Es ist: 26-06-2019, 14:08
Es ist: 26-06-2019, 14:08 Hallo, Gast! (Registrieren)


Susanne
Beitrag #1 |

Susanne
Susanne war immer fröhlich. Sie schwatzte mit den Gästen, nahm sich immer Zeit dazu. Konnte sie einen Gast besonders gut leiden, setzte sie sich auch schon mal dazu, trank ein Schlückchen und plauderte. Spielten Musiker in der kleinen Bar direkt am Strand, dann tanzte sie – trotz ihrer 65 Jahren. Sie war einfach ein Sonnenschein. Seit fünf Jahren lebte sie nun auf Kiba, stammte aber eigentlich aus Gildberg. Da war ihr das Wetter nicht bekommen. Ihr Mann war gestorben und Kinder hatte sie keine. Warum also in ihrem kleinen Haus mitten in Ijsselburg bleiben. Da hatte es nichts gegeben, was sie gehalten hatte. Also hatte ihr Haus verkauft, sich artig von den Nachbarn verabschiedet, ihr Gold von der Bank geholt und dann eine beschwerliche Reise in den Süden von Aerath auf sich genommen. Von da weiter mit dem Schiff nach Turó. Dort blieb sie einige Zeit, das Wetter war schön, die Leute freundlich und das Essen gut, aber sie wollte weiter nach Kiba, also ging sie für fast ein Jahr nach Llerída, lernte die Sprache und dann saß sie wieder auf einem Schiff, auf nach Kiba.
Der Abschied war ihr schon etwas schwergefallen, denn Susanne war ein fröhlicher und offener Mensch und hatte viele Freundschaften geschlossen. Aber es zog sie einfach weiter. In Kiba war sie in einem kleinen, bei ausländischen Gästen sehr beliebten Städtchen namens Aguas Claras gelandet, hatte sich ein kleines süßes Apartment direkt am Strand genommen – sie brauchte nicht viel, eine kleine Küche, ein Bad, ein Bett, einen Sessel, eine Truhe und einen Schreibtisch. Wichtiger war der Balkon, der direkt zum Meer ging und auf dem sie soviel Zeit verbrachte, wie es ging. Schnell hatte sie die Nachbarn kennen gelernt aber trotzdem war ihr bald schon langweilig geworden und als die Bar La Gaviota eine Kellnerin mit Fremdsprachenkenntnissen suchte – hier gab es viele Gäste aus Gildberg, was sie ziemlich überrascht hatte, bedachte man die lange Anreise, aber auch aus Cannok, Aerath und aus dem Osten – da hatte sie sich beworben. Schon am nächsten Tag durfte sie anfangen.
Der Laden hieß La Gaviota de Kiko, denn Miguel „Kiko“ Rodriguéz war der Besitzer, aber eigentlich war der nie da. Er vermietete Ferienhäuser am Strand und war meist irgendwo unterwegs und organisierte oder reparierte irgendwas. Das Restaurant und die Bar wurden von seiner Frau Concha und ihrer Zwillingsschwester Marta geführt, zwei Matronen, die sich das Reich genau aufgeteilt hatte: Concha stand in der Küche, Marta im Gästeraum. Dann gab es noch Paco, der für den Kaffee zuständig war und beim Bedienen half, wenn es zu voll war, in der Küche arbeiteten außerdem die drei Parcas, Parca, Parquita und Parquitita, drei ältliche Schwestern, es gab noch ein paar wechselnde Aushilfskellner aus dem Ort und einmal die Woche kamen Diego, Sancho und Pablo und spielten typische Musik der Insel, oft wurde dann auch getanzt.
Susanne war froh, hier in dieser netten und freundlichen Gaststätte mit ihrer großen Terrasse zu arbeiten – und seit sie hier war, kamen immer mehr Gäste. Sie war einfach ein Herzchen, ein Schatz. Sie kannte nach spätestens zwei Besuchen die Namen der Gäste, konnte sich alle Bestellungen merken, beriet immer auf den Punkt und flirtete trotz ihres fortgeschrittenen Alters hemmungslos mit Jung und Alt. Ihr Lachen war bald noch mehr ein Markenzeichen von La Gaviota, als es das berühmte gegrillte Hähnchen oder der Reis mit Bohnen und Fisch waren.
