Es ist: 24-10-2020, 18:09
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Der Freund (5) - Unser Hügel - Hier findest Du Deine Ruh’!
Beitrag #1 |

Der Freund (5) - Unser Hügel - Hier findest Du Deine Ruh’!
Während meiner Studienzeit, ich besaß einen Kleinwagen, in den ich eigentlich gar nicht passte, fuhr ich bei schönem Wetter, bei genügend langer Freizeit und, wenn meine neue Freundin und spätere Ehefrau und Mutter von dreien meiner Kinder andere Dinge zu erledigen hatte, manchmal zu unserem Hügel. Das Auto parkte ich an einer kleinen Wegkreuzung. Von dort mühte ich mich bis zu unserer Bank aus Lindenholz. Sie war in den vielen Jahren zunehmend altersschwach geworden. Ihre Füße steckten - teilweise verfault - nicht mehr vollständig im Boden, standen schief und wacklig. Die Lehne hielt nur noch auf einer Seite einen leichten Druck aus. Der Sitz hing schon bedenklich durch, einige Holzeisten waren abgeknickt oder vollständig gebrochen. An der einen oder anderen Stelle ragten verbogene, rostige Nägel heraus. Wie im Märchen vom Dornröschen umwucherten sie und schier den ganzen Hügel stechende Brombeersträucher.
     Aber sie war noch da. Das bedeutete mir unendlich viel. Vorsichtig setzte ich mich bei jedem Besuch für ein paar Minuten an den Rand des Sitzes auf sie, mein Gewicht mit meinen Beinen verringernd, ganz in Gedanken versunken, mit geschlossenen oder offenen Augen wie einstmals, nur allein. Wann könnten wir zwei Freunde hier noch einmal über eine bessere Welt und eine gute Zukunft nachdenken, träumen und sie herbeisehnen? Entschieden nahm ich mir vor, unsere Bank bald wieder in einen besseren Zustand zu versetzen.
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Im Alter von zwanzig Jahren heiratete Rosi in einen Handwerksbetrieb im hohen Norden Bayerns ein. Zur Hochzeit waren Mathias und ich selbstverständlich eingeladen. Die Feier fand nach der kirchlichen Trauung in der kleinen Kirche unseres Ortes im Hotel von Kathis Eltern statt.
     Auch dieses Mal hatten wir zwei Freunde keine Möglichkeit, unseren Hügel zu besuchen. Die Zeit, die uns blieb, war zu kurz. Wir befanden uns zwischen dem ersten und dem zweiten Semester unseres Medizinstudiums, und Mathias musste am frühen Morgen des nächsten Tages seine Fahrt nach Heidelberg antreten. Er wollte nämlich Ulrike unterwegs für ein paar Stunden besuchen und zu den von ihm betreuten Kindern und Jugendlichen heimkehren. Außerdem hatten wir beide studienbedingte Verpflichtungen auch in den Semesterferien. Trotzdem stellte ich in den kurzen Gesprächen mit Mathias fest, dass er einerseits große Freude über die Hochzeit Rosis mit einem netten jungen Mann hatte, andererseits aber zu ihr trotz der langjährigen Abwesenheit seit seiner Kindheit immer noch eine gewisse, vielleicht sogar tiefere Zuneigung verspürte. Wie er mir sagte, dachte er oft an sie.
     Ein Jahr später heiratete Kathi. Wieder fanden sich Mathias, Freunde aus alten Zeiten und ich ein. Kathi wurde Bäuerin, gar nicht so weit entfernt von ihrem Elternhaus in einer Nachbargemeinde. Auch anlässlich dieses Aufenthalts in unserem Dorf fanden mein Freund und ich keine Gelegenheit zu unserem Lieblingsplatz zurückzukehren.
     Es war das letzte Mal, dass Mathias Rosi, Kathi, ihre Eltern und einige der ‚alten‘ Freunde sah.
