Es ist: 31-10-2020, 20:26
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Der Freund (4) – Ein grausamer Leidensweg
Beitrag #1 |

Der Freund (4) – Ein grausamer Leidensweg
Während der Heimfahrt unterhielten wir uns nicht über die Gespräche, die ich mit Mathias führte. Dazu war Opa viel zu diskret. Zu Hause angekommen, äußerte er sich allerdings, dass er überzeugt ist, dieses Heim sei für Mathias der falsche Platz. Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu, dass Mathias ein ganz anderer Mensch geworden ist und auf ihn einen äußerst depressiven, tieftraurigen und überaus ängstlichen Eindruck hinterließ. „Irgendetwas stimmt da nicht“, ergänzte Opa. Wenn er nur die Wirklichkeit geahnt, um nicht zu sagen gekannt hätte! Ich belauschte auch ein Gespräch über eine mögliche Adoption. Ralph und Opa wollten sich bei einem befreundeten Rechtsanwalt kundig machen. Ich schöpfte große Hoffnung.
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Tatsächlich verbrachte Mathias wenigstens die Hälfte der nächsten Sommerferien bei uns. Eine längere Zeit wurde ihm nicht zugebilligt. Warum wusste keiner? Brauchte man ihn in der restlichen Ferienzeit für bestimmte Vorgänge schon wieder? Dieser grauenhafte Verdacht stieg unwillkürlich in mir hoch. Es ekelte mich, wenn ich über seine Schilderungen nachdachte. Immer wieder grübelte, überlegte ich und zermarterte mein Gehirn, vor dem Einschlafen oder, wenn ich nachts wach im Bett lag, ob ich nicht Opa, Ralph, oder meinem Vater als Arzt zu denen ich allerhöchstes Vertrauen hatte, doch alles erzählen müsste. Leider konnte ich mich nicht dazu durchringen. Mein Verdacht, dass er im Verlaufe der nächsten Wochen nach seinem Aufenthalt bei uns nach seiner Rückkehr ins Heim wieder missbraucht würde, erhärtete sich nach einem Gespräch, das ich später mit ihm geführt habe.
     Noch bevor Mathias zu Besuch kam, beschloss ich kein Sterbenswörtchen, getreu meinem Eid zu erwähnen. Heute bin ich mir dessen bewusst, dass ich damals – als knapp Elfjähriger - einen vollkommen falschen Entschluss gefasst habe.
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Was musste Mathias denken und erst erleiden?
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Nach einem ganzen Schuljahr durfte er endlich für die ersten drei Wochen nach einem langwierigen Gespräch mit dem Anstaltsleiter ohne irgendwelche Auflagen und Einschränkungen zu uns. Schon am Nachmittag des letzten Schultages holten Ralph, Roland, Robert und ich ihn ab. Er freundete sich schnell mit ihnen an. Sie waren riesig nett zu ihm. Mathias durfte wie ich von Anfang an Ralph duzen. Er und seine Kinder wussten vom grausamen Schicksal seiner Eltern, von den katastrophalen Vorkommnissen im Internat hatten sie natürlich keine Spur einer Ahnung.
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Eigentlich sollten wir bei meiner Mama und Ralph wohnen. Ich wollte Mathias das luxuriöse Leben bei Ralph ‚ersparen‘. Meiner Mutter und Ralph gegenüber war ich offen und erklärte ihnen meine Befürchtungen. Eigentlich schämte ich mich zutiefst für das feudale Leben, das ich führen durfte. Mama und Ralph hatten ohne die geringsten Einwendungen volles Verständnis dafür, auch, dass ich mit meinem Freund bei meinen Großeltern wohnen möchte.
     Zunächst sollten es zwei Wochen sein, dann eine Woche bei meinem Papa, in unserem Dorf, mit unseren Kameradinnen und Kameraden und vor allem auf unserem Hügel. Das Schicksal wollte es aber leider anders.
     Mein Vater und seine Lebensgefährtin nahmen genau in dieser Zeit für ein paar Tage an einem Ärztekongress teil. Anschließend fuhren sie in Urlaub, ebenso unsere liebe Martha. Beide Termine wurden schon zu einer Zeit gebucht, als wir alle noch nicht damit rechnen konnten, dass Mathias kommen dürfte. Für meinen Vater war es übrigens die erste Auszeit, seit er seine Dorfpraxis übernommen hatte. Ein pensionierter Arzt war vertraglich schon verpflichtet, genau in diesen drei Wochen die Vertretung zu übernehmen.
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Also wohnten Mathias und ich bei meinen, nein ‚unseren‘ Großeltern in ihrem alten Haus. Es zwar ebenfalls sehr schön, aber bei weitem nicht so luxuriös und großzügig wie das von Ralph.