 Aber wenn keine Gäste da waren, dann saß sie meist allein auf einem kleinen Stuhl in der schattigen Bar, trank einen Kaffee oder ein Wasser. Die beiden Schwestern redeten miteinander, mit den Parcas, mit dem Lieferanten, aber nicht mit Susanne. Sie teilten übrigens auch das Trinkgeld nicht mit ihr. Aber Susanne wollte sich nicht beschweren. Die Gäste reichten ihr aus und das Geld brauchte sie nicht unbedingt. Es war trotzdem ein wenig schade.
 Schlimmer war es abends in ihrem Zimmer, dann wenn die Nachbarn zusammen aßen, wenn die Besucher über die Promenade schlenderten. Dann bemerkte sie, dass sie hier immer noch nur eine Besucherin war. Die Einheimischen waren freundlich, aber nicht so offen wie in Turó oder Llerída, und sie blieben doch am Ende lieber untereinander. Also hatte Susanne vor allem das, was sie Kurzzeitfreunde nannte. Dann vermisste sie Gildberg. Ach, du dumme alte Schachtel! Schalt sie sich selbst. Was hätte sie denn dort? Sie könnte mit Hilda, Beatrix und Janke, alle Witwen und ihre Nachbarinnen, Karten spielen, Eierlikör trinken und zu viel Waffeln und Torten essen. Und es war oft kühl, windig und feucht. Hier gab es jeden Tag Sonne und es gab ihre Gäste, die sie ihre lievjes, ihre Liebchen, nannte.
Außerdem gab es da ja noch ihn. Ach, dieser Mann. Er kam bereits seit Jahren immer schon hierher, als Handelsreisender. Rodd Farlan aus Craigavan. Oh… sie errötete wie ein junges Mädchen, wenn sie nur an ihn dachte. Sie hatte gedacht, dass sie nach dem Tod von Piet, ihrem Mann, niemals wieder heiraten oder sich auch nur verliebe würde. Nicht dass sie Piet besonders geliebt hätte. Oh, das darf man nicht falsch verstehen. Piet war ein guter Mann gewesen. Er hatte sich immer gut um sie gekümmert, er war freundlich, ordentlich, strebsam und sogar ganz attraktiv gewesen. Sie hatten sich nur einfach nicht wirklich geliebt. Ja, vor der Hochzeit waren sie verliebt gewesen, aber aus der Verliebtheit wuchs keine Liebe, sondern Respekt und so etwas wie eine Freundschaft, eben so eng, wie eine Freundschaft zwischen Mann und Frau damals hatte werden können. Sie mochte Bücher, Kultur, Musik, er seine Ruhe. Also ging sie mit Freundinnen in die Museen und Theater, während er lieber zu Hause etwas las. Er aß gerne gute Hausmannskost und hasste Fisch, sie liebte Fisch und exotisches Essen. Trotzdem waren sie über 40 Jahre verheiratete gewesen und als Piet ganz plötzlich gestorben war, da fühlte es sich so an, als ob auch ein Teil von ihr gestorben war. Sie hatte vielmehr um ihn getrauert, als sie das erwartet hatte.
Außerdem, dass musste sie nun auch zugeben, sah sie zwar für ihr Alter noch gut aus, aber sie machte sich keine Illusionen. Sie hatte ziemlich zugelegt in den letzten Jahren – dafür hatte sie fast keine Falten. Immer schön von innen dagegen arbeiten, das hatte ihr ihre Großmutter Willemina geraten, eine begnadete Bäckerin. Ihr Haar war nicht mehr blond, aber noch immer lang und glänzend – und sie war sehr beweglich und agil. Aber eben doch 65 Jahre alt. Das war doch keine Alter, in dem man sich noch mal verliebt wie mit 15 Jahren! Aber dann war es doch passiert.

Eines Tages hatte er dagesessen, dieser Rodd, und war in allem so ganz anders als ihr Piet. Groß, früher einmal sicher sehr muskulös, jetzt aber mit einem ziemlich beeindruckenden Bierbauch, ein schmaler grauer Haarkranz, ein großer Schnurrbart, goldene kleine Ohrringe, eisblaue Augen und ein dröhnendes Lachen. Das war ihr zuerst aufgefallen, denn es war immer ein bisschen zu laut.
Er war auch nicht gerade zurückhaltend und flirtete was das Zeug hielt mit all den jungen Hühnern, die am Café vorbeigingen. Susanne hatte er zwar freundlich behandelt, aber eben auch nicht mehr. Zumindest nicht in den ersten drei, vier Tagen. Er aß Unmengen, trank mindestens genauso viel ohne jemals sichtbar betrunken zu werden, und genoss viele der guten kibanischen Zigarren. Und dann, nach einem großen Abendessen, kam er plötzlich mit ihr ins Gespräch.
