Es ist: 08-12-2022, 08:17
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VR: Blaues Blut (453 d.D)
Beitrag #52 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Es dämmerte schon, als Kara bei dem mächtigen Gebäude ankam, zu dem Silberschwinge sie geführt hatte. Mit dem mulmigen Gefühl beobachtet zu werden, sah sie sich vor dem riesigen Eingangstor um, jederzeit gewappnet einem bewaffneten Wachposten entgegen zu blicken - doch der gepflasterte Platz vor dem ehrwürdigen Fundament war menschenleer.
“Wie stellt sie sich das vor?!”, schimpfte Kara vor sich hin, “Soll ich einfach zur Tür hineinspazieren und nach einem gewissen Andamir fragen, den ich nicht einmal erkennen würde wenn er vor mir stünde? Dabei weiß ich nicht einmal was das für ein Haus ist.” Fragend blickte sie Silberschwinge an, doch der Rabe flatterte einmal mehr drängend mit den Flügeln und wirkte dabei sichtlich erschöpft.
Beeile dich, mein Meister kann die Verbindung nicht mehr lange aufrecht erhalten. Der Gesuchte befindet sich genau dort drinnen, finde ihn und danach werdet ihr beide in Sicherheit gebracht.
Widerstrebend folgte Kara der Aufforderung und bewegte sich auf das Tor zu. Bestimmt war zu dieser Uhrzeit alles versperrt, dann hatte sie keine Chance durch den Haupteingang zu gelangen. Missmutig griff sie nach der verzierten Klinke, voller Erwartung den Widerstand des Schlosses zu spüren. Doch überraschender Weise schwang das Tor nahezu lautlos nach Innen - und genau in dem Moment löste sich Silberschwinge abrupt und mit einem leisen Krächzen von ihrer Schulter.
Die Verbindung ist gebrochen! Ich muss zu meinem Meister. Von hier an bist du auf dich alleine gestellt...
Hastig drehte sich Kara auf der Stelle, um Silberschwinge zurückzuhalten, doch der Rabe war schon fast über den Dächern der Stadt außer Sichtweite, als seine Stimme noch laut und klar in ihrem Kopf nachhallte.
“Verdammt! Auch das noch. Das wird ja immer besser”, zischte Kara, zog vorsichtig das Tor hinter sich zu, und strich sich genervt das dunkle Haar aus dem Gesicht. Abgestandene Luft umfing sie, und im Halbdunkel der niedergebrannten Kerzen in den Laternen an den Wänden glänzten langsam dahinschwebende Staubpartikel. Der breite Gang führte an Marmorsäulen entlang und schien an einer Treppe zu enden, sowie etwa in der Mitte die Zugänge zu zwei größeren Räumen an der linken und rechten Seite zu beherbergen. Darauf bedacht zuerst einmal wenig Aufmerksamkeit zu erregen, schlich Kara bis zur Mitte des Ganges und wandte sich dann kurzerhand nach links. Als sie ein paar Schritte in den Raum tat, blieb sie überrascht stehen und sah sich beeindruckt um.
Die Wände waren ringsum mit Regalen besetzt, die bis zur schlecht ausgeleuchteten Decke reichten, und in ihnen befanden sich tausende von verstaubten, vergilbten und abgegriffenen Büchern. Kara bewegte sich vorsichtig zwischen einigen Lesetischen und Stühlen hindurch um die Regalwände näher zu betrachten, als plötzlich ein Geräusch die gedämpfte Stille durchbrach: das spitze Klirren von berstendem Glas.
Angespannt wartete sie einige Herzschläge lang ab. Sie war also doch nicht die einzige, die sich in der wahrscheinlich schon geschlossenen Bibliothek herumtrieb. Doch konnte sie sich sicher sein, dass es dieser Andamir war? Erneut legte sich die staubgetränkte Stille über den Lesesaal. Vorsichtig bewegte Kara sich wieder auf den Gang hinaus und lauschte. Eine Weile lang blieb es still, dann erklang ein dumpfes Rumpeln - und es kam eindeutig vom oberen Ende der Treppe.
