Es ist: 08-12-2022, 07:33
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VR: Blaues Blut (453 d.D)
Beitrag #55 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Nervös fuhr sich Taniya über die Lippen. Während sie flink durch die nächtlichen Gassen huschte, fragte sie sich zum wiederholten Mal, wie sie so dumm hatte sein können. Dass die Gilde bald Kontakt aufnehmen würde, war ihr klar gewesen. Dass Meister Illiyas Katze ausgerechnet jetzt auftauchte, war Pech. Aber dass gleich eine Versammlung einberufen wurde ... irgendetwas musste im Gange sein.
Taniya hielt inne, als sie die schweren Schritte bewaffneter Männer hörte. Rasch drückte sie sich in eine Seitengasse, bis die Patrouille vorüber gezogen war. Auch wenn die Männer zu dieser Stunde nicht gerade übereifrig bei ihrem Dienst waren, ließ ihr Anblick Taniyas Beunruhigung ins Unermessliche steigen. Sie hätte Arjuk nie alleine zurück lassen dürfen! Aber was hätte sie tun sollen, als Silberschwinge mit der Nachricht von Geriyons Gefangennahme zu ihr kam? Jedenfalls nicht, ihn einfach im Stich lassen.
Taniya beschleunigte ihre Schritte, die dort Stille hinterließen, wo man Laute auf dem Kopfsteinpflaster erwarten mochte. Zum wiederholten Mal rechnete sie die Stunden nach, die sie nun schon von Arjuk getrennt war. Bislang hatte sie sich nie Sorgen um ihre Hypnose gemacht, wenn sie den Jungen tage- oder wochenlang nicht zu Gesicht bekam. Aber damals war es ja auch noch um ganz einfache Dinge gegangen. Nun standen die Dinge anders. Dass ein Junge ohne Freunde und Vertraute sein Herz an ein einfaches Mädchen hängen würde, war kein weltbewegender Gedanke. Dass aber die Tochter des Schmieds, ein einfaches Mädchen ohne Bildung, das sich immer hatte vorlesen lassen, auf einmal eine Bibliothek aufsuchte, stellte einen so eindeutigen Logikbruch dar, dass sie ihn nur mit einer starken Hypnose aus Arjuks Gedächtnis hatte löschen können.
Taniya seufzte und schloss einen Atemzug die Augen. Seit wann hatte sie derart wenig Vertrauen in ihre Verschleierungsfähigkeit? Die Hypnose war gründlich gewebt, sie würde vielleicht schwächer werden, aber nicht brechen. Wenn sich Arjuk aber wirklich in der Bibliothek aufhielt, wie Taniya vermutete, musste er dort mit extrem starken Reizen konfrontiert sein, die auf die Logiklücke hinwiesen ...
Und dann war da noch Kara. Wer immer das Mädchen war, sie stellte eine weitere unbekannte Variable in Taniyas gefährlichem Truk'baalspiel dar. Und je länger Taniya über sie nachdachte, desto unguter wurde ihr Gefühl.
Unwillig zog Taniya ihre Kapuze fester um den Kopf. Seit Silberschwinge mit der Nachricht von Geriyons Gefangennahme zu ihr gekommen war, hatte sie so viele dumme Fehler gemacht. Sie hatte sich beinahe verplappert und sich nur durch eine komplexe Hypnose retten können; hatte ihre Mission verlassen und nicht einmal mehr Arjuks neuen Unterschlupf lokalisiert, geschweige denn auf seine Sicherheit überprüft; sie hatte sich mit den Schwarzmagiern angelegt, die nun jeden weiteren Aufenthalt in Kayro’har zu einer höchst riskanten Angelegenheit machten; und jetzt schickte sie ein Mädchen zu Arjuk, von dem niemand wusste, wer sie eigentlich war. Genau genommen hatte ihr Unachtsamkeit bereits begonnen, als Geriyon plötzlich in Kayro’har aufgetaucht war und sie sich unnötigerweise aus Yerims Haus schlich, nur um einen guten Freund zu treffen … einen sehr guten allerdings. Privatleben von Aufgabe zu trennen, das wäre professionell gewesen. Die Mundwinkel der jungen Frau zuckten nach unten.
Und nun verzögerte sich ihre Rückkehr zu ihrer Mission um eine weitere Nacht. Vielleicht hätte sie den Ruf der Gilde doch abweisen und zuerst nach Arjuk suchen sollen. So früh in der Nacht wäre es mehr als nur glaubhaft gewesen, wenn sie ihren Kontaktmann gebeten hätte, noch ein wenig auf sie zu warten, mit dem Argument dass ihre Mission noch nicht schlief. Aber auch wenn sie der Gilde gegenüber eine Rechtfertigung hatte, wie sollte sie Arjuk, kaum dass sie ihn fand, schon wieder verlassen, ohne Verdacht zu erregen? Sie hatte noch nicht einmal eine hieb- und stichfeste Erklärung, warum sie nicht in der Bibliothek aufzufinden war. Nein, es war besser, die Zusammenkunft der Grauen Gilde so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.
Taniya hatte den Tempel erreicht und klopfte an das Tor. Ein Priester in der typischen ockerfarbenen Kutte öffnete ihr und seine grauen Augen trafen ihre.
„Was erbittest du von Razz’kar, mein Kind?“
„Möge die goldene Zunge diesen Ort in Rätseln sprechen“, kam es von der Magierin ohne großes Zögern und er wies sie stumm an, ihm zu folgen.
Während Taniya unter Razz’kars wachsamer Fuchsmaske die halbdunkle Halle durchschritt, vorbei an den mit klingender Münze gefüllten Opferschalen und den glühenden Kohlebecken, die Schriftzeichen nachempfunden waren, versuchte sie sich zu sammeln. Sie würde berichten, dass der Junge ihr noch immer sein volles Vertrauen schenkte und nichts von ihrer Identität ahnte. Insofern verlief ihre Mission noch immer erfolgreich, auch wenn sie eine Reihe von unvorhergesehenen Wendungen erlebt hatte. Wendungen, für die Taniya in dieser Nacht vielleicht einige Erklärungen erhalten würde.
Ihr Führer hatte sie mittlerweile zur Rückseite des Gotteshauses geleitet, das vom ewigen Sprechgesang der Novizen zur Gänze ausgefüllt wurde – das Wort Razz’kars durfte nie verstummen.
Dort verbarg sich eine unscheinbare Tür hinter einer Statue, die einen Kanzleischreiber symbolisierte, eine der vielen Professionen, die auf Sprache angewiesen waren und zu denen, wenn man es genau nahm, auch die Zauberer gehörten.
Über diese verborgene Verbindung schmunzelnd schlüpfte Taniya durch die Pforte, nachdem sie einen sichernden Blick in die Runde geworfen hatte.
Dann, auf dem Weg die Wendeltreppe hinab, überprüfte die junge Magierin noch einmal den Sitz ihrer Kapuze – es galt als Zeichen der Höflichkeit, wenn der Gegenüber das Gesicht nicht zu sehen bekam, so fühlte er sich nicht gezwungen, das eigene zu zeigen.
Nun würde sich also erweisen, weshalb so plötzlich eine Versammlung einberufen wurde.

