Es ist: 26-09-2022, 11:38
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VR: Blaues Blut (453 d.D)
Beitrag #57 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
“Milena ist eine Magierin?”
Verdammt. Milena hatte ihr doch noch eingeschärft, nicht zu verraten dass sie zur Grauen Gilde gehörte. Nun hatte Kara diesen Teil des Auftrags gründlich vermasselt. Aber noch war es nicht zu spät. Der Verrückte, der gegen die Wand gesunken und geistesabwesend erstarrt war, schien Milena zwar zu kennen, aber genau genommen durfte ja nur Andamir nichts von ihrer wahren Identität wissen...
“Ja, zwar keine sonderlich sympathische Magierin, aber egal”, sagte Kara und behielt den verwirrten Angreifer fest im Blick, als sie hinter ihrem Rücken den schweren, bronzenen Kerzenleuchter zu fassen bekam. Ein siegreiches Lächeln blitzte auf ihrem Gesicht auf, sie tat einige Schritte in seine Richtung und als er immer noch keine Anzeichen machte aus seiner Verwirrung aufzuwachen, hob sie drohend den Kerzenleuchter.
“So. Und nun wirst du mir verraten wo Andamir steckt”, Kara erinnerte sich mit einem mulmigen Gefühl an die dunklen Flecken am Boden - Blut - und zögerlich fuhr sie fort, “Oder was du mit ihm angestellt hast...”.
Ihr Gegenüber schien von ihrer Drohung nicht besonders beeindruckt zu sein. „Ich bin Andamir,“ sagte er müde.
Kara schnappte nach Luft. Langsam ließ sie den Kerzenleuchter sinken und runzelte verwirrt die Stirn. Im blassen Mondlicht fiel durch die Türöffnung Licht auf das Gesicht ihres Gegenübers und zum ersten Mal erkannte sie vage das Aussehen ihres Angreifers. Er war jung, wahrscheinlich genauso jung wie sie selbst. Wenn sie selbst nur wüsste wie alt das war… Und irgendetwas schien ihr an ihm bekannt vorzukommen. Wie eine Kerzenflamme flackerte diese Gewissheit in ihrem Bewusstsein. Aber wenn sie sich kannten - warum zeigte er dann kein Zeichen der Erkennung, ja warum hatte er vor wenigen Augenblicken noch alles daran gesetzt sie gewaltsam niederzuringen? Aber woher kannte sie ihn? Irgendetwas an seiner ganzen Körperhaltung schien ihr schon einmal untergekommen zu sein. Und der dumpfe Ausdruck in seinen Augen.
Kara räusperte sich.
„Also schön, Andamir. Ich bin nur hier, weil Milena dich sucht ich dir ausrichten soll, wo wir sie wieder treffen werden. Waffenstillstand?“, fragte sie und hielt dem zusammengesunkenen Andamir versöhnlich die Hand hin, in der Linken immer noch vorsichtshalber ihre improvisierte Waffe. Für einen Moment blickte er sie nur verständnislos an und schien weiter seinen Gedanken nachzuhängen – doch ganz plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck, die Augen blitzten gefährlich. Blitzschnell packte er Kara am Arm, und bevor sie noch einen klaren Gedanken fassen konnte, hatte er sie bereits schwungvoll zur Seite gestoßen. Kara setzte gerade zu einem lautstarken Protest an, als ihr im Augenwinkel eine Bewegung auffiel. Sie waren nicht mehr alleine im unbeleuchteten Gang der Bibliothek - still und heimlich hatte sich eine weitere Gestalt angeschlichen, und stand nun an dem Ort an dem vor wenigen Sekunden noch sie selbst gewesen war. Andamir war inzwischen wieder putzmunter und hatte sich vor dem Neuankömmling aufgebaut, bis zur letzten Faser angespannt, und Kara erwartete jeden Moment, dass er die unbekannte Gestalt anfallen würde. So wie vor ein paar Minuten noch sie selbst.
