Es ist: 06-10-2022, 22:18
Es ist: 06-10-2022, 22:18 Hallo, Gast! (Registrieren)


DACH lesen und sich langweilen?
Beitrag #17 |

RE: DACH lesen und sich langweilen?
@Dread
Ich verstehe nicht, warum du alle Beiträge aus diesem Thread entfernt hast. Zum Glück konnte ich deine Erklärungen zu meinem Kommentar deines Beitrags noch lesen und deine Aussage besser verstehen. Ich bleibe trotzdem dabei, beim ersten Mal verstanden zu haben, du hättest keine Lust auf die Bücher, die von Migranten geschrieben wurden: Ich beschrieb in meiner Einleitung, dass ein Teil der aktuellen deutschsprachigen Literatur Geschichten von Erfahrungen aus Osteuropa handelt, geschrieben von osteuropäischen Einwanderern oder ihrer Nachkommen. Als du darauf mit "Na und?" und "Ich bin ein Ureinwohner dieses Landes" antwortetest, musste man sich nicht mal besonders anstrengen, in deinen Worten zu lesen, dass sich hiesige Literatur mit hiesigen Geschichten beschäftigen sollte. Ich bin froh, dass das aber gar nicht deine Intuition war.

@pendlbäuerin
Dieses Jahr gab es mit Klaus Kastberger mal jemanden, der Stimmung in die Jury gebracht hat, witziger Typ.

@Saryn
Als es Hitler gab, gab es auch meine meine Oma schon. Damit will ich sagen, dass die Geschehnisse nur so kurz her sind, dass die deutsche Gesellschaft noch immer von der NS-Zeit, dem Krieg, dessen sofortigen Folgen (Wiederaufbau) und langfristigen Folgen (Kalter Krieg) beeinflusst ist. Ich kann darum verstehen, dass Autoren, auch junge, die keine historischen Texte schrieben, sich in ihrem Schreiben immer wieder auf die Nazis beziehen, die einen sicherlich auf den Völkermord an den Juden, andere vor allem auf den Aspekt der Diktatur. Dem faschistischen Regime folgte in einem Teil des Landes gleich ein sozialistisches; das erste beeinflusste die ganze Welt, weil es einen großen Krieg begann, das zweite wirkte ebenso global, weil auf ihm der rote Knopf platziert war, von dem vierzig Jahre lang niemand wusste, ob er bald gedrückt würde und, wenn ja, von wem.
Keine Angst, ich verstehe deinen Post auf keinen so, dass man sich von der Geschichte lösen sollte, doch war das meine Antwort auf deine Verwunderung, warum die zwei Diktaturen so präsent sind.

Plots: Die scheinen wirklich nebensächlich zu sein. Ich denke nicht, dass das nur hier ein Problem ist: "High Brow"-Literatur scheint sich um anderes zu drehen, als den Überraschungseffekt, sowohl bei den Amerikanern als auch den Briten. Das stört mich nicht mal wirklich: Auch Dickens hatte schwache Handlungsstränge ("Oh, ich Armer weiß nicht weiter. Sieh nur da: Ein Freund, den ich seit zehn Jahren nicht gesehen habe und der mir jetzt gut aus der Patsche helfen kann, toll."), aber die Charaktere und die Weisheit machten den Text aus - und ein weiterer Aspekt: Humor. Und da bin ich wieder bei dir. Unterhaltung und Anspruch schließen sich in DACH oft aus; wer zum Lachen bringt, kann es nicht ernst meinen. Das scheint in englischsprachigen Ländern wirklich besser zu funktionieren.
Ein fehlender Plot stört mich in erster Linie nicht. Mir fällt gerade nur ein Film ein: "Lost in Translation". In dem passiert ja nun wirklich nichts, aber man lernt zwei Menschen, von den nur ein kurzer Abschnitt ihres Lebens gezeigt wird, auf eine Art kennen, die ich bewundere und von der ich bedauere, sie niemals nachahmen zu können.

Viele Bücher werden abgestempelt bzw. in Schubladen gepackt. Das sehe ich auch so. Aber ebenso wie "Jekyll & Hyde" und "Blade Runner" es in den Kanon geschafft haben, gab es in Deutschland in den letzten zwei Jahren z.B. "Die Zukunft des Mars" von Georg Klein über eine menschliche Marskolonie, die sich schon gar nicht mehr daran erinnert, von der Erde gekommen zu sein und dort weniger zivilisert ist, als unser Planet 2015 (Hier ist Ihre Gelegenheit für Zynismus); Clemens Setz' "Indigo", ein mystischer Roman über eine Seuche, die unter Kindern ausbricht; Christian Krachts "Ich werde hier sein, im Sonnenschein und im Schatten", alternative Geschichte, in der Lenin den Sowjet in der Schweiz ausgerufen hat und der Protagonist sich in unserer heutigen Zeit durch ein mitteleuropäisches Endzeitszenario bewegt; und vom oben bereits erwähnten Leif Randt "Planet Magnon" über ein entferntes Sonnensystem, in dem eine Computerintelligenz basierend auf mathematischer Logik seine Herrschaft ausübt. Diese vier Bücher haben ihren Platz im Feuilleton gefunden; man ist also nicht ganz ignorant.

Was gute Literatur ist, ist genauso subjektiv und schwierig zu beantworten, wie "Was ist Kunst?". Es gibt viele Auffassungen vieler Menschen und immer wieder finden sich welche, deren Ansichten sich gleichen. Die beginnen dann eine Diskussion über ihren Literaturgeschmack und Bücher, die diesen bedienen. Das halte ich für ganz natürlich. Unglücklich ist nur, dass sich eine Strömung herausgearbeitet hat, die von ihren Vertretern, aber auch vielen Außenstehenden, als schlau betrachtet wird. Man kann sich darüber beschweren, zumal die Schlauen in den großen Zeitungen besonders viel Aufmerksamkeit bekommen, schließlich seien sie ja Kultur. Doch ich bin darüber nicht ganz so beunruhigt: Als neulich Sir Terry starb, brachten die SZ, die FAZ, die Zeit und andere liebevolle Nachrufe in ihren Feuilletons.

EDIT: Ich habe die hier erwähnten Texte den Leseproben am Anfang hinzugefügt.


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RE: DACH lesen und sich langweilen? - von pendlbäuerin - 07-07-2015, 09:05
RE: DACH lesen und sich langweilen? - von Saryn - 07-07-2015, 11:32
RE: DACH lesen und sich langweilen? - von Mr Moonlight - 07-07-2015, 21:36
RE: DACH lesen und sich langweilen? - von pendlbäuerin - 08-07-2015, 08:42
RE: DACH lesen und sich langweilen? - von pendlbäuerin - 09-07-2015, 11:33

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