perfekt er auch vorbereitet war, sie würden ihm in die Quere kommen: Schwarzmagier!
Mit einem plötzlichen Wutschrei schlug Vulun mit der Faust auf die Fensterbank. Oh, wie er diese Pest hasste!
„Thakis.“ Vuluns Stimme war beherrscht. „Am liebsten würde ich Euch an Ort und Stelle enthaupten lassen.“ Als er sich umwandte, lag ein schmales Lächeln auf seinen Lippen. „Unglücklicherweise brauche ich Euch noch. Belassen wir es also bei einer Degradierung... Hauptmann Thakis. Wie sieht es mit den anderen Wägen aus?“
Thakis war sichtlich erleichtert über den Themawechsel. „Die Leiche wurde geborgen und mit großem Aufwand nach Kayro’har transportiert,“ berichtete er eifrig. „Es wird Euch zudem sicherlich freuen, zu hören, dass meine Männer das Gemach des Prinzen unversehrt vorfanden und, wie Ihr befahlt, seine Besitztümer unbeschadet nach Kayro’har brachten.“
„Leblose Möbel und Tote kann ich Euch also noch anvertrauen,“ bemerkte Vulun kalt. „Die Gemälde?“
„Bei der Erstürmung brach ein Brand im Palast aus.“ Thakis trat ungemütlich von einem Fuß auf den anderen und wich Vuluns stechendem Blick aus. „Offenbar sind die meisten Gemälde den Flammen zum Opfer gefallen. Allerdings gelang es uns, ein Porträt zu retten, das aus jüngerer Zeit zu stammen scheint.“
„Immerhin.“ Vulun zögerte einen Moment. Als ihn die Nachricht von Arjuks Tod erreichte, war er sich sicher gewesen, dass es sich um eine plumpe Finte handelte. Nun, da er kurz davor stand, seinen Verdacht zu überprüfen, wurde er unruhig. Wenn sein Neffe tatsächlich um’s Leben gekommen war, war alles vergebens gewesen. Und der Gedanke, was Natalya dazu gesagt hätte, würde ihn jede ruhige Minute rauben...
Vulun straffte sich. „Zeigt mir die Leiche, Thakis,“ sagte er fest.

---

Beißender Rauch brannte in Arjuks Augen. Er blinzelte in das Flammenmeer. Die Scheune brannte lichterloh! Dieser Feuerhölle konnte niemand lebend entkommen...
--- Ein hässliches Knirschen. Der Sargdeckel schob sich über ein schneeweißes Gesicht. ---
Arjuk schrie auf. Der Boden um ihn herum war plötzlich bedeckt von erstarrten Körpern. Weiße Gliedmaßen, aufgerissene Augen leuchteten im roten Schein der Flammen. Er kannte die Gesichter. Es waren die Leute aus Noato. Die Scheune war verschwunden; stattdessen befand sich Arjuk auf der Straße, die zum Marktplatz führte. Die Stadt um ihn herum glich einem Flammenmeer, auf der Anhöhe, auf der das Schloss hätte stehen sollen, ragten schwarz und nackt eine Handvoll verkohlter Pfähle über den lodernden Dächern auf.
„Flieh, Arjuk. Flieh.“ Eine kalte Hand schloss sich um seine Fußknöchel. Arjuk wollte sich losreißen, aber die Hand hielt ihn fest. Als er hinab blickte, sah er in die starren Augen eines Mannes.
Vater.
Irgendwo in der Ferne schwoll ein Schrei an, wurde lauter und lauter und gellte ihm in den Ohren.
„Schon gut, mein Junge“, sagte Katrinas Stimme sanft. „Lass gut sein.“

Der Schrei verstummte.


