Es ist: 21-07-2019, 14:57
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Ein beschissener Tag
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Ein beschissener Tag
Was ein beschissener Tag. Ich will nicht drüber sprechen. Nein wirklich nicht.
Ok, aber nur, weil du fragst.
 
Ich bin heute aufgestanden, nachdem ich den dümmsten Traum der Welt hatte. Ja, ich sag es dir ja schon. Ich war bei einer Miss-Wahl. Hach ja, kannst du dir das vorstellen? Naja also, jedenfalls bin ich Letzte geworden und die Jury hat zu mir gesagt, dass ich keinen Stil hätte. Kannst du dir das vorstellen? Ich? Keinen Stil? Ich bitte dich.
 
Nun ja, dann bin ich aus dem Bett, aber auf dem Boden lag noch ein halbvolles Weinglas, Gott weiß, wie das dahin gekommen ist. Zum Glück Weißwein, stell dir vor! Rotwein auf meinem weißen Kunstfellläufer. Naja, das Glas ist hinüber und mein kleiner Zeh tut weh, wenn ich nur dran denke. Was ein Start in den Tag. Ich sag es dir! Aber das ist ja nicht alles.
 
Ich bin zum Briefkasten und hab Post drin gehabt. Du weißt doch, die Auszahlung, auf die ich warte? Die eine vom Unfall? Du glaubst doch wohl nicht, dass ich die Gutschrift jetzt kriege! Die haben mir jetzt einen Brief geschrieben. Die wollen noch alles Mögliche von mir wissen. Ich weiß auch nicht warum. Ich habe ihnen alles zukommen lassen, aber du weißt ja wie schlampig die sind. Dabei zahl ich so viel für meine Versicherung. Ja, ich denke ich werde meine Versicherungen dort abziehen. Das ist wirklich unverschämt.
 
Aber weißt du, ich bin ja friedlich. Also habe ich mir gedacht, „Susanne“, hab‘ ich mir gedacht, „du gehst jetzt erst mal ins Büro“. Ja, ja ich mach noch den Papierkram für Schorsch. Ja, aber du weißt doch wieso. Er ist zwar mein Exmann und ein Hurenbock, aber ich hab‘ einfach so ein weiches Herz. Außerdem glaube ich, mit seiner Agentur geht es bergab. Gott, ich werde mir wohl bald einen neuen Job suchen müssen. Ja, natürlich muss er mir weiter Unterhalt zahlen. Ich glaube auch, dass die Geschäfte besser liefen, wenn er nicht ständig mit dieser Person vögeln würde. Als wir noch verheiratet waren, hat er sich um die Arbeit gekümmert, war immer im Büro, auch nachts. Jetzt ist er ja nur noch mit ihr zu Gange. Nun ja, siehst du ja selbst, was er davon hat. Aber mir kann es egal sein. Ich bin ja nicht bankrott. Aber natürlich wünsche ich ihm nur das Beste, was denkst du von mir?
 
Egal, jedenfalls bin ich nach der Arbeit ins Fitnessstudio gefahren. Aber du weißt ja, wie das ist. Um die Mittagszeit rum sitzen immer irgendwelche Hausfrauen an der Adduktoren-Maschine und tratschen. Es ist wirklich peinlich. Keine Privatsphäre kennen diese Hexen. Worüber die alles geredet haben. Wusstest du, dass der Sohn der Marianne letzte Nacht festgenommen wurde? Hat wohl den BMW der Nachbaren geklaut und betrunken gegen die Wand vom McDonalds gesetzt. Nein, kann ich dir nicht sagen, ob es ihm gut geht. Aber das Auto, das ist jedenfalls futsch. Passt aber, dass er zum McDonalds ist… So furchtbar wie seine Mutter immer kocht. Ha ha ha ha ha. Aber ich sag dir, so ein  Getratsche, das ist ja für mich nichts.
Ja ja, ich muss jetzt auch los. Ja, so viel zu erledigen. Schatz, wir hören uns, ne? Bussi bussi.
 
Und dann ging sie. Zu ihrem Volkswagen Käfer, der neuen Generation mit dem offenen Verdeck. Und mit dem fuhr sie bis nach Hause, zu dem Vorort des kleinen Ortes, der so schön zentral gelegen ist und perfekt für Berufspendler geeignet ist. Sie ging zu ihrem Haus und weil die Sonne bereits unterging, durchquerte sie die Küche, griff Weinglas und Weinflasche, welche sie stets im Weinregal neben dem Kühlschrank lagert. Sie stieg durch den Wintergarten in den gepflegten Garten, wo sie ein schönes Glas Wein trank und lächelte während sie in die Gärten der Nachbarn schaute und sie lächelte, als sie wieder in den Wintergarten ging und die Schiebetür der Terrasse geräuschlos zuzog. Sie lächelte als sie ins Bad ging, das Weinglas auf der Ablage vor ihr abstellte, und das Make-Up entfernte. Sie lächelte auch, als sie ein Feuchtigkeitsöl auftrug und sie lächelte, als sie ihren weißen Pyjama anzog und die Schlafmaske auf die Stirn zog. Sie lächelte auch, als sie sich ins Bett legte und an der weichen Polsterung der Rückenlehne anlehnte. Sie lächelte durch die Abendnachrichten und sie lächelte, wann immer sie einen Schluck aus dem großen Glas nahm, den Wein durch die Zähne zog, eine Weile auf der Zunge genoss und dann kräftig herunterschluckte. Sie lächelte, als sie den Fernseher ausschaltete und das Weinglas auf den Boden rechts neben dem Bett abstellte. Dann schaltete sie das Licht aus und zog die Schlafmaske über die Augen und sie lächelte. Was für ein schöner Tag.


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