Es ist: 01-10-2022, 09:36
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Das Lefavre-Experiment
Beitrag #7 |

RE: Das Lefavre-Experiment
Tropfenfall

Farben, in einer Wölbung verzerrt. In einem atemlosen Moment löst sich ein Teil des Spiegels von seiner Gesamtgestalt, zieht sie in die Länge, lässt den Hintergrund an den Rändern schimmern und zeigt unscharf die Umrisse flacher Hügel vor grauem Himmel. Über ihnen kreisen dunkle Striche, einer von ihnen stürzt auf den Grund, verschwimmt in einem klaren Weiß.
Plopp.
Feine Schauder laufen über die glatte Oberfläche, kräuseln und zerknittern dunklere Schemen auf dem nahen Grün. Wieder erzittern die Ränder, dehnen sich ins Unermessliche, halten der Belastung nicht stand und reißen.
Plopp.
Ein Schatten verdunkelt den verschwommenen Himmel, breitet sich aus und nimmt das Licht, verwischt mit einem mächtigen Grollen die noch sichtbaren Überreste. Der Grashalm neigt sich unter der Last, wird nach unten gezogen und federt dann zurück, als er losgelassen wird, verspritzt wie zu seinem Vergnügen violette Strahlen in alle Richtungen.
Plopp.

Einzelne Tautropfen breiteten ihr feines, violettes Netz vor Fjólas geschlossenen Augen aus, leuchteten durch ihren tauben Körper und erstickten Wörter wie Erinnerungen. Einzig der sanfte Wind, der das grobe, widerstandsfähige Gras streichelte, tastete sich noch über ihre Haut. Freiheit. War sie eingeschlafen, als sie an der Skeiðará nach besonders geformten Steinen gesucht hatte, die der Fluss aus den Eismassen des Vatnajökull wusch und durch den Grímsvötn trug? Hatte sie einen beängstigenden Traum gehabt, von gefräßiger Dunkelheit in geschlossenen Zellen, von seltsamen Apparaturen und dem gelegentlichen Zischen eines brodelnden Vulkans? Langsam hob sie den Kopf, löste ihn vom feuchten Boden und versuchte, in der grauen Dunkelheit um sie herum etwas zu erkennen. Es musste schon sehr spät sein, wenn sie nichts mehr sehen konnte. Ihr Blick wanderte weiter zu dem Punkt, an dem sie Sterne zu entdecken erwartete, doch von überall her starrte sie dumpf eine Blindheit an, die sie nicht begreifen konnte. War es denn Neumond? Und warum war der Himmel vollständig mit Wolken bedeckt? Das Zischen aus ihren Gedanken vermischte sich mit dem, was sie zu sehen glaubte und flößte ihr dumpf pochende Angst ein, mehr ein Magengrummeln als ein deutlich sichtbarer Ausbruch. Ein Vulkan –
Plopp.