Arjuk riss die Augen auf. Als er zu sich kam, saß er aufrecht und schnappte nach Luft wie ein Erstickender.
„Du hast geträumt, mein Kind.“
Ein faltendurchzogenes Gesicht blickte Arjuk freundlich an, während er allmählich zu sich kam. Es war nicht Katrina gewesen, die ihn geweckt hatte, sondern eine alte Frau, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Es war nicht irgendjemand weit weg gewesen, der geschrieen hatte, sondern er selbst. Und der Saal, in dem er sich befand, hatte zwar einige Ähnlichkeit mit einem Schlachtfeld; aber es war keine marodierende Horde Soldaten gewesen, sondern Yerims Gäste, die die Halle so zugerichtet hatten. Arjuk konnte sich nicht erinnern, so viel getrunken zu haben, wie ihn sein Brummschädel vermuten ließ, ebenso wenig daran, in einem Winkel der großen Halle zwischen leeren Krügen und Bechern eingeschlafen zu sein. Das Schnarchen, das aus einer Ecke des Saales klang, verriet ihm, dass er nicht der einzige war.
„Wie heißt du, mein Sohn?“ Die alte Frau sprach weiches, beinahe singendes Khami. „Seit wann bist du hier? Ich habe dich noch nie gesehen.“
Arjuk blinzelte verwirrt. „Wer... wer seid Ihr?“, fragte er vorsichtig.
„Du antwortest auf Meir.“ Das alte Gesicht zerbrach in tausend Falten und entblößte eine lückenhafte Reihe von Zahnstummeln, als die Alte ihn freudig anstrahlte. „Dann bist du sicherlich der Junge, den Seyjuk geschickt hat! Keine Angst, ich bin auf deiner Seite.“
Arjuk blinzelte verwirrt. Unendlich langsam und qualvoll arbeiteten sich die Worte durch sein Gehirn, bis er sie begriffen zu haben glaubte. Seyjuk? Entweder träumte er noch, oder er hatte irgendetwas in dem honigzähen Singsang der Fremden vollkommen falsch verstanden...
In diesem Augenblick wurde die Tür aufgedrückt. An jedem anderen Morgen hätte Arjuk wohl aufgelacht, als Yerim mit zerknautschtem Gesicht und wirrem Haar hereinschlurfte, aber heute zuckte er nur schmerzerfüllt zusammen, als die Tür geräuschvoll ins Schloss fiel.
Die alte Frau erhob sich und schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Egal, wo du bist, immer bist du nur am Zechen.“
„Willkommen in Kayro’har, Mutter,“ murmelte Yerim zerknirscht.
Mutter?! Der Mann in den Fünfzigern, dessen Schläfen allmählich ergrauten, hatte eine Mutter? Arjuk fiel die Kinnlade herab, als Yerim, der auffahrende, stolze General, vor der verhutzelten Alten auf die Knie fiel und ihr die runzeligen Hände küsste. Die Szene erschien ihm so unwirklich, dass er beinahe erleichtert war, als Yerim sich wieder erhoben hatte und in missmutigem Ton brummte: „In deinem Alter solltest du nicht mehr so weit reisen, Mutter.“
„Ich weiß schon, dass du deine Ruhe vor mir haben willst,“ gab die Alte spitz zurück. „Aber mach dir keine Hoffnungen.“
„Die habe ich schon längst aufgegeben,“ entgegnete Yerim. „Aber wie konntest du meine Nachricht so schnell erhalten? Das ist unmöglich!“
„Deine Nachricht? Du hast mir eine Nachricht geschickt? Wie lieb von dir.“ Die alte Frau schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe keine Nachricht von dir erhalten, ich habe nur gehört, dass du in Gandal’har warst, und da wollte ich wissen, ob Seyjuk eine Nachricht hinterlassen hat.“ Vorwurfsvoll blickte sie zu ihrem Sohn hoch. „Warum sagst du mir denn nie Bescheid, wenn du nach Gandal’har gehst?“
„Du hast meine Nachricht nicht...“ Yerim seufzte tief auf und ließ den Kopf kreisen, dass die Nackenwirbel knackten. „Langsam. Lass mich erst einmal aufwachen.“
Arjuk zuckte schmerzerfüllt zusammen, als die Tür mit einem Krachen aufsprang und Leir atemlos in den Saal stürzte. „Yerim! Vulun ruft dich in den Palast!“
Yerim, der sich gerade noch mit säuerlicher Mine die Schläfen gerieben hatte, fuhr auf. „Was? Jetzt sofort? Himmel.“
Leirs Miene hellte sich sichtlich auf, als er die alte Frau sah. „Großmutter! Du bist hier! Willkommen.“
Yerim aber fluchte. „Kann dieser Herzog-Schnösel seine Termine nicht etwas langfristiger planen? Ich hab auch noch anderes zu tun als nur auf seinen Ruf zu warten. Also schön.“ Er seufzte entnervt. Dann fiel sein Blick auf Arjuk, der sich schnell aufrappelte.
„Andamir. Wie du siehst, werde ich heute vollauf beschäftigt sein.“ Yerim trat auf Arjuk zu und blickte ihn einen Moment lang mit einem Ausdruck an, den Arjuk nicht ganz deuten konnte. „Wenn ich von Vulun zurück bin, will ich dich und dein Westländergetue hier nicht mehr sehen, ist das klar?“, sagte er unfreundlich. Dann klopfte er ihm auf die Schulter. „Mach dir keine Sorgen wegen diesem Papier-Dingsbums, über die Grenze hast du’s ja geschafft und die Leute in Caralmur sind sehr nachsichtig. Ach ja.“ Er grinste anzüglich. „Grüß deine Freundin von mir. - Leir!“
Der Diener sprang auf.
„Nimm dir ein paar verschwiegene Männer und suche Vanderkeyn. Sag ihm, er soll gegen Mittag herkommen.“
„Es... ist schon bald Mittag,“ warf Leir vorsichtig ein.
„Tatsächlich?“ Zerstreut strich Yerim sich das Haar zurück und warf seiner Mutter, die in sich hinein kicherte wie ein junges Mädchen, einen bösen Blick zu. „Schön, sag ihm irgendwas. Du machst das schon. Und sag ihm...“ Yerim warf einen Seitenblick auf seine Mutter und schmunzelte. „...ein Experte wartet auf ihn.“