Er war Handelsvertreter für eine der großen Handelskompanien, aber auf eigene Rechnung wie er immer wieder betonte. Er war ziemlich viel herumgekommen und es fiel ihr schwer, zwischen all seinen Anekdoten, von denen mindestens die Hälfte bestimmt reine Dichtung und wirres Seemansgarn waren, weiterzuarbeiten und als ihre Schicht vorbei war, da setzt sie sich noch stundenlang zu ihm. Er erzählte ihr von seiner Heimat Craigavan, eine der Rhyfelwr-Inseln im Nordosten, und von seinem Heimatdorf an der rauen Steilküste, davon, dass er schon als kleiner Junge davon geträumt hatte, einmal raus zu fahren, aufs Meer und einfach Abenteuer zu erleben.
Nach einem kurzen Stopp bei der königlichen Marine  - er zeigte ihr stolz seine Tätowierung mit dem Wappen seines Regiments – war er dann zu den Handelskompanien gewechselt. Er hatte so viel gesehen, Susanne kannte all diese Orte nur aus Erzählungen und wenn Rodd von all diesen exotischen Plätzen berichtete, dann war es ein bisschen so, als wäre sie selbst mit ihm in Bhantan, Anadölü, Shi-Am, auf den Südinseln oder in Shi-ie-La gewesen.
Rodd blieb noch mehrere Wochen auf Kiba. Es war sein vorletztes Jahr, danach wollte er sich zur Ruhe setzen. Jeden Abend verbrachten die beiden zusammen, ganz unschuldig aßen sie gut, tranken Wein, gingen spazieren, einmal sogar tanzen. Und an seinem letzten Abend, da hatte er sie einfach geküsst. Ganz zart, viel sanfter, als man es diesem starken Riesen zutrauen würde. Und sie war errötet wie ein Schulmädchen und beide kicherten. Es brach ihr fast das Herz, dass er sie wieder verlassen musste. Aber würde wiederkommen. Und das tat er, acht Monate später und dieses Mal blieb er fast genauso lange wie er fortgewesen war. Sie verbrachten jeden Abend zusammen und auch die Nächte in seinem großen, gemieteten Haus direkt am Strand. Sie arbeitete noch immer im Restaurant und jetzt sang sie bei der Arbeit, brachte tanzend die Speisen zum Tisch und steckte das Trinkgeld einfach ein! Sie fühlte sich wie neugeborenen, wie eine sechzehnjährige Schülerin, die sich im Sommer zum ersten Mal verliebt hatte. Und auch er war fröhlich, lachte und führte sie aus. Sie verbrachten die Wochenenden an einsamen Stränden, eng umschlungen auf einem Handtuch, plantschten wie die Kinder im Wasser, lachten über dumme Witze und erzählten sich auch von ihrem alten Leben. Das war wie ein Traum, der langsam verblasste, zumindest so lange sie zusammen waren. Sie erzählte von ihrem Piet und stellte fest, dass sie ein bisschen traurig wurde und ein klein wenig ein schlechtes Gewissen verspürte, aber Rodd sagte, dass Piet sicher glücklich sei, wenn sie es sei.
„Meine Frau keift bestimmt von einer Wolke herunter, der hat es nie gepasst, wenn ich mal zufrieden war!“
Seine Frau war schon zehn Jahre Tod, es war eine Vernunftehe gewesen, ihr Vater hatte gute Kontakte und zwei eigene Schiffe. Und obwohl sie vom ersten Tag an unglücklich gewesen waren, hatten sie zwei Kinder, Robb Jr. und die Tochter Sirloin. „Und obwohl sie das immer geglaubt hat, habe ich sie niemals betrogen, niemals!“ Sie glaubte ihm.
„Und deine Kinder wissen, dass es mich gibt?“ Er nickte. „Ja und im nächsten Jahr kommen Sie mit hierher, da brauch ich auch Hilfe, denn… Ich wollte dich überraschen, aber ich glaube jetzt ist der richtige Zeitpunkt! Ich habe beschlossen, in meinem Ruhestand hierher, nach Kiba zu ziehen und das Haus am Strand zu kaufen. Ich treffe morgen einen Notar. Und ich möchte, dass du mit mir in dort einziehst!“
Sie konnte es nicht fassen. Sie fiel ihm jauchzend um den Hals und die beiden plumpsten von der Hängemätte, in der er gelegen hatte. Jetzt lachten sie laut und herzhaft. Sie hatte in ihrem ganzen Leben noch niemals so viel Spaß gehabt, wie mit Rodd.
