Es ist: 08-03-2021, 03:50
Es ist: 08-03-2021, 03:50 Hallo, Gast! (Registrieren)


Besinnliches
Beitrag #1 |

Besinnliches
Der Schlüssel

Ganz plötzlich ohne Warnung überfällt mich ein Gefühl der Traurigkeit,
eine seltsame Melancholie erfasst mein Gemüt, bündelt Schwebendes
und verlässt ohne umzuschauen, ungerührt mein weites Blickfeld.
Meine Augen schauen nur noch verwirrt und erschrocken ins Leere.

Zurückgeblieben ist ein Hauch zartbittrer Wehmut,
in die Gedankenwelt zieht bedrückende Schwere ein.

Zunächst lasse ich den ungebetenen Gast gewähren,
denn vielleicht verstehe ich ja den Grund des Besuchs,
wenn ich sanfte Fragen stelle, geduldig auf Antworten warte.
Woher kommt sie, diese Wehmut, wer mag sie gesandt haben,
warum verweilt sie und welche Botschaft erhalte ich als Gastgeschenk??

Vielleicht fährt die Wehmut auch als blinder Passagier ständig in meinem Boot mit
und ich entdecke sie erst, wenn ich scheinbar leere Räume noch einmal betrete,
die längst sauber, fast vergessen und für immer verlassen sein müssten?

Die Melancholie hatte einen Schlüssel fallen lassen,
ich nahm ihn auf und fand die Wehmut.

Ach, hätte ich doch den Schlüssel übersehen...


Dies ist der Versuch über einen lyrischen Textes, ein Gefühl auszudrücken, welches uns hin und wieder überfällt und wieder verlässt. Es genügt ein Duft, eine Bewegung, eine Melodie, eine winzige Kleinigkeit, um es für Momente zu empfinden. Dann ist die Tür wieder verschlossen, bis wir den Schlüssel erneut finden und aufnehmen, uns diesem Gefühl hingeben....
.... und in die Alltäglichkeit zurück kehren.

Erkennen wollen
ist der erste Schritt des Verstehens.
Zunächst im Selbstversuch!

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Beitrag #2 |

RE: Besinnliches
Hallo Helga,

leider finde ich nicht, dass dein Text lyrisch ist. Du hast Ankläge drin, aber als Gedicht würde ich es trotz der angedeuteten Strophen nicht bezeichnen.
Deswegen mein Vorschlag, es ins Geschichtenatelier zu verschieben Icon_smile

Übrigens - lass deine Texte doch für sich selbst sprechen! Wenn du schon direkt eine Erklärung drunter setzt, raubt das dem Text all seine hintergründige Bedeutung Icon_smile


Grüße,
Isola.


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Beitrag #3 |

RE: Besinnliches
Danke Isola für Deinen Kommentar.

Nun, ich sehe das ein wenig anders und würde meinen Text (ich nenne ihn bewusst Text, nicht Gedicht und nicht Geschichte) durchaus lyrisch sehen. Das liefe jetzt auf eine Diskussion hinaus: "Was ist Lyrik und was nicht?" Hier mögen sich aber bitte die Experten streiten. Es bringt m.E aber nichts, oder doch?

Den Zusatz hätte ich weglassen können. Du hast Recht, man sollte lieber Erklärungen danach abliefern, wenn gewünscht. Aber dennoch dachte und denke ich, dass es hier nicht ums Rätselraten, was den Hintergrund anbetrifft, geht. Kann natürlich auch spannend sein, könnte man unter der Rubrik "Rätselhaftes" eingliedern. Da gibt es sicher eine Menge Verse, die diesen Anspruch erfüllen.

Ich wollte ein Gefühl in Worte fassen, mehr nicht.
Die Deutung und meine Hilfe dafür ist der zweite Schritt. Und ist es nicht so, dass wenn wir Gedichte kommentieren, die zuvor schon andere Forenteilnehmer unter die Lupe nahmen, uns diverse Hilfen, Sichtweisen angeboten werden, die dann auch aus der eventuellen Antwort des Verfassers entnommen werden können? Das erleichetert den eigenen Kommentar sicher auch sehr. Man schließt sich also an oder sagt Ähnliches. Es sei denn man versteht sich als "Kampfkritiker".