Der Kellerraum war erfüllt von den wabernden Schwaden eines Rauchholzes, die aus einer Vielzahl kleiner Schälchen stiegen – die anderen fünf Magier schienen den Qualm um sich zu wickeln wie einen Mantel.
Sie alle waren, wie auch Taniya, in ihre weiten Gewänder gehüllt, bis auf Meister Illiyas, der an einem steinernen Bücherpult stand und versunken über seinen sauber gestutzten Kinnbart strich. Er hatte die Maskerade jedoch auch nicht nötig – als Vertreter der Grauen Gilde im Rat der Drei kannte jeder so oder so sein Gesicht und seine Anwesenheit war Voraussetzung für diese Zusammenkunft.
„Ah, Maga von Weißenfels! Dann können wir beginnen.“
Taniya musterte rasch die Gestalten, die sich meist mit unterschlagenen Beinen auf dem steingefliesten Boden niedergelassen hatten und im diffusen Licht kaum zu erkennen waren.
„Fehlt nicht Magus Raven noch?“
Ein leiser Stich Besorgnis.
Der Großmeister mit dem blanken Schädel bedeutete Taniya mit einer knappen Handbewegung sich zu setzen.
„Magus Raven hat uns über sein Vertrautentier davon unterrichtet, dass die Schwarzen sich mit einer halben Armee im Anmarsch befinden und gleichzeitig einen Astraltunnel ins Herz der Stadt geschlagen haben, wir haben daraufhin seine Pläne geändert und ihn zur Bibliothek geschickt.“
Die Augen der jungen Magierin wurden weit – waren die schwarzen Magier gerade tatsächlich dabei, den alten Pakt des Friedens offen aufzukündigen? Beklemmende Spannung bereitete sich in ihrer Brust aus, als sie an die Berichte über die Folgen des Kriegs der Magier dachte, die sie gelesen hatte.
„Haben die Weißen schon reagiert?“,
fragte einer der sitzenden, seine Stimme erinnerte an trockenes Herbstlaub.
„Die Frage ist doch eher: wissen die Weißen schon davon?“, kam es als Antwort von der anderen Seite des Raums, die Entgegnung wurde mit leisem Gelächter quittiert.
Taniya war dagegen eher beunruhigt – Geri mitten im Geschehen, an der Bibliothek, … an der Bibliothek?
Leise begann die Magierin zu fluchen. Es lief auch einfach alles schief, was schief laufen konnte.
„Meine Mission befindet sich momentan in der Bibliothek.“
Schweigen.
„Weiß Magus Raven davon?“
Meister Illiyas warf ihr einen ernsten Blick unter buschigen Augenbrauen zu.
Taniya senkte den Kopf zum angedeuteten Nicken.
„Dann müssen wir uns damit zufrieden geben. Zumal Eure Mission an Relevanz für das Gleichgewicht verloren hat, seit wir die Informationen aus dem Buch der schwarzen Akademie haben.“
Unwillkürlich glitt Taniyas Blick zu dem aufgeschlagenen Folianten, sie konnte die Zeichnung eines Amuletts und eines Rings erkennen.
Pass auf dich auf Geri … und auch auf Arjuk.

Die meisten Menschen haben überdurchschnittlich viele Arme und Beine ...

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VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Mira - 06-03-2008, 20:33
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