Ohne sich umzusehen packte sie einige Tage später ihre wenigen Habseligkeiten in ihrer kleinen Wohnung in eine Kiste. Rodd wartete schon auf sie, nahm die Kiste auf seine breiten Schultern und dann schloss sie zum letzten Mal die Tür zu ihrem Appartement. Sie hatte schon immer gut „Auf Wiedersehen“ sagen können.
In dem schönen Haus am Strand verbrachten sie wunderbare Wochen, aber die Zeit schien nur so zu rasen. Es gab jetzt keine langweiligen Abende mehr für Susanne. Sie gingen Essen. Sie tanzten in den Bars am Strand oder auf ihrer Terrasse unter den Sternen, sie schliefen so lange sie wollten, besuchten das Theater oder lagen einfach nebeneinander in den bequemen Strandsesseln und lasen, jeder für sich. Hin und wieder verschwand er im Haus und kam dann mit einem Tässchen Kaffee oder einem Likör wieder. Sie kochte jetzt wieder mit Freude und Robb liebte alles Exotische. Er ging mit ihr in die Markthallen und probierte sich durch die Auslagen, sie betranken sich wie die Schulkinder und pflegten am nächsten Tag gemeinsam ihren Kater. Mit ihm ging sie sogar Hand in Hand durch die Stadt. Das hatte sie immer albern gefunden – irgendwie war es jetzt immer noch albern – aber schön-albern. Seine großen Pranken umschlossen ihre kleinen Hände und waren dabei sanft und stark zugleich. Man konnte sich so gut an ihn kuscheln, wenn er wie ein großer Bär am Strand hockte. Sie liebte das Gefühl, wenn er sich zu ihr ins Bett legte und dann die Matratze auf seiner Seite heruntergedrückt wurde von diesem Berg von Kerl.
Und Robb schaffte, was selbst die aufgeschlossene Susanne nicht zustande gebracht hatte: Die Nachbarn luden sie, zum Grillen, zum Schwatzen, einfach so. Robb kannte einfach jeden und er obwohl seine Sprachkenntnisse etwas eingerostet waren, unterhielt er sich laut und wild gestikulierend. Vielleicht war sie immer zu leise gewesen, dachte sie manchmal. Mit ihm jedenfalls hatte sie bald ein paar gute Freunde gefunden, andere Pärchen, dazu noch ein paar Ruheständler aus Cannok und Craigavan mit ihren einheimischen Frauen.
Irgendwann waren aber auch acht Monate einmal vorbei. Schon seit einer Woche packte Robb Sachen zusammen, organisierte, rannte von hierhin nach dorthin, füllte Formulare aus und war eigentlich ständig unterwegs. An ihrem letzten gemeinsamen Abend saßen sie nach einer kleinen Abschiedsfeier mit ihren neuen Freunden noch lange alleine, eng umschlungen auf der Schaukelbank, die Robb extra für sie gekauft hatte. Es brauchte nicht viele Worte, ihr Kopf an seinen Schultern war genug. Es war ohnehin nur ein kurzer Abschied auf Zeit, in wenigen Monaten wäre er wieder da und dann würde er nie mehr weggehen. Sie sprachen kaum, während sie gemeinsam auf das erste Dämmerlicht herausschauten. Es gab doch nichts Schöneres als einen Sonnenaufgang über dem Meer von Kiba, ganz kitschig und trotzdem herrlich. Doch dann stand er auf, reckte sich, dass seine Knochen knackten und tapste ins Haus. Sie gähnte und trottete ihm hinterher. Er machte gerade einen Kaffee. Während das Kännchen blubberte ging er in sein Arbeitszimmer und kam wenige Zeit später mit einer beschlagenen Holztruhe wieder in das Wohnzimmer.
