Es ist: 14-11-2019, 15:06
Es ist: 14-11-2019, 15:06 Hallo, Gast! (Registrieren)


Terra Mater - Kapitel 3
Beitrag #1 |

Terra Mater - Kapitel 3
Abblätternde Hauswände, gelblicher Rasen, abgebrochene Zäune. Diese Gegend hatte nun gar nichts mit dem zu tun, was ich von Boston oder Cambridge kannte, geschweige denn von meiner Heimat. Ich stellte mir Menschen in Lumpenkleidung und Schmutz auf der Haut vor, halbverhungerte Kinder und halb wahnsinnige Hunde. Aber vielleicht hatte ich auch zu viele Filme gesehen.
Viele Menschen sah ich hier nicht, nur ab und zu einen gänzlich in schwarz gekleideten Jugendlichen, die  in einer dunklen Ecke saßen. Ich wollte gar nicht wissen, was sie dort taten, also machte ich das, was alle anderen auch taten. Ich sah weg. Ab und zu huschte eine Straßenkatze umher, auf der Suche nach Nahrung. Es gab mehr Schatten als Licht und ich bekam eine dauerhafte Gänsehaut. Mir gefiel dieser Ort überhaupt nicht und ich dachte daran, wie knapp wir hier vor gerettet wurden. Und ich dachte bitter daran, wer dafür verantwortlich war.
“Wohnst du hier?”, fragte ich leise, den Blick aus dem Fenster gerichtet.
Logan erwiderte eine ganze Zeit lang nichts. So lange, dass ich mir bereits meine eigene Antwort bildete, als ich doch seine Stimme vernahm.
“Nicht mehr.”, sagte er nur. Dann nahm er sein Handy aus der Hosentasche, wählte und hielt es sich ans Ohr, während er weiterhin sicher lenkte. “Jack? Ich bin´s, Logan. Ich brauche dich .. Ja, jetzt. Nein, mir geht es gut. Es geht … um jemand anderen. Nein, denen geht es auch gut. Ich erkläre es dir später. Bin ich zwei Minuten da.”
Die restliche Fahrt über schwiegen wir. Ich fragte mich, woran Logan dachte, welche Erinnerungen ihn heimsuchte, während mein Blick über die dunklen Gassen glitt. Er schien keine tolle Kindheitserinnerungen zu haben, wenn er hier aufgewachsen ist.
Logan hielt an einem Haus an. Es war klein und ebenso heruntergekommen wie die anderen. Eine Fensterscheibe war eingebrochen, die anderen komisch milchig, als wären sie ewig nicht sauber gemacht wurden. Das Gras des Vorgartens war ausgeblichen, an manchen Stellen waren große Löcher zu sehen. Die Haustür hing morsch in ihren rostbraunen Angeln und an einigen Stellen abgebrochen.
“Hier wohnt dein Arzt?”, fragte ich, deutlich angeekelt, als Logan den Motor aus machte.
Logan sah mich mit einem undeutbaren Blick an. “Lass dich nicht vom äußeren Schein trügen, Prinzessin.”
Ich runzelte die Stirn, während Logan bereits ausstieg. Ich löste den Sicherheitsgurt und öffnete die Tür. Mein Fuß pochte unaufhörlich und ich verzog das Gesicht, als ich ihn bewegte. Logan half mir aus dem Wagen und trug mich über den verstreuten, dunklen Kies halb zu der Tür, die sich in diesem Moment öffnete.
Ein Mann mitte dreißig stand vor uns. Er hatte braunes, schütteres Haar mit kleinen Locken, sonnengebräunte Haut und einen athletischen Körper. Seine braunen Augen schweiften über Logan, bevor sie sich auf mich hefteten. Und über den Arm, den Logen um mich gelegt hatte.
Ich mochte es nicht, wenn man mich so ungeniert anstarrte. Also senkte ich den Blick auf den Kies, der zu der Haustür führten.
“Was soll das, Logan?”, fuhr der Mann, Jack, Logan an.
“Erspar es mir.”, murrte Logan nur und führte mich weiter, bis wir uns an Jack vorbei drängten. Im Haus roch es vergammelt und nach morschem Holz, nach verrottetem Iltis. Der kleine Flur war dunkel, die Lampe an der Decke trug eine zerbrochene Glühbirne in sich. Fliegen flogen um einen schmalen Lichtstreifen, der sich seinen Weg durch zerrissene Gardinen bahnte.
“Logan!”, rief Jack uns nach, doch Logan hielt strikt auf die Küche zu, die gegenüber von der Haustür lag. Er ließ mich auf einem der Stühle platz nehmen, der bedrohlich quietschte. Doch ich lehnte mich zurück und entlastete meinen schmerzenden Fuß. Einen Arm legte ich auf den groben Tisch, doch als meine Haut mit einer süßlich riechenden Flüssigkeit in Berührung kam, zog ich ihn wieder weg. In der gesamten Küche lagen Bierdosen verteilt, Pizzakartons, Plastikhülsen, Obstschalen und zerbrochene Eierschalen. Ein ekelhafter Geruch haftete hier, den ich nicht definieren konnte. Und hier lebte ein Arzt?
Jack kam uns nach. “Kannst du mir bitte erklären, was sie hier verloren hat?”, fauchte er und deutete auf mich. Ich machte mich ganz klein, das knirschen des Stuhles ignorierte ich. Es war eine schlechte Idee, mitzugehen. Wäre ich doch gar nicht erst an den See gegangen.
“Sie ist gestürzt und hat keinen Arzt.”, erklärte Logan nur und verschränkte die Arme. Mir fiel auf, dass er sich ganz bewusst zwischen Jack und mich gestellt hatte, als wollte er mich beschützen. Musste er mich vor Jack beschützen?
“Und deswegen denkst du dir, du kannst sie einfach hierher bringen? Logan…”, stöhnte der Mann auf und raufte sich die Haare. “Wissen die anderen davon?”
“Natürlich nicht.”
Jack verdrehte die Augen. “Wenn sie davon erfahren…”
“Ich übernehme die ganze Verantwortung.”, sagte Logan mit fester Stimme.
Jack nickte und sah mich dann genauer an. Ich duckte mich etwas weg, als er näher kam. Doch da Logan ihn durch ließ, was er wohl keine Gefahr. Irgendwie hatte ich im Gefühl, dass Logan mich beschützen würde, käme es darauf an. Vielleicht lag es daran, dass er den Mann verprügelt hatte, der mir Nachts auf lauerte, vielleicht aber auch sein Umgang mit mir, wenn wir allein waren. Jedenfalls vertraute ich Logan und seinem Urteil.
“Kein Angst, ich tue dir nichts.”, meinte Jack, doch der gelangweilte Ton in seiner Stimme ließ mich misstrauisch werden. Er fasste meinen Fuß und drehte ihn etwas, bewegte ihn grob, sodass ich leise auf keuchte. Was war denn das bitte für ein Arzt?
“Jack.”, knurrte Logan so bedrohlich, dass ich Ahnung davon bekam, dass Logan gefährlich werden konnte. Jack erstarrte kurz, dann atmete er tief durch und wandte sich zu Logan.
“Was ist dein Problem, Logan?”
“Ich weiß, dass du damit nicht einverstanden bist, aber lass es nicht an ihr aus.”, spuckte Logan ihm zu.
Jack kniff die Augen zusammen. “Was ist nur los mit dir? So kenne ich dich gar nicht.”
“Wirst du sie nun endlich weiter behandeln?”
Jack schnaubte, dann schüttelte er den Kopf. “Nein. Ruf Asher an.”
“Was?”
“Du hast mich verstanden. Ruf Asher an. Ich will seine Zustimmung.”
Logan fluchte, dann nahm er sein Handy und warf es Jack zu. “Da, bitte.”, fauchte er, bevor er sich neben mich kniete.
“Tut mir leid, Freya.”, murmelte er zu mir und nahm eine Haarsträhne in seine Finger.
“Wo hast du mich hingebracht?”, flüsterte ich ihm ängstlich zu. Jack stand uns gegenüber und sah finster drein, während er telefonierte.
“Zu einem Freund. Das dachte ich jedenfalls.”
“Du bist ihm wichtig.”
Logan zuckte arrogant mit den Schultern und sah auf den dreckigen Boden. “Und wenn. Dann sollte er nicht so einen Aufstand machen, sondern mir den einen Gefallen tun.”
“Sie werden gleich hier sein.”, sagte Jack mit kalter Stimme und reichte Logan das Handy.
“Danke, Jack.”, meinte Logan bissig und steckte das Telefon ein.
“Du weißt genau, dass es euch alle angeht, wenn einer von euch jemanden Fremdes hierher mitnimmt.”
“Du hättest sie nur behandeln müssen! Danach wären wir wieder verschwunden! Das du so einen Aufstand machst, ist bescheuert!”, rief Logan so laut und plötzlich aus, dass ich zusammen zuckte.
Jack beeindruckte das nicht. Er zuckte nur die Schulter und sah seinen Freund starr an.