“Auf was hab ich mich da bloß eingelassen...Katz und Maus Spiel in einer verwaisten Bibliothek mit einem Unbekannten”, dachte Kara leicht verstört, während sie sich zögernd der Treppe näherte. Wieder lauschte sie, doch es war nichts mehr zu hören.
Seufzend erklomm Kara die Treppe. Mit jeder Stufe schwand etwas mehr Licht aus dem Gang, wuchs ihr mulmiges Gefühl. Aber sie konnte jetzt keinen Rückzieher mehr machen. Sie musste Geriyons und Milenas Auftrag so schnell wie möglich hinter sich bringen, damit der Wahnsinn ein Ende hatte und sie endlich...
Kurz verliefen sich ihre Gedanken im Sand. Was wollte sie eigentlich von den Beiden? Natürlich! Sie wollte ihre unheimlichen Kräfte unter Kontrolle bringen und ihr Gedächtnis wiedererlangen. Oder vorerst nur Schutz vor der Stadtwache. Wie hatte sie sich überhaupt auf den Wahnwitz einlassen können, nur mit der Tarnung eines schlechten Vorwandes unter den Augen der Wachen durch das Stadttor zu spazieren? Einen Moment lang überlegte Kara irritiert, versuchte, die Ereignisse in eine logische Reihenfolge zu bringen, doch in ihrer Angespanntheit war sie zu keinem klaren Gedanken fähig und so verschob sie die Frage auf später.
Der Korridor im Obergeschoss lag in vollkommener Dunkelheit vor Kara. Er schien schmäler zu sein als der prächtige Gang im Erdgeschoss, aber Genaueres konnte Kara beim besten Willen nicht erkennen, denn die Lampen an den Wänden waren nicht angezündet. Nur ein schmaler Lichtstreifen fiel auf den Gang, anscheinend war die Tür zu einem der Zimmer rechterhand offen…
Unsicher machte Kara einige Schritte darauf zu. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Das ganze wurde allmählich wirklich unheimlich. War jemand gerade in dieses Zimmer hinein gegangen? Oder heraus gegangen? War es Andamir? Was trieb dieser Mensch überhaupt in der Dunkelheit einer Bibliothek? Kara öffnete den Mund, um zu rufen, aber sie wusste nicht, nach wem. Und wenn es nicht Milenas Freund war, was, wenn sich noch jemand herumtrieb, der Böses im Schilde führte? Kara beschloss, sich vorerst nicht zu erkennen zu geben.
Schüchtern lugte sie in das offene Zimmer. Eine kalte Brise schlug ihr entgegen. Pergamente lagen über den Boden zerstreut und führten bei jedem Windstoß einen unheimlichen Reigen auf. Seltsamerweise war eines der Fenster weit geöffnet und eingeschlagen. Der Wind fuhr in den Raum, bauschte die Vorhänge zu dunklen Schleiern vor dem Mond auf und entlockte der zerklüfteten Landschaft der Pergamente und Bücher auf den voll beladenen Pulten ein Rascheln und Wispern. Wer immer hier gewesen war und die Fensterscheibe zerbrochen hatte, er war nicht mehr zu sehen. Kara wollte sich gerade von dem spukhaften Zimmer abwenden und in das erleuchtete untere Stockwerk zurückkehren, als sie stockte. Auf dem Boden vor dem Fenster glitzerten Glasscherben.
Kara wich zurück. Das Fenster war von Außen eingeschlagen worden. Jemand hatte die Scheibe von außen zerbrochen, dann durch das Loch gegriffen und die Verriegelung von Innen gelöst. Wer verschaffte sich Zugang zu einem Gebäude durch ein Fenster im ersten Stock? Ein Magier? Ein Verrückter? Was ging hier vor sich? Und diese dunklen Flecken vor der Schwelle… war das etwas Blut?
Kara machte auf dem Absatz kehrt, doch in diesem Moment traf sie die Tür mit voller Wucht. Ein stechender Schmerz zuckte durch ihren linken Arm. Kara schrie.

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Mira - 06-03-2008, 20:33
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