 „Was ist denn das?“ Robb wirkte ganz ernst, fast unheimlich war ihr das. Er stellte die offenbar schwere Truhe auf den kleinen Tisch und gab ihr dann ganz feierlich einen schweren Eisenschlüssel. „Na mach schon auf!“ Sie steckte den Schlüssel in das Schloss, dass mit einem schweren Klicken aufsprang. „Aber Robb!“ entfuhr es ihr. Die Truhe war bis zum Rand mit Goldmünzen gefüllt, das war ein kleines Vermögen. „Was ist denn das für Gold?“ Robb lächelte und legte ihr einen Arm um die Schultern. „Hasenzahn, dass sind fast alle meine Ersparnisse. Ich war bei der Craigavon-Bank und habe es mir auszahlen lassen, ein Hoch auch das moderne Bankwesen. Ich werde ja einige Monate weg sein und ich möchte nicht, dass du dir in der Zwischenzeit Sorgen ums Geld machen musst. Nimm dir einfach was du brauchst, es gehört doch bald sowieso uns zwei!“
Sie konnte es noch immer nicht fassen. Sie selbst hatte auch ein wenig Gold gespart und wenn sie sparsam war brauchte sie nicht einmal zu arbeiten, aber das, das war mehr als Piet in seinem ganzen Leben verdient hatte. Das waren doch bestimmt … „Es sind 20.000 Thaler und wehe, WEHE, du bist sparsam. Ich will das du dir nur noch schöne Dinge kaufst. Mach damit was du willst!“ Ablehnen war zwecklos, dass wusste sie. Es hatte auch nichts gebracht, als er ihr plötzlich, einfach so, eine Perlenkette geschenkt hatte. Er ließ sie auch nie bezahlen, wenn sie gemeinsam essen. Deswegen hatten sie sich sogar fast gestritten, denn sie hasste es, wenn Männer davon ausgingen, dass Frauen ihr Essen nicht selbst bezahlen könnten. Er war ziemlich geknickt gewesen und hatte ihr erklärt, er dachte, sie habe in der Bar arbeiten müssen, weil sie nur eine kleine Rente habe. Dann hatten sie aber auch gleich wieder gelacht und sie hatte ihm als Revanche ein paar sehr teure Zigarren auf den Wohnzimmertisch gestellt. Also, wehren brachte nichts. Stattdessen küsste sie ihn lange und leidenschaftlich. Oh, der Kaffee! Schnell tranken sie das heiße, starke Getränk und dann musste er auch schon los.
Nicht weinen, hatte sie versprochen. Aber dann waren seine Augen plötzlich ganz feucht und er umarmte sie so fest, dass es fast wehtat. Ein leichtes Zittern ging durch seinen Körper und sie schalt ihn lächelnd, nicht so ein Baby zu sein, er grinste schief, aber er wirkte so unendlich traurig plötzlich. „Kopf hoch, Großer. Du bist wie lange weg? Vier, fünf Monate? Beeil dich lieber, damit ich nicht dein ganzes Gold mit irgendeinem schönen jungen Mann durchbringe!“ Sie küsste ihn und er lachte jetzt auch. „Mach damit was du willst, aber so ein junger Bengel kann mich doch nicht ersetzen, die haben doch alle gar keine Erfahrung!“ Jetzt lachten beide, noch ein Kuss und dann ging er schnell an Bord des Schiffes. Sie hatte ihm versprechen müssen, nicht auf das Ablegen des Schiffs zu warten. Also winkte sie ihm noch einmal nach, bevor er in Innern des Gefährts verschwand. Dann sputete sie sich. Sie wollte hinauf zu den Felsen an der Bucht, um ihrem Robb doch noch Sie heimlich hinterher zu schauen.
Als sie schnaufend oben angekommen war, setzte das Schiff gerade Segel und fuhr langsam aus dem Hafen hinaus auf die offene See. Jetzt musste sie auch weinen. Aber das Weinen war schön, es war ein Schmerz, den sie so lange schon nicht mehr gefühlt hatte, eine Pein, die nur durch Liebe ausgelöst werden kann. Sie genoss das Beben ihrer Brust und die heißen, salzigen Tränen im Gesicht. Und weinen und lächelnd ging sie wieder hinunter, in die Stadt, an den Strand, in ihr Haus.
Schon drei Wochen nach seiner Abfahrt hatte sie einen Brief von ihm erhalten. Er hatte ihn noch in Llerída abgeschickt. Er beschwerte sich in dem Schreiben über den Umweg, den man immer nehmen musste und der so viel Zeit und Geld kostete, dann gab es aber wieder viel Seemannsgarn. Sie musste fast durchgängig lachen. Am wichtigsten waren aber die letzte  Zeilen des Briefes:
Da ich ja jetzt schon einmal hier war, habe ich sofort die Rückpassage gebucht. Du weisst, ich brauche immer einen festen Termin, sonst klappt gar nix. Also, heute in genau vier Monaten werde ich wieder auf eine dieser scheußlichen Fähren steigen, dann zwei Wochen Überfahrt. Kannst dir das ja schon mal mit einem dicken Herzen im Kalender eintragen, Hasenzahn. So, gezz muss ich aber wirklich weiter. Ich liebe dich und vermiss dich.
