Es ist: 26-09-2022, 11:30
Es ist: 26-09-2022, 11:30 Hallo, Gast! (Registrieren)


VR: Blaues Blut (453 d.D)
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RE: Athalem: Blaues Blut
Arjuk und Milena hatten den Fluss erreicht, der sich als silbern glitzerndes Band durch die Nacht wand. An seinem Ufer blieben sie stehen und blickten in das Wasser, das hier still und scheinbar zahm floss. Trotz der Strömung, die die Oberfläche aufwühlte, zeichnete sich deutlich die Spiegelung von Berggipfeln darauf ab. Als sich Arjuk jedoch nach dem Gebirge umblickte, konnte er keines entdecken.
Erschrocken fuhr er zusammen, als Milena plötzlich mit einem Satz auf einem Stein im Fluss landete. „Hier kann man wunderbar über den Fluss spazieren,“ rief sie. Doch es war nicht mehr das unbewegte, von hellen Strähnen umrahmte Gesicht Milenas. In ihren langen, geflickten Mantel gehüllt, den ungeordneten braunen Zopf über der Schulter blickte Jo über den Fluss. Die Augen in ihrem von Sommersprossen gesprenkelten Gesicht funkelten abenteuerlustig. Schon sprang sie leichtfüßig auf den nächsten Stein.
Arjuk zögerte einen Moment. Vorsichtig setzte er seinen Fuß auf den Stein nahe dem Ufer und prüfte, ob er fest im Flussbett lag. Schritt für Schritt hangelte er sich an den Felsen entlang.
„Wie kannst du nur so schnell sein,“ rief er Jo zu, die ihm weit voraus war.
„Du könntest genauso schnell sein,“ gab das Mädchen zurück. „Du brauchst nur immer so lange, bis du weißt, ob dein Fuß sicher auf dem nächsten Stein stehen wird. Wenn du einfach hinüber springen und dir nicht so viele Sorgen würdest, wärst du schneller.“
„Aber dann lande ich vielleicht im Wasser,“ gab Arjuk missmutig zurück.
Helles Lachen zerriss die Nacht. „Du wirst nie etwas zu Ende bringen, ohne vorher an deinen Zweifeln zu ersticken.“
Arjuk ruderte mit den Armen. Der Stein unter seinen Füßen schwankte; der Nyltra schäumte, ratternd klatschten Wogen gegen den Fels...