     Mathias und ich bekamen eines der beiden behaglichen Gästezimmer. Ein paar seiner mitgebrachten Habseligkeiten packte er aus seiner Reisetasche und verstaute sie in seinem Schrankteil. Dann gingen wir zu den Großeltern, die im Wohnzimmer auf uns warteten.
     Sie kümmerten sich während des ganzen Aufenthalts vorbildlich um uns und umsorgten besonders Mathias, was mich außerordentlich freute.
     Sogar Roland und Robert nahmen Rücksicht. Sie wollten zwar mit uns einige Dinge gemeinsam unternehmen, aber in den ersten Tagen ließen sie uns allein.
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Nach dem Abendessen auf der Terrasse zogen sich unsere Oma und unser Opa dankenswerterweise sehr bald ins Haus zurück. Mathias und ich blieben im Garten. Endlich waren wir zwei wieder allein. Lange unterhielten wir uns und schwelgten in Erinnerungen. Wie konnte es anders sein: Unser Hügel, unsere Erlebnisse im Dorf bildeten den bevorzugten Gesprächsmittelpunkt, zwar nicht mehr so locker und entspannt, eher nachdenklich, aber auch nicht betrübt oder sorgenvoll. Wir hatten ja drei Wochen gemeinsame, pflichtfreie Zeit vor uns. Ich sagte ihm, dass auch ich seit einem Jahr nicht mehr an unserem Lieblingsplatz war.
     Es fielen uns zahlreiche Abenteuer ein. Manchmal konnten wir sogar herzlich lachen. ‚Hochwürdens‘ Kletterei aus dem Fenster, unsere Fußballspiele und viele andere Begebenheiten stimmten uns vorübergehend und unerwartet erfreulich heiter.
     Den Tod seiner Eltern schien er nach über einem Jahr nicht annähernd überwunden zu haben. Immer wieder brachte er die Sprache darauf, und, wenn wir alleine waren, flossen seine Tränen ungehemmt. Meine einzige Möglichkeit, ihm am einjährigen Todestag ein wenig Trost zu spenden und ihm meine Anteilnahme zu beweisen, war, dass ich wieder meinen Arm in Bubenmanier noch fester um seine Schulter legte, ihn an mich zog und stärker an mich drückte als je zuvor.
     Ralph fuhr uns nach München zum Friedhof. Es stand immer noch das provisorische Holzkreuz, das am Beerdigungstag aufgestellt wurde, mittlerweile sogar windschief und angefault, daneben verdorrte Blumen. Eine Gravur im großen Familiengrabstein war bis dahin noch nicht eingefügt. Mathias‘ Erschütterung war dementsprechend unbeschreiblich.
     Ralph ließ daraufhin in den folgenden Wochen eigenverantwortlich, eigenmächtig und auf eigene Kosten, ohne Ferdinand und Asta zu informieren, die Namen und die Daten durch einen Steinmetz in Goldschrift – wie allgemein üblich - anbringen und den gesamten Grabstein restaurieren. Den Münchner Verwandten gefiel das sicherlich. Jetzt konnten sie wieder angeben und sich mit fremden Federn schmücken.
     Das war die menschliche Größe Ralphs! Mehr kann ich dazu nicht sagen. Dafür bin ich ihm heute noch unendlich dankbar. Diese Menschlichkeit bleibt mir immer unvergessen.
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Es war kein Wunder, dass Mathias‘ schulische Leistungen sehr schlecht ausfielen. Die schriftlichen Bemerkungen lasen sich entsetzlich. Warum wohl?
     Seine Zensuren waren so schwach, weil er im Heim in ständiger Angst lebte. Das Zeugnis hatte er bei sich, musste es aber seinem Onkel Ferdinand als Vormund zur Unterschrift zusenden. Er und seine Familie hatten sich während des ganzen Schuljahres nicht um ihn gekümmert, nichts von sich hören lassen und könnten nun wieder einmal triumphieren.
     Ausgerechnet Mathias, der Beste von allen, erhielt so schlechte Noten. Meine ganze Familie tröstete ihn auf unvergleichlich nette und liebe Art und Weise und versuchte ihn aufzubauen. Relativ spät schickten uns dann die Großeltern zu Bett.
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Dann geschah etwas Merkwürdiges. Ich zog meine Klamotten bedenkenlos vollkommen aus und schlüpfte wegen der sommerlichen Temperaturen nur in die Schlafanzughose. Mathias schaute dabei weg und legte sich in voller Montur ins Bett. Auf die Frage, warum er sich nicht ebenfalls umziehe, schwieg er zunächst. Zögernd meinte er, er habe ja nur ein Nachthemd und keinen Schlafanzug dabei. Im Heim durften die Buben der ersten und der weiteren Schuljahrgänge nur Nachthemden ohne was darunter anziehen.