Logan lehnte sich neben mir an den Tisch und wartete darauf, dass seine Freunde kamen. Keiner redete, es herrschte eisige Stille zwischen uns. Ich spielte mit einer meiner Haarsträhnen, bis sich die Tür mit einem Knall öffnete. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Logan sich neben mir versteifte und einen Schritt zur Seite trat. Ich wandte den Blick ab und sah die Jungs an, die jetzt in die Küche gestürmt kamen.
Oliver kam als erstes herein. Laut Hailey war er der Kopf der Bande. Er hatte rotbraunes, kurzes Haar, das unter einer weißen Stoffmütze heraus quillte, trug einen goldenen Ohrring, der seine hellbraunen Augen betonte, und hatte ein feines, definiertes Gesicht. Seine knollige Nase war ein echter Blickfang, genauso wie die vielen Sommersprossen im Gesicht. Oliver trug ein blaues Halbarmhemd mit einem weißen Hemd darunter, auf dem ein glänzender Print zu sehen war, der durch das zugeknöpfte Hemd nicht lesbar war. Seine Beine steckten in einer lockeren Jeans, an seinen Armen entdeckte ich verschiedenfarbige Stoffarmbänder, die seine sehnigen Arme betonten.
“Hey, Logan!”, rief er in die Küche und tauschte ein High-Five mit Logan aus.
Der nächste war Aiden. Er war der größte von allein hier im Raum, bestimmt zwei Meter groß, und war vor allem sehnig. Ich schätzte, dass er viel Ausdauerlauf machte. Er hatte ebenso schmale Schultern wie Hüften, die durch sein weißes Baumwollhemd zur Geltung kamen, aber laut Hailey war er derjenige, der ständig in irgendwelche Schlägereien verwickelt wurde. Was ebenfalls das rechte Veilchen verkündete. Ich sah an an dem Stück Haut, was unterhalb seines Halses frei lag, viele blaue Flecken. Seine Lippe war geschwollen und blutverkrustet, seine Nase schief. Aber trotzdem war er mit seinen schwarzen länglichen Haaren und den dunkelblauen Augen ein echter Fang. Zusammen mit seiner braunen Loose-Fit-Jeans und seinen braunen Lacklederschuhe machte er einen lässigen Eindruck. Aiden sah mich an, nickte mir zu, bevor er Logan mit einem gebrummten: “Was machst du denn schon wieder für Scheiße?”, begrüßte.
Der letzte im Raum war Asher. Ich verstand, wieso Hailey ihn als Frauenheld bezeichnete. Er war etwa einen Kopf größer als ich, blond und hatte grüne Augen, die durch seine schwarze Lederjacke und das weiße Hemd darunter noch betont wurde. Asher hatte breite Schultern, schmale Hüfte und sah einfach aus wie ein Adonis. Michelangelos David war ein Dreck dagegen. Doch er versprühte eine Aura roher Gewalt, einer Anführeraura. Er versprühte den Duft eines puren Bad-Boys, den die Mädchen reihenweise wuschig werden ließ. Bei mir weckte es nur gesundes Misstrauen.
Er stellte sich in den Raum, verschränkte die Arme und sah Logan durchdringlich an. Asher sagte nichts, aber jeder hier im Raum spürte, dass er eine Erklärung verlangte.
Ich wollte nicht, dass Logan meine Schlachten schlug, also tat ich das denkbar dümmste, was man in so einer Situation tun sollte. Ich mischte mich ein.
“Wir waren schwimmen und ich habe mich verletzt. Und weil ich keinen Arzt habe, hat Logan mich hierher gebracht. Mehr war nicht.”, sagte ich mit einer etwas zu hohen Stimme und ignorierte die überraschten Blicke der anderen.
Noch immer sagte Asher nichts, ließ seinen Blick nun aber zu mir schwenken. Mich schüttelte sein kühler Blick, doch ich hielt ihm stand. Adrenalin durchflutete meine Adern und ich fühlte mich wie ein Beutetier im Blick des Raubtieres. Wieso sagte er nur nichts? Asher stand da und starrte mich an, ließ seinen Blick an mir auf und ab wandern, als wollte er mich entweder töten oder konnte nicht glauben, dass Logan sich mit jemanden wie mir abgab. Da sind wir ja schon zwei….
Dann blickte er Logan an, nickte mit dem Kinn nach draußen und ging. Logan seufzte, sah mich kurz an und folgte seinem Freund dann. Jetzt war ich allein mit zwei Männern, die mich mit Blicken erdolchten und einem Mann , der vor sich hinkicherte. Oliver schien mir wie ein Kindskopf, aber doch sympathisch. Aiden wollte scheinbar lieber in einem Kriegsgebiet sein als hier, und Jack sah aus, als hätte er in eine Zitrone gebissen.
Ich wusste nicht, wo ich hinblicken soll, also zählte ich die einzelnen Bretter des schmutzigen Linoleumbodens, bis Logan wieder herein kam. Seine Miene war versteinert, er lächelte mich nicht mal an. Asher kam ihm hinterher, nickte Jack zu und dieser begann ohne ein Wort, sich um meinen Fuß zu kümmern, diesmal viel sanfter. Ich versuchte, Logans Blick einzufangen, aber er sah starr auf die Wand ihm gegenüber. Irgendwann gab ich mit pochendem Herz auf.
Jack war nun viel vorsichtiger und sanfter als vorher. Er bewegte mein Fuß mit einer Vorsicht und dem kritischen Blick eines Arztes, dass sich ein Gedanke in mir festigte. Logan war ihm vielleicht wichtig, aber vor Asher hatte Jack den meisten Respekt.
“Du hast dir nur den Knöchel verstaucht, Kleine. Ein bisschen Ruhe und etwas Eis, und dein Knöchel dürfte nächste Woche wieder ganz sein.”, sagt Jack leise und lächelte mich schwach an. Er tröpfelte etwas Gel auf die Stelle, das er unter der Spüle nahm, und verrieb es auf meiner Haut, dann wickelte er noch einen weißen Verband um meinen Knöchel und stand wieder auf.
“Danke.”, sagte ich leise und sah auf den Boden. Ich wollte keinem von ihnen in die Augen sehen. So unerwünscht hatte ich mich das letzte Mal gefühlt, als mein Vater vor Jahren noch bei uns wohnte.
Logan trat neben mich. “Ich bringe dich jetzt heim, Freya.”, murmelte er. Und wieder sah er mich nicht an. Was hatte er mit Asher besprochen?
Ohne ein Wort zu sagen stand ich auf und verließ gemeinsam mit Logan das Haus. Logan lief immer neben mir, berührte mich jedoch nicht mehr. Auf dem Weg zum Auto versuchte ich, mich so wenig wie möglich umzusehen, und atmete die frische Luft ein. Dann überholte Logan mich und stieg auf der Fahrerseite ein. Ich humpelte zu dem Beifahrersitz und öffnete die Tür, während Logan genervt auf das Lenkrad trommelte. Nachdem ich mich gesetzt und die Tür geschlossen hatte, fuhr Logan schon los. Ich hatte nicht mal Zeit, mich anzuschnallen, da hatten wir die erste Kreuzung schon hinter uns gebracht. Ich sah ungläubig zu Logan. Wollte er mich etwa so schnell los werden?
Die Fahrt verlief schweigend. Logan hatte eine unsichtbare Mauer zwischen uns aufgebaut, die scheinbar Asher auf dem Gewissen hatte. Zum wiederholten Male fragte ich mich, worüber sie geredet haben. Ich sah mehr als einmal zu Logan, doch er ignorierte mich völlig.
Vor meinem Haus blieb der Wagen stehen. Logan sah aus dem Fenster und schien darauf zu warten, dass ich das Auto verließ,
“Danke. “, sagte ich leise.
Logan sah weiter aus dem Fenster. “Kein Problem.”
Ich drehte meinen Kopf und sah Logans Profil an. “Was ist passiert?”, fragte ich direkt.
Überrascht sah Logan mich an. “Wie kommst du darauf?”
“Du verhältst dich so komisch. Was hat Asher zu dir gesagt?”
Sofort versteifte sich Logan und ich wusste, er blockierte alle Wege, die zu seinem Inneren führte. “Das geht dich nichts an.”, meinte er kurz angebunden und schroff.
Und obwohl ich es nicht wollte, verletzte mich sein abweisender Ton. Ich zuckte zurück, als hätte er mich geschlagen.  “Okay. Gute Nacht.”, sagte ich nur.
Von Logan erhielt ich keine Antwort. Ich stieg aus, und Sekunden später fegte er bereits mit quietschenden Reifen davon.
Ich sah ihm nach, bis seine Rücklichter verschwunden waren, und fragte mich,wie der Tag nur so schief gehen konnte. Was hatte ich gemacht? Langsam humpelte ich zur Haustür und versuchte, meine Tränen zu verdrängen. Auf den Treppen nach oben schluckte ich den Kloß in meinem Hals herunter. Im Flur konnte ich Mrs Duncans Fernseher brüllen hören, und war froh, dass hier noch alles beim alten war. Ich schloss unsere Tür auf.
Daisy sprang sofort an meinem Bein hoch, als wäre ich drei Wochen lang weg gewesen, während Hailey auf dem Sofa lag und mich müde ansah. Doch als sie mich erkannte, verschwand der müde Ausdruck und sie setzte sich auf.