Arjuk fuhr auf. Einen Moment lang stand ihm noch ein rotwangiges Gesicht vor Augen, von dem er nicht mehr sagen konnte, wem es gehörte; dann hatten das Ruckeln und Schaukeln der Kutsche den Traum endgültig vertrieben.
Arjuk rieb sich die Augen. Vor dem Fenster der Kutsche zog die Landschaft als ein endloses Band an den Flüchtlingen vorüber. Sanfte Hügelketten, saftige Wiesen, hin und wieder von Feldern umschlossene Dörfer oder Höfe - das Gesicht der Provinz Nomae’kan. Hier zeigte es sich noch mild und nichtsahnend, als ginge nichts besonders vor sich. Die vorbeiziehende Landschaft erinnerte Arjuk unwillkürlich daran, wie er vor drei Jahren heimlich aus dem Palast entwischt war - am Nyltra entlang bis in die Blauen Berge hatte ihn die Suche nach der Pflanze geführt, von der er gehofft hatte, sie würde seine Mutter heilen.
Aber dieses Mal war es anders. Auffallend oft rumpelte ihr Gefährt an Ochsenwägen, Pferdekarren oder auch nur Gruppen von wandernden Menschen vorbei. Ob sie alle es noch rechtzeitig bis zur Grenze schaffen würden, bevor sich Gandal’kans Tore schlossen?
Plötzlich wurde Arjuk klar, dass sich die Wiesen Nomae’kans vielleicht nie wieder vor seinem Auge erstrecken würden. Der Gedanke traf ihn wie ein Schlag.
Wie überschaubar war seine Welt doch bisher gewesen! Jeden Abend legte er sich in das selbe Bett, jeden Morgen fiel zum selben Fenster das Tageslicht in sein Zimmer, und es gab keinen Anlass, anzunehmen, dass sich jemals etwas daran ändern würde. Sicherlich, ab und zu wurde einer der Dienstboten aus dem Dienst entlassen und ein neuer nahm seinen Platz ein; Arjuks Spiele und Streifzüge, Lektionen und Lektüre wandelten sich; schließlich machte er sich sogar auf, hinter dem Rücken seines Vaters das unübersichtliche Gewirr der gewöhnlichen Straßen zu entdecken. Das mit Abstand größte Abenteuer, die Expedition in die Blauen Berge, hatte ihn in eine vollkommen andere Welt versetzt, die nicht weniger gefährlich war als die Winkel Noatos - und nicht weniger faszinierend. Doch auf all diesen Streifzügen war von Anfang an klar gewesen, dass er zurückkehren würde, dass dies nur eine kurze Unterbrechung seines gewohnten Lebens darstellen würde.
Die einzige unwiederbringliche Änderung stellte der Tod seiner Mutter dar, für die die Heilpflanze zu spät gekommen war. Die Lücke, die sie hinterlassen hatte, würde sich nicht füllen; sein Leben war ärmer geworden. Doch festgelegt war es in derselben Weise wie eh und je: Er würde lernen, elegante Gespräche führen, würde heiraten, und nachdem er seinen Vater zu Grabe getragen hatte dessen Platz einnehmen. So sehr Arjuk versuchte, sich in seinem Alltag seine kleinen Freiheiten zu ergattern, an diesen Grundkonstanten gab es nichts zu rütteln. Zumindest hatte er das geglaubt - nun stand es auf dem Spiel.
Vielleicht würde Vulun sich bald geschlagen geben, Arjuk zurückkehren und alles ginge weiter wie bisher. Vielleicht würde sich in wenigen Monaten alles entschieden haben, vielleicht erst nach Jahren. Vielleicht aber würde sich auch Kalil schon bald geschlagen geben müssen und sein Sohn wäre ein zurückgelassener Streuner in der endlosen Landschaft, ohne Zuhause, ohne Ziel, ohne Zweck.
Unwillkürlich fiel Arjuks Blick auf jene Tasche, in der Katrina ihre Papiere, sorgfältig in ein Stück Leder eingehüllt, aufbewahrte: Seine neue Identität.
„Wann werde ich eigentlich beerdigt?“, brach er schließlich das Schweigen.
„Arjuk!“ Katrina fuhr auf. „So etwas darfst du nicht sagen!“
„Das bringt Unglück,“ stimmte auch Milena zu und bedachte Arjuk mit einem vorwurfsvollen Blick. „Gerade du kannst dir davon keines leisten...“
Arjuk zuckte die Schultern. Er hatte eigentlich damit gerechnet, dass es zwischen Katrina und Milena womöglich Spannungen geben würde, doch es schien eher das Gegenteil einzutreten: Die beiden waren sich einig darin, dass Arjuk sie nicht hätte belügen sollen.
Katrina würde nicht lange schmollen, dass Arjuk Milena hinter ihrem Rücken und dem seines Vaters in die Kutsche geschmuggelt hatte - er hatte sie schon oft genug verärgert, doch sie konnte ihm nie lange grollen. Allerdings, so fiel es ihm ein, mochte ihre Verstimmung wohl auch durch den Kummer über die Flucht aus Nomae’kan bedingt sein. Sie hatte hier ebenso viele Jahre gewohnt, wie Arjuks Leben zählte: Erst als Kindermädchen, später als Dienstbotin hatte sie dem Grafen von Noato treu gedient.
Bei Milena war sich Arjuk nicht sicher, was in ihr vorging. Sie war sehr blass geworden, als ihr offenbart wurde, dass Arjuk keineswegs aus dem Hause einer mittelklassigen Beamtenfamilie stammte, wie er es vorgeschwindelt hatte. Seitdem schien sie in ihren Gedanken versunken zu sein, das ovale, fein geschnittene Gesicht voller Ernst.
Arjuk lehnte sich zurück. Offenbar würde niemand mehr auf seine Frage eingehen. Es würde seltsam sein, die Nachricht von seinem eigenen Tod zu hören; als wäre er zu einem Fremden in seinem eigenen Leben geworden.
Vor Arjuks Augen tauchte ein Bild auf; der Nyltra, der sich glitzernd durch die Landschaft wand. Ohne Zuhause, ohne Ziel, ohne Zweck - ein solches Dasein vermochte nur der unbezwungene Fluss führen. Hatte sich nicht sogar das Straßenmädchen Jo, das jahrelang durch Athalem gewandert war, schlussendlich für ein Zuhause entschieden...


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VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Mira - 06-03-2008, 20:33
RE: Athalem: Blaues Blut - von Ichigo - 19-04-2008, 18:58
RE: VR: Blaues Blut - von Dende - 21-09-2008, 17:58
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RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Dende - 11-05-2011, 21:00
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RE: VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Ichigo - 29-07-2021, 22:32

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