P.S. Gold ausgeben nicht vergessen du Sparfuchs!
Ertappt! Sie hatte tatsächlich noch nicht einmal in die Truhe gegriffen, aber heute kamen sowieso ein paar Freunde zum Essen vorbei, also warum nicht mal den richtig guten Wein kaufen…
Es kamen kaum Briefe von Robb, genaugenommen nur noch einer, der sagte, dass er gut in der alten Heimat angekommen sei und sich nun daran mache, seinen Hausstand aufzulösen. Sie sparte übrigens. Sie brauchte einfach nicht viel, das Haus war groß und jetzt oft voller Gäste, das war ihr viel wichtiger als schöne Dinge. Und mit den neuen Freunden vergingen auch die fast fünf Monate Wartezeit schnell. Sicher würde es Robb auch so ergehen, er hatte Arbeit bis über beide Ohren. Und sie wusste, dass ihm viele anstrengende Pub-Besuche mit alten Freunden bevorstanden. Armer Bär.
Und dann, dann war es endlich so weit. Sie war schon seit Tagen ganz aufgeregt, backte und kochte was das Zeug hielt und hatte das Haus mindestens fünfmal auf Hochglanz poliert. Alle Freunde waren für den Abend eingeladen, aber am Nachmittag wollte sie Robb und seine Familie, die bald ihre Familie sein würde, ganz für sich allein haben. Sie hatte dann doch noch ein bisschen Gold investiert – in sich. Ein schönes neues Kleid, schöne Schuhe, sogar beim Friseur war sie gewesen, der ihr eine schicke Hochsteckfrisur verpasst hatte.
Jetzt stand sie am Hafen und sah das Schiff einlaufen, wie immer ein großes Segelschiff mit Platz für hunderte von Gästen, dass von der Llerída-Kiba-Armada betrieben wurde. Sie tippelte ganz ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, wieder ganz das verliebte 15jährige Mädchen. Natürlich dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, bis das Schiff endlich angelegt hatte, vertäut worden war und dann endlich die Gäste von Bord gehen konnten.
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen um ihn unter den aussteigenden Gästen auszumachen, sah ihn aber nicht. Doch dann, da ein kahler Kopf, ein breiter Nacken. Die Glatze hielt auf sie zu und… dann war es nicht Robb. Aber irgendwie war es doch Robb. Der Mann hatte einen großen Schnurrbart und der schmale Haarkranz, der von seinem Haar noch übrig war, war abrasiert, in seinen Ohren hingen kleine goldene Ohrringe und der Kerl war ein regelrechter Hühne, mit starken, breiten Schultern, mächtigen Armen und einem kleinen Bäuchlein. Er hatte sogar eine Zigarre im Mund. Es war, als stünde ein Robb vor ihr, wie er mit Anfang 30 ausgesehen haben musste. „Robb?“ rutschte es ihr heraus und der Hühne lächelte breit und umarmte sie dann fest. „Du musst Susanne sein! Ja, ich bin Robb, also Robb jr.!“ Ach, sie dumme Schachtel, das war tatsächlich Robb, also der Sohn, der offensichtlich ganz nach Papa kam! Sie schob ihn ein Stück von sich weg, gar nicht so leicht bei der Masse und sah ihn genau an. Wirklich, wie aus dem Gesicht geschnitten. „Wo ist denn der Rest der Truppe!“ fragte sie, nachdem ein paar Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht worden waren. Jetzt huschte ein Schatten über Robbs Gesicht. Er schulterte seine Schwere Truhe an einem Henkel, ganz wie Papa, die ihm ein Schiffsangestellter vor die Füße gestellt hatte. Dann bot er ihr einen Arm zum unterhaken und sie gingen gemeinsam über die Promenade in Richtung des Hauses. Robb sagte den ganzen Weg nichts, blickte sie aber immer wieder ganz seltsam an, bis er merkte, dass sie es sah, dann schaute er schnell weg. Eine feuchte, kalte Hand griff nach ihrem Herzen. Irgendwas war hier ganz und gar nicht richtig.
