Es ist: 01-12-2022, 21:32
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Das Lefavre-Experiment
Beitrag #15 |

RE: Das Lefavre-Experiment
Schrecken in der Dunkelheit

Wie ein Hoffnungsschimmer fiel etwas Zwielicht in die fremde Zelle und hob grob die Umrisse einer flügelumspannten Gestalt aus dem Dunkel hervor. Friedas Herz klopfte und im Stummen griff sie zu den Gebeten, die aus den Tagen ihrer Kindheit wieder zu ihr fanden.
"Danke, Herr", flüsterte sie und stolperte weiter in die Zelle, um zu dem Engel zu gelangen, den ihr irgendein gütiges Schicksal gesandt haben musste. Als sie sich in einer gewohnten Geste am Türrahmen abstoßen wollte, knackte ihre missgestaltete Hand und jagte Schmerz hinunter in den übrig gebliebenen Fingerzeig. Mit dem Schmerz rutschte auch einer ihrer Handschuhe - ohnehin nur noch locker um das Gelenk zusammengefallener Stoff - zu Boden. In einem zuckenden Reflex ruckte sie ihren Kopf in die Richtung und in ihrem Kopf kämpfte die Welt um Gleichgewicht, als das ungewohnte Abbild um sie herum verschwamm. Nur einen winzigen Sekundenbruchteil, dann war das Bild wieder scharf und sie sah den Fetzen bleichen Stoff auf dem grauen Boden liegen.
Ich werde ihn nicht aufheben können, dachte sie, denn schon die geringste Bewegung lastete schwer auf ihrem Körper und ließ ihn ungesund knacken. Ihre Hilflosigkeit erkennend kehrte die gerade erst mühsam bezähmte Angst zurück und Frieda wandte den Kopf wieder um. Ein Schluchzen verwandelte sich in ihrem Mund in ein krächzendes, keuchendes Irgendetwas, das gerade so über ihre versteinerten Lippen kam.
Engel. Sie klammerte sich an dem Gedanken fest und bewegte ihren Kopf, um sehen zu können, so gut sie es in ihrer Lage vermochte.
Dann zitterte die Spitze des Flügels, den sie sicher gedeutet hatte, und schliff in einer Rührung der Gestalt über den Boden. Frieda erstarrte. Im ersten Moment war sie sich nicht sicher, ob sie sich das Zucken nur eingebildet hatte, doch dann kam Bewegung in die Dunkelheit. Mit einem Laut, der nach einem Stöhnen klang, bewegten sich die Schwingen der Gestalt - zogen sich wie eigene Lebewesen zurück, nur um im nächsten Moment mit beeindruckender Geschwindigkeit einen Windstoß durch die Zelle zu wirbeln und ihren Besitzer von nun auf jetzt in eine geduckte Haltung zu bringen.
Frieda wich zurück, behäbig und schwerfällig dank ihrer Schuhe und der unnachgiebigen Korsage, und starrte für einen Sekundenbruchteil in ein Paar Augen, das im Dunkeln glänzend zurückstarrte. Gespenstisch wirkte der Blick, wie der eines Dämons, und eine Gänsehaut jagte über Friedas Rücken und Arme. Die Hoffnung, die eben noch ihre Funken in die Zelle geworfen hatte, verwandelte sich in Entsetzen, als die Gestalt sich mitsamt ihrer beeindruckenden Schwingen zögerlich in ihre Richtung beugte. Während sich die vordere in Anspannung ausbreitete, war die hintere halb verborgen und schien mehr als groteske Verformung herabzuhängen. Schatten und Stein untermalten den Moment des Zögerns. Frieda blickte, gefesselt von Schreck, auf die halb aufgerichtete Gestalt, die sich wie ein Gargoyle vor ihr manifestiert hatte - und mit ihr eine plötzliche, panische Angst.
Flieh, wisperte eine neue Stimme in Friedas Kopf. Sofort!
Frieda kam kaum dazu, sich zu fragen, wo diese Stimme herkam, denn die im Dunkeln glänzenden Augen bewegten sich mit einem Mal. Wie fragend legte die schattenhafte Gestalt ihren Kopf schief und blinzelte. Einmal. Dann stieß sie ein Kreischen aus und katapultierte sich mit einem heftigen Flügelschlag in die Luft. Friedas Verstand schaltete sich sofort aus und sie warf sich herum. Ihr Fußknöchel protestierte heftig und als sie sich mit aller Kraft über die Türschwelle warf, wusste sie, dass sie fallen würde. Sie riss die Arme hoch, um ihr Gesicht zu schützen, und hörte das Krachen, bevor der Schmerz wie ein Blitz ihren Körper durchfuhr. Von ihrem linken Handgelenk aus eroberte er ihren Arm bis in die Schulter, dazu ertönte hinter ihr das schwere Aufprallgeräusch der gargoylehaften Gestalt, und Frieda schrie. Sie schrie, so laut sie konnte, noch während sie mit bloßen Grau vor den Augen sich weiterschleppte. Irgendwie kam sie wieder auf die Beine und hatte nur einen Gedanken - weg hier, bloß weg hier!
Der Gang verschwamm, nach vorne konnte sie kaum sehen. Sie stieß gegen Pfeiler, die aus dem Nichts vor ihr auftauchten, prallte schmerzhaft gegen Wände und polterte schließlich an eine Tür, die ihrem Gewicht nachgab. Dahinter zuckte blaues Licht in kleinen Blitzen, die sich an Rohre und fahles Licht klammerten, doch sie nahm den Raum kaum wahr. Mit Schmerz in allen Gliedern fiel Frieda erneut und fand diesmal ein vor ihren Augen verschwimmendes Pult, über dessen Oberseite ein paar blaue Funken sprangen. Sie kroch dahinter und sackte in sich zusammen, sicher, dass sie sterben würde.

"Unmöglich? Du selbst bist doch die Fürstin des Unmöglichen. Du hast mir das Leben geschenkt und es dann zur Hölle gemacht. Zwei Väter hast Du mir gegeben, und beide mir entrissen. Unter Schmerzen mich geboren und zu Schmerzen mich verdammt. Nun spreche ich zu Dir aus dem Grabe, zu dem Du mir die Welt geschaffen hast: Ich bin Deine Tochter - und Dein Tod."
- aus Bastard -

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Das Lefavre-Experiment - von Trinity of Chaos - 28-03-2013, 15:45
RE: Das Lefavre-Experiment - von Adsartha - 13-04-2013, 19:02
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RE: Das Lefavre-Experiment - von rex noctis - 05-01-2014, 16:53
RE: Das Lefavre-Experiment - von Trinity of Chaos - 07-01-2014, 19:22
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RE: Das Lefavre-Experiment - von LaFleur - 23-04-2014, 11:44

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