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An Ostern des Jahres 1969 besuchte mich Mathias einige wenige Tage in meiner kleinen Zweizimmerwohnung in München, in der ich mit meiner Freundin lebte.
     Zusammen mit ihr, Dorle und meinem Vater trafen wir uns am ersten Abend in einem Münchner Lokal. Mathias schien gelöst zu sein, fiel durch seinen Charme und sein gutes Benehmen auf und brachte sich vielwissend und intelligent in unsere medizinischen Fachgespräche ein.
     Anschließend verabschiedete sich Mathias‘ von meinem Vater in einer außerordentlich gedrückten, wehmütigen und verzagten Stimmung. Am nächsten Tag wollte er unbedingt Martha treffen. Diesmal wurde ich sehr hellhörig und nachdenklich. Im Anschluss an das Beisammensein im Restaurant sprach ich mit ihm so vorsichtig wie nur irgendwie möglich über meine Befürchtungen, aber Mathias zerstreute meine Bedenken glaubwürdig. Weitere Gespräche in diese Richtung blockte er geschickt ab.
     Für fünfzehn Uhr verabredeten wir uns mit Martha. Pünktlich besuchten wir sie in der Wohnung Dorles und meines Vaters. Er verabschiedete sich ausnehmend herzlich von ihr, voller Trauer mit Tränen in den Augen und vielen Küssen auf ihre Wangen. Das hätte mich in der Tat noch deutlich nachdenklicher machen müssen.
     Später erzählte mir Martha, dass sie bitterlich ahnte, sie würde ihn nie wiedersehen.
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Mathias und ich vereinbarten einen genauen Zeitpunkt für Anfang August, an dem ich mich bei ihm blicken lassen sollte. Er wollte mir seine neuen Freunde in der Jugendarbeit, einige seiner Schützlinge und Studienkollegen vorstellen. Durch diese Terminvereinbarung wurden meine Befürchtungen und Sorgen um ihn wieder etwas gemildert.
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Wie besprochen fuhr ich im August vor fünfzig Jahren zu ihm in den Nordwesten der Republik. Sein Empfang war herzlich wie stets.
     Zu meiner ganz großen Überraschung tat er mir kund, dass er nach nur zwei Semestern nach Berlin gehen wolle. Hatte er seine Unstetigkeit noch immer nicht überwunden? Er konnte mir eigentlich weder studienbedingt noch privat eine plausible Erklärung für seinen Umzugswunsch geben.
     Für seine Studienkollegen kündigte er für den übernächsten Tag eine Abschiedsfeier an. Dafür nahm er sich unter anderem vor, ein paar Lieder aus der „Wintereise“ von Franz Schubert nach Texten von Wilhelm Müller zum Vortrag bringen. Ich müsste ihn unbedingt am Klavier begleiten. Noch am selben Abend schleppte er mich zur Probe in einen Raum mit einem Flügel der dortigen Universität. Ein Professor ermöglichte ihm dies.
     Natürlich kannte ich die ‚Winterreise‘ durch Schallplatten und durch den Besuch einiger Liederabende in- und auswendig, aber am Klavier hatte ich sie noch nie gespielt. Also übten wir an diesem Abend stundenlang, bis es bei mir so einigermaßen klappte. Er sang ausgezeichnet.
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Der Abschiedsabend mit seinen besten Bekannten und vielen Medizinstudenten und -studentinnen war gekommen.
     Mit seiner schon gut ausgebildeten, verhältnismäßig großen und ausdrucksfähigen Stimme sang er vier der wehmütigsten und melancholischsten Stücke der Winterreise.
     Sein letztes Lied sollte der „Lindenbaum“ sein. Es war, so spürte ich es deutlich, ein Blick in die Vergangenheit, ein Andenken an unsere Bank aus Lindenholz und an unseren Hügel. Einige Passagen sang er mit einem unvorstellbaren schönen, zu Herzen gehendem Ausdruck:
                   …Ich träumt’ in seinem Schatten
                      So manchen süßen Traum.
