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Sarah Orne Jewett
Beitrag #1 |

Sarah Orne Jewett
Personenbeitrag Sarah Orne Jewett

[Bild: Sarah_Orne_Jewett_7.jpg]
Published by Houghton Mifflin, Boston, 1894 [Public domain]

Sarah Orne Jewett wird am 3. September 1849 in South Berwick, Maine, geboren, in einem alten Haus voller seltsamer, fremder Gegenstände, die von ihren seefahrenden Ahnen aus aller Welt zusammengetragen wurden. Aufgrund ihrer Arthritis kann sie ihre Schule, die Berwick Academy, nicht regelmäßig besuchen. Ihr Vater, ein renommierter Geburtshelfer, ermuntert sie, seine gut sortierte Bibliothek zu nutzen. Sie liest wichtige europäische und amerikanische Autoren, wie Ralph Waldo Emerson, James Russell Lowell und Harriet Beecher Stowe. 

Sie begleitet ihren Vater häufig auf seinen Visiten zu den Farmen und den Küstenorten. So lernt sie früh das Land und die Menschen mit ihrer Sprache, ihren Lebensgewohnheiten, Sitten und Gebräuchen kennen. Ihr Gesundheitszustand zwingt sie, ihren Wunschberuf der Ärztin aufzugeben; stattdessen entscheidet sie sich für das Schreiben. Ihre erste Geschichte veröffentlicht sie mit achtzehn, seitdem schreibt sie kontinuierlich. 

Ab 1881 lebt Jewett abwechselnd in ihrem Geburtshaus in South Berwick und bei ihrer Freundin Annie Fields in Boston, 148 Charles Street, in einer „Boston Marriage“ (Bostoner Ehe). Gemeinsam mit Fields bereist sie Amerika und Europa, wobei sie die Bekanntschaft anderer Autoren macht und Freundschaften schließt. So begegnet sie Alfred Tennyson, Cristina Rossetti, Mark Twain, Rudyard Kipling, Henry James, Mary E. Wilkins Freeman, John Greenleaf Whittier, Harriet Beecher Stowe, Oliver Wendell Holmes, Marie Thérèse Blanc, Mary Ellen Chase, William Dean Howells, Alice G. Howe, Rose Lamb, Alice Meynell, Harriet P. Spofford, Celia Thaxter, Mrs. Humphrey Ward, Sarah Wyman Whitman, später auch Willa Cather, die das Vorwort zu dem Band The Country of the Pointed Firs and Other Stories (1925) schreibt.

Jewett gehört in eine lange Linie von Autoren aus Neuengland, deren Arbeit stark von ihrer Heimat geprägt ist, der Topographie und Natur, den Ortschaften und den Bewohnern, zumeist einfachen Leuten, energisch und schroff, die Jewett realitätsnah darstellt. Geprägt von harter körperlicher Arbeit, Verzicht und Armut, sind sie stolz auf ihre Unabhängigkeit und ziehen eine tiefe Bedeutung aus ihrer Hände Arbeit, den lokalen Bräuchen und ihren persönlichen Erfahrungen.

In ihren Geschichten porträtiert Jewett ihre Heimat Maine einschließlich ihrer Geburtsstadt South Berwick. Dorthin kehrt sie immer wieder von ihren weiten Reisen zurück und registriert die Veränderungen, die mit dem ausgehenden neunzehnten Jahrhundert eintreten. Der „Wilde Westen“ ist weitgehend erschlossen, die Ära der Segelschiffe geht mit dem Aufkommen der Dampfschiffe zu Ende, die zahlreichen Werften und Kaianlagen in Maine verwaisen mit dem Niedergang des Walfangs. Die arbeitsfähigen Männer und Frauen wandern ab, bis in Ortschaften wie South Berwick fast nur noch alte Frauen leben. Zusammen mit einer beispiellosen Einwanderungswelle aus Süd- und Osteuropa verändern diese Faktoren Lebensweise und Selbstverständnis der Amerikaner. Die meisten Menschen erfahren diese Jahre als Zeit der Krise. Es herrscht große Unsicherheit, die 1893 in einer verheerenden Depression kulminiert. Jewett beschreibt diese sterbende Welt der isolierten und älteren Menschen. 

1896 erscheint mit The Country of the Pointed Firs (Das Land der spitzen Tannen) ihr Meisterstück. Die Ich-Erzählerin ist eine höfliche, aber auch dreist-neugierige Schriftstellerin, die den Sommer in der kleinen Küstenstadt Dunnet Landing in Maine verbringt, im Haus von Mrs. Almira Todd. Als sie dort nicht genug Ruhe findet, zieht sie sich zum Schreiben in das alte leerstehende Schulhaus zurück. Vorbild für Dunnet Landing ist Tenant’s Harbor, eine Küstenstadt in Maine. Zu dem Roman gehören fünf Geschichten, darunter Eine Schäferin aus Dunnet (außerdem Die Ausländerin/The Foreigner, The Queen’s Twin, William’s Wedding). Jewett beschreibt darin die Welt der einsamen Einwohner der früher wohlhabenden Stadt und liefert Einsichten in deren Leben, die geprägt sind von langen Wintern und harter Arbeit. 