“Was ist passiert? Geht es dir gut? Ihr wart heute Nachmittag so schnell verschwunden.”, empfing sie mich und erhob sich aus dem Sofa. Ich schüttelte den Kopf und humpelte zu ihr. Wieder kamen mir die Tränen, was ich verfluchte.
Im Schnellverfahren erzählte ich Hailey von meinem Nachmittag und Logans merkwürdigem Verhalten. “Und jetzt auf dem Nachhauseweg war er wie ausgewechselt. Heute Nachmittag war er noch so freundlich und offen und lustig. Und eben war er einfach nur verschlossen und ruppig. Ich habe ihn gefragt, was Asher zu ihm gesagt hat, und da hat er mich dann angeblafft. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.”, schloss ich meine Erzählung und wischte mir meine nassen Wangen trocken.
Hailey setzte sich auf und sah mich beunruhigt an. “Mit Asher ist nicht zu spaßen. Selbst die Lehrer haben Schiss vor ihm. Was immer Asher zu Logan gesagt hat, es hat etwas mit dir zu tun. Ich schätze, er will nicht, dass er sich mit dir trifft. Aber Logan hat definitiv Interesse an dir, sonst wäre er heute am See nicht aufgetaucht.”
Ich dachte an das schöne Gefühl zurück, als Logan mich am See beschützt hatte. Mein Magen flatterte.
“Magst du ihn?”
Ich sah auf. Mochte ich Logan? Irgendwie schon. Wir hatten vielleicht nicht den besten Start, aber ich hatte schnell gemerkt, dass Logan anders war, als ich zuerst dachte. Es tat mir leid, dass ich so einen zickigen Eindruck bei ihm hinterlassen hatte. Ich dachte an unsere Zeit am See zurück, bevor das alles schiefgelaufen war. Und dann an seine distanzierte Art.
“Ich weiß es nicht.”, gab ich ehrlich verwirrt zu. Ich fuhr durch meine Haare und löste die kleinen Knötchen, die meine Hand hielten.
Hailey lächelte mich an. “Logan ist ein guter Mensch, der mit der falschen Sorte Mensch abhängt.”
“Du meinst Asher.”
“Er ist das größte Arschloch dieser Welt. Asher würde sogar über Leichen gehen, um an sein Ziel zu gelangen. Er kann zwar einstecken, aber das tut er nur sehr selten. Lieber verletzt er alle um sich herum, als seine eigenen Fehler anzuerkennen. Asher ist der ideale Beweis dafür, dass man einen Bad-Boy nicht zähmen kann und möchte.”
Ich runzelte die Stirn. “Das klingt, als würdest du ihn kennen.”
Hailey schloss die Augen atmete tief durch. “Wir waren mal zusammen.”
Ich hielt geschockt die Luft an. “Wie bitte?”
Sie lächelte gequält. “Ja. Lange Geschichte, frag nicht. Jedenfalls bin ich der Überzeugung, dass Asher kein guter Mensch ist. Und alle in seinem Umfeld werden ebenso verdorben. Wenn Logan und er also wirklich gute Freunde sind, rate ich dir, dich sowohl von Asher als auch von Logan fernzuhalten. Ich habe das ungute Gefühl, dass du verletzt wirst, solltest du dich wirklich auf Logan einlassen. Sowohl psychisch als auch physisch.”



*  *  *


“Ihr müsst die Musik spüren, um sie anderen näher zu bringen.”, meinte Mr Josh, unser Lehrer in künstlerischer Vertiefung. “Um einen anonymen Sprecher zu zitieren: Musik bedeutet Gleichgewicht. Sie ist alles zugleich: Kopf, Herz und Bauch, Denken, Fühlen und Sinnlichkeit. Wer kann mir dieses Zitat interpretieren? Miss Meloy?”
Ich blickte auf und sah, dass mich die gesamte Klasse anstarrte. Ich wurde rot und senkte den Blick schnell wieder auf meine Notizen. “Mit Musik kann man Gefühle ausdrücken, die kein anderer versteht. Es passt sich immer deiner Stimmung an. Wut, Trauer, Liebe, Glück. Man kann sie fühlen, man kann seine Emotionen anpassen und kontrollieren. Durch Musik kann man sich selbst finden und sein Gleichgewicht wahren.”, sagte ich leise.
Mr Josh brummte anerkennend. “Das ist richtig, Miss Meloy. Durch Musiktherapien können verhaltensgestörte Kinder therapiert werden, aufgeregte Massen beruhigt oder eine langweilige Party aufgemischt werden. Für unsere nächste Stunde möchte ich, dass ihr eine passende Musik auf euren jeweiligen Musikstücken spielt, die zu den verschiedenen Emotionen passen. Zieht einen Zettel, darauf steht die Emotion.”
Mrs Josh ging durch die Reihen, in der Hand einen altersschwachen schwarzen Hut, dessen Krempe sich bereits auflöste. An meinem Tisch angekommen waren die Zettel darin schon um die Hälfte geleert. Hoffentlich zog ich keine allzu schwere Emotion. Ich zog einen Zettel heraus. Verwirrt. Wie passend. Schon in Gedanken überlegte ich nach der passenden Melodie. Sie musste schnell sein, aber auch ruhig und besonnen, hin- und hergerissen. Hoch und tief, sodass man nicht weiß, auf welche Tonlage man sich einlassen sollte.
Ich packte meine Sachen in den Rucksack und humpelte aus dem Hörsaal. Das ganze restliche Wochenende hatte ich meinen Fuß geschont und gekühlt, und langsam konnte ich ihn wieder belasten. Ich wollte nicht daheim bleiben, also biss ich am Morgen die Zähne zusammen und humpelte in meine erste Vorlesung. Zu meiner Schande musste ich gestehen, dass ich schon die ganze Zeit nach Logan Ausschau hielt. Aber Hailey hatte vermutlich recht. Er sollte sich von mir fernhalten, obwohl ich nicht wirklich etwas tun musste. Er machte es selbst hervorragend.
Nachdem ich Haileys Geständnis einigermaßen verkraftet hatte, wollte ich mehr über die gescheiterte Beziehung wissen. Aber sie machte komplett dicht. Ich bekam nichts aus ihr heraus, nur, dass es scheinbar nicht allzu lang hielt. Aber irgendwas in ihren Augen sagte mir, dass sie mich anlog. Ich verfluchte mich für meine elende Neugier, doch sie gewann immer. Schließlich wechselte Hailey das Thema so geschickt, dass ich nicht mehr nachfragte.
In der Mittagspause saß ich allein. Vor mir hatte ich einen Salatteller mit Putenstreifen, der mich lockte, doch ich las gerade meine Mails durch, weshalb er noch warten musste. Ich hatte Antworten auf meine Bewerbungen erhalten. Eine war, dass sie leider keine Studenten einstellen konnten, die andere kam mit meinen Zeiten nicht zurecht und wieder eine fand, dass sie keine so hübschen Mädchen wie mich einstellen konnten, mich aber gerne zu einem Kaffee einladen würden. Diese Mail löschte ich zuerst. Dann, mit einer herben Enttäuschung im Magen, öffnete ich die letzte Mail. Ich hatte mich aus purer Verzweiflung in diesem gut besuchten Nachtclub Shadow´s  beworben. Ich hatte überhaupt keine Ahnung vom Kellnern, allerdings dachte ich auch nicht, eine Einladung zu erhalten. Doch genau das war es. Keine Absage, eine Einladung zu einem persönlichen Gespräch. Am Dienstag um 20 Uhr. Ich schickte sofort meine Zusage, auf meinem Gesicht lag ein Strahlen. Endlich konnte ich Geld verdienen, wenn ich es richtig machte. Endlich ein Lichtblick. Ich sah auf - und kreuzte sofort den von Logan. Er saß mit den anderen dreien am andere Ende der Mensa und starrte mit gerunzelter Stirn zu mir herüber. Wahrscheinlich fragte er sich, wie ich nach diesem Wochenende nur so fröhlich sein konnte. Er war es offensichtlich nicht. Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten und er wirkte unheimlich müde. Was hatte er gemacht? Da stupste ihn Oliver leicht an. Logan senkte sofort seine Blick und aus mir wich die Luft. Er wollte mich wirklich ignorieren. Gut, dieses Spiel können auch zwei Spielen. Ich steckte mir eine Gabel mit Salat in den Mund und tippte eine Nachricht an Hailey.


Freya: Huhu. Ich habe super Nachrichten! Morgen habe ich ein Vorstellungsgespräche!
Hailey: Das ist super! Wo denn???
Freya: Im Club Shadow´s. Sagt dir das was?
Hailey: Klar. Jeder kennt den Club. Google ihn mal!
Freya: Mach ich. Wenn ich den Job bekomme, gehen wir feiern! Und ich lade dich ein!
Hailey: Deal!