                   …Es zog in Freud und Leide
                      Zu ihm mich immer fort.
                   …Und seine Zweige rauschten,
                      Als riefen sie mir zu:
                      Komm her zu mir, Geselle,
                      Hier findst Du Deine Ruh’!
                   …Nun bin ich manche Stunde
                      Entfernt von jenem Ort,
                      Und immer hör’ ich’s rauschen:
                      Du fändest Ruhe dort!
Jede dieser Zeilen deutete auf einen Abschied von Mathias aus dieser Welt hin. Freundschaftlich und fürsorglich sprach ich ihn noch einmal in derselben Nacht, es war beinahe früher Morgen geworden, wiederum brennend, höchst leidenschaftlich und zutiefst nachdrücklich auf meine Besorgnisse an. Glaubwürdig und eindringlich versicherte er mir, dass ihm das Studium und vor allem die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen viel Spaß mache. Meine Bedenken und meine Angst um ihn seien unbegründet. Keinesfalls sollte ich mir weder düstere und ernsthafte Gedanken, noch qualvolle und leidvolle Befürchtungen machen. Ich merkte ihm jedoch an, dass ihm meine Anteilnahme und mein Mitempfinden über allen Maßen guttaten.
     Mein enorm schlechtes Gewissen, dass ich mich als Kind und Jugendlicher nicht durchringen konnte, die scheußlichen Machenschaften kundzutun, nagte noch immer beinahe ohne Unterbrechung in mir. Vielleicht glaubte ich, so meinem Lebensretter beistehen zu können?
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Schließlich vereinbarten wir einen Termin, an dem wir uns auf unserem Hügel wieder treffen würden. Auf den Tag zwölf Jahre nach seinem Abschied kämen wir an unserem Lieblingsort wieder zusammen. Kurz erklärte ich ihm, wie er unsere geheiligte Stätte neuerdings erreichen würde.
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In knapp drei Wochen sollte es so weit sein. Während unseres letzten Telefonats vereinbarten wir, dass wir uns gegen elf Uhr vormittags einfinden würden.
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Ich wollte Mathias überraschen und besorgte eine richtige bayerische Brotzeit. In einen großen Rucksack packte ich ein kleines Picknicktischchen, weißblaue Servietten, Besteck, zwei kleine Krüge, zwei Flaschen Bier, Brezen und ‚an Obatztn‘. Wer ihn nicht kennt, das ist in Bayern eine gut gewürzte, herzhafte und kräftige Käsezubereitung, gedacht als nahrhafte Zwischenmahlzeit. Zwei Campingstühle wollte ich unterm Arm tragen. Unsere Bank sollte als Tisch dienen. Für den Abend reservierte ich in der gemütlichen Gaststube im Hotel von Kathis Eltern. Kathi, Rosi und ihre Ehemänner sollten auch anwesend sein. Meine Freundin wollte ebenfalls dazustoßen.
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So ausgestattet und vorbereitet machte ich mich besonders früh auf den Weg, um lange vor der vereinbarten Zeit an Ort und Stelle zu sein und um noch ein bisschen unseren Platz herzurichten. Das Wetter schien ideal.
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Als ich die Nähe der Wegkreuzung erreichte, stand da wider Erwarten und vollkommend überraschend bereits das Auto von Mathias. Warum weiß ich nicht, aber im Unterbewusstsein spürte ich ganz heftig, dass etwas Schreckliches passiert sei, dass sich Mathias etwas angetan hat. Noch eiliger, ja hastiger als je zuvor legte ich den Weg zu unserem Hügel querfeldein zurück. Den Rucksack und die anderen Utensilien ließ ich im Auto. Meine unsäglich furchtbare und unheilvoll entsetzliche Vorahnung bestätigte sich wenige Minuten später auf grauenvolle Weise.
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Mein liebster und allerbester Freund, mein dreimaliger Lebensretter, der größte Philanthrop und Tierfreund, ein Mensch, der unendliche Leiden erdulden musste, lag vor mir. Ich erkannte sofort, dass er nicht mehr zu retten war.