     Also gab ich ihm einen Schlafanzug von mir. Der musste ja von der Größe her passen. Als er ihn anzog, verbarg er sich teilweise hinter dem großen Schrank mit geöffneter Tür. Er kam mir richtig verklemmt vor. War das die Folge der schrecklichen Heimerlebnisse? Früher gab es das nicht. Da genierte sich keiner vor dem anderen, wenn wir nichts anhatten.
     Spät, die Mitternacht war längst vorbei, begann er zögerlich und außerordentlich leise: „Bei deinem letzten Besuch habe ich dir noch vieles nicht gesagt. Ich muss es jetzt tun, ich halte es sonst nicht aus. Schon in der zweiten Nacht im Internat, schlich ein Pater, es war der vom Ankunftstag, mit dem mein Onkel sprach, bei eingeschaltetem, schwachem Licht, das die ganze Nacht brannte oder das von außen durch eine Oberlichte schien, an eines der Betten zu einem Buben, der so alt ist wie ich, und nahm ihn mit. Er griff mit der einen Hand fest seinen Nacken und schob ihn vor sich her aus dem Raum. Die anderen stellten sich schlafend. Ich konnte mir nicht oder nur andeutungsweise und ungefähr vorstellen, was das bedeuten sollte. Der Zimmerkamerad kehrte nach weit über einer Stunde in den Schlafsaal zurück. Die Tränen rannen nicht nur über seine Wangen, sondern tropften auf sein Nachthemd und auf den Boden. Ich fragte ihn, was mit ihm geschehen sei. Er zitterte am ganzen Körper, hielt die Hände vor sein Gesicht und antwortete nicht. Alle anderen schwiegen ebenfalls, nur mein Bettnachbar flüsterte dann, zu mir gewandt, das passiert dir auch, wahrscheinlich bald. In mir wurden grausame und schreckliche Befürchtungen geweckt, in den Gesichtern der nächsten Bettnachbarn sah ich panische Angst. An diesem Abend kam der Pater nicht mehr, aber bereits in einer der folgenden Nächte führte er mich tatsächlich weg. Es war mehr als ekelig, es war ...“ Mathias‘ Stimme schien trocken und heiser und er brach ab, schluckte und atmete schnell und oberflächlich.
     Dann verriet er weiter: „Kaum, dass ich mit ihm den Schlafsaal verlassen hatte, musste ich das gesamte Nachthemd über den Kopf ziehen. Ich konnte nichts mehr sehen. So lenkte er mich, seine beiden Hände umfassten hart meinen ganzen Hals und den Kopf, barfuß auf Pflaster- und Holzböden vermutlich ein oder zwei längere Gänge entlang um eine Ecke bis zu einem Zimmer. Dort musste ich eintreten, das Nachthemd ganz wegnehmen und mich hinstellen, anschließend auf eine Ottomane setzen und hinlegen. Der Mönch sah mich lange an und berührte mich dann überall. Was dann geschah, kann ich dir jetzt nicht erzählen. Später vielleicht. Als ich mich anfangs weigerte, seine Wünsche zu erfüllen, er hatte sich mittlerweile Stück für Stück ausgezogen, drohte er mit Essensentzug in einem alten, tiefgelegenen Kerker aus dem Mittelalter mit Folterwerkzeugen, dann mit noch schlechteren Noten in allen Fächern, dass ich das Internat verlassen und auf der Straße leben und betteln müsste. Deine Verwandten kümmern sich sicher nicht um dich. Glauben wird dir auch niemand. Als weiteres Druckmittel führte er noch ein ganz besonders strenges Erziehungsheim an, in das ich kommen würde, in dem die straffälligen und verbrecherischen Kinder und Jugendlichen täglich stundenlang geschlagen würden und hart arbeiten müssten. Sie dürfen auch keine Schule besuchen. Und das, was jetzt passiert, gibt es dort mehrmals am Tag. So erpresste er mich. In dem seelischen Zustand, in dem ich mich befand, glaubte ich ihm alles, aber ich zweifelte auch. Trotzdem fühlte ich mich total hilflos und vollkommen ausgeliefert. Ängstlich ließ ich alles über mich ergehen. Ich schäme mich.“ Mathias wiederholte den letzten Satz öfter, ich weiß nicht, wie viele Male. „Es war so eklig, was ich bei ihm machen musste.“
     Später erzählte Mathias mir dann doch alles. Meine innere Reaktion war: unfassbar, entsetzlich, scheußlich, abscheulich, grässlich, ekelhaft und widerlich. Nichts von dem sagte ich zu Mathias. Ich konnte ihm gegenüber in diesem Augenblick nur schweigen.