Ein paar Sekunden später ging ich ins Internet und gab den Namen des Clubs ein. Wahnsinn, er hatte über fünfhundert Bewertungen, allesamt positiv. Scheinbar hatte der Club mächtig Besuch und stets gefüllte Hallen. Ich las den Einleitungstext des Clubs und fand den Eigentümer auf Anhieb sympatisch:


Die Idee für diesen Club hatte ich im vollsten Rauschzustand. Ein Wunder, dass ich mich am nächsten Tag, bei feurigen Kopfschmerzen, noch daran erinnern konnte. Ich hatte am Vorabend in einem Club meinen abgeschlossenes BWL-Studium gefeiert, allerdings schmiss mich der damalige Eigentümer während meiner besten Zeiten hochkant raus. In diesem Moment kam die Erlösung: Ich wollte einen Club erschaffen, in dem es Betten für Vollgesoffene gab, und man ihnen, wenn nötig, sogar die Haare aus dem Gesicht hielt, sollten sie sich übergeben. Und nicht hochkant rausgeschmissen werden. Ich wollte einen Ort schaffen, an dem man sich bedenkenlos vollsaufen kann, ohne einen Gedanken an das Morgen zu verschwenden.
Blöderweise erkannte ich schnell, dass diese Idee keinen Boden hatte. Also beschloss ich, einen Nachtclub zu erschaffen. Nicht nur einen, DEN Nachtclub. Einen, der noch lange in den Köpfen der Menschen nach hallte, sollten sie jemals in den Genuss kommen, in unserem Club zu feiern. Zusammen mit meinen Partnern haben wir ein Paradies erschaffen, in dem man Geburtstage feiern, den Abschuss huldigen oder einfach nur die Sau raus lassen kann,


Ich war, nachdem ich den Text gelesen hatte, aufgeregt auf unser Treffen. Ich würde ihn, dem Text zufolge, vielleicht meinem Alter zuordnen, vielleicht ein paar Jahre älter, allerhöchstens Mitte zwanzig. Er klang sympathisch und offen, da er mit denselben Erfahrungen zu kämpfen hatte, wie manch andere. Außerdem traf er genau meinen Humor.
Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass ich mich beeilen musste, wenn ich pünktlich zur nächsten Stunde erscheinen wollte. Ich futterte schnell meinen Salat, dann packte ich zusammen und verließ schnellen Schrittes die Mensa. Logans Blick brannte sich in meinen Nacken.
Nachdem die restlichen vier Stunden vorbei waren, lief ich nach Hause, um mit Daisy noch ein Stück zu gehen. Sie kam während unserer Zeit hier eindeutig zu kurz. Freudig hüpfte sie an meinem Bein nach oben, zerrte an der Leine und versuchte, einige Vögel zu fangen. Ich musste bei ihren kläglichen Versuchen lachen. Endlich stieg meine Stimmung wieder, die seit der Mittagspause nur den Weg nach unten fand. Logan hatte mich nicht weiter beachtet, dafür bekam ich tödliche Blicke von Asher zugeworfen. Und ich musste sagen, die hatten es echt in sich. Bei dem Gedanken daran bekam ich eine Gänsehaut. Mein Koffer klapperte auf dem Rücken, als ich einigen Mitstudenten auswich. Ich hatte meine Geige dabei und hoffte, ich könnte irgendwo einen geeigneten Platz finden, um für meine Aufgabe zu üben. Immer noch zerbrach ich mir den Kopf über mögliche Melodien oder irgendwelche bekannten Musikstücke.
“Äh … Hi.”
Erschrocken drehte ich mich um. Hinter mir stand ein junger Mann, den ich aus meinem Kurs kannte. Er war recht klein, allerdings immer noch größer als ich selbst. Seine dunkelblonden Haare hatte er an den Seiten etwas kürzer als auf dem Oberkopf, was gerade scheinbar In war. Seine hellblauen Augen sahen unsicher zu mir auf, bevor er sich wieder auf eine Sache hinter mir fixierte. Seine Finger spielten nervös mit den Knöpfen seines karierten Hemdes. Sprach er mit mir?
“Ähm… Hallo.”, erwiderte ich unsicher. Daisy sprang vor meine Füße und schnupperte an seiner grauen Urban-Classics-Hose. Dieser machte erschrocken einen hastigen Satz nach hinten, stolperte über eine Wurzel und landete mit einem dumpfen Knall auf seinem Hinter. Mich hochroten Wangen sah er zu mir auf.
“Ich .. äh... “, stammelte er vor sich hin.
Ich reichte ihm schnell die Hand. “Das passiert mir auch ständig. Hier.”
Er ergriff meine Hand und ließ sich von mir auf die Füße ziehen. Seine Hand war nass und zittrig. Ich ließ mir nichts anmerken.
“Du bist in meinem Kurs, richtig?”, überbrückte ich die Stille, die sich nun auftat. Der Junge nickte mit dem Kopf.
“Ja .. Äh … Ich bin Cater.”, brachte er hastig hervor.
Ich lächelte ihn an. “Ich bin Freya.”
“Ich weiß.”
Ich runzelte die Stirn, sagte aber nichts, während auf seinem Hals rote Flecken erschienen. “Kann ich dir helfen?”
Cater sah auf den Boden, er schien höllisch verlegen. “Ich … ähm … ich weiß … ich dachte .. vielleicht willst du ja … mit mir lernen?”
Ich sah ihn erstaunt an. “Meinst du die Aufgabe bei Mr Josh?”
Er nickte dem Boden zu. “Ja. Ich … naja, ich kann es irgendwie nicht. Du scheint ganz gut zurechtzukommen, da dachte ich, vielleicht kannst du mir helfen?”
Ich blinzelte und in meinem Hirn ratterte es. Hatte ich Cater schon mal wirklich wahrgenommen? Er schien mir ziemlich unscheinbar mit dem blau-rot-kariertem Hemd und der weiten Hose. Ich hatte ihn zwar schon gesehen, aber hatte ihn unbewusst übergangen.
Ich schätzte, er hatte hier nicht wirklich Freunde gefunden. “Klar. Ich freue mich, dass du mich gefragt hast. Jetzt muss ich nicht mehr allein umherlaufen.”
Cater sah mich überrascht an. “Du bist allein?”
Ich nickte und deutete ihm, dass er mit laufen sollte. Daisy hatte sich wieder abgewandt und machte ihr Geschäft auf der Wiese.
“Ich bin nicht so der Typ, der direkten Kontakt mit anderen Menschen knüpfen kann. Es war schon eher Zufall, als ich meine Mitbewohnerin gefunden hatte.”
Er lächelte sichtlich erleichtert. “Das hätte ich gar nicht gedacht. Was hast du denn bei Mr Josh gezogen?”
“Verwirrung. Und du?”
“Akzeptanz. Wie soll ich das umsetzen?” Er klang leicht verzweifelt. Ich lachte.
“Was spielst du denn?”
“Größtenteils Klavier, aber auch Gitarre und Akkordeon, wobei letzteres fast nie gut ankommt.”, seufzte er theatralisch, was mich wieder zum lachen brachte.
Inzwischen hatten wir meinen Platz der ersten Woche erreicht. Wir ließen uns auf der Wiese nieder und ich löste Daisys Leine. Sie stürzte sich auf Cater und leckte ihm das Gesicht, während er sie lachend streichelte. Cater erzählte mir dann etwas mehr über sich, dass er mit vier Jahren anfing zu spielen, und ich freute mich, wie schnell wir uns anfreunden konnten. Die Sonne lief über unseren Köpfen am Himmel entlang und schenkte uns durch ihre warmen Strahlen einen warmen Nachmittag, während sich die Blätter über unseren Köpfen langsam verfärbten.
Was ich zu Cater gesagt hatte, war die Wahrheit. Normalerweise war ich nicht besonders geschickt darin, neue Freundschaften zu schließen. Doch Cater war natürlich und freundlich, wenn er seine schüchterne Hülle ablegte. Jetzt konnte ich schon zwei Menschen meine Freunde nennen. Außerdem freute ich mich, dass Cater jetzt ebenfalls einen Freund gefunden hatte. Ich hasste es, jemanden zum Außenseiter zu machen, ob beabsichtigt oder nicht. Und da ich ihn nicht gesehen hatte, oder auch übersehen, hatte ich ihn dazu gemacht. Und das tat mir leid. Jetzt konnte ich es wieder gut machen.
Wir saßen zusammen am Wasser, bis die Sonne schon längst untergegangen war. Cater war witzig und süß, doch unwillkürlich verglich ich ihn mit Logan, und damit war es das auch schon. Und als ich nach Hause kam, war ich mir sicher, dass ich einen weiteren guten Freund gefunden hatte.
Hailey erzählte ich ebenfalls von Cater und unserem holprigen Start und sie musste gewaltig lachen über seinen tollpatschigen Auftritt. Ich erzählte ihr danach von Logans komischen Auftritt und sie sah sich in ihrer Annahme bestätigt, dass Asher seine Finger im Spiel hatte. Ich hatte es mit einem Schulterzucken abgetan. Was soll´s. Logan war nicht der einzige Kerl auf dem Campus. Nicht, dass ich mir irgendwas Romantisches mit ihm ausgemalt hätte, nein. Es war nur schön, Aufmerksamkeit zu bekommen, sonst nichts. Das hatte ich nicht oft. Aber gut, Strich drunter und fertig.