     Trotzdem versuchte ich verzweifelt, ihn wiederzubeleben. Es war sinnlos, aber ich wollte, ich konnte es nicht einsehen, dass ihm nicht mehr zu helfen war. Erschüttert und zitternd schloss ich ihm seine Augen.
     Es war der erste Septembertag vor einem halben Jahrhundert im Jahr 1969.
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Mit dem Kopf lehnte er an unserer Bank, getrocknetes Blut an seinen aufgeschnittenen Pulsadern. Auf der Bank lagen zwei große Couverts, beide an mich adressiert.
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Zurück zum Dorf, intuitiv oder gedankenverloren, den alten nicht mehr vorhandenen, aber stellenweise noch latent erkennbaren Feldweg stolpernd, fallend, hastend, keuchend, beinahe atemlos entlangeilend und mit ein paar Umwegen, über Zäune steigend, erreichte ich das Hotel von Kathis Eltern. Ich dachte auch nicht mehr an mein Auto, mit dem ich zweifellos schneller gewesen wäre.
     Die Gedanken spielen manchmal verrückt. Während ich unterwegs war, gingen mir die gesamte Zeit vier Zeilen eines Gedichts von Ludwig Uhland nicht aus dem Sinn: „Ich hatt’ einen Kameraden - Einen bessern findst du nit - Er liegt mir vor den Füßen - Als wär’s ein Stück von mir.“
Mathias war ein Stück von mir.
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Vom Hotel aus rief ich die Polizei.
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Die Kunde vom Tode meines lieben Freundes rief allgemeines Leid, großes Entsetzen und eine ungeheure Trauer bei allen, die ihn kannten, hervor, ebenso die Beisetzung im Münchner Familiengrab: unbegreiflich und unfassbar tragisch.
     Meine gesamte Familie, Kathi, Rosi und alle ihre Angehörigen und eine nicht übersehbare Anzahl von Freunden und Kameraden, ehemaligen Nachbarn begleiteten ihn auf seinem letzten Weg: alle so untröstlich, dass es dafür keine Worte gibt.
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Der Abschiedsbrief (von mir leicht gekürzt und marginal abgeändert)
 
Lieber G…,
mein liebster, allerbester und treuester Freund,
ich weiß, was ich heute von Dir verlange, aber Du bist der einzige, der mir die Augen schließen darf.
Verzeih mir bitte, dass ich Dich in diese Situation bringe!
Meine Trauer ist unermesslich, weil ich Dich nicht mehr sehen, nicht mehr hören und nicht mehr sprechen kann, obwohl es mein größter und sehnlichster Wunsch gewesen wäre.
Mein letztes Lebewohl, mein allerletztes Servus würde ich Dir allzu gern persönlich gesagt und Dich dabei herzlich umarmt haben.
Nur hätte ich dann mein Vorhaben, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, nicht vollbringen können.
Du hättest mir meine Todessehnsucht ausgeredet. Die Qualen wären eine Zeit lang weitergegangen. Irgendwann hätte ich es vollbringen müssen.
Ich habe mich entschieden, ich muss es jetzt tun! Ich bin verzweifelt! Und es kann nur auf unserem so sehr geliebten Hügel in der Heimat unserer gemeinsamen Kindheit und unendlichen Freundschaft geschehen!
Nach all den Jahren der vielen erfahrenen, unsäglichen, scheußlichen, grässlichen, und ekelhaften Demütigungen in X* [der Name der kirchlichen Einrichtung war vollständig geschrieben] konnte ich kein Mädchen mehr befriedigen. Nur der geringste Gedanke an die Vorgänge in den vielen Jahren ließen mich vorzeitig versagen.
Du wirst all dies verstehen, aber es bleibt immer unser Geheimnis!
Ich hätte so gerne eine Frau und Kinder gehabt, es war mir nicht vergönnt.