Jewetts Figuren sind keine Helden, die Abenteuer bestehen, Frauen erobern oder im Widerspruch zu ihrer Umwelt stehen. Die Wahrheit findet sich bei ihr im Alltäglichen. Vor den Lesern entfaltet sie Dialekte, Kleidung, Denkart und Lebensart, Moralvorstellungen und Lokalkolorit bestimmter geographischer Regionen, beschreibt sie lebendig und authentisch und öffnet damit der Nachwelt ein Fenster in die Vergangenheit des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts. Die Weigerung, dramatisierende Geschichten zu konstruieren, mag für manchen Leser unbefriedigend, für manchen gerade reizvoll sein. Jewetts Ästhetik findet sich in der Einfachheit und Klarheit, den ausdrucksstarken Naturtableaus und sensiblen Menschenporträts, insbesondere in den starken, emanzipierten Frauen, die berühren oder ratlos machen, aber nie gleichgültig lassen. In ihren Frauenbildern konstruiert sie Geschlechterrollen neu und erweist sich damit als frühe Vertreterin der Frauenbewegung. 

Jewett setzt ihre literarische Produktion kontinuierlich fort, bis sie an ihrem Geburtstag 1902 mit ihrer Schwester Rebecca einen Kutschunfall erleidet. Rebecca bleibt bei dem Unfall nahezu unverletzt, Jewett erleidet eine Gehirnerschütterung sowie Halsverletzungen. Es gibt keine Diagnose, aber Spekulationen über einen angebrochenen Wirbel. Der Unfall beendet ihre schriftstellerische Karriere. Bis zu ihrem Tod leidet sie unter Schmerzen, Schwindelanfällen, Gedächtnisverlust und Konzentrationsproblemen.  

Bei ihrem Tod am 24. Juni 1909 hinterlässt sie ein bemerkenswertes literarisches Erbe. Zu Lebzeiten eine anerkannte Schriftstellerin, verblasst ihr Ruhm rasch. Heute gehört sie zusammen mit Willa Cather, Kate Chopin und Henry David Thoreau zu den wichtigsten Vertretern der regional writers oder nature writers.



Chronologie

Geboren am 3. September 1849 in der Kleinstadt South Berwick, Maine, als zweite von drei Töchtern des Arztes Dr. Theodore Herman Jewett und Caroline Perry Jewett.
1860 Tod des Großvaters väterlicherseits, des bekannten Chirurgen Theodore F. Jewett.
1865 Ende der Schulausbildung an der Berwick Academy.
1868 Veröffentlichung der ersten Erzählung, Jenny Garrow’s Lovers.
1869 Erste Publikation in der renommierten Zeitschrift Atlantic Monthly, Erzählung Mr. Bruce, die den Beginn einer langen Zusammenarbeit mit dem Magazin und weiteren angesehenen Zeitschriften initiiert.
1877 Deephaven, Sammlung von Erzählungen, die mit einer Rahmenhandlung verbunden sind; entstanden auf Anregung von William Dean Howells, einem Herausgeber des Atlantic Monthly.
1878 Kinderbuch Play Days.
20. September 1878 Tod des Vaters.
1879 Erzählsammlung Old Friends and New.
1880 Beginn der Freundschaft mit Annie Adams Fields (1834-1915), Boston, einem prominenten Mitglied der literarischen Elite Neuenglands und Frau des Verlegers James T. Fields.
1881 Tod von James T. Fields; Erzählsammlung Country By-ways.
1882 Erste Reise nach Europa.
1884 Erster Roman, A Country Doctor, ein Schlüsselroman über ihren Vater.
1885 Roman A Marsh Island.
1886 Erzählsammlung A White Heron and Other Stories.
1887 Kinderbuch The Story of the Normans.
1888 Erzählsammlung The King of Folly Island and Other People
1890 Kinderbuch Betty Leicester.
21. Oktober 1891 Tod der Mutter nach langer Krankheit.
1892 Zweite Reise nach Europa.
1893 Erzählsammlung A Native of Winby and Other Tales.
1895 The Life of Nancy.
1896 Reise zu den Karibischen Inseln; Roman The Country of the Pointed Firs.
1897 Tod der jüngeren Schwester, Caroline Jewett Eastman.
1898 Dritte Reise nach Europa.
1900 Vierte Reise nach Europa.
1901 Jewett erhält als erste Frau einen Ehrendoktor der Literatur vom Bowdoin College.
3. September 1902 Kutschunfall und Ende ihrer Karriere
1904 A Spring Story, letzte, zu Lebzeiten veröffentlichte Geschichte.
1908 Treffen und Korrespondenz mit Willa Cather.
24. Juni 1909 Jewett stirbt in ihrem Geburtshaus in South Berwick an einem Herzanfall.
1911 Veröffentlichung ihrer Briefe, Letters of Sarah Orne Jewett, herausgegeben von Annie Adams Fields.
1916 Posthume Veröffentlichung von Verses.

(Geschrieben von: Almut)


Links

Ein kurzer Blogbeitrag in Literatopia vom 29.08.2016

In neuer deutscher Übersetzung als e-book erhältlich:

Der Schmuckreiher. Vier Erzählungen

Neuengland in dunklen Zeiten. Vier Erzählungen

Bei Manesse erschien 1961 Das Land der spitzen Tannen und 1966 Der weiße Reiher und andere Erzählungen aus dem Land der spitzen Tannen. Beide Titel sind nur noch antiquarisch erhältlich.

Das Sarah Orne Jewett Text Project enthält eine Fundgrube an Primärtexten Jewetts, Dokumenten und Essays, sowie eine deutsche Übersetzung der Erzählung Der Schmuckreiher und einen Essay zum Übersetzen Jewetts.


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