Der nächste Tag zog sich wie Kaugummi und ich rutschte wie auf Lava auf den Stühlen umher. Ich war wahnsinnig nervös wegen meinem Vorstellungsgespräch. In der Mittagspause hatte ich mich mit Cater und Hailey getroffen, sich sich auf Anhieb
mochten, und mit ihnen die Pause verbracht. Irgendwann machte mit Hailey darauf aufmerksam, dass Logan mich die ganze Zeit anstarrte, aber ich ignorierte ihn. Was er konnte, konnte ich schon lange. Cater sah verwirrt drein, also erklärte Hailey ihm alles im Schnellverlauf. Cater machte großen Augen und verschluckte sich an seiner Schokomilch. Jap, Schokomilch. Cater war in etwa das, was ich mir unter einem kleine Bruder vorstellte, auch wenn er ein Jahr älter als ich war.
Nachdem die Schule vorbei war, zog ich mich in meiner Wohnung um. Ich wusste nicht, was man zu einem Vorstellungsgespräch in einem Nachtclub anzog. Also entschied ich mich für ein hellblaues Sommerkleid, mit einer weißen Strickjacke. Heute sollte es nochmal kalt werden, bevor es die nächsten Tage deutlich kälter war. Hailey schickte ich ein Bild, und sie fand es großartig. Also machte ich mich auf den Weg
Das Shadow´s lag etwas außerhalb von Boston. Ich musste eine halbe Stunde Bus fahren und die restlichen Meter zu Fuß laufen. Es war eine kleine, auffällige Scheune, ganz in schwarz angestrichen und einem roten Teppich vor dem Eingang. Es gab diese berühmten roten Seile, hinter denen die Bodyguards standen und Leute einließen, jetzt aber verlassen herum hingen. Fenster gab es, doch diese waren mit schwarzer Folie abgedeckt. Jetzt waren mehrere Fenster geöffnet. Die Lampen über der  breiten Doppeltüren erinnerten mich stark an Discokugeln. Ich war die einzige Person hier draußen, was mich nervös machte. Tief atmete ich durch, dann trat ich vor und öffnete die Tür.
Drinnen sah es völlig anders aus, als ich es mir vorgestellt hatte. Alles war dunkel gehalten, an den Seiten standen runde Tische und schwarze Ledersofas, ich sah eine riesige Bar, die beinahe die gesamte linke Wand einnahm, verschiedene Scheinwerfer rund um eine riesige Bühne mitten in der Scheune und eine gigantische Tanzfläche. Einzelne Rundtische waren mit schwarzem Stoff ummantelt und standen asymmetrisch in dem großen, dunklen Raum herum.
“Guten Tag.”
Erschrocken wandte ich mich um. Neben der Tür führte eine schmale Treppe nach oben. Auf der Treppe stand ein junger Mann mit rotblonden Haaren, die er an den Seiten millimeter kurz geschoren hatte, die oberen Haare allerdings so lang, dass er sich daraus einen Zopf binden konnte. Seine hellgrauen, intelligenten Augen musterten mich und ich tat es ihm gleich. Er hatte einen längeren Drei-Tage-Bart, hohe Wangenknochen und ein markantes Kinn. Der Mann war schmal, aber nicht schlaksig wie Cater. Er hatte mehr Masse, die genau an den richtigen Stellen waren. Durch sein sauberes weißen Shirt, durch die man Muskeln erahnen konnte, und seine schwarze Stoffhose sowie den glänzenden Schuhen erkannte ich, dass dieser Mann vor mir mehr Geld besaß, als ich jemals verdienen könnte.
“Äh … Hallo.”, stotterte ich verunsichert. Hatte ich jemals so einen attraktiven Mann gesehen? Ja, hatte ich. Mir erschien Logans Bild und ich rügte mich innerlich. Er hatte einen Schlussstrich gemacht, jetzt musste ich das auch machen.
“Kann ich helfen?”
“Ich ...äh … habe ein Vorstellungsgespräch.” Ich wollte es fest klingen lassen, aber es glich doch eher einer Frage.
Seine Miene hellte sich auf. “Ah, Sie sind sicherlich Miss Meloy. Sehr schön, wenn Sie mir bitte folgen würden.”
Er drehte sich um und ging die Treppe hoch, ohne sich zu mir umzudrehen. Wahrscheinlich wusste er, dass ich nicht umkehren würde. Ich atmete erneut tief durch, dann lief ich ihm hinterher. Oben war sein Büro, mit einem Schreibtisch voller Briefe und Zettel, ein Aktenschrank, dessen Akten sich auf einem offenen Regal stapelten und einem kleinen Sofa inklusive eines Tisches. Überall standen Ordner herum. Ein schmales Fenster warf Licht herein und es wirbelte Staub auf, als die Tür geöffnet wurde.
“Entschuldigen Sie die Unordnung, ich hatte etwas gesucht.”
Ich musste über seine Erklärung schmunzeln, denn so sah mein Zimmer auch aus, wenn ich etwas suchte. Er deutete auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch und ich nahm dankend Platz, während er sich hinter seinem Laptop niederließ, den er schnell zu klappte.
“Ich freue mich, dass Sie den Weg hierher gefunden haben. Hier verirrt man sich eher selten her, nicht wahr?” Er versuchte, die Anspannung zu lösen.
Ich presste ein Lächeln heraus, während meine Finger an den Zipfeln meines Shirts herum fummelten. “Allerdings, Mr Walter.” Mein Blick huschte zurück zu dem Namensschild, was auf seinem Schreibtisch lag. Mark Walter. So heiß also mein eventueller Boss.
“Nun, erzählen Sie mir etwas von sich, Miss Meloy.”
Ich begann zaghaft, zu erzählen. “Nun ja, ich studiere seit zwei Wochen in Harvard Musik und habe zuvor in Middleton mit meiner Mom gelebt.”
“Haben Sie bereits Erfahrung als Kellnerin?”
“Nein, aber ich bin mehr als Arbeitswillig und lerne sehr schnell.”
Mr Walter nickte mit undurchdringlicher Miene. “Wie könnten Sie arbeiten?”
Ich dachte kurz nach. “Normalerweise habe ich ab fünf Uhr nichts mehr vor. Bis dahin sind die Kurse vorbei und ich dürfte meine normalen Arbeiten geschafft haben.”
Mr Walter beugte sich über den Schreibtisch zu mir. “Miss Meloy, wenn ich Sie hier einstelle, haben Sie einen straffen Zeitplan. Sie müssen innerhalb einer bestimmten Zeit viele Dinge erledigen. Ihre normale Schicht könnten wir anpassen, sodass sie bequem von sechs Uhr Abends bis um zwei Uhr Nachts arbeiten können. Aber ich erwarte von jedem meiner Mitarbeiter ein seriöses Auftreten, Freundlichkeit und Schweigsamkeit. Keiner weiß, dass ich der Chef dieses Ladens bin und ich will, dass das so bleibt.”
Bis um zwei Uhr Nachts? Ich brauchte eine dreiviertel Stunde bis hierher, also wäre ich ungefähr um drei Zuhause, bis ich um halb acht, spätestens um acht aufstehen müsste. Also fünf Stunden Schlaf. würde ich das schaffen?
“Natürlich.”, erwiderte ich.
“Es könnte außerdem sein, dass sie manchmal etwas früher anfangen und eine Stunde später gehen müssen. Vor allem am Wochenende herrscht hier sehr viel Betrieb. Haben Sie sich das auch gut überlegt?”
Das man alleine vom Nichtstun kein Geld verdiente, war mir von vorneherein klar. Also straffte ich die Schultern und sagte fest: “Ja.”
Er nickte zufrieden und lehnte sich zurück. “Gut. Ich möchte, dass Sie am Samstag hier Probe arbeiten. Danach werden wir über eine mögliche Anstellung und ihr Gehalt verhandeln. Sind Sie damit einverstanden?”
Ich nickte.
“Gut. Sie erhalten eine Mail von mir, in dem Ihre Arbeitskleidung aufgelistet wird, die Sie hier benötigen. Das Geld dafür wird in Ihrem ersten Lohn mit einfließen. Haben Sie noch Fragen?”
Mir schwirrte der Kopf, doch ich nickte. “Was wären dann meine Hauptaufgabenbereiche?”
“Sie werden überall mitmischen, hauptsächlich an der Bar und als Bedienung.”
“Und wie ist es mit den Arbeitstagen? Jeden Tag inklusive Wochenende?”
“Nein, wir würden Sie, da Sie ja noch studieren, hauptsächlich an den Wochenenden anfordern. Ich wünsche außerdem, dass Sie jede Woche zwei bis drei Tage arbeiten, je nach Arbeitsplan, der erstellt wird, würden Sie alle zwei Wochenenden arbeiten. Da Sie noch Studentin sind, haben wir dafür extra Pläne.”
“Bin ich die einzige Studentin hier?”
“Nein, wir haben noch zwei Studenten sowie eine Aushilfe, die ebenfalls erst kürzlich angefangen hat. Insgesamt arbeiten hier zwanzig Arbeitskräfte, inklusive drei Barkeeper, zwei Bodyguards und Putzkräfte.”
Ich nickte und schluckte. Verdammt, war der Laden groß. Aber ich würde es schon hinbekommen. Ich brauchte das Geld!
“Gibt es noch Fragen Ihrerseits oder konnte ich Ihre Neugier stillen?”, grinste er.
