Es ist: 26-09-2022, 10:37
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VR: Blaues Blut (453 d.D)
Beitrag #54 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Arjuks Atem ging stoßweise, ihm war speiübel. Mit zusammengebissenen Zähnen kauerte er auf dem Boden und wartete darauf, dass der Schmerz in seiner rechten Hand abklang und sein Körper aufhörte, zu zittern. Ein Laut stieg aus seiner Kehle auf, von dem er selbst nicht sagen konnte, ob es Lachen oder Schluchzen war. An der Fassade hinab zu klettern war ein irrsinniger Gedanke gewesen, doch stattdessen war es ihm gelungen, sich zwei Fenster weiter zu hangeln. Im Geiste tausend Lobpreisungen an die Götter wiederholend, löste Arjuk vorsichtig das Hemd, mit dem er seinen rechten Arm schützend umwickelt hatte bevor er die Scheibe eingeschlagen und durch das Loch hindurch die Verriegelung des Fensters von innen gelöst hatte. Die Schnittwunden schmerzten unangenehm, waren aber nicht sehr tief und würden bald heilen. Mehr Sorgen bereitete ihm seine qualvoll pochende Hand. Vorsichtig bewegte Arjuk seine Finger und sog sogleich scharf die Luft ein. Seine Knöchel waren aufgeschürft, die Hand würde mit Sicherheit anschwellen.
Arjuk richtete sich auf und sah sich um. Der Raum, in den er gestiegen war, schien wieder ein Studierzimmer zu sein, dieses Mal aber ein benutztes. Bücherregale, nur als dunkle Schemen zu erkennen, bedeckten die Wände, und auf den vier Pulten stapelten sich Pergamentrollen. Durch das geöffnete Fenster fuhr der Wind in den Raum und lies Arjuk frösteln. Schnell schlüpfte er wieder in das Hemd, dessen feiner Stoff nun zerschlissen war. Wenn der Bibliothekar das Geräusch der zerbrechenden Fensterscheibe gehört hatte - und in der Stille der ausgestorbenen Bibliothek war das nicht unwahrscheinlich -, dann war er sicherlich bereits auf dem Weg, um nach dem Rechten zu sehen.
Der Bibliothekar… Arjuk unterdrückte den Reflex, seine verletzte Hand zur Faust zu ballen. Den Bibliothekar würde er sich vorknöpfen. Dieses Mal war er gewarnt - Greis oder nicht, der Alte hatte von ihm keine Gnade zu erwarten. Und dann würde Arjuk vielleicht endlich erfahren, warum er gesucht, verfolgt, gefangen genommen und nun sogar schon ermordet wurde...
Vielleicht war es gar nicht so dumm, wenn er den Bibliothekar nicht in einer nervenaufreibenden Suche durch die riesige Bibliothek aufspüren musste, sondern ihm stattdessen hier auflauern konnte. Arjuk trat gegen einen Stuhl, warf polternd ein Schreibpult zu Boden. Papiere flogen durch die Luft wie Federn. Dann öffnete er die Tür zum Studierzimmer auf den stockfinsteren Gang hinaus und verbarg sich hinter der Tür. Diesen Krach konnte niemand in der Bibliothek überhört haben, nun musste er nur noch darauf warten, dass der Alte die Treppe hinauf geschnauft kam.
Mechanisch griff Arjuk nach den Knöpfen seiner in Mitleidenschaft gezogenen Uniform, nur um mit einem stummen Fluch auf den Lippen seine rechte Hand gegen den Körper zu pressen. Statt einer Hand schien dort nur noch ein pochender, heißer, unförmiger Klumpen zu sein, der auf jeden Versuch, ihn zu gebrauchen, nur mit einem Schmerzsignal protestierte. Und in diesem Zustand sollte er einen Mann überwältigen, der ihn schon einmal überrumpelt hatte? So gut es ging, schloss Arjuk mit der linken Hand die Hemdsknöpfe, als von der Treppe her Schritte klangen. Mit klopfendem Herzen lauschte er auf die sich nähernden Schritte. Der Mann würde mit einem Hinterhalt rechnen. Arjuk würde ihn das Zimmer inspizieren lassen, feststellen lassen dass es leer war, der Gefangene scheinbar in die Tiefen der Bibliothek geflohen war…
Seltsam - die Schritte waren zwar zögernd, doch schienen sie nicht mühsam. War der alte Mann in Wirklichkeit gar nicht so alt, wie er sich gab - oder hatte er noch einen Gehilfen in der Bibliothek? Einen jüngeren, stärkeren Komplizen? Gab sich, wer immer dort gerade die Treppe hinauf kam, etwa keine Mühe, auf Zehenspitzen zu schleichen, oder stellte er sich nur besonders ungeschickt dabei an? Oder war es etwa Absicht, dass jedes Knarzen deutlich bis zu ihm drang? Eine Falle?
Arjuk biss die Zähne zusammen und versuchte, seinen Atem zu beruhigen. Quälend langsam kam der Mann näher, er schien zu zögern, dann trat er in den Türrahmen. Im Kopf zählte Arjuk die Sekunden.
Jetzt.
Mit aller Kraft stieß Arjuk die Tür gegen den Körper, dann stürzte er sich auf ihn. Ein Aufschrei gellte in seinen Ohren, seine Arme streiften langes Haar. Eine Frau? Für den Bruchteil einer Sekunde war Arjuk irritiert, doch dann packte er um so fester zu.
Es ist eine Falle. Welcher normale Mensch schleicht sich zu dieser Tageszeit durch dunkle Korridore? Sie suchen dich, fangen dich, bringen dich um. Du kannst hier niemandem vertrauen, Arjuk.
