Es ist: 01-10-2022, 08:21
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Das Lefavre-Experiment
Beitrag #14 |

RE: Das Lefavre-Experiment
Sie fanden bald eine geeignete Stelle. Unter einem kleinen Steinvorsprung, der umgeben von Bäumen war, nahmen sie platz. Zu zwei Richtungen ging der Waldboden steil bergab, in die dritte Richtung stieg er an. Und in der vierten Richtung umgab die Felswand den Vorsprung. Ein gut geschützter Platz. Der Boden war ein wenig nass, was Alban sehr zugute kam. Weil er im Schneidersitz sofort zusammengebrochen wäre, setzte er sich auf die Knie. Camille schaffte sich mit erstaunlicher Kraft einen halbwegs trockenen Stein heran, auf dem sie sich niederließ. Dann saßen sie einfach nur da. Keiner von beiden verspürte das Bedürfnis etwas zu sagen – nicht um Zeit für sich zu haben, sondern weil bereits der Anflug einer Rede fröhlicher gewirkt hätte als sie sich fühlten. Alban bemühte sich, über nichts nachzudenken, doch er konnte nichts gegen die Bilder tun, die sich in seinem Kopf aufbauten: die Partys, die Frauen und – nicht zuletzt – eine Wohnung, in Schutt und Asche gelegt. Ein brennendes Gebäude, aus dem Menschen wie Wesen der Hölle flohen.
„Ich bin froh, dass du hier bist.“ Es war Camille und er nahm sich zum ersten Mal Zeit, sie wirklich zu beobachten. Wenn man von ihrem Körper absah, den Klauen und Krallen, war sie noch menschlich. Sie sprach ein sauberes Französisch mit Einschlägen der Normandie. Ein Mädchen vom Lande.
„Ich auch.“ Und er merkte, dass das wahr war.
Wieder legte sich das Schweigen wie eine vom Wind gehobene Feder.
Schließlich richtete er sich auf. „Ich denke, wir sollten mehr über unsere Lage herausfinden.“
„Und einander kennenlernen.“
„Ja, das auch. Aber das kann warten.“ Ich kann warten.
Camille wollte etwas einwenden, doch sagte schließlich nur: „Wie du meinst. Zumindest aber solltest du mir erzählen, ob du etwas weißt oder kannst, was uns helfen würde.“
Er bewunderte Camilles Ruhe, ihren freundlichen Ton und so beschloss er, so schmerzhaft es auch war, von sich zu erzählen. „Ich … mein Name ist Alban Hérissan. Ich bin Sohn eines Unternehmers. Und ich habe drei Jahre lang Alchemie der Elemente studiert, bevor ich abgebrochen … wurde.“
„Klingt nach einem aufregenden Leben. Tja, was soll ich sagen, ich wurde in Fécamp geboren und bin nie sonderlich weit gekommen. Aber es war ein glückliches Leben und ich vermisse es.“
„Das würde ich auch“, sagte er heiser. Bleib ehrlich. „Nein, würde ich nicht. Hätte ich es, würde ich es nicht schätzen.“
„Du bist ehrlich. Ich mag das.“ Sie rückte näher an ihn ran.
Ich weiß nicht, warum, aber aus irgendeinem Grund hat sie sich entschlossen, mir zu vertrauen. Für einen Moment vergaß er ihre Klauen und Hufe. Für einen Moment interessierten sie ihn nicht. Er sah nur diese Augen. Die Augen, die mehr Mensch zeigten als der ganze restliche Körper. Sie erwiderte den Blick, scheu, doch herausfordernd.
Er atmete aus, wollte etwas sagen, doch ihm fiel nichts ein. Warum nur? Warum fange ich an sie zu mögen? Es wird im Chaos enden. Es endet immer im Chaos.
In diesem Moment drang ein Hall an seine Ohren und die Spannung zwischen ihnen löste sich auf. Wie das leichte Erzittern durch ein fernes Erdbeben schwang die Luft.
„Hörst du das auch?“, fragte er.
„Ja“, hauchte sie und Angst schlich sich in ihre Stimme. „Was ist das?“
Wieso fragt sie mich? Wieso vertraut sie mir? Die Frau war ihm ein Rätsel.
Er schüttelte sich innerlich. Es gab wahrlich Wichtigeres zu tun. Wahrscheinlich war das Geräusch ungefährlich, doch – nein. Irgendwoher weiß ich, dass etwas Gefährliches im Gange ist. Er verspürte Angst und seine Beine zitterten unruhig. „Ich weiß es nicht. Es klingt wie ein gewaltiges …“
„Tier?“ Camille sprach aus, was er tatsächlich gedacht hatte. Wieder erbebte die Luft, diesmal deutlich stärker. Der Fels über ihm zitterte.
„Wir bleiben hier“, entschied er. „Hier kommt es nur schwer hin.“
„Sicher? Alban, ich weiß nicht. Ich …“ Die Hölle brach über sie herein. Das Geräusch, das zunächst seine Ohren irritiert hatte, bereitete ihm nun üble Kopfschmerzen. Er drehte sich nach oben und sah eine groteske brennende Gestalt über ihnen fliegen. Die Arme waren unnatürlich langgezogen und der Körper schien wie gekreuzigt an eine Tiergestalt, die viel zu groß für ihn war. Ein Drache! Der Fels über ihnen knackte. Ohne zu zögern, sprang er weg, in Richtung Abhang, während gleichzeitig Feuer vom Himmel fiel und er etwas Schweres hinter sich auf dem Waldboden aufprallen hörte. Er strauchelte und stürzte, ignorierte die Schmerzen und rappelte sich sofort wieder auf. Er wollte voran in Richtung Abgrund springen – die Froschschenkel trugen ihn weiter als seine normalen Beine -, doch aus einem Impuls heraus drehte er sich um. Alchemisches Feuer hatte die Erde in Brand gesetzt. Er blinzelte mit den Augen und hyperventilierte. Einige Sekunden war er weder fähig sich zu bewegen noch irgendetwas zu unternehmen. Dann schüttelte er sich. Sein Blick fiel auf Camille. Ihre Beine waren augenscheinlich von einem massiven Felsblock getroffen worden, der sie gefangen hielt. Ihre Augen sahen flehend zu ihm auf.
Er hörte, wie die Schwingungen wieder lauter wurden. Der Drache kam näher. Seine Angst schwoll an. Er – oder zumindest ein Teil von ihm – wollte ihr helfen. Er machte einen hüpfenden, zögerlichen Schritt zu ihr hin, doch die Panik bremste ihn. Er begriff seine übermächtige Furcht, einen Moment, bevor er einen gewaltigen Sprung in Richtung des Abhangs machte, nein, beinahe über ihn hinaus. Er strauchelte und in der Fallbewegung drehte er nochmals seinen Kopf. Die Angst und Verwirrung in Camilles Augen brannten sich in sein Gedächtnis ein. Dann verlor er die Sicht. Er prallte auf, seine Beine stießen sich wieder vom Boden ab und beschleunigten so die Fahrt nach unten. Gemeinsam mit Erde, Panik und Selbsthass fiel er den Wald hinab, bis der Schmerz ihn überwältigte und er das Bewusstsein verlor.