Ich grinste zurück. “Bis jetzt ja.”
“Wieso studieren Sie Musik?” Die Frage traf mich völlig kalt. Unwillkürlich musste ich an meine Begegnung mit Mrs Donner denken. Selten wurde mir eine Frage wie diese gestellt und ich beantwortete sie nicht gerne.
“Es ist meine große Leidenschaft.”, antworte ich ausweichend.
“Spielen Sie selber ein Instrument?”
“Hauptsächlich Geige.”
“Beeindruckend. Haben Sie ein Stipendium?”
“Ja, Sir.”
Er nickte. “Vielleicht könnten Sie unser Publikum begeistern?”
Ich erstarrte auf dem Stuhl. “Wahrscheinlich nicht. Ich spiele nicht gerne vor großen Mengen, Sir.” Mein Tonfall war eisig geworden, denn er sah mich fragend an. Ich ging nicht näher darauf ein, also räusperte sich Mr Walter einmal kurz und stand auf.
“Gut. Ich werde Ihnen die weiteren Details für Ihren Probeteil mailen. Es war mir eine Freude, Sie kennenzulernen, Miss Meloy.”
Ich stand ebenfalls auf. “Es war mir ein Vergnügen, Mr Walter.”
Wir schüttelten uns die Hände und gingen dann zusammen nach unten. Mr Walter führte mich hinaus und verabschiedete sich von mir, bevor er wieder nach drinnen verschwand.
Mein Puls war noch immer ungewöhnlich hoch und ich musste mich erst wieder von diesem Verhör erholen, als mein Handy klingelte.
“Hallo, mein Schatz.”
Ich lächelte. “Hallo, Mom. Wie geht es dir?”
“Ach, es ist hier furchtbar leise ohne dich, Schatz. Wie verlief das Vorstellungsgespräch?”
Ich hatte meiner Mutter heute Morgen noch schnell eine Nachricht geschickt, damit sie bescheid wusste. Sonst hatte ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich es ihr später sagte.
“Super. Er hat mir alles genau erklärt, wie meine Arbeitszeiten wären, wie viele Mitarbeiter hier arbeiten und, und, und. Ich bin total überfordert, es war so viel. Am Samstag muss ich Probearbeiten und dann sagt er mir, ob ich angestellt werde oder nicht.” Ich lief, eine Hand am Handy, los zur Bushaltestelle.
“Das klingt doch super, Hase. Und wie läuft es so in der Schule?”
Ich dachte kurz an Logan. “Super, Mom. Wir haben heute unsere erste Arbeit zurückbekommen und ich war überrascht, weil es eine zwei war. Außerdem habe ich mit einem Mitstudenten eine Aufgabe gelöst.”
Während wir redeten, traf ich an der Bushaltestelle ein. Es dauerte noch zehn Minuten, dann konnte ich einsteigen und fuhr nach Hause. Mom und ich redeten die ganze Zeit über belangloses Zeug, auch während ich in den Bus einstieg. Ich erzählte ihr von Mr Joshs Aufgabe und wie Cater und ich sie gemeistert hatten. Mom hörte mir zu und freute sich für mich, bevor sie mir das Versprechen abnahm, sie bald wieder zu besuchen.
Nachdem wir aufgelegt hatten, konnte ich schon aus dem Bus aussteigen. Ich lief gerade auf den Campus, als ich wütende Rufe hörte. Suchend sah mich um, und entdecke Cater, der gerade von einigen Jungs angerempelt wurde. Sein Rucksack lag auf dem Boden und seine Hefte waren verstreut. Einer hielt ihn fest an die Mauer der Cafeteria gepresst, während der andere vor ihm herum tänzelte. Wut kroch in mir empor. Etwas entfernt entdeckte ich Logan und seine Gang, die dem ganzen zu sahen, aber nichts unternahmen. Ich ballte meine Hände zu Fäusten und lief genau auf Cater zu.
“... dein Geld hast, hab ich gefragt!”, knurrte derjenige, der Cater am Kragen gepackt hielt, und schüttelte meinen Freund.
“Lass ihn los!”, verlangte ich und stellte mich halb zwischen ihn und Cater.
Der andere Mann, er hatte eine rasierte Glatze und eine Menge Tattoos, hörte mit dem tänzeln auf und sah mich mit gefurchter Stirn an. “Verpiss dich, Mädchen.”, meinte er nur und sah wieder zu seinem Kumpel, dessen Gesicht von Narben zerfurcht war, der Cater weiter bedrängte.
Ich machte einen Satz nach vorne und riss einen Arm von meinem Freund. Der dunkelhaarige Mann mit dem vernarbten Gesicht vor mir schien mich mit Blicken zu erdolchen. Er ließ Cater los, doch dafür hatte er jetzt mich im Visier.
“So, so. Hast du dir einen Beschützer zugelegt, O´Bryan?”, meinte er hämisch und baute sich vor mir auf. Cater gab ein Winseln von sich.
“Und du? Vergreifst dich an Schwächeren?”, konterte ich kühn und verschränkte die Arme. Hoffentlich sah er mir meine Angst nicht an. Er trat gefährlich nah an mich ran, und baute sich weiter vor mir auf.
“Ich rate dir, kleines Ding, dich nicht in Sachen einzumischen, die dich nichts angehen.”, knurrte er.
Ich atmete tief durch und hielt seinem Blick aus beinahe schwarzen Augen stand. “Cater ist mein Freund, also ist das sowohl seine, als auch meine Angelegenheit. Such dir doch lieber jemanden in deiner Liga, mit dem du dich anlegen kannst.”, fauchte ich.
“Wie du?” Im nächsten Moment lag ich schon auf dem Boden. Mein Hintern schmerzte und ich schlug mit dem Kopf auf dem harten Asphalt auf. Mein Kopf begann sofort zu dröhnen, aber ich hob trotzdem den Blick wieder. Hoffentlich ging er nicht wieder auf Cater los!
Doch als ich gerade den dunkelhaarigen Typen im Visier hatte, donnerte ihm eine Faust ins Gesicht, was ihn verdutzt nach hinten taumeln ließ. Blut tropfte aus seiner Nase und seine untere Lippe war aufgeplatzt. Ungläubig fühlte er mit seinen Fingern die Wunde und sah entsetzt auf das Blut daran.
Cater kniete sich neben mich und half mir, aufzustehen. Scheinbar war ich auf mein Gleichgewichtssinn gefallen, denn meine Beine wollten nicht so, wie ich wollte, und mein Kopf pochte.
“Was ist dein Scheiß-Problem!”, brüllte der Vernarbte. Er fuhr mit seiner Hand nochmal ruppig über seine blutende Lippe und fixierte Logan, der mit geballten Fäusten vor ihm stand.
“Rühr sie noch ein einziges Mal an, und du wirst den morgigen Tag nicht mehr erleben.”, sagte Logan mit einer tödlichen Ruhe. Aufrecht stand er zwischen uns, mit seinen breiten Schultern und geballten Fäusten. In meinem Bauch begann es augenblicklich zu kribbeln.
Doch der kahle Typ hinter dem Vernarbten ließ sich nicht beeindrucken. Er lacht sogar auf. “Du stehst auf die kleine Schlampe?”
Mit einer Präzision, die mir Angst machte, stand Logan vor ihm und donnerte seine Faust in ihn. Ich schrie auf und machte einen Satz nach vorne. Cater hielt mich am Arm fest und zwang mich, neben ihm zu bleiben. Jetzt holte der andere vernarbte Typ aus und wollte sie in Logans Magen versenken. Er schlug zu, doch Logan trat beiseite und der Schlag ging ins Leere, was den vernarbten Typen taumeln ließ. Mein Blick zuckte kurz zu Logans Freunden. Oliver und Aiden waren verschwunden, nur Asher stand da und sah stirnrunzelnd zu seinem Freund.
In diesem Moment brüllte der kahle Typ auf und rannte in blinder Wut auf Logan zu.
“Was stimmt mit dem nicht?”
Logan tänzelte zurück, sodass er letztlich zwischen mir und dem Angreifer stand. Mit seinen breiten Schultern versuchte er, den Blick auf mich zu verhindern. Cater hatte meinen Arm losgelassen und versteckte sich hinter mir.
“Er hat was genommen.”, beantwortet Logan meine Frage über die Schulter, ohne seinen Angreifer aus den Augen zu lassen. Mir lief ein Schauder über die Arme. Laut Hailey hatten die Jungs ja auch etwas mit Drogen zu tun, aber so, wie Logan den Typen betrachtete, mochte er ebenso wenig Drogen wie ich.
“Pass nur auf, dass deine Kleine sich nicht in Dinge einmischt, die sie nichts angehen!”, rief der Typ.
“Kyle, jetzt beruhige dich, Mann. Lass sie in Ruhe.”, sagte Logan ruhig und hob die Hände in einer beschwichtigenden Geste.
Kyle schnaubte. “Ganz sicher nicht. Ich habe eine Rechnung mit der kleinen Bitch offen.”
Unwillkürlich griff ich nach Logans Shirt. Kyle machte mir Angst. Logan spannte sich an und verdeckte so komplett den Blick auf mich.