Erst als Arjuk aus der Tür trat, bemerkte er, dass die Sonne bereits hoch am Himmel stand. Verschlafen blinzelte er in’s Licht. Die frische Luft tat seinem Kopf gut.
„Guten Morgen, Langschläfer.“
Arjuk blieb beinahe das Herz stehen. Neben der Tür saß Milena auf den Stufen und lachte auf, als sie sein erschrockenes Gesicht sah.
„Prinz Andamir, Ihr seht heute so... schneidig aus.“
Einen Moment lang wünschte er Milena an’s andere Ende der Wüste Sheragi. Dass seine verkaterte Mine in Kombination mit seinem zerknitterten, weinbefleckten Hemd und dem geschwollenen Auge nicht besonders elegant wirkte, konnte er sich denken!
„Yerim hat mich mehr oder weniger rausgeworfen,“ sagte er. „Er scheint uns wirklich gehen zu lassen.“
„Unser Glück, dass Yerim so ein Einfaltspinsel ist“, schmunzelte Milena.
Arjuk runzelte die Stirn. Etwas in ihm sagte ihm, dass mehr dahinter steckte als bloße Dummheit, aber er konnte den Gedanken nicht recht fassen.
„Ist dir noch etwas zu dem Ring eingefallen?“, wechselte er stattdessen das Thema. Milena schüttelte wie erwartet den Kopf. Sie hatten die Zeichnungen in der Nacht noch genau verglichen, und nachdem er eine halbe Stunde im Kerzenlicht darüber gebrütet hatte, glaubte Arjuk, die Inschrift auf dem Ring entziffert zu haben. Das Ergebnis war ebenso nichtssagend wie enttäuschend: Sohn der Schlange Riyuk.
Das Amulett wiederum war so undeutlich gezeichnet, dass er nicht die geringste Ahnung hatte, ob überhaupt eine Inschrift eingraviert war. Er wusste, dass er keine Ruhe finden würde, bis er das Original überprüft hatte.
„Wir sollten noch heute auf den Markt.“ Arjuk runzelte die Stirn. „Ich muss Vanderkeyn finden und dieses Medaillon sehen. Vielleicht ergibt die Inschrift dann einen Sinn.“
„Vanderkeyn?“ Urplötzlich wurde Milena ernst. „Ich weiß nicht,“ meinte sie skeptisch. „Ich halte das für keine gute Idee.“
Überrascht blickte Arjuk auf, doch das Mädchen wich seinem forschenden Blick aus.
„Ich meine... Es sind schon zu viele Leute auf dich aufmerksam geworden, da sollte nicht auch noch Vanderkeyn reingezogen werden.“
„Er ist nur ein Händler,“ wandte Arjuk ein.
„Ein Händler, der in Kontakt mit diesem -- unheimlichen Gedankenleser steht,“ ergänzte Milena düster.
„Er ist unsere einzige Spur,“ entgegnete Arjuk entnervt.
Milena warf ihm einen prüfenden Seitenblick zu. „Du willst Jo suchen, nicht wahr?“
Arjuk war so überrumpelt, dass er nicht einmal protestieren konnte.
„Und was, denkst du, wird deine alte Flamme machen, wenn sie dich erkennt?“, fuhr Milena erbarmungslos fort. „Eine solche Chance, sich mit einem Schlag all ihre Wünsche vom Herzog persönlich erfüllen zu lassen, bekommt sie doch kein zweites Mal in ihrem Leben. Ein Leben, das, nach allem was ich gehört habe, bisher nicht besonders vielversprechend verlief.“
„Sie würde mich nie verraten!“, rief Arjuk entrüstet. „Macht oder Reichtum interessiert sie nicht. Und was sonst könnte Vulun ihr schon bieten.“
„Anscheinend interessiert sie sich zumindest so sehr für Reichtum, dass sie die Kette verkauft hat,“ antwortete Milena leise.
Stumm betrachtete Arjuk ihr Profil, die gerade Nase, die langen gebogenen Wimpern. Dieses schöne Gesicht. Für einen kurzen Augenblick hasste er sie dafür, dass sie aus irgendeinem Grund die Macht besaß, ihn so treffsicher zu durchschauen, zu überzeugen, oder zu verletzen. Dafür, dass sie selbst noch die Gedanken in ihm ans Licht brachte, die er nicht einmal sich selbst eingestand.
„Ah, du bist auf die Beine gekommen,“ erklang da die raue Stimme von Yerims Mutter hinter ihnen. Kurz stieg in Arjuk Panik auf. Wie viel hatte die Frau von ihrem Gespräch gehört? Doch die über einen Stock gebeugte Frau schien vollkommen gelassen.
„Das ist also deine Freundin.“ Mit unverfrorener Neugier musterte sie Milena von Kopf bis Fuß. „Ist ihr Herz denn so gut wie sie schön ist?“
„Was sagt sie?“, wollte Milena wissen, der der Blick der Alten unangenehm zu sein schien.
„Sie... macht dir Komplimente,“ sagte Arjuk vage. „Weißt du, wer sie ist? Yerims Mutter!“
Belustigt musterte Milena die Alte, doch diese redete bereits weiter. „Ihr reist also heute ab. Wohin werdet ihr gehen?“
Arjuk zuckte die Schultern. „Nach Caralmur, vielleicht,“ meinte er vage. <<Großmutter>>, wie alle hier die alte Frau zu nennen schienen, blickte ihn gütig aus ihren faltenumfurchten Augen an, doch ihre Bemerkung zu Seyjuk zuvor hatte ihn misstrauisch gemacht. Irgendetwas wusste sie.
Nun sagte sie mit einem geduldigen Lächeln: „Ich spreche kein Meir. Aber Yerim sagt, du sprichst genügend Khami.“
„Wie bitte?“ Arjuk schüttelte den Kopf. Was erzählte Yerim für Unsinn?
Großmutter runzelte ihrerseits die Stirn. „Nicht? Nun, zumindest wenn du betrunken bist, scheint es schon halbwegs zu klappen.“
Das war Arjuk neu. Aber andererseits war es ihm auch neu, zwischen leeren Krügen auf dem Boden einzuschlafen. Verfluchter Schnaps! Was war gestern Nacht alles geschehen, an das er sich nicht erinnern konnte?
Eine Hand, so rau und wettergegerbt, dass sie sich beinahe ledrig anfühlte, legte sich auf seinen Arm. „Yerim sagt, du hattest Seyjuks Dokumente bei dir. Ich nehme an, du bist sein Zwilling, was?“ Die Alte drückte ihm verstohlen Papiere in die Hand. „Hier, einer der beiden Briefe ist für dich, ich kann nicht lesen, welcher. Von Seyjuk. Er hielt es für nötig, seine Nachricht zu verschlüsseln, aber ich bin mir sicher, dass du der Richtige bist.“ Großmutter lächelte und zeigte ihre Zahnstummel. „Kommt auf die Straße vor das Tor, sobald Yerim weg ist, dann bringe ich euch zu einem vertrauenswürdigen Mann, der euch helfen wird. Kein Wort von alldem zu Yerim!“ Ein bitterer Zug hatte sich um Großmutters Mundwinkel gelegt. „Der Kerl verliert mit jedem Tag mehr den Verstand.“
Mit diesen Worten wandte sie sich zum Gehen. Verblüfft blickte Arjuk ihr nach, wie sie die Stufen hinauf schlurfte. Was in aller Welt ging hier vor?
„Ich nehme an, wir müssen reden,“ stellte Milena fest.