Während ich hier auf unserem Hügel einschlafe, kann ich hoffentlich noch einige wenige Sekunden intensiv an Dich und unsere einzigartige Freundschaft, an unsere Wünsche, Ziele, Abenteuer, Spiele und Träume denken.
Wenn Du vielleicht nach Agrigento fährst, nimm mich in Deinen Gedanken und Pezzi als treuen Begleiter und Glücksbringer mit auf diese Reise.
Unsere einstmalige Wunschroute habe ich Dir als Skizze gezeichnet. Vielleicht folgst Du ihr? [Eine detaillierte Skizze auf großem Pergamentpapier mit wunderschönen bunten Zeichnungen der Sehenswürdigkeiten einiger Orte lag bei]
Pezzi gehört wieder Dir und Deiner lieben Familie. Er tröstete mich oft und erinnerte mich zuletzt viel an unsere gemeinsame unwiederbringliche Zeit. Jetzt soll er Dir mehr Freude bereiten und immer an mich denken lassen.
Wir werden uns nie wiedersehen, denn an ein Weiterleben nach dem Tod glaube ich schon lange nicht mehr, nicht mehr seit meinem Aufenthalt in X.
Für die schönen Jahre und alle damit verbundenen wunderbaren Erlebnisse unseres leider nur so kurzen Beieinanderseins und für alles, was Du für mich getan hast, danke ich Dir aus wirklich vollem Herzen unendlich viele Male. In diesen Dank schließe ich auch besonders Deinen lieben Opa, Deine liebe Oma, Deine Mutter, Deinen Vater, Deine niederbayerischen Großeltern, Martha, Ralph, seine beiden Söhne, besonders auch Kathi, Rosi und deren Eltern ein und alle Kameradinnen und Kameraden vom Dorf und von der Schule.
Grüße sie bitte alle tausendfach herzlichst von mir.
Vergiss bitte meine lieben Eltern, Leo und Ulrikes letzte Ruhestätte nicht!
Wenn meine größte Bitte an Dich nicht zu vermessen und unbescheiden ist, dann hätte ich gerne, dass Du Dich und nicht meine Münchner Verwandten um meine Beerdigung kümmerst. Darf ich das von meinem liebsten Freund erwarten?
Meine sehnlichste Bitte: Vergiss mich und unsere einzigartige Freundschaft nicht und lebe wohl!
Danke! Servus!
Dein ….
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Daneben befand sich ein großes Couvert mit den Andenken anlässlich seines Abschieds, die er an einige seiner Freunde vom Dorf zurückgeben wollte.
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Neben dem Abschiedsbrief an mich schrieb er noch einen offiziellen Abschiedsbrief und sein Testament. Dieser lag in seiner kleinen Studentenbude. In ihm stand, dass er diese Welt aus Liebeskummer freiwillig verlässt und über die Modalitäten seiner Beisetzung. Er wollte keinerlei Geistliche, gleich welcher Konfession dabeihaben. Der zuständige Geistliche widersetzte sich zunächst einer Beerdigung eines Selbstmörders in einem christlichen Familiengrab. Aber schließlich gelang es mithilfe der Friedhofsbehörde und der Einflussnahme meines Vaters doch.
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Von diesem 1.September 1969 an besuchte ich ausnahmslos zehn Jahre lang am Todestag unseren Hügel und seine letzte Ruhestätte, zunächst als Student, später dann als Assistenzarzt und Arzt in einer Münchner Klinik. Einer meiner wichtigsten Professoren gab mir großzügig, wenn ich Dienst hatte, an diesen Tagen frei. Er war es auch, der mich überzeugte, dass ich nicht Kinderarzt, sondern Urologe, er war selbst einer, werden sollte. So geschah es auch. Es gelang mir ein paar Jahre später zu habilitieren.