“Fass sie einmal an, und du wirst nie wieder einen Finger krümmen können. Ich meine es ernst.”, knurrte Logan und versuchte, sich noch breiter zu machen. Kyle begann zu kichern. Nicht im Sinne von lustig, sondern eher im Sinne eines Verrückten. Ich spürte, wie Cater seine Hand erneut auf meinen Arm legte, während ich mich hinter Logans Rücken versteckte und mich in sein Shirt klammerte.
“Lass dich nicht zu sehr darauf ein, Logan. Sie könnte dein Untergang sein.”, säuselte er.
Logan machte einen Schritt nach vorne, mit geballten Fäusten, doch Kyle wich aus, kicherte erneut und rannte davon. Ich hasste Drogen wie die Pest.
Logan stand noch einige Minuten mit verkrampften Muskeln vor mir, dann drehte er sich zu mir und sah mich besorgt an.
“Geht es dir gut?”, hackte er nach. Seine Hand hob sich, als würde er sie auf meine Haut legen wollen, doch mitten in der Bewegung erstarrte sie und fiel wieder zurück neben seinem Körper. Ich verbarg meine Enttäuschung. Seine Augen huschten über meinen Körper, als suchte er nach Verletzungen.
“Ja, Logan. Danke.”, gab ich ehrlich zurück und sah in seine hellen Augen. Er erwiderte meinen Blick und ich konnte all seine unterschiedlichen Gefühle lesen, die aber keinen Sinn machten. Wut, Sorge, Hingabe. Dann wanderte sein Blick an mir hinunter und seine Besorgnis schlug in eisige Kälte um. Caters Hand lag noch auf meinem Arm. Logan hob den Blick und sah Cater schräg hinter mir an. Nein, er starrte ihn böswillig an. Sofort zog Cater seine Hand weg.
“Was soll das, Logan?”, fuhr ich ihn an und sein Blick richtete sich wieder auf mich. Er öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber ich kam ihm zuvor. “Du ignorierst mich du ganze Zeit und auf einmal wirst du eifersüchtig, wenn mich jemand auch nur anfasst? Das passt nicht zusammen, findest du nicht auch?”
Logan biss die Zähne zusammen. “Du verstehst gar nichts.”
Ich runzelte verärgert die Stirn. “Dann erklär es mir doch.”
Er schüttelte den Kopf und fuhr sich mit der Hand durch sein Haar. “Ich kann nicht, und ich will es auch gar nicht. Ich will nur, dass du dich vor solchen Kerlen wie ihm in Acht nimmst. Ich will nicht dauernd dein Babysitter spielen müssen.”
[color=#000000][size=small][font=Verdana]Hätte er mir nicht gleich irgendeinen Knochen brechen können? Das hätte sicher weniger weh getan als dass, was er mir gerade ins Gesicht geschleudert hatte. Ich spürte, wie sich Tränen in meinen Augen sammelten, und blinzelte sie schnell weg.“Langsam kann ich verstehen, wieso ihr vier nur miteinander rumhängt. Wahrscheinlich kann sonst niemand eure Launen ertragen.”“Nein, wir müssen uns dann nur mit unserem eigenen Dreck befassen. Solltest du auch mal versuchen.


Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #2 |

RE: Terra Mater - Kapitel 3
“Scher dich zum Teufel, Mitchell! Und nimm deine sogenannten Freund gleich mit!”
Ich drehte mich um, nahm Cater am Arm und verließ fluchtartig Logans Nähe. Sein störrischer Blick bohrte sich in meinen Rücken. Ich drehte mich nicht um.
Nach ein paar Minuten emsigen Schweigens durchbrach ich die Stille.
“Was wollte dieser Kyle eigentlich?”, fragte ich Cater.
Dieser schnaubte. “Was jeder beliebte, fiese Schüler von einem Außenseiter wie mir will. Mein Geld, meine Würde, mein erst schon mickriges Selbstbewusstsein.”
Ich blieb stehen und fasste Cater am Kragen.
“Cater O´Bryan. Jetzt hörst du mir mal zu. Du bist weder mickrig noch irgendein Außenseiter. Das bist du nur, wenn du zulässt, dass andere dich zu einem Außenseiter machen. Also mach dich nicht so runter, verstanden?!”, knurrte ich ihn an. Cater schenkte mir ein schwaches Lächeln.
“Danke.”
Ich ließ ihn los und lief weiter.
“Und was war da zwischen dir und Mitchell?”
Mein Fußmarsch stockte kurz, dann hatte ich mich wieder gefangen. “Ich weiß nicht, was du meinst.”
“Ach komm!”, rief Cater aus. “Du weißt genau, was ich meine. Ihr saht … vertraut aus.”
“Wenn du mit vertrauen meinst, dass wir uns angeschrien haben, dann ja. Wir sind sehr vertraut miteinander.” Mein Sarkasmus ließ ihn kurz auflachen.
“Aber jetzt mal im Ernst: Was läuft zwischen euch? Ich meine, ich glaube dir das, was Hailey und du mir gesagt haben. Aber da steckt doch mehr dahinter, oder?”
Ich seufzte. Irgendwie kam es mir vor, als liefe ich einen Schritt nach vorne und zwei zurück.
Ich setzte mich auf die nächste Bank, Cater nahm neben mir Platz. Er sah mich aufmunternd an.
“Ich weiß es nicht. Es ist kompliziert. Er ist kompliziert. Ich meine, er war Anfangs so nett und ich dachte, er hat echtes Interesse. Ich meine, Interesse an meiner Person. Ich hatte versucht, ihn wegzustoßen, weil ich ihn für einen dieser typischen Angeber hielt. Letztlich habe ich doch nachgeben. Wir waren am See gewesen, und es war wirklich schön. Ich habe mich seit langer Zeit wieder sicher gefühlt.” Bei dieser Erinnerung musste ich lächeln. “Aber dann bin ich hingefallen, habe mir den Knöchel verstaucht. Ich habe keinen Arzt, weil … Ist ja jetzt auch egal. Jedenfalls hat er mich dann zu einem … Freund gebracht, der scheinbar Arzt ist. Aber er hat darauf beharrt, Asher dazu zu holen. Nachdem dieser dann da war, hat er sich endlich meinen Fuß angesehen. Asher hat Logan zu sich gepfiffen und sie sind beide raus. Und als er wiedergekommen ist, war er wie ausgewechselt. Ich kann ihn gar nicht mit dem Typen von vor ein paar Tagen vergleichen.”
Ich stützte den Kopf in den Händen. Dass es mich doch so mitnahm, überraschte mich. Cater legte mir mitfühlend einen Arm auf den Rücken und streichelte mich. Ich atmete tief durch.
“Das tut mir leid. Er scheint wirklich ein Arsch zu sein.”, kommentierte er meine Geschichte mitleidig.
“Ja.”, stieß ich verbittert aus. “Das ist er. Und ich Idiot bin trotzdem drauf reingefallen.”
“Dafür weißt du es jetzt besser, oder? Jetzt kannst du dich ja von ihm fernhalten. Du weißt ja jetzt, wie er ist.”
Ich atme tief ein. “Ja, du hast recht. Lass uns gehen.”


Die restliche Woche verlief ohne irgendwelche Schwierigkeiten. Ich konnte Logan problemlos ignorieren, weil er mich ebenso konsequent ignorierte. Ich lief mit Daisy, ich machte meine Hausaufgaben, aber ansonsten blieb ich Zuhause, ich joggte morgens allein. Mom rief mich an, um zu fragen, wann ich wieder kommen würde, aber ich wusste nicht, wie ich alles unter eine Hut bekommen sollte, also antwortete ich ihr nur vage.
Zwischendurch bekam ich die Mail von Mr Walter, in dem er mir meine Arbeitskleidung beschrieb, die ich danach sofort bestellte, und  in der auch stand, wann ich am Samstag arbeiten sollte. Ich sollte um sechs Uhr Abends anfangen, und normal bis um zwei Uhr nachts arbeiten.
Heute, der Samstag, war mein Probetag. Ich war schon den ganzen Tag nervös, was
Hailey belustigt zur Kenntnis nahm. Meine Arbeitskleidung hatte ich in einer kleinen Tüte in der Hand, als ich mich um kurz vor fünf auf den Weg machte.
“Viel Glück!”, rief Hailey mir noch hinterher, bevor ich sie mit Daisy allein ließ. Mir tat es leid, dass ich so wenig Zeit mit meiner Hündin verbringen konnte, aber irgendwie musste ich ja Geld verdienen.
Eine dreiviertel Stunde später war ich am Club. Der Bass dröhnte bereits aus dem Haus, auch wenn noch keine Gäste da waren. Hinter ihm sah ich die Sonne hinter dem Wald verschwinden und rote Strahlen auf die Scheune werfen, die diese sofort verschluckte. Ein paar Männer und Frauen standen vor der Eingangstür und rauchten, allesamt in schwarz gekleidet, während sie mir kurze Blicke zu warfen. Mit gesenktem Kopf lief ich an ihnen vorbei nach drinnen.