Er schlang den Arm um den Hals der Frau, um sie in den Schwitzkasten zu bringen, während seine rechte Hand unter dem Druck ein Feuerwerk von Schmerzsignalen durch seinen Körper jagte.
Vertrauen… vertrauen… vertrauen…
Verwirrt ließ er für einen Augenblick locker, als aus den Tiefen seines Bewusstseins irgendetwas danach drängte nach oben zu gelangen. Seine Gegnerin schien sein Zögern zu spüren, denn genau in diesem Moment versuchte sie, sich loszureißen. Arjuk strauchelte, verlor das Gleichgewicht und landete mitsamt der Fremden unsanft auf dem Boden.
Sofort begann die Frau, wie besessen um sich zu schlagen, doch Arjuk drückte sie mit seinem Körpergewicht zu Boden. Sein rechter Ellebogen bohrte sich in ihren Rücken, während er mit der Linken ihr Handgelenk umschloss.
“Was hast du hier zu suchen?”, zischte er in ihr Ohr.
Nach Luft ringend versuchte sich die Gestalt unter ihm sich zu befreien. Ihre Haare riechen nach…
“Ich suche nur einen Typen namens Andamir, sonst nichts”, keuchte sie angestrengt.
Arjuk lachte auf. Arjuk, Seyjuk, Andamir - die großen Gesuchten Athalems. Das war zu absurd! Bestimmt würde bald auch irgendjemand auf die Idee kommen, nach Tajan zu forschen.
“Kennst du ihn?", wollte die Frau verunsichert wissen.
Arjuk fasste sich wieder. Wenn sie von Andamir sprach, musste Yerim sie auf ihn angesetzt haben. Eine Kham also. Aber wie hatte sie ihn so präzise aufspüren können? Arjuk verschob die Frage auf später. Zuerst einmal musste er sie von diesem Korridor wegschaffen, wo jeden Moment der Bibliothekar mit seinem Stab und seinen Schlangen auftauchen konnte.
“Steh auf.” Arjuk packte ihre Arme, drehte sie auf den Rücken und wollte sie auf die Füße reißen, doch er war zu sehr damit beschäftigt, seinen rechten Arm einzusetzen, ohne die Hand zu gebrauchen. Ein Ellbogen traf hart seinen Brustkorb, leise erklang ein triumphierendes Knurren, und plötzlich befand sich seine Gegnerin nicht mehr hilflos unter ihm, sondern rappelte sich flugs vom Boden auf. Kaum war er selbst stolpernd auf die Beine gekommen, packte sie mit ganzer Kraft sein rechtes Handgelenk.
Arjuk schrie auf, als ein stechender Schmerz seine verletzte Hand durchzuckte. Dieses Miststück! War das Absicht gewesen oder ein Glücksgriff? Die Fremde drehte ihm den Arm auf den Rücken, umschloss nun auch seine Linke fest und stieß ihn gegen die Wand. Nun war er es, der keuchend in die Enge getrieben war, und sie, die sich zu ihm beugte.
"Hör zu. Ich weiß nicht wer du bist und was du hier mit deinem Überfall bezwecken wolltest. Ich für meinen Teil suche nur nach diesem verdammten Andamir, damit ich so schnell wie möglich von hier verschwinden kann. Ich habe keine Lust auf irgendwelche Scherereien mit denen ich nichts zu tun hab, klar?", sagte die Unbekannte, wartete einige Sekunden lang ab und der Griff an seinem Arm lockerte sich ein wenig.
Plötzlich war sich Arjuk sicher, sie schon einmal bei Yerim getroffen zu haben. Wahrscheinlich eines der Mädchen aus Kayro’har, die auf dem Fest getanzt hatten und nur schlechtes Kham sprachen. Das würde erklären, warum seine Erinnerung so vage war, ihm ihre Stimme aber dennoch eindeutig vertraut vorkam. Er musste sie los werden, bevor sie ihn auf dem dunklen Korridor ebenfalls erkannte.
"Andamir…”, stieß Arjuk hervor, “…ist geflohen. Er ist schon lange nicht mehr in Kayro’har."
“Was?” Die Frau schien irritiert. “Aber… das kann nicht sein.”
“Da hast du deinen Andamir, du kannst mich jetzt loslassen”, bemerkte Arjuk spöttisch.
Seine Gegnerin bestrafte seinen Hochmut unverzüglich und verstärkte ihren Griff. “Du lügst. Ich weiß, dass er hier ist. Irgendwo hier in der Bibliothek...“
Die Fremde schrie auf, als Arjuk ihr unvermittelt auf die Zehen trat. In ihrer Schocksekunde wirbelte er herum und rammte ihr die linke Faust in den Magen.
Die Frau schnappte nach Luft und taumelte zurück. Arjuk wartete nicht ab, bis sie sich erholt hatte, sondern setzte ihr nach. Eine Frau zu schlagen war nicht gerade die feine Art, aber er konnte kein Risiko eingehen. Nicht nach allem, was mit Milena geschehen war.
”Was mit Milena geschehen war"? Was... meinte er damit?
Arjuk keuchte auf, als ihn ein fester Tritt am Schienbein erwischte und ihn fast in die Knie sinken ließ.
"Verdammt noch mal, was soll dieser Unsinn?!", rief die Fremde mit gedämpfter Stimme. Sie war in Abwehrhaltung zurückgewichen und hielt sich den Bauch. “Ich habe nur eine Nachricht für Andamir, mehr nicht! Eine Nachricht von Milena! Ihr Zauber hat mir den Weg hierher gezeigt, ich weiß genau, dass er hier ist! Ich habe nichts mit all dem zu tun, ich bin nur ein Bote!”