Arjuk ließ sich auf dem Fensterbrett nieder. Die beiden Diener, mit denen er sich die letzten Tage die Kammer geteilt hatte, ließen sich tagsüber nie hier blicken, und vom Fenster aus konnte er gut beobachten, wann Yerim das Anwesen verließ.
Lieber Bruder.“ Milena hatte einen der beiden Zettel aufgefaltet und betrachtete ihn nun mit Stirnrunzeln. „Sollte der Brief nicht an dich adressiert sein?“
„Was steht denn da?“, wollte Arjuk wissen.
„Dieser Seyjuk hat eine ziemliche Sauklaue,“ bemerkte Milena naserümpfend. Dann las sie vor:

Lieber Bruder,

die Kham werden dir helfen, auf dem schnellsten Weg zu Vater nach Aven’har zu gelangen. Dort wirst du sicher sein. Es tut mir leid, dass ich Vater in die Sache hineinziehe. Ich hatte alles ganz anders geplant. Hab keine Angst. Großmutter ist auf deiner Seite.

Samir


„Die Kham werden dir helfen, auf dem schnellsten Weg zu Vater zu gelangen,“ wiederholte Arjuk gedehnt. „Der Brief könnte tatsächlich für mich sein. Dieser Seyjuk hat einen sehr seltsamen Sinn für Humor. - Moment mal!“ Arjuk blickte auf. „Er unterschreibt mit Samir. Dann war diese Geschichte mit diesem Fälscher namens Samir...“
„...die Geschichte, die Katrina mir erzählte, das habe ich doch gesagt,“ sagte Milena. „Au weia.“
Mit Stirnrunzeln betrachtete sie den zweiten Zettel. „Das ist ein Kandidat für dich, Prinz von Aven’har. Kannst du so was lesen?“
Der Brief war in Kham verfasst und so schnell auf einen zerknitterten und eingerissenen Zettel geschrieben worden, dass die Schrift an manchen Stellen verwischt war.