"Für den Freund der Aufhellung behalten Wort und Begriff des >Volkes< selbst immer etwas Archaisch-Apprehensives und er weiß, dass man die Menge nur als >Volk> anzureden braucht, wenn man sie zum Rückständig-Bösen verleiten will. Was ist vor unseren Augen, oder auch nicht just vor unseren Augen nicht alles geschehen, was im Namen Gottes, oder der Menschheit, oder des Rechtes nicht wohl hätte geschehen können!"
Thomas Mann, Doctor Faustus (1947)

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Das Lefavre-Experiment - von Trinity of Chaos - 28-03-2013, 15:45
RE: Das Lefavre-Experiment - von Adsartha - 13-04-2013, 19:02
RE: Das Lefavre-Experiment - von LaFleur - 14-04-2013, 11:49
RE: Das Lefavre-Experiment - von Eselfine - 15-04-2013, 17:04
RE: Das Lefavre-Experiment - von rex noctis - 16-04-2013, 14:39
RE: Das Lefavre-Experiment - von Eselfine - 28-04-2013, 16:59
RE: Das Lefavre-Experiment - von Adsartha - 29-04-2013, 22:33
RE: Das Lefavre-Experiment - von LaFleur - 30-04-2013, 17:01
RE: Das Lefavre-Experiment - von rex noctis - 02-06-2013, 00:08
RE: Das Lefavre-Experiment - von LaFleur - 04-06-2013, 13:30
RE: Das Lefavre-Experiment - von rex noctis - 10-10-2013, 17:17
RE: Das Lefavre-Experiment - von Adsartha - 07-12-2013, 11:59
RE: Das Lefavre-Experiment - von rex noctis - 05-01-2014, 16:53
RE: Das Lefavre-Experiment - von Eselfine - 07-01-2014, 19:43
RE: Das Lefavre-Experiment - von LaFleur - 23-04-2014, 11:44

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