Als sie endlich im Haus waren, wirkte der Riese wie ein unsicheres Kleinkind. Er knetete sein Hemd, zupfte an seinem Bart und spielte mit den Streichhölzern, bis es Susanne nicht mehr aushielt. „Also, junger Mann, jetzt rück raus mit der Sprache. Was ist denn los? Dein Vater sollte doch heute zusammen mit dir und deiner Schwester hier ankommen. Ist irgendwas passiert? Geht es ihnen gut? Ich sprich schon, oder muss ich erst schütteln!“ Er starrte auf seine Füße. „Papa war nicht mit an Bord nein. Also, also… warum setzt du dich denn nicht…“ er sah ihren Blick, schluckte und fuhr fort. Jetzt war seine Stimme kaum mehr als Flüstern. „Papa ist… Papa ist… tot!“ jetzt war es heraus. Und Susanne setzte sich doch. Tot? Wie tot? Hatte es einen Unfall geben? Was war passiert? Und wie? Aber, er konnte doch gar nicht tot sein, er sollte hier sein, bei hier. Mit ihr auf der Schaukelbank sitzen, Nächte durchtanzen und dann am Morgen mit ihr gebratene Eier essen. Nein. Tot. Das kam gar nicht in Frage! Sie wurde wütend. So war das nicht abgesprochen. Nein! „Nein, es war kein Unfall. Papa war krank, schon länger. Er wusste es schon, als er das letzte Mal hier war. Und er wusste auch, dass er es wahrscheinlich nicht mehr zurückschafft, hierhin, zu dir.“ Durch einen Tränenschleier sah sie ihn da sitzen, diesen Robb jr., so als ob er hier wäre. Also hatte er sie angelogen. Er wusste, dass er sie nie wiedersehen würde und hatte es trotzdem gesagt. Warum nicht? Warum war er nicht bei ihr geblieben… Sie hörte kaum etwas von dem, was Robb jr. noch zu ihr sagte. Irgendwann war er in das Gästezimmer gegangen und hatte ihr einen versiegelten Brief auf den Tisch gelegt.
 
Sie wusste später nicht mehr, wie lange sie einfach dagesessen hatte. Minuten? Stunde? Tage? Jahre? In ihr tobte ein Sturm. Einerseits wollte sie wütend auf ihn sein. Er hatte es sich ja schön einfach gemacht, einfach weit weg zu sterben! Und angelogen hatte er sie! Aber, war sie nicht egoistisch? Wenn er wusste, dass er sterben musste, vielleicht wollte er dann bei seinen Kindern sein. Dann hätte er sie aber mitnehmen können. Feigling. Armer Robb. Armer Robb,… ihr Robb. Irgendwann schien es ihr, als seien die Tränen versiegt und mit ganz verschleiertem Blick nahm sie den Brief, roch daran, in der Hoffnung, dass noch ein kleines Molekül von Robb daran haften würde und presste ihn dann gegen ihre Brust.
Sie konnte den dicken Umschlag nicht sofort öffnen. Erst musste sie noch ein wenig hier sitzen, noch immer hin und hergerissen zwischen Wut, Verzweiflung und Trauer. Doch dann, irgendwann, da konnte sie das Siegel aufbrechen. Sie zog einen ganzen Stapel von Papier heraus, ganz oben auf lag ein handgeschriebener Brief von Robb. Neue Tränen bildeten sich in ihren Augen, als sie zu lesen begann:
 
Mein kleiner Hasenzahn,
du bist jetzt wahrscheinlich furchtbar böse auf mich. Ich habe mich einfach so aus dem Staub gemacht. Du musst denken, ich bin ein Feigling – und vielleicht stimmt das sogar. Ich wusste bereits, dass ich sterbenskrank bin, als ich das letzte Mal hier bei dir war, auf unserer Terrasse, an unserem Strand. Aber wie hätte ich es dir sagen sollen? Du weißt, ich bin kein Mann der großen Worte und auch nicht so tapfer wie du. Auf Wiedersehen sagen ist mir noch nie leichtgefallen. Jetzt guck bitte nicht so streng! Und ja, ich habe auch an meine Kinder gedacht, wie unfair es ihnen gegenüber wäre, mich nicht zu verabschieden. „Dann hättest du mich doch mitnehmen können!