Geliebte Großmutter,

sei umarmt von deinem Enkel. Ich fürchte, dies ist mein letzter Brief. Ihr alle sollt wissen, wie sehr ich mich nach euch gesehnt habe, auch nach meinem Vater. Sag es ihm, tröste ihn, er wird dich brauchen!
Großmutter, du weißt, dass ich an allen meinen Geschwistern hänge, besonders aber an meinem Zwillingsbruder. Ich habe ihn zu Vater geschickt, aber ich fürchte, er ist dort nicht gut aufgehoben. Sorge für ihn, Großmutter! Dies ist mein letzter Wunsch. Vielen Dank für alles.
Ich küsse dich,

Samir


„Aha, deshalb meinte Großmutter, ich sei Seyjuks Zwilling.“ Verwirrt ließ Arjuk den Brief sinken. „Ich fürchte nur, jetzt bin ich auch nicht klüger als vorher.“
„Aber ich.“ Milena lächelte triumphierend. „Seyjuk wollte dich aus Noato rausbringen und hat dir seine Dokumente zukommen lassen.“
Zukommen lassen?!“ Entgeistert starrte Arjuk sie an. „Was fällt diesem Hundesohn von Seyjuk eigentlich ein! Mich direkt nach Kayro’har zu führen! Will er mich umbringen?!“
<<Hundesohn>>?“ Milena runzelte die Stirn. „Seit wir bei Yerim sind, fluchst du mit jedem Tag mehr. Wenn du so weiter machst, wird dir irgendwann niemand mehr glauben, dass du ein hochwohlgeborener Nystrad bist.“
„Das wäre mir im Augenblick gar nicht so unrecht,“ entgegnete Arjuk entnervt.
Milena aber wedelte mit dem Pergament. „Yerim ist doch erst seit wenigen Tagen in Kayro’har, stimmt’s? Was wenn Seyjuk gar nicht gewusst hat, dass sein Vater einen Posten hier angenommen hat? Er wollte dich nach Aven’har bringen! Ohnehin schreibt er, er hätte <<alles anders geplant>>, die ganze Sache scheint eher eine ... Notlösung zu sein.“
Arjuk schüttelte den Kopf. „Entweder ist das die mieseste Notlösung aller Zeiten oder Seyjuk hatte irgendetwas übersehen. - Hey!“ Aus den Augenwinkeln hatte Arjuk im Park eine Bewegung wahrgenommen und reckte nun den Hals. „Yerim geht!“
Milena überlegte einen Moment. „Du solltest dich wirklich in Sicherheit bringen,“ sagte sie schließlich. „Es wird das Beste sein, du gehst nach Caralmur.“
„Und die Inschrift?“, protestierte Arjuk.
Ihm schwante nichts gutes, als er bemerkte, wie sich Milenas Mine plötzlich in Entschlossenheit verfestigte. „Darum kümmere ich mich,“ sagte sie bestimmt, und fügte mit einem Schmunzeln hinzu: „Schließlich hast du jetzt neue Beschützer gefunden, die dich sicher nach Caralmur bringen, da brauchst du mich nicht mehr, oder?“
Neue Beschützer. Du brauchst mich nicht mehr. Arjuk blickte zu Boden. Etwas störte ihn...
„Gerade noch warst du dagegen, Vanderkeyn aufzusuchen,“ hörte er sich einwenden, „und jetzt willst du die Spur des Medaillons verfolgen?“
„Ich brauche Vanderkeyn nicht,“ antwortete Milena sicher. „In einer Stadt wie Kayro’har gibt hier bestimmt einige Gelehrte mit einer halben Bibliothek, da wird sich der ein oder andere Riyuk schon irgendwo finden.“
Bibliotheken. Arjuks Brauen hoben sich merklich. Sein Blick schweifte über die Pergamentschnipsel und dann zu Milena, Milena der Tochter des Schmieds.
„Moment mal,“ murmelte er. „Woher kannst du eigentlich---“
Jäh verstummte er, sein Herz machte einen schmerzhaften Satz. Milena hatte sein Kinn beinahe grob zwischen die Finger genommen und zwang ihn, den Blick aus ihren leicht schräggestellten Augen zu erwidern. Und Arjuk...
...fiel. Fiel in ein blaues Meer. Irisierendes Blau. Atemberaubendes, alles verschlingendes Blau.
Was war das? Arjuk zuckte zusammen. Eine weiche Hand hatte sich auf seine Wange gelegt und...
...verschmolz mit dem tiefblauen Ozean, dessen Wellen gegen die Innenseite seines Schädels rauschten. Beruhigendes, rhythmisches, alles verschlingendes Rauschen.
Dann die Stimme, von weit her: „Du musst mir jetzt vertrauen.“
Vertrauen - vertrauen - vertrauen..., rief das Echo.
„Du vertraust mir doch, Arjuk?“
Arjuk - Arjuk - Arjuk...
Er vertraute ihr. Er hatte vergessen, wer sie war, und er würde ihr ohne zu Zögern sein Leben anvertrauen. Denn sie hatte diese intensivblauen Augen und diese weiche, unendlich weiche Hand, weich wie...