Stechender Schmerz hinter ihren Augen schärfte das Bild und schälte einzelne Umrisse aus der Dunkelheit. Steine, flimmernd hinter einem dichten Ascheregen, der violett durchsetzt war, flüsterten ihr Geschichten von einer Zelle zu, der sie nicht entfliehen konnte. Die Erkenntnis warf ihre Hoffnungen so heftig zu Boden wie der Schmerz, die Leere in sich, an die sich das Mädchen nun erinnerte. Energieströme, die sie als Leitmittel genutzt hatten, bevor die Nacht hereinbrach. Und das Wissen, dass sie ihr gebracht hatten: Sie war nicht mehr dort, wo sie die ersten wenigen Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Nicht mehr dort, wo der Wind seine Lieder auf taubedeckten Grashalmen spielte und das Eis die Lava erstarren ließ, während die Lava das Eis schmolz und in reißende Flüsse verwandelte. Sie war gefangen in bedrohlichen Wänden unter unbekannten Geräuschen, die sich in ihr Denken schlichen und sie nicht einmal im Schlaf in Ruhe ließen.
Plopp.
Aber nun schien sich etwas geändert zu haben, das hörte sie an dem Singen des Luftzuges, der ihren Sinnen schmeichelte, an einem Poltern weiter entfernt, einem näherkommenden Schlurfen. Kann ich entkommen? Der Gedanke an bekannte Weiten unter dem wachsamen Blick des Gletschers gab ihr den Willen, sich aufzurichten, es zu versuchen. Mit den Augen tastete sie die spärlichen Bilder ab, die sie ihrer Umgebung entlocken konnte, versuchte den Schatten, den hellen und den blinden Flecken, mehr Informationen zu entnehmen als sie eigentlich baten. Der violette Schimmer unter ihr irritierte sie ebenso wie das Gewicht ihres rechten Armes, das Rascheln bei jeder Bewegung, fast wie ein - Federkleid. Fjólas Atem stockte, mit zunehmender Panik öffnete und schloss sie zunächst ihre linke Hand und dann, als sie mit einer gewissen Erleichterung deren Normalfunktion feststellte, berührte sie vorsichtig das, was sie als rechten Arm empfand. Ihre kalten und verschwitzten Fingern stießen auf weiche, aber erstaunlich widerstandsfähige Federn, zerknickten manche noch nicht völlig ausgehärtete Kiele mit einem kaum hörbaren Knacken. Stumm entfloh ein Entsetzensschrei dem aufgerissenen Gefängnis ihrer Gedanken und breitete sich in der unbeteiligten Steingesellschaft ihrer Zelle aus. Ich – ich – was ist das? Es war zu viel für den Verstand des elfjährigen Mädchens, eine unbestimmte Vorahnung verwandelte sich in einen realen Albtraum, als sie die Kraft zu Aufspringen fand. Vom Gewicht ihres Armes – des Flügels – hinabgezogen, taumelte sie gegen eine Wand und knickte wieder ein, spürte Fetzen zerrissener Kleidung von den Stellen regnen, an denen Federn die Haut durchbrochen hatten und auf den Wind antworten zu schienen, der sich immer noch in die Zelle schlich. Stöhnend fuhr sie mit der linken Hand, der Hand, die noch ihr gehörte, über die sie noch volle Kontrolle hatte, durch ihre Haare, ertastete dort dieselben Gebilde wie auf ihrem anderen Arm, durchsetzt von einzelnen Strähnen. Fjólas Entsetzen wuchs nur noch, während sie den nächsten Versuch zur Flucht startete. Ihr rechter Fuß wollte sie nicht mehr tragen, unerträgliches Scharren von Krallen jagte ihr Angstschauer über den Rücken. Was war mit ihrem Körper geschehen? Guð, heit eg á þig, að þú græðir mig. Gott, ich rufe dich an, damit du mich heilst. Von weit, weit her tönte der einsame Singsang einer warmen Stimme zu ihr herüber, erreichte ihr benebeltes Sein.
Wellen der Dunkelheit engten ihre schlechte Sicht noch mehr ein, hämmerten sich in ihr Bewusstsein, das vor den Schrecken der Gegenwart zu fliehen schien und einem anderen, unbekannten Teil den Vortritt ließ. Ein Teil, der sich in ihr duckte, lauschte und den passenden Moment abwarten zu schien, unbeeindruckt von der Verzweiflung seiner Ergänzung, die er besiegt hatte und unterdrückte. Doch auch er kam nicht gegen die Erschöpfung an, die mit dem nächsten Schmerzstich einherging und Fjóla wieder zusammenfallen ließ.
Plopp.
Schritte lassen das Gras aus Angst vor dem Tod erzittern, verziehen die Oberfläche des kleiner werdenden Tautropfens. Langsam rollt er auf die Spitze zu, drückt sie ein letztes Mal nach unten – und fällt.


We are all accidents
Waiting
Waiting to happen
Radiohead, "There There"

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Das Lefavre-Experiment - von Trinity of Chaos - 28-03-2013, 15:45
RE: Das Lefavre-Experiment - von Adsartha - 13-04-2013, 19:02
RE: Das Lefavre-Experiment - von LaFleur - 14-04-2013, 11:49
RE: Das Lefavre-Experiment - von Eselfine - 15-04-2013, 17:04
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RE: Das Lefavre-Experiment - von Eselfine - 28-04-2013, 16:59
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RE: Das Lefavre-Experiment - von LaFleur - 23-04-2014, 11:44

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