“ wirst du jetzt sicher sagen. Glaub mir, Hasenzahn, ich hab‘ daran gedacht, mehr als nur einmal. Aber ich wollte dir das nicht antun. Nicht nachdem ich gesehen habe, was diese Krankheit am Ende aus den Menschen macht. Ich wollte nicht, dass du in einem fremden Land, in einem fremden Haus, nächtelang am Bett eines sterbenden Mannes sitzen musst, der nicht mehr er selbst ist, ausgezehrt, mehr Schmerz als Mensch, betäubt von Medikamenten. Nein, nein und nochmal nein! Du sollst mich gefälligst so in Erinnerung behalten wie ich bei dir war: Jung und wunderschön! Siehst du, da ist doch ein kleines Lächeln auf deinem Gesicht. Ach, ich kann einfach nicht gut aufhören, ich finde immer kein Ende. Ich liebe dich, ich liebe dich so sehr, wie ich noch nie einen Menschen geliebt habe. Das musst du mir glauben. Und ich weiß, dass dir so etwas nichts bedeutet, aber ich habe dem Brief ein paar kleine, letzte Geschenke mitgegeben. Ach ja, und ganz wichtig: Robb Jr. Wird dich bestimmt fragen, ob du nicht mit ihm nach Craigavon kommen willst. Das ist gut gemeint, aber bestelle ihm einen schönen Gruß von seinem alten Herrn, du bleibst da wo du bist. Robb hat doch jetzt einen neuen Ehemann, die beiden erben mein Haus, wissen sie noch gar nicht. Da ist viel zu renovieren und außerdem will man doch eine junge Liebe zwischen zwei gestandenen Kerlen nicht stören, oder? Und Sirloin, nun, die kommt leider ziemlich nach ihrer Mutter, mit der hättest du wahrscheinlich nicht viel Spaß. So, aber jetzt muss ich weg, leider ziemlich weit weg, aber glaub mir, Hasenzahn, da wo ich hingehe werde ich auf dich warten – und ich hoffe mit schmerzendem Herzen, dass ich noch sehr lange auf dich warten muss. Jetzt guck aber bitte in die anderen Schreiben, die ich dir mitgeschickt habe. Ich liebe dich von der Erde bis zu den Sternen!
Mit einem letzten Kuss, dein geliebter Robb.
Sie schluchzte und lachte zugleich. Sie hatte seine Stimme gehört und sah sein Gesicht vor sich, fühlte seine große Hand auf ihrer Schulter. Sie wischte die Tränen beiseite. Im Umschlag war eine Abschrift seines Testaments, er hatte ihr alles Gold vermacht, einfach so. Das konnte sie doch nicht annehmen. Und dann, eine zweite Urkunde, mit Siegeln und allem drum und dran. Es war die Besitzurkunde für das Haus, bereits umgeschrieben auf ihren Namen.
Sie setzte sich in den warmen Sand und presste die Schreiben an ihre Brust. Sie wollte nicht mehr weinen, sie wollte an ihn denken. Sie wollte nicht traurig sein, sondern dankbar, dass sie in ihrem Alter doch noch die wahre Liebe kennengelernt hatte.
Robb Jr. fragte sie tatsächlich – und sie dankte ihm und lehnte ab, versprach aber, ihn zu besuchen. Und am Abend, da begrüßte sie trotzdem all die Gäste, die sie zu einer Willkommensfeier eingeladen hatte. Sie wollte an Robb denken, mit ihren gemeinsamen Freunden auf ihn und sein Leben anstoßen. Trauern war nicht seine Art gewesen. Und ihre auch nicht.


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Beitrag #2 |

RE: Susanne
Servus.

Normalerweise bin ich eher nicht der Typ fürs Kommentieren. Aber da die erste Story so strange war, habe ich versucht rauszufinden, ob alle Texte von dir so sind. Dabei merkt man, dass du schreiben kannst. Aber merkt auch, dass diese Fantasywelt zwar gut vorstellbar ist, dennoch immer im Hintergrund agiert. Auch, was einige Elemente angeht, tauchen diese beinahe permanent auf: Zwillinge, Namen (varriert), der Geschmack von Essen, meistens ohne Fleisch oder dieses nur am Rande.

Hier hast du einen Text eingestellt, der leichter, natürlicher zu lesen ist. Man kann den Prots nachschauen, sich mit ihnen freuen und auch leiden. Allerdings solltest du dich entscheiden, ob es Rodd oder Robb ist.

VG
Ray


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Beitrag #3 |

RE: Susanne
Das mit dem Fleisch ist mir gar nicht aufgefallen ehrlich gesagt ;D Ja und die Welt ist nur die Schablone, ich mag keine Bücher, in denen die Welt zu sehr im Vordergrund steht, es sei denn es geht wirklich um die Welt als eigener Protagonist.


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