“Wir öffnen erst um sieben.”, brummte mich plötzlich ein Bär von der Seite an. Ich sah erschrocken auf. Er war bestimmt zwei Meter, hatte kurz geschorene Haare und einen riesigen Ring zwischen den Nasen. Seine bullige Erscheinung wurde durch die schwarzen Klamotten noch verstärkt. Er hatte auf seinen massigen Armen viele unterschiedliche Tattoos und strahlte eine unterschwellige Drohung aus. Wenn er nicht der Bodyguard war, war ich die Queen.
“Ich … ich bin … “; stotterte ich eingeschüchtert.
“Sid, lass sie vorbei. Sie ist die neue Mitarbeiterin.”, hörte ich in dem Moment Mr Walters Stimme und sah erleichtert auf. Diesmal trug er eine moderne grüne Weste und eine schlichte Jeans dazu.
Sid brummte kurz, ließ mich dann aber vorbei. Ich ging schnell zu Mr Walter, der mich freudig empfing.
“Miss Meloy, ich freue mich, Sie zu sehen.”, begrüßte er mich und führt mich dann durch die Halle.
“Ich mich auch, Mr Walter.”, erwiderte ich nervös.  
Er führte mich zu der Bar, wo eine hochgewachsene Brünette uns empfing. Sei trug dieselbe Arbeitskleidung, die ich mir auch besorgen musste: ein weißes Oberteil mit einem zugebundenen Knoten in höhe des Bauchnabels, kurze, karierte Röcke und schwarze Strümpfe. Es erinnerte mich schwer an meine Uniform in der Grundschule, nur waren sie dort nicht so verflucht kurz. Als ich sie in meiner Wohnung anprobierte, war ich über die Kürze total erschrocken. Ich hatte keine 90/60/90 Maße, die ich vorweisen könnte. Mein Bauch war nicht wirklich vorzeigbar und selbst meine Oberschenkel hatten Oberschenkel. Hailey hat mich nur für verrückt erklärt, aber schließlich hatte jeder irgendwelcher Komplexe. Ich musste eben mehr Sport machen, aber ich fand kaum Zeit dafür.
“Das ist Jenna. Sie ist eine gute Freundin von mir und arbeitet schon fast so lange wie ich in diesem Laden. Sie wird dir helfen, dich hier zurecht zu finden und dir alles zeigen und erklären. Ich überlasse dich in ihrer Obhut.”
Mr Walter nickte uns beiden zu und verließ uns. Ich sah mir Jenna genauer an. Sie war einen halben Kopf größer als ich, eine freche Kurzhaarfrisur mit blauen Strähnen, braun-schwarzen Augen und eine etwas rundliche Figur, die ihrem Aussehen aber keineswegs schadete. Sie lächelte mich herzlich an.
“Hi.”, sagte sie, und der fröhliche Ton in ihrer Stimme ließ mich einen Teil meiner Anspannung verlieren.
“Äh … Hallo. Ich bin Freya Meloy.”
“Freut mich, Freya. Komm mit, ich zeige dir erstmal, wo du dich umziehen kannst. Es ist
doch okay, wenn ich dich duze? Das machen wir hier alle.”
Ich nickte. “Klar.”
Sie führte mich hinter die Bar durch eine kleine Tür, die in einen schmalen, grauen Gang führte. Dieser endete in einem abgedunkelten Raum mit vielen Schließfächern und einigen Kabinen.
“Such dir ein Schließfach aus und zieh dich um. Pass aber auf, es gibt hier keine getrennten Umkleiden, deswegen sind hier Kabinen. Ich bin vorne bei der Bar. Wenn du fertig bist, komm einfach vor. Hast du einen Haargummi?”
Ich schüttelte den Kopf und sie reichte mir einen. “Es ist am besten, wenn du deine Haare zurück bindest, dann stören sie nicht. Deswegen habe ich mir meine Haare auch abschneiden lassen. Gut, also, bis gleich.”
Wie ein Wirbelwind fegte sie durch den Raum nach vorne. Ich musste lächeln. Vielleicht wurde der Tag doch nicht so schlimm.
Ein paar Minuten später hatte ich mich in meine Arbeitsuniform gezwängt. Ich sah mich in dem kleinen Spiegel an sagte mir, dass es schon nicht so schlimm aussah. Dann machte ich mir einen hohen Zopf. Okay, ich sollte nicht mehr in den Spiegel sehen. Schnell schloss ich meine Tasche inklusive meines Handys und meinen Klamotten im Spind ein. Ich lief den Flur zurück zur Bar, wo Jenna sich mit einem weiteren Mann unterhielt. Er war etwas dicklich, hatte eine Nerdbrille auf der Nase und kinnlange strohblonde Haare. Mit seinem lieben Gesicht erinnerte er mich etwas an Cater.
“Hi.”, sagte ich schüchtern und stellte mich neben Jenna.
“Da bist du ja. Das hier ist Isaac. Er ist ebenfalls Student, also habt ihr ein Gesprächsthema, solltet ihr mal die Zeit haben, ein Gespräch zu führen. So, komm mit.”
Jenna packte meine Hand und zerrte mich zum Barkeeper. Dort lehnte sie sich an die Wand.
“Es gibt hier einfach Regeln. Wenn du die drauf hast, wird das alles kein Problem. Regel Nummer eins: Du musst die Getränkekarte auswendig wissen, inklusive . Manche wollen hier auch was Essen, aber die meisten kommen zum Trinken und Feiern. Wobei wir schon bei Regel Nummer zwei wären. Manche von unseren Gästen verlieren mit der Menge an Alkohol ebenfalls ihre Gehirne. Sie werden aufdringlich. Wenn sowas passiert und du selbst nicht mehr klar kommst, holst du entweder Sid, den Bodyguard, oder einen von der Security hier. Sollte es dann immer noch nicht klappen, was höchst unwahrscheinlich ist, kannst du Mr Walter holen. Aber das ist deine letzte Option, klar? Gut. Du musst während deiner gesamten Schicht ein Lächeln auf den Lippen haben. Du musst immer höflich und nett sein, auch wenn der Typ dir gerade an die Titten gefasst hat und du ihm die Eier rausreißen willst, klar?”
Ich atmete tief durch. Du brauchst das Geld!, rief ich mir ins Gedächtnis. Also nickte ich entschlossen und ging die einzelnen Regeln erneut durch. Das würd ich doch schaffen, oder?
“Für den Anfang ist es okay, wenn du einfach nur die Nummer der Getränkekarte aufschreibst, wenn die Kunden genau wissen, was sie wollen. Buddy, der Barkeeper, kennt die Zahlen in- und auswendig. Falls einer der Kunden nicht weiß, was er möchte, kannst du freundlich darauf hinweisen, dass er seinen Arsch gefälligst an die Bar bewegen soll oder schlägst ihm einen Sex on the Beach oder Bloody Mary vor. Irgendwas herkömmliches, da musst du keine Inhalte aufsagen. Sollte etwas sein, kannst du mich einfach ansprechen, okay?”
Ich nickte angespannt. Das war ziemlich viel, was ich mir merken sollte, doch das würde ich schon schaffen. Ich sah zuversichtlich dem Abend entgegen. Außerdem
hatte ich nicht das Gefühl, dass ich hier stören würde. Bis jetzt gab Jenna mir das Gefühl, willkommen zu sein.
Um sieben Uhr war der Einlass. Der Raum füllte sich und der regelmäßige Beat dröhnte in meinem Kopf nach. Ich schrieb größtenteils nur die Nummern der Getränke auf und versuchte mir gleichzeitig die Getränke zu merken. Aber Buddy, ein glatzköpfiger, sprunghafter und lauter Mann Ende dreißig, half mir und sagte mir bei jeder Nummer das passende Getränk und deren Inhalte. So lernte ich im Laufe des Abends einige Getränke kennen und konnte am Ende schon mehrere Getränke auswendig. Die Männer wurden wirklich sehr aufdringlich, vor allem bei einem, wie sie es nannten, Frischfleisch. Ein paar Mal musste Jenna eingreifen, weil ich einige Männer nicht abschütteln konnte. Und zum Ende der Schicht hin hatte ich vier neue Nummern und viele Komplimente über mein Äußeres, die mein Selbstbewusstsein stärkten. Das hätte ich nie gedacht, aber es hatte mir wirklich Spaß gemacht. Aber es war so. Mr Walter bat mich am Ende meiner Schicht zu sich und verkündete mir, das ich den Job hätte. Ich war so erleichtert, dass es nach all den Absagen endlich geklappt hatte, auch wenn ich nie gedacht hätte, in diesem Business mitzumischen. Am Ende hatte ich jedoch einen Arbeitsvertrag und ich hatte mit Mr Walker ausgemacht, mein Geld am jeweiligen Arbeitstag zu bekommen, so wie die anderen auch. Und als ich um drei Uhr endlich in mein Bett fiel, taten mir zwar alle Knochen weh, aber ich war zufrieden. Ich würde Geld verdienen, Daisy komplett durchfüttern und die Miete bezahlen können und es blieb sogar noch etwas für mich übrig. Die erste Hürde war genommen.
In diesem Moment ahnte ich noch nicht, das diese Hürde die mit Abstand leichteste war, die auf mich zu kam.


Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste

Deutsche Übersetzung: MyBB.de, Powered by MyBB, © 2002-2019 MyBB Group.

Design © 2007 YOOtheme