...die Hände seiner Mutter.
Arjuk zuckte zurück. Schmerzhaft blitzte die Erinnerung auf, verbrannte den Augenblick und fiel wieder in sich zusammen. Zurück blieb nur ein Pochen, der Schlag seines eigenen Herzens --
Arjuk blinzelte, blickte sich verwirrt um. Er saß auf der Fensterbank in einer kleinen Kammer, dicht neben ihm stand Milena und blickte ihn fragend an. Einen Moment später fiel ihm ein, dass sie sich in Yerims Villa befanden und Yerim soeben in Richtung von Vuluns Palast verschwunden war.
„Du vertraust mir doch, Arjuk?“
Da erwachte er aus seiner Erstarrung. „Natürlich vertraue ich dir, warum stellst du so komische Fragen. Aber hör um Himmels Willen auf, mich bei meinem Namen zu nennen!“
Milena strahlte. „Heißt das, dass du einverstanden bist?“
„Einverstanden mit was?“ Arjuk runzelte die Stirn. Irgendwo hatte er den Faden verloren... Dann fiel es ihm wieder ein: Einverstanden damit, ins sichere Caralmur zu reisen, während Milena versuchte, mehr über das Medaillon heraus zu finden.
„Natürlich bin ich einverstanden,“ sagte er etwas verwundert. „Was hast du denn gedacht?“ Still schüttelte er den Kopf. Milena stellte heute wirklich seltsame Fragen!
„Wusste ich doch, dass du ein vernünftiger Junge bist,“ schmunzelte Milena neben ihm, doch Arjuk hörte kaum mehr hin. Ein dumpfer Schmerz pochte in seinen Schläfen, er fühlte sich plötzlich sehr erschöpft.
„Ich... ich glaub, ich sollte mich noch mal auf’s Ohr legen,“ murmelte er schwach.
„Mach das besser, sobald du auf dem Wagen Richtung Caralmur sitzt,“ schlug Milena vor. „Jetzt wartet erst mal dein neues Kindermädchen auf dich.“
Seufzend stand Arjuk auf, um die wenigen Sachen zu holen, die Misa ihnen aus Mitleid gegeben hatte. Seine Glieder waren schwer wie Blei. War das der Kater? Verfluchter Schnaps!
Nie wieder Alkohol, schwor er sich im Stillen. Nie wieder!

---

„Botschafter.“ Gutgelaunt schritt der Herzog Yerim durch die Empfangshalle entgegen. „Wie schön, Euch so bald wieder in meinem bescheidenen Anwesen begrüßen zu dürfen.“
„Nunja, ihr habt mich gerufen,“ erwiderte Yerim etwas säuerlich. Vulun überhörte den Ausrutscher geflissentlich. Der Kham schien nicht in bester Stimmung zu sein.
„Ich habe soeben die Nachricht erhalten, dass mein Neffe, wie ich vermutet hatte, am Leben ist,“ teilte Vulun mit. „Nun kann ich nur darauf hoffen, ihn auch baldmöglichst zu finden. Haben Eure Nachforschungen möglicherweise bereits etwas ergeben?“
Diese nicht,“ sagte Yerim trocken. „Andere schon. Nachforschungen bezüglich dem Amulett.“
Des Amuletts. Vulun verkniff sich eine Bemerkung spielte stattdessen Erstaunen vor. „So schnell? Wie ich sehe, habe ich den richtigen Mann gefunden.“
„Das habt Ihr in der Tat,“ erwiderte Yerim. „Allerdings habe auch ich eine dringende Bitte.“
So war das also. Vulun verzog keine Miene, doch innerlich verfluchte er den Ostländer. „Ich höre,“ sagte er etwas kühler als beabsichtigt.
„Nun, ich fürchte, dass Seyjuk entwischen wird, wenn nicht schnell etwas geschieht,“ sagte Yerim schlicht. „Ich habe meine Männer nach Noato geschickt, aber für Euch wäre es wesentlich leichter, die Stadt schnell und gründlich zu durchsuchen.“
Der Ostländer legte Vulun ein zerfressenes Stück Pergament hin. Langsam nahm Vulun das Papier auf. Die verwischten Züge eines jungen Mannes blickten ihn an.
„Das ist also Seyjuk,“ sagte Vulun leise. Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Welch interessantes Spiel des Schicksals, dachte er sich.
„Erstaunlich. Wirklich erstaunlich.“ Als er aufblickte, lag ein siegessicheres Glitzern in seinen Augen. „Euer Sohn ist nicht mehr in Noato, Botschafter.“
Als Vulun Yerims versteinerte Mine sah, schmunzelte er.
„Sicherlich wollt Ihr alles über sein Schicksal erfahren, nicht wahr? Ich weiß, dass diese Informationen sehr wertvoll für Euch sind. Ich hoffe nur, Ihr habt mir einen guten Tausch zu bieten.“ Vulun ließ sich auf seinem Thron nieder und schlug lässig die Beine übereinander. „Ansonsten könnte ich abgeneigt sein, Euch zu erzählen, wo sich Euer Sprössling in den letzten Jahren herumgetrieben hat...“
Einen Moment lang schien der Ostländer zu zögern, doch als er schließlich die Stimme hob war sein Ton fest: „Das Amulett.“
Vulun blickte auf und der Kham erwiderte seinen Blick. „Ihr sagt mir, wo ich Seyjuk finde - ich sage Euch, wo Ihr das Amulett findet.“
Vulun war beeindruckt von so viel Scharfsinn und so viel Dummheit zugleich. Scharfsinn, weil der Kham offenbar innerhalb weniger Tage ein Medaillon aufgespürt hatte, das er, Vulun, bereits drei Jahre lang vergeblich gesucht hatte. Und Dummheit, weil Yerim ihm diese unschätzbar wertvolle Information so bereitwillig gab.
Vulun schmunzelte. Niemand wusste besser als er, dass sich Familienbande so leicht nicht zertrennen ließ. Der General mochte behaupten, was er wollte - sein Sohn lag ihm ganz offenbar noch immer am Herzen.
„Und Ihr seid sicher, dass es das richtige Medaillon ist?“, hakte er noch einmal nach.
„Todsicher.“
Vulun erhob sich. „Folgt mir,“ sagte er schlicht.