Meeresrauschen.

Arjuk wartete darauf, dass der Schmerz in seinem Bein abklang und ihm erlaubte, die Worte der Fremden zu dechiffrieren. An irgendeiner Stelle musste er sich verhört haben, denn sie ergaben absolut keinen Sinn.

Meeresrauschen. Woher erklang hier, vor dem Osttor Noatos, das Meeresrauschen?

“Zauber”, wiederholte er langsam, und seine Lippen schienen das Wort nur unförmig und schwerfällig auszusprechen, als stamme es aus einer anderen, nie gehörten Sprache.

“Du vertraust mir doch, Arjuk?”
Vertrauen… vertrauen… vertrauen…


Arjuk taumelte zurück. Das Rauschen schwoll an, dröhnte in seinen Ohren. Seine Hand fuhr an seine Schläfe.

“Du magst mich doch, oder? Du magst mich doch?”
Milenas Augen waren eisblau.


Etwas krampfte sich in seinem Kopf zusammen, ein Gedankenknäuel… Fäden, zum Zerreißen gespannt… sirrend schnellte der Pfeil von der Sehne und dann…

“Du wirst mich mitnehmen. Wenn du fliehst, wirst du einen Weg finden, mich mitzunehmen. Hörst du? Du wirst einen Weg finden. Du würdest doch nicht ohne mich gehen, oder? Du würdest mich doch nicht verlassen?”
Verlassen… verlassen… verlassen…
Arjuk fror.

Das Knäuel fiel in die Tiefe. In einem Sekundenbruchteil rollte sich in aberwitziger Geschwindigkeit ein Faden von Gedanken und Erinnerungen davon ab. Er pendelte, zitterte leicht, dann lag alles klar und deutlich ausgebreitet: Milena war eine Magierin. Deshalb ihre klugen Bemerkungen, ihre scharfsinnige Beobachtung. Deshalb war Arjuk der eigentlich unsinnige Gedanke, sie auf seine Flucht mitzunehmen und damit in große Gefahr zu bringen, so logisch erschienen. Deshalb hatte Geriyon Raven seine Gedanken nicht lesen können. Deshalb hatte er einem Mädchen geholfen, ihren überfüllten Korb zu tragen, obwohl er dringend in den Palast zurück musste. Deshalb erinnerte er sich nicht daran, wo sie eigentlich wohnte. Deshalb hatte sie sich überhaupt mit ihm angefreundet.
Die Gedanken standen in einer so einfachen, eindeutigen Wahrheit vor Arjuk, als wären sie schon immer da gewesen. Trotzdem klang seine Stimme noch ungläubig, als er langsam, wie um sich selbst zu versichern, sagte: “Milena ist eine Magierin?”


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VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Mira - 06-03-2008, 20:33
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