Es ist: 01-12-2022, 20:13
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Das Lefavre-Experiment
Beitrag #6 |

RE: Das Lefavre-Experiment
Schwere Schritte

Die Stille des Ganges schlug Frieda entgegen wie ein flatterndes Gespensterlaken, das sich über ihren geduckten Körper legte. Mit jeder Bewegung schien ein Gelenk zu knacken, ein Knochen sich schmerzhaft einem ungewohnten Muskelspiel widersetzen zu wollen. Ein letztes Knistern legte sich hinter ihrem Rücken auf dem Boden ihrer Zelle nieder und trieb sie letztendlich dazu, die schleppenden Schritte in das unbekannte Terrain zu tun. Draußen schien etwas zu fehlen, das Geräusch von arbeitenden Maschinen, das vorher zu omnipräsent gewesen war, um ihr wirklich bewusst zu werden. Die Finger der jungen Frau glitten schlaff vom Türrahmen ab, zuckten ob eines Impulses, der noch der Energie geschuldet sein mochte, die Friedas Körper in diesen reißenden Sturm gebadet hatte. Das Korsett zwang sie zum Versuch, sich ganz aufzurichten, doch als es in ihren Schultern schmerzlich krachte, gab sie es auf und schloss die Lider. Ein seltsamer Anflug von Gleichmut legte sich mit der Dunkelheit hinter ihrer Augen über sie. Im nächsten Moment war er bereits verflogen und ließ zu, dass Angst ihr Herz in einen schnellen Takt zwang.
Ihre Lippen fühlten sich so trocken an wie noch nie in ihrem Leben, als sie den Mund öffnete.
„Hallo?“, rief Frieda zaghaft, doch selbst dieses simple Wort verkümmerte halb auf ihrer Zunge und hinterließ einen sauren Geschmack nach Panik. Vorsichtig führte sie ihr Handgelenk zum Mund und berührte ihn damit – fühlte kaum etwas.
Es erschreckte sie fast mehr darüber, wie sehr dieser skurril verunstaltete Arm zu ihr gehörte, wie sensitiv die Haut daran war. Sie wandte den Kopf, um sich den Rest ihres Körper zu besehen – sicher hatte sie sich irgendetwas gebrochen, sie hatte es doch gespürt! –, und musste blinzeln. Etwas stimmte nicht, ihr Sichtfeld verschob sich, die Bilder schienen nicht zueinander zu passen. Die Welt hatte ihre Längen eingebüßt, ihre Räumlichkeit, und stand ihr wie lieblos aus Schatten gezeichnet entgegen.
Ich brauche einen Arzt!
Dieser Gedanke ermutigte ihre Schritte, die sie weiter über den Gang führten. Völlig willkürlich schlug sie eine Richtung ein, gesäumt von der Kulisse aus steinernen Wänden und ab und an im fahlen Licht spärlich verteilter Lampen schimmernden Metallstäben. Das konnte sie besser erkennen als alles, was vor ihr lag. Der Weg schien genau zwischen ihren Blicken zu liegen und Frieda zwang sich, nicht darüber nachzudenken, was die einzig logischen Rückschlüsse daraus waren. Ahnungen verwehrten ihr im Glanz der Panik die Rückkehr zu der wissenschaftlichen Denkweise, die sie sich in Monaten des Studiums angeeignet hatte; hier schien sie zu versagen und hinter die Kulissen eines Albtraumes zurückzuziehen.
Als Frieda eine der an der Wand aufgehängten Lampen passierte, wagte sie nicht, sie ab- und mit sich zu nehmen. Einzig der Gedanke an die Missbildungen, die ihre gepflegten Hände ersetzten, ließ den Schrecken der Erkenntnis in ihrem Unterbewusstsein gären.