Trotzdem, liebe Isola, ich danke Dir, dass Du Dich mit meinem Text befasst hast, obwohl er Dir so gar nicht lyrisch erscheint.Icon_wink

Helga

Erkennen wollen
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Beitrag #4 |

RE: Besinnliches
Hallo Helga,

meiner Meinung nach ist das einzig Lyrische an diesem Text die Optik, zumindest ein wenig. Die Sprache ist eindeutig Prosa.
Aber letztlich entscheidet der Autor, als was er sein Werk betiteln mag. Wie gesagt, aufgrund der Optik okay, aber sonst nicht. Wenn du unbedingt magst, kann man es natürlich hier stehen lassen, aber ich finde es auch unpassend.

Auch ich empfinde die Erklärung am Schluss als überflüssig. Ich mag so etwas sogar gar nicht. Man drückt sich über seine literarische Arbeit aus und nicht durch Erklärungen dazu. Und so einen Versuch, mich als Leser so sehr in eine Richtung zu drängen, empfinde ich persönlich als unangenehm.
Entweder schreibt man in den Text, was du sagen magst, oder man lässt es weg - aber Erklärungen sind immer irgendwie unangebracht und wirken auf den Leser, als wärst du als Autor nicht fähig, dich richtig auszudrücken.

Zu den Auffälligkeiten:

Ganz plötzlich ohne Warnung überfällt

das "ohne Warnung" durch Kommata abtrennen

und verlässt ohne umzuschauen

hier auch Komma vor dem "ohne" (kann sein, dass man es weglassen kann mittlerweile, bin mir da nicht sicher ...)

Meine Augen schauen nur noch verwirrt und erschrocken ins Leere.

das "nur" und das "noch" erscheinen mir hier wie unnötige Füllwörter - ohne sie wäre die Zeile authentischer

Zurückgeblieben ist ein Hauch zartbittrer Wehmut,

würd "zartbitterer" ausschreiben

Ach, hätte ich doch den Schlüssel übersehen...

Leerzeichen vor den Punkten

Was ich an der dritten Strophe seltsam fand: Das Ich lässt den Gast gewähren, erhält dann ein Gastgeschenk? Wer ist nun Gast??
Und Anfang der vierten Strophe fand ich die Wiederholung von "die Wehmut" ungeschickt, da hätte "sie" auch gereicht ...

Die Melancholie des Textes kommt gut heraus, dieses Einschleichen von Wehmut, Traurigkeit. Da kann die Sonne scheinen und alles super laufen, manchmal überfällt sie einen einfach ...
Das hätte dein Text auch ohne deine Erklärungen rübergebracht.

Den Titel fand ich etwas unpassend, besinnlich bedeutet für mich, sowohl Negativem wie auch Positivem gedenken, insgesamt aber eher das Positive, sich darauf "besinnen", was man hat und was es Schönes auf der Welt gibt ... und es hat diesen weihnachtlichen Beigeschmack.
Da passt Wehmut, Trauer, Depression nicht so ganz.

Grüße

- Zack

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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Beitrag #5 |

RE: Besinnliches
Hi Icon_smile

Interessanter Text. Wirklich.
Ich lese:

Der Schlüssel

Ganz plötzlich ohne Warnung überfällt mich ein Gefühl der Traurigkeit,
eine seltsame Melancholie erfasst mein Gemüt, bündelt Schwebendes
und verlässt ohne umzuschauen, ungerührt mein weites Blickfeld.
Meine Augen schauen nur noch verwirrt und erschrocken ins Leere.
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Den Anfang finde ich etwas schleppend. Klar ist es auch das Thema, was im Schlepptau liegt, aber
- plötzlich und ohne Warnung ist doppelt gemoppelt; das eine impliziert doch das andere, nicht wahr?
hier fällt mir als erstes auf, welche distanz zu dem geschehen aufgebaut ist. das kann ich kaum nachvollziehen, aber wenn dem so ist, dann halte ich es für eine tolle umgangsweise.das geht ja noch weiter, hier:
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Zurückgeblieben ist ein Hauch zartbittrer Wehmut,
in die Gedankenwelt zieht bedrückende Schwere ein.