„Seyjuk ist ein bemerkenswerter Mann.“
Die Schritte der beiden Männer hallten auf dem spiegelglatten Marmor, während sie den Gang entlang schritten. Zu ihrer Linken reihten sich opulente Gemälde in schweren Goldrahmen aneinander, zu ihrer Rechten färbte sich die Mittagssonne in den bunten Mustern der hohen Glasfenster.
„Er nannte sich Samir, ein Mann aus dem Süden Kayro’kans, gute Bildung, ostländischer Name. Ich muss zugeben, dass ich niemals an seiner Identität gezweifelt habe - auch wenn ich ihm als Person durchaus misstraute, weil er gute Kontakte in Gandal’har hatte.“
„Oh ja, das hat er,“ hörte Vulun den Ostländer hinter sich murmeln.
„Genau diese Kontakte stellten sich jedoch als sehr wertvoll für mich heraus,“ fuhr Vulun fort. „So kam es, dass ich Samir an meinem Hof behielt. Ich schätzte die Meinung dieses überaus scharfsinnigen Mannes. Im Gegensatz zu meinen Beratern fürchtete er sich nie, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen.“
Vulun winkte den General aus einer schmalen Tür in den schattigen Wandelgang hinaus. Zufrieden bemerkte er, wie Yerims Augen sich weiteten, als sein Blick zwischen fein verzierten Öffnungen des Wandelganges hindurch auf den runden Innenhof fiel. In der Mittagssonne kam das ostländische Mosaik, das sich in allen Blau- und Türkistönen über den Hof erstreckte, wundervoll zur Geltung. In seiner Mitte plätscherte sanft ein Springbrunnen.
„Herrlich, nicht wahr?“ sagte Vulun stolz. „Natürlich ist das hier nicht mehr das Original, aber meine Vorfahren haben den Innenhof immer wieder so aufgebaut, wie er seit der Begründung der Familie Dravar’kesh bestand.“
„Das freut mich sehr,“ sagte der Ostländer kalt, „aber ich würde gerne mehr über Seyjuk hören.“
„Natürlich.“ Vulun führte seinen Gast durch den Gang und bog schließlich auf der Nordseite in eine unscheinbare Tür ein. Die Gänge empfingen sie dunkel und kühl, dicke Teppiche dämpften nun ihre Schritte. Sie befanden sich in den Gemächern.
„Nun, so sehr ich Seyjuks unabhängigen Geist schätzte, so sehr beunruhigte er mich zugleich,“ nahm Vulun das Thema wieder auf. „Er vergaß nie, mir in aller Form Respekt zu zollen, doch ich wusste, dass ihn keinerlei Loyalität an mich band. Seyjuk war sein eigener Herr.“
Sie durchschritten eine kleine Halle und waren am Nordturm angelangt. Die beiden bewaffneten Hünen, die den Eingang bewachten, verneigten sich schnell, als sie den Herzog persönlich sahen - bereits zum zweiten Mal an diesem Tage. Einer von ihnen nahm eine Fackel von der Wand und öffnete die Tür zu den Kerkern.
Yerims Brauen hoben sich, doch er ging gehorsam hinter Vulun die schmalen Stufen der Wendeltreppe hinab. Jeder ihrer Schritte hallte in dem steinernen Turm nach.
„Ihr haltet Seyjuk also gefangen?“, fragte Yerim.
„Nun, nicht direkt,“ wich Vulun aus. „Um ehrlich zu sein - als Seyjuk vor kurzem plötzlich verschwand, setzte ich ihm sogar Attentäter auf die Fersen, doch vergeblich. Kein Wunder, Seyjuk war im Weglaufen ja offenbar geübt.“ Er warf Yerim einen Blick über die Schulter zu, doch im Halbdunkel konnte er den Ausdruck des Mannes, der seinen eigenen Sohn jahrelang verfolgt hatte und nun so kurz vor dem Wiedersehen stand, nicht erkennen.
„Seyjuk war gegen den Krieg,“ sagte Vulun. „Er hatte versucht, mich davon abzubringen. Dann verschwand er. Meine Männer fanden ihn in Noato. Er ist tatsächlich weggegangen, um Noato zu warnen.“
„Dieser Narr,“ stöhnte Yerim.
„Allerdings.“ Sie waren nun am Fuß der Treppe angelangt und schritten einen langen in den Stein gehauenen Gang entlang. Nur zu gut erinnerte sich Vulun daran, wie die Angst ihm die Kehle zugeschnürt hatte, als er das letzte Mal hier entlang gelaufen war, und plötzlich empfand er Mitleid mit Yerim.
„Leider kann ich Euch nicht sagen, was in Noato vorgefallen ist“, sagte er. „Aber falls ich Kalil jemals in die Finger bekommen sollte, verspreche ich Euch, dass Ihr Gelegenheit haben werdet, Euch mit ihm zu unterhalten.“
Vulun blieb vor einer unscheinbaren Tür stehen. Er nahm die Tücher von einem Nagel in der Wand, die sie zuvor dort hingehängt hatten und reichte Yerim eines davon. „Ihr solltet das über Mund und Nase binden.“
Schon setzte er selbst dazu an, doch dann fiel sein Blick im Schein der flackernden Fackel auf Yerims entsetztes Gesicht.
„Ich... warte wohl besser oben auf Euch.“ Auf seinen Wink hin nahm die Wache einen Kienspan von einem Haufen am Rande des Ganges, entzündete ihn und reichte ihn dem Ostländer.
„Lasst Euch Zeit.“ Mit diesen Worten wandte Vulun sich ab. Während er alleine den Gang zurück schritt, hörte er, wie die schwere Holztür über den Boden scharrte. Vulun wusste, welcher Anblick sich dem alten General nun bot. Ein kleines, in Stein gehauenes Verließ. Der Ostländer würde den unangenehmen Geruch bemerken, der trotz der Kälte, die in den Verließen herrschte, und trotz den eigens angeschafften Eisbrocken, immer stärker durch das Tuch vor seiner Nase drang. Sein erster Blick würde auf die Holzplatte fallen, die in der Mitte des Raumes an einen länglichen Gegenstand angelehnt war. In das Holz eingeschnitzt Wellenlinien und das Sternbild des Bogenschützen - das Wappenzeichen der Nystrads. Darunter die verschlungenen Buchstaben: Arjuk y Nystrad. Er würde seine Schritte an den geöffneten Sarg lenken und einen jungen Mann mit dunklem Haarschopf erblicken, gekleidet in die feinen Gewänder eines Prinzen, doch mit dem Gesicht seines Sohnes.