Schatten schienen über die Kulissen zu fleuchen, in die sich die Welt vor ihren Augen verwandelt hatte. Wie objektlose Bewegungen, Geister aus elektrischen Impulsen vielleicht, oder reine Schreckgestalten, die sich unsichtbar über ihre Netzhaut zogen und ihre Spuren aus Angst hinterließen. Beim Weiterschlurfen drehte Frieda ihren Kopf umher, jede Bewegung setzte ein paar Teile mehr in das Bild. Sie folgte einem Schimmer satter werdenden Licht, dem sich kupfern glänzende Gebilde als Wegweiser in den Gang stellten. Zwischen den gähnenden Öffnungen der dunklen Räume zu beiden Seiten sahen sie aus wie verzerrte Kesselkörper, die sich mit Gliedern aus Metallröhren als Wachen positioniert hatten, manche verströmten einen sauren Geruch. Der Dampf, den Frieda aus ihrer Zelle heraus beobachtet hatte - vor einer Ewigkeit! -, schwirrte nur noch in vereinzelten Fetzen umher, ebenso verirrt wie die junge Frau selbst. Als Frieda vor sich eine nahe Bewegung zu erkennen glaubte, war sie überrascht, wie viel härter ihr Herz noch schlagen konnte als sowieso schon, wie heftig es sich gegen ihre Rippen warf. Ohne groß darüber nachzudenken, warf sie sich zur Seite, dem Schmerz geradezu in die Arme. Die Fischbeinstäbe ihres Korsetts knackten - oder waren es ihre Knochen? - die Halbstiefel schabten nur zu laut über den Steinboden, dann presste sich Frieda gegen den Türrahmen, betete stumm um Beistand und hoffte, selbst in diesem verfluchten Ort würde sich ein rettender Engel finden.
Mit gespitzten Ohren lauschte sie auf die Geräusche aus dem Gang, vernahm nur ein Schnaufen, das nicht menschlich und weit entfernt schien, und doch aus unbestimmter Richtung. Sie blickte auf, schluckte.
Pater noster, qui es in caelis ...
Mit den stummen Worten schienen ihre Augen in der Dunkelheit tatsächlich etwas zu erblicken, das in der Zelle auf dem Boden kauerte oder lag.
... sanctificetur nomen tuum, adveniat regnum tuum ...
Die Umrisse waren zu schal, als dass sie sie vollständig erfassen konnte, zudem war ihr die ganze Zeit nur zu deutlich bewusst, wie sehr sie den Kopf verdrehen musste, um geradeaus auf das zu sehen, was den Zellenboden bedeckte. Es war nicht einzuordnen, und doch streckte sich ein Teil der Form Frieda entgegen und löste ein Flackern von zunächst unbestimmten Assoziationen aus, die aus ihrem Unterbewusstsein an die Oberfläche zu dringen versuchten. Sie duckte sich etwas tiefer, streckte sich vor und starrte sich fest an dem schelen Lichtfleck, der sich auf die Oberfläche gesetzt hatte. Kein kalter Schimmer wie im Gang, der sie Stein um Stein, Schritt um Schritt hierher geführt hatte, sondern ein sanfterer Glanz. Fedrig, ja, es schien ihr wie ein Flügel, der in ihre Richtung ausgebreitet aus dem Düster erblasste. Unwillkürlich erinnerte sich Frieda an die Bibelbilder ihrer Kindheit, die sie so oft bestaunt hatte, den Kirchenschmuck in wunderbar ausgeführten Kunstwerken, die herrlich bemalten Statuetten zu Weihnachten, Engel ...

"Unmöglich? Du selbst bist doch die Fürstin des Unmöglichen. Du hast mir das Leben geschenkt und es dann zur Hölle gemacht. Zwei Väter hast Du mir gegeben, und beide mir entrissen. Unter Schmerzen mich geboren und zu Schmerzen mich verdammt. Nun spreche ich zu Dir aus dem Grabe, zu dem Du mir die Welt geschaffen hast: Ich bin Deine Tochter - und Dein Tod."
- aus Bastard -

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Das Lefavre-Experiment - von Trinity of Chaos - 28-03-2013, 15:45
RE: Das Lefavre-Experiment - von Adsartha - 13-04-2013, 19:02
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RE: Das Lefavre-Experiment - von Eselfine - 28-04-2013, 16:59
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RE: Das Lefavre-Experiment - von Adsartha - 07-12-2013, 11:59
RE: Das Lefavre-Experiment - von rex noctis - 05-01-2014, 16:53
RE: Das Lefavre-Experiment - von Eselfine - 07-01-2014, 19:43
RE: Das Lefavre-Experiment - von LaFleur - 23-04-2014, 11:44

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