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Lange brachte ich es nicht übers Herz, ohne Mathias Agrigent zu besuchen. Zehn Jahre nach seinem Tod entschloss ich mich endlich, zu fahren. Soviel hatten wir darüber geträumt, gelesen, gehört und geplant, wie wir so schnell wie möglich dahin kommen würden, per Anhalter, nur mit Schlafsäcken ausgerüstet, als Rucksacktouristen, ja wandernd, den ganzen weg zu Fuß zurücklegend, vielleicht sogar mit dem ersten Kleinwagen, den sich einer von uns leisten konnte oder mit der Bahn. Eigentlich dachten wir, im Alter von sechzehn müsste es so weit sein. Aber es kam halt ganz anders.
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Mittlerweile avancierte ich zum Chefarzt. Die einzige und letzte Begegnung mit Mathias‘ Onkel Ferdinand fand in meiner Ordination in einer großen Klinik anlässlich einer Palpation im Bereich des Unterleibes statt. Dies ist etwa fünfundzwanzig Jahre her. Es stellte sich heraus, dass es sich um eine häufig vorkommende, in diesem Fall jedoch schon deutlich fortgeschrittenere ‚Männerkrankheit‘ handelte, die einer sehr intensiven Untersuchung bedurfte. Anscheinend wusste er nicht, wer ich bin, worauf ich mich zu erkennen gab. Von da ab verzichtete er auf meine Behandlung. Ich sah ihn nicht mehr. Seinen neidvollen, aber auch überaus mürrischen Abgang schildere ich nicht.
     Die freien Minuten an diesem Tag dachte ich nur noch an Mathias.
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Vor meiner Abreise mit dem Auto in den Süden besuchte ich noch einmal das Grab und unseren Hügel.
     Ergänzen muss ich noch, dass meine erste Ehe allmählich zu scheitern begann. Nach etwas mehr als einem Jahr fand tatsächlich die Trennung, nach einem weiteren Jahr die Scheidung statt.
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Mein Weg führte mich ohne meine Frau mit dem Auto von München bis Genua. Am nächsten Tag flog ich von dort nach Palermo. Aus Zeitgründen konnte ich nicht den gesamten Weg von München nach Agrigent mit dem PKW zurücklegen. Mit einem Mietwagen schaffte ich den Weg von Palermo bis Madonna della Rocca, etwa eine bis eineinhalb Stunden Fahrzeit von Agrigent entfernt. In Madonna della Rocca kehrte ich mittags zu einem kleinen Imbiss in einer kleinen Osteria ein. Weiter kam ich nicht. Ich brachte es nicht übers Herz, ohne Mathias nach Agrigento zu fahren.
     Damals, in unserer Kindheit versprachen wir uns, gelobten wir uns regelrecht und feierlich – komme was wolle - nur miteinander dorthin zu reisen. An dieses freundschaftliche Ehrenwort fühlte ich mich unabdingbar und unausweichlich gebunden.
     Vielmehr hätte ich früher und rechtzeitig meinen Eid bezüglich seiner erlittenen Entehrungen, Erniedrigungen, Demütigungen, Kränkungen und der ungeheuren Schmach im Heim brechen müssen.
     In der Osteria blieb ich bei einem Glas Wein nach dem anderen sitzen. Ich konnte nicht weiterfahren. Nicht nur der Alkohol versagte mir eine Fortsetzung der Reise, es waren vor allem die seelischen Schmerzen und das geleistete Versprechen.
     Irgendwie bemerkte die Wirtin meinen Kummer. Sie redete mit mir und auf unverwechselbare italienische Art und Weise auf mich ein, aber trotz meiner zufriedenstellenden Italienischkenntnisse verstand ich nur, dass sie eine Verwandte namens Mariella holt.
     Nach wenigen Minuten betrat Mariella, eine sehr gepflegte und auffallend gut gekleidete Italienerin den Gastraum. Zu meiner Überraschung sprach sie absolut perfekt deutsch. Es stellte sich heraus, dass sie Professorin für ‚Internationale Literatur‘ an einer norditalienischen Universität war. Sie verbrachte ihren Urlaub in ihrer Heimat bei ihrem Bruder Maurizio, un enologo e un olivicoltore, einem Winzer und Olivenbauer ganz in der Nähe.
