Es ist: 01-10-2022, 08:34
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Das Lefavre-Experiment
Beitrag #10 |

RE: Das Lefavre-Experiment
Auf Konfrontationskurs


Als Alban erwachte, sah er in die Augen einer Ratte - einer Ratte von der Größe eines Pudels. Absurderweise war sein erster Gedanke, wie es wohl Mordrat ging. Hatte er das Unglück überlebt oder jagte er die Ratten jetzt im Jenseits - Kreaturen mit verzerrten Proportionen, einer Schale aus Stein und Augen aus flüssigem Feuer. Er hasste Ratten.
Jetzt erst erfasste ihn die Panik. Langsam wich er auf dem Boden zurück, sein Verstand verabschiedete sich.
Die Umwelt mutierte zu einer Diashow und er stieß wieder vor; biss zu, ein-, zwei-, dreimal. Während das Gift langsam in ihre Venen eindrang, erstarrte die Kreatur und kippte langsam um, während das Leben aus ihren Augen verschwand. Tote Ratten hasste er nicht.
Es dauerte eine Zeit, während der er auf dem Boden lag und einfach verharrte, bis Alban realisierte, was falsch an diesem Tod war. Zunächst war er nur verwirrt, dann schließlich wuchs seine Vorstellung in ihrem Grauen, bis sie unmöglich schlimmer sein konnte als die Wirklichkeit. Er sah auf seine Arme runter und erhaschte einen kurzen Blick auf etwas bedeutend kleineres, bevor er schnell wieder wegsah. Lieber zuerst das Gesicht.
In der Nähe war eine kleine Pfütze, die fortwährend Wellen schlug und nur ein unscharfes Bild erlaubte. Langsam stieß er sich zu ihr hin - mit Beinen, über die er nicht nachdenken wollte, vorerst. Dann sah er in sein Gesicht.
Der erste Gedanke war, dass es ihn hätte schlimmer treffen können. Die schuppige Haut einer Schlange schloss die linke Seite seines Kopfes ein wie ein Helm und floss an der Stirn langsam über in menschliche Haut. Seitlich am Kopf hatte er noch einige Haare, die jedoch stellenweise die beige Farbe der Schuppen hatten und nicht das ursprüngliche Blond. Die Schlangenhaut zog sich links über seinen Unterkiefer und führte dann wieder hoch zum Mund aus dem eine gespaltene Zunge hervorsah - auf der einen Seite die einer Schlange, auf der anderen die eines Menschen. Es war auf eine eigenartige, befremdliche Weise schön. Schlangen konnte er ausstehen. Die töteten Ratten. Er tötete Ratten.
Dann erst traf ihn mit voller Wucht, was tatsächlich geschehen war. Er war nicht mehr er. Er war gespalten wie seine Zunge, missgestaltet. Er war immer recht gut aussehend gewesen, ein markantes Gesicht, der Körper durchtrainiert. Er hatte keine Schönheitspreise gewonnen, doch durchaus auf sein Aussehen geachtet. Dementsprechend war er auch beim weiblichen Geschlecht angekommen - bis jetzt. Denn nun würde niemand ihn mehr nehmen, nicht einmal für Geld und er wusste auch gar nicht, ob er überhaupt konnte.
Um sich abzulenken von der Tristesse dieses Gedanken, dachte Alban darüber nach, wo er eigentlich war. In einer Höhle, klar. War das noch in Australien, wo er seinen Entzug hatte vollziehen wollen, nachdem er ... Nein, damit gar nicht erst anfangen! Was war nur mit ihm geschehen? Wie hatte sein Leben derart den Bach runtergehen können. Vor einigen Monaten noch war er Teil der angesehenen Gesellschaft von Paris gewesen, war auf den exklusivsten Partys eingeladen und htte selbst die besten Feiern von allen geschmissen. Und jetzt? War er mehr Tier als Mensch und wälzte sich im Dreck, weil er nicht mehr aufstehen konnte.
Es musste einen Weg zurück geben. Und der erste Schritt wäre, diese Höhle zu verlassen. Er sprang auf und flog einige Meter. Selbst überrascht von dieser Leistung reagierte er nicht mehr richtig auf die Landung, knickte ein mit seinen Beinen und landete auf dem verkrüppelten Brustkorb. Er schrie auf, als er ein unnatürlichen Knacksen hörte und umschlang mit den Überresten seiner Arme den Körper als könnte er den Schmerz einfangen.
Nach einiger Zeit ebbten die Schmerzwellen langsam wieder ab - vielleicht hatte er auch einfach schon zu viel erlitten - und er rappelte sich wieder auf. Eine Stimme in seinem Kopf drängte ihn, hier drinnen zu bleiben. Es war hier feucht und warm und sicher! Doch er zwang sich nicht aufzugeben und verbissen sah er hinunter auf seine Beine. Eine fluoreszierende Farbschicht, die zwischen gelb und grün nuancierte bedeckte muskulöse Schenkel. Im Mund lief ihm das Wasser zusammen* und er erkannte riesige Froschbeine. Wie viel Mensch bin ich eigentlich noch?
Doch er quälte sich nicht weiter mit Fragen, sondern sprang ab. Diesmal meisterte er die Landung besser, doch die anscheinend gebrochenen Rippen schmerzten wieder mit dem Aufprall. Etwas vorsichtiger und langsamer, doch stetig setzte er seine Weg vor, zwischen Springen, Kriechen und Schmerzen.
Was erwartete ihn bloß draußen?

"Für den Freund der Aufhellung behalten Wort und Begriff des >Volkes< selbst immer etwas Archaisch-Apprehensives und er weiß, dass man die Menge nur als >Volk> anzureden braucht, wenn man sie zum Rückständig-Bösen verleiten will. Was ist vor unseren Augen, oder auch nicht just vor unseren Augen nicht alles geschehen, was im Namen Gottes, oder der Menschheit, oder des Rechtes nicht wohl hätte geschehen können!"
Thomas Mann, Doctor Faustus (1947)

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Das Lefavre-Experiment - von Trinity of Chaos - 28-03-2013, 15:45
RE: Das Lefavre-Experiment - von Adsartha - 13-04-2013, 19:02
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RE: Das Lefavre-Experiment - von Eselfine - 28-04-2013, 16:59
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RE: Das Lefavre-Experiment - von rex noctis - 10-10-2013, 17:17
RE: Das Lefavre-Experiment - von Adsartha - 07-12-2013, 11:59
RE: Das Lefavre-Experiment - von rex noctis - 05-01-2014, 16:53
RE: Das Lefavre-Experiment - von Eselfine - 07-01-2014, 19:43
RE: Das Lefavre-Experiment - von LaFleur - 23-04-2014, 11:44

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