Das Gemälde, das in dem Saal aufgestellt worden war, hatte in einer unteren Ecke eine Schramme abbekommen, hatte die Strapazen ansonsten aber gut überstanden. Mit brennendem Blick betrachtete der Herzog das in Öl gemalte Gesicht. Er hatte den Jungen schon seit Jahren nicht mehr gesehen. War er tatsächlich seinem Vater ähnlicher geworden, oder täuschte Vulun sich, und der Junge sah einfach nur erwachsener aus?
Schritte hallten in dem Gang, näherten sich dem Saal. Langsame, schwere Schritte. Vulun brannte darauf, mehr über das Amulett zu erfahren, wie Yerim es ihm versprochen hatte, doch der Kham würde nicht mehr allzu gesprächig sein. Vulun dachte an seine eigene Nervosität, als er den Sarg geöffnet hatte, an die entsetzliche Vorstellung, es könnte tatsächlich sein Neffe darin liegen, und an die Erleichterung, ja, die Freude, als er stattdessen Samirs zerschmetterten Körper erblickt hatte.
Die Schritte verstummten. Vulun schauderte, als er aufblickte und das Gesicht des Ostländers sah. Es war aschfahl und wie in Stein gehauen. Seine Augen blickten leer und ausdruckslos - als sein Blick an dem Gemälde hängen blieb und sich plötzlich seine Brauen in Überraschung hoben.
„Ist das Euer Neffe?“ Yerims Stimme war erdschwer.
„Ja,“ antwortete Vulun. „Das einzige Bild, das aus dem Palast gerettet werden konnte. Habt Ihr das Porträt meiner Schwester in der Empfangshalle gesehen? Ist die Ähnlichkeit nicht verblüffend?“
„Ja, tatsächlich, die Ähnlichkeit,“ sagte der General langsam. Er blickte Vulun an, als befände sich sein Geist in einem tiefen Schlaf, als ob nur sein Körper mechanisch einen wachen funktionierenden Menschen mimte. „Lasst die Stadt abriegeln. Euer Neffe befindet sich in Kayro’har.“


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VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Mira - 06-03-2008, 20:33
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