     Sie sprach mich auf meine Niedergeschlagenheit an. In nicht mehr ganz nüchternem Zustand erzählte ich ihr vom Suizid meines Freundes, begangen aus Liebeskummer, ohne die wahren Hintergründe preiszugeben, und von unserem Wunsch nur gemeinsam die Tempel von Agrigento zu besuchen. Ausführlich schilderte ich ihr unsere Buben- und Jugendfreundschaft und schwärmte von unseren Abenteuern und von unserem Hügel. Sie zeigte sich tief betroffen über den Tod meines Freundes. Plötzlich stand sie auf und ging „senza dire addio“, ohne einen Abschiedsgruß, weg.
     Nach ein paar Minuten kehrte sie aber schon wieder zurück, in der einen Hand ein Fläschchen mit bestem Olivenöl, in der anderen eine Flasche mit hervorragendem Wein aus dem Gut ihres Bruders. Dann erklärte sie mir, dass ich das Olivenöl auf die Erde des Hügels verteilen und die Weinflasche über der Stelle des Sarges meines Freundes vergießen sollte. Auf diese Art würde er doch noch ein bisschen von Siziliens Erde genießen können. Zutiefst war ich gerührt.
     Aus dieser Begegnung wurde eine wunderbare Freundschaft, die bis heute anhält.
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Es gibt einen wunderbaren Anlass nach Madonna della Rocca zu fahren. Nach Weihnachten werde ich mit meiner zweiten Frau, wir sind weit über dreißig Jahre verheiratet, zurückkehren. Weihnachten feiern wir nicht. Beide sind wir aus der Kirche ausgetreten. Aber meine geliebte Frau, Mariella und Maurizio erfahren als erste die traurigste Geschichte über Mathias. Bald nach unserer Rückkehr werden die liebe Kathi, die liebe Rosi, Robert und Roland eingeweiht. Ich muss es tun, nach fünfzig Jahren. Ich kann nicht anders.
     Alle anderen, die sich in so einmalig netter Weise um meinen allerbesten Freund gekümmert und gesorgt haben, leben leider nicht mehr, mit Ausnahme von Ralph, der aber traurigerweise vollkommen dement ist.
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Gegen Ende meiner Erzählung werde ich jetzt doch noch ganz gefühlsbetont, romantisch, seelenvoll oder vielleicht doch zu rührselig.
     Die gemeinsame Sehnsucht von Mathias und mir nach Agrigent zu fahren, kann nicht mehr gestillt werden, also muss ich mich von diesem Traum endgültig ganz bewusst lösen.
     Daher ließ ich mir von einem befreundeten Feinblechschmied einen kleinen Edelstahlzylinder anfertigen. In diesen rollte ich den von Mathias vor über fünfzig Jahren gezeichneten Plan, den er mir auf meinen Weg in den Süden mitgeben wollte, sowie zwei Fotos, eines von unserem ersten Schultag, das andere – aufgenommen von meinem Großvater - wie wir auf unserer Bank sitzen und vielleicht gerade von Agrigento träumen. Des Weiteren ließ ich mir einen harten Erdbohrer, ebenfalls aus hartem Edelstahl fertigen.
     Wenn ich morgen nach Madonna della Rocca – zunächst allein, ohne meine Frau fahre, sie fliegt später nach – doch noch Agrigento besuchen sollte, werde ich abseits der Tempelanlagen und der Touristenströme sicher einen geeigneten Platz finden, den Zylinder in die Erde zu versenken. Gemeinsam können wir nicht fliegen, denn mit dem verschweißten Edelstahlzylinder und dem Erdbohrer würde ich beim Einchecken auf dem Flugplatz größte Schwierigkeiten bekommen.
     Der wunderbare Anlass dazu ist am 22. Dezember der achtzigste Geburtstag Mariellas. Sie feiert ihn mit ihrer großen Familie, vielen Freunden und mit meiner Frau und mir.