„Das hat ja gedauert“, sagte er und seine Stimme troff vor Hohn.
Konnte es sein, dass er die ganze Zeit auf diesen Unbekannten gelauert hatte? Das erklärte auch, warum er vorhin scheinbar grundlos auf sie losgegangen war. Doch immerhin hatte er seinen Angriff auch nicht gestoppt, als längst klar gewesen sein musste, dass sein eigentliches Ziel nicht in seine Falle getappt war...
„Die Götter sind Euch wahrhaftig hold“, sagte sein Gegenüber bedächtig. Erstaunt stellte Kara fest, dass es sich um eine alte Stimme handelte. Im Dämmerlicht fiel ihr nun auch auf, dass die Gestalt leicht gebeugt über einen Stock war. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns einmal wieder sehen, aber Eure kleine Komplizin ist offenbar im rechten Moment aufgetaucht.“
„Sie hat nichts damit zu tun“, erwiderte Andamir aggressiv und stellte sich vor Kara - etwa schützend? Nun war Kara endgültig verwirrt.
„Wie dem auch sei. Ich bin ein alter Mann. Gegen zwei junge Menschen habe ich keine Chance.“ Der Fremde ließ seinen Stab zu Boden fallen und versetzte ihm einen Fußtritt, dass er vor Andamirs Füße rollte. „Meine Aufgabe muss es jetzt also sein, Euch vor Dravar’kesh zu schützen.“
Andamir lachte verächtlich auf. „Soll das ein Witz sein?“
„Ich mache es nicht Euch zuliebe, genauso wenig wie ich aus einer Abneigung heraus gegen Euch gekämpft habe“, sagte der Fremde. „Ich mache es für...“
„...Athalem, natürlich“, ergänzte Andamir trocken. „Nur dass ich von diesem Teil der Geschichte nicht den blassesten Schimmer habe. Alles was ich weiß ist, dass Ihr versucht habt, mich zu töten.“
Kara riss die Augen auf. Das erklärte einiges. In was für eine verworrene Geschichte war sie da bloß wieder hineingeraten! Sie musste unbedingt ein ernstes Wort mit Geriyon und Milena reden, Probleme hatte sie alleine schon genug.
„Wir müssen ihn fesseln. Hol die Vorhänge aus dem Studierzimmer.“
Kara brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass Andamir mit ihr sprach und warf ihm einen fragenden Blick zu. Doch Andamirs Aufmerksamkeit galt voll und ganz dem Alten. Die beiden standen sich gegenüber, Andamir angespannt und der Alte – gebrechlich? Nein, irgendetwas stimmte nicht an der gebückten Haltung des zierlichen Mannes. Es schien Kara fast so als ob er bloß den Anschein von Gebrechlichkeit und Alter erwecken wollte… so schwungvoll wie er seinen Gehstock vorhin von sich getreten hatte.
Immer wieder zurückschauend huschte Kara an dem Unbekannten vorbei in das Zimmer. Während sie über die verteilten Papiere stieg, lauschte sie auf das Gespräch.
„Natürlich vertraut Ihr mir nicht“, sagte der Alte nun. „Nicht nach dem, was geschehen ist. Da aber nun die Götter Euer Leben gerettet haben, stehen die Dinge anders. Ich kann Euch Antworten geben. Ihr wollt doch Antworten?“
Kara stellte den Kerzenleuchter ab, den sie immer noch nervös umklammert hielt, und riss an den Vorhängen.
„Es ist immer schön, zu wissen, warum man eigentlich ermordet wird, ja,“ stimmte Andamir zu. Seine Stimme war noch immer voller inbrünstigem Sarkasmus, der jedoch nur eine wachsende Unsicherheit verbarg... Kara kannte diesen Ton. Andamir wurde unaufmerksam.
„Nun, es gibt für alles eine Erklärung, für all Eure Fragen eine Antwort.“
Kara stutzte. Was war das? Da draußen flackerte ein bläuliches Licht im Dunkeln... Kara überlief ein Schauer. Magier. Schon wieder Magier.