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wenn ich sanfte Fragen stelle, geduldig auf Antworten warte.
Woher kommt sie, diese Wehmut, wer mag sie gesandt haben,
warum verweilt sie und welche Botschaft erhalte ich als Gastgeschenk??
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Sich zu denken, sich vorstellen zu können, dass diese bedrückende Schwere - und das ist ja auch wirklich aus einer 'Beobachterperspektive' geschrieben sozusagen, eine Botschaft vermitteln will (an den 'leichten' Persönlichkeitsanteil), ist für mich wieder kaum vorstellbar. Liegt wohl daran, dass ich selbst unter Depressionen leide und es nie so erlebt habe.
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Vielleicht fährt die Wehmut auch als blinder Passagier ständig in meinem Boot mit
und ich entdecke sie erst, wenn ich scheinbar leere Räume noch einmal betrete,
die längst sauber, fast vergessen und für immer verlassen sein müssten?

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'sauber' abgespalten finde ich das Geschehen hier. Von der Vernunft oder von dem Gefühl? Welches herrscht denn jetzt vor? Oder wie geht das, dass man eine Melancholie erlebt und sie gleichzeitig auf Distanz stellt/hält, sie sich anschaut, betrachtet und sich solche Fragen stellt? Verwirrt mich, ehrlich gesagt..., hab ich auch noch nie 'so erlebt'

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Die Melancholie hatte einen Schlüssel fallen lassen,
ich nahm ihn auf und fand die Wehmut.

Ach, hätte ich doch den Schlüssel übersehen...

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hier erst beginne ich nachvollziehen zu können, weil hier fein differenziert wird. hier wird die despressive stimmung quasi durch die filtertüte geschickt und heraus kommt die wehmut, eine art sentimentalität, ein betrauern verganger prozesse, evtl. ein abschied, der noch schmerzt.
also war der 'aufhänger' unterdrückt und hat sich wabernd aufgeblasen.
das ist dann wohl nicht das, was ich zuerst darin sah.
interessant aber, wie gesagt.

lieben gruß
candida

Es gibt nichts, was es nicht gibt, und nichts ist weniger ergründbar als die Komplexität und der Facettenreichtum zwischenmenschlicher Beziehungen, und seien es Liebesbeziehungen. 'Ich' ©


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Beitrag #6 |

RE: Besinnliches
Hallo Candida,

Danke für das "interessant", natürlich auch für die Zeit, die Du für die Analyse meines Textes aufgewendet hast.
Es ist schon schwierig, Gefühle für einen Außenstehenden nachvollziehbar, aufzuschreiben. Aber ich lese, dass Du ganz gut verstanden hast, was ich meine. Deinen letzten Sätzen ist es andeutungsweise zu entnehmen. Ob es sich um Prosa oder Lyrik handelt, wo es nun hier eingruppiert werden sollte, das ist mir eigentlich egal. Ich muss gestehen, dass ich beim Schreiben nicht analytisch oder irgendwie wissenschaftlich herangehe. Ich mach es aus dem Bauch heraus. Ich fasse meine momentanen Gefühle und Gedanken einfach nur in Worte. Es entsteht etwas, welches mir gefällt oder halt auch nicht. Mir gefiel dieser Text, deshalb stellte ich ihn hier vor. Sicher gibt es viel Besseres, aber alles ist subjektiv.

Lieben Gruß
Helga

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Beitrag #7 |

RE: Besinnliches
Hallo Zack,

auch Dir möchte ich sehr danken, dass Du meinen Text unter die Lupe genommen hast. Einige Bemerkungen zur Erklärung habe ich ja schon abgegeben. Ich möchte es nun auch dabei belassen. Nur soviel: einen weihnachtlichen Beigeschmack, wollte ich ganz bestimmt nicht hervorrufen. Ich hatte halt ein wenig Melancholie und Wehmut in mir, nichts Depressives, das wäre übertrieben, einfach nur so eine nach hinten gewandte Stimmung. Mehr nicht.
Den Hinweis, keine Erläuterungen unter die Werke zu setzen, werde ich nun sicher beherzigen.
Viele Grüße
Helga

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