     Bringe ich es nicht übers Herz, die Tempel von Agrigento zu besuchen, begrabe ich den Zylinder auf unserem geliebten Hügel.
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Ich weiß, dass meine Geschichte viel zu lange geworden ist. Es gäbe trotzdem noch viel zu erzählen.
     Meine Promotion und meine Habilitation widmete ich Mathias. Wenn ich - wie heute - beinahe jeden Tag auf der Dachterrasse der ehemaligen Wohnung meines verstorbenen Vaters stehe, in der ich jetzt mit meiner lieben Frau wohne, blicke ich oft sehnsuchtsvoll in die Richtung unseres Hügels.
     Mathias‘ Grab kann ich nicht mehr besuchen. Es existiert nicht mehr. Seine Münchner Verwandten haben es aufgelöst bzw. verkleinert. Auch das wäre eine Geschichte für sich. Seit ich Mariella und ihren Bruder Mario kennenlernen durfte, trifft jedes Jahr – pünktlich vor dem 1. September – ein kleines Paket mit Olivenöl und Wein aus Madonna della Rocca ein. Das Olivenöl verteile ich über die Stelle, an der unsere Bank stand, den Wein auf dem Friedhofsweg am Beerdigungstag, an dem Mathias‘ Sarg in die Erde versenkt wurde. Manchmal ist Kathi mit dabei.
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Trotz vieler Probleme, die sich im Verlaufe eines privaten und beruflichen Werdegangs ergeben, beschäftigten mich die Erlebnisse meines Freundes am häufigsten und am stärksten in meinem Leben, auch heute noch. Habe ich damals richtig entschieden, trotz des Eides nichts meinen Verwandten zu berichten? Habe ich jämmerlich versagt?
     Wäre er noch am Leben? Wäre er vielleicht einer der besten Kinderärzte geworden, der beste Ehemann und Vater, wäre er weiterhin mein bester Freund? Niemand kann mir diese Frage beantworten.
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Wer kennt nicht die Tage, an denen man schwermütig ist, ja überdies nahe am Wasser baut. Oft genügen Bagatellen, die einem die Kehle und die Brust zuschnüren. Wenn ich an unsere Freundschaft denke, dann fließen bei mir häufig die Tränen. Da ist man lieber allein, den Gedanken nachhängend, tagträumend. Wehmut, Schwermut, Sehnsucht und Trauer ergreifen mich, nehmen Besitz von mir. Dies ist jetzt wieder der Fall.
Ich weine um Mathias.
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N.B. Als ich meinen Aufsatz im „Einfinger-Adlerauge-Suchsystem“ begann, wusste ich noch nicht, dass das Schreiben für einen „Anfänger“ wie mich so zeitraubend sein würde – als Ruheständler hat man ja noch viele andere Dinge zu erledigen. Also bin ich in meinen Ausführungen noch nicht zu Ende – vieles müsste noch geändert und deutlich verbessert werden, was ich auch zum gegebenen Zeitpunkt noch tun werde.
     Wenn man berufsbedingt - von Sekretärinnen unterstützt - und schablonenhaft nur Atteste, Gutachten, Berichte und Arztschreiben zu verfassen hat – und heute mit den modernen Kommunikationsmitteln wie unsere Kinder und Jugendlichen umgeht – verlernt man sogar das Schreiben, das eh nie meine Stärke war.
     Jetzt bin ich schon halb auf dem Weg nach Sizilien. Um 5.00 Uhr früh starte ich. Mein Weg führt mich – hoffentlich – bis Siena oder weiter – ich habe kein Hotelzimmer gebucht - am nächsten Tag bis Sizilien. Pezzi und Bärli begleiten mich – wird man als 72-jähriger Urgroßvater wieder kindisch? -, Mathias selbstverständlich in meinem Herzen.

(Fortsetzung: Der Freund (6) – Das Ende der Geschichte – aus Zeitgründen noch in Arbeit, folgt aber bald)


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