„Andamir, da draußen ist...“ Kara wandte sich um und unterbrach sich. Im Türrahmen sah sie die Gestalt des älteren Mannes. Seine Hand umschloss sich unmerklich um einen Gegenstand, der unauffällig aus seinem Ärmel auf seine Handfläche gefallen war. Kurz schimmerte etwas im Mondlicht. War das etwa ein Messer, das der Unbekannte zum Angriff bereit bei sich trug?
„Achtung!“, schrie Kara, als der Mann vorschnellte. „Er hat ein Messer!“
Mit wenigen Schritten war sie durch den Raum. Obwohl ihr bisheriges Zusammentreffen mit Andamir alles andere als erfreulich gewesen war, konnte sie nicht tatenlos zusehen, wie die Person, die sie suchen und zu Milena bringen sollte, blind in die Falle tappte.
Andamir war dem Hieb ausgewichen und versetzte dem Mann einen Tritt in die Kniekehle, dass er zu Boden ging. Mit einem schnellen Griff hatte Kara ihm das Messer entrissen und hielt es ihm nun an die Kehle.
„Das nennst du also <Schutz>“, zischte Andamir. Er schäumte vor Wut. Obwohl der Alte nun wehrlos war, versetzte er ihm einen Tritt in die Rippen, dass der Mann aufkeuchte und das Messer in Karas Hand seine Haut aufritzte.
„Krieg dich wieder ein“, sagte Kara. „Wir haben andere Probleme. Da draußen ist...“
Wir.“ Andamir hob die Brauen. „Fang besser erst gar nicht an, dich an dieses Wort zu gewöhnen. Richte mir deine Nachricht aus und dann verschwinde.“
„Würdest du mir vielleicht mal zuhören?“ Kara starrte ihn böse an. „Da draußen ist jemand, und wahrscheinlich sind es Magier!“
Das wirkte. Andamir verstummte und ging ans Fenster. Als er zurückkam, hatte er den Vorhangstoff dabei, den er schnell in Streifen riss.
„Was ist dort?“, wollte der Mann besorgt wissen.
„Gib mir das Messer und fessel du ihn“, sagte Andamir an Kara gewandt, den alten Mann ignorierend. „Zur Zeit machst du auf jeden Fall die stärkeren Knoten.“
„Draußen flackert ein bläuliches Licht,“ antwortete Kara dem Alten, während sie Andamirs Aufforderung nachkam. „Wisst Ihr, was das zu bedeuten hat? Sind es vielleicht Graumagier?“
„Aus welcher Richtung kommt das Licht?“, wollte der Alte besorgt wissen.
„Aus... ich weiß nicht genau, es scheint direkt neben der Bibliothek zu sein...“
„Es kommt von der südlichen Speiche des Ratsgebäudes“, mischte sich Andamir ein. „Das heißt aus der Sektion der Schwarzmagier. So ist es doch?“
Der Alte nickte im Halbdunkel.
Karas Nackenhaare stellten sich auf, und die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag ins Gesicht: Natürlich waren sie ihnen auf der Spur, nach der turbulenten Flucht aus der Akademie. Es war töricht gewesen zu glauben, dass sie ihnen so leicht entkommen sollten, und jetzt waren sie ihnen dicht auf den Fersen. Karas Gedanken rasten, und das Ausmaß ihrer Situation wurde ihr siedend heiß bewusst. Sie hatte sich unerlaubt mit Geriyon in die schwarze Akademie eingeschlichen, auf sein Geheiß hin ein magisches Buch aus der Bibliothek gestohlen, und bei ihrer spektakulären Flucht war vermutlich das halbe Kellergeschoss eingestürzt. Und nun war sie alleine, getrennt von den beiden Magiern, nur mit zwei verrückten Fremden mitten in Kayro’har - und die Schwarzen hatten die Witterung aufgenommen.


to be continued...

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Mira - 06-03-2008, 20:33
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