     Nach ein paar Sekunden meinte ich, dass unsere einzige Möglichkeit und Reaktion nur die sein könnte, doch alles Opa zu erzählen. Ich bat ihn wie schon beim Besuch im Heim mehrmals, das tun zu dürfen, trotz des Eides.
     Mathias flehte mich wieder inständig an, niemandem nur die kleinste Kleinigkeit von dem, was er mir sagte, zu verraten. Er könnte diese Scham niemals ertragen. Er würde sich das Leben nehmen. Nur ich darf es wissen.
     Dass er sich umbringen könnte, schockierte mich wahnsinnig, gewaltig und heftig und beschäftigte mich täglich. Von diesem Zeitpunkt an erwähnte ich zu diesem Thema nichts mehr. Ich bekam sogar schreckliche, grenzenlose Angst, dass er sich in der Tat selbst töten würde.
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Völlig unerwartete Dinge geschehen manchmal, aber mit dem was mein aufrechter, liebster und edelster Freund jetzt tat, habe ich nie gerechnet. Es verfolgte mich jahrelang immer wieder, sogar in meinen Träumen.
     Er stand auf und trat von seinem Bett, wir hatten ein Doppelbett im Gästezimmer, auf meine Seite, kniete sich vor mich auf den Boden und flehte erschütternd mit gefalteten Händen wie zum Gebet erhoben, dass ich in jedem Falle immer und ewig Stillschweigen bewahre müsse.
     Sollte ausgerechnet mein dreimaliger Lebensretter wegen der schlimmsten aller Schrecklichkeiten auf diese Weise vor mir knien. Es vergingen ein paar Sekunden bis ich aus meinem Bett sprang. An seinen angewinkelten Armen zog ich ihn schnell hoch und schob ihn zurück in sein Bett. Er legte sich hin, und ich faltete eine leichte Frotteedecke fürsorglich über ihn.
     „Ich muss alles aushalten, weil ich nach dem Abitur studieren möchte! Sagst du was, bringe ich mich um,“ wiederholte er. „Ich möchte als Erwachsener alles besser machen und allen Kindern helfen, die Hilfe brauchen“, fügte er hinzu. Das sagte ein Bub, noch nicht einmal elf Jahre alt.
     Einmal mehr leistete ich einen Eid mit der erhobenen rechten Hand und wiederholte, dass ich nie, irgendwann oder irgendwas nur andeuten würde, nicht meinen Eltern, ‚unseren‘ Großeltern, Ralph, niemandem gegenüber.
Wie auch immer, ich versuchte ihn zu beruhigen. Er lag neben mir, und ich hielt mit meiner linken Hand fest seine rechte, bis er einschlief oder sich vielleicht auch nur schlafend stellte. Alles war für mich vollkommen unfassbar, ganz und gar unverständlich, unerträglich und furchtbar erschütternd. Wieder litt ich grausam. Wie musste ihm erst zumute sein?
     Warum passiert das alles dem allerbesten Menschen und allerbesten Freund auf der ganzen Welt, und warum kann ich ihm nicht helfen? Diese Frage ließ mich in meinen Gedanken ewig nicht mehr los. Ich stellte sie mir eigentlich mein ganzes Leben immer und immer wieder. Kann man mit so etwas je fertig werden?
     Hätte ich es doch meinem Vater, meinem Großvater oder Ralph entgegen des oftmaligen, aber kindlichen Verssprechens oder Schwurs mitteilen müssen?
     Zum ersten Mal hasste ich Gott. Warum lässt er das zu? Gibt es Gott überhaupt? Und warum sagen die Menschen ‚Lieber Gott‘ und nicht ‚Böser Gott‘ zu ihm?
     Diese Nacht prägte sich unaussprechlich tief ein. Es dauerte noch eine gewisse Zeit, meine Gedanken waren fürchterlich aufgewühlt, bis ich einschlafen konnte.
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Mit meinen Großeltern oder Ralph und seinen beiden Söhnen unternahmen wir viele unterhaltsame und ablenkende Aktivitäten. Es würde zu weit führen, sie alle aufzuzählen. Aber es machte Spaß. Am meisten freute mich, dass sich Roland und Robert wie die besten Freunde Mathias gegenüber verhielten.
     Auch Ralph bemühte sich vorbildlich um ihn. Mein Freund lebte wieder ein wenig auf. Er erholte sich, soweit es unter solchen Umständen und der Angst vor der immer näher rückenden Rückkehr überhaupt möglich war. Glücklicherweise erfuhr Mathias während seines Aufenthalts nicht, wo ich eigentlich wohnte, auch wenn meine Mutter nur selten zugegen war. Er fragte auch nicht danach. Er ‚urlaubte‘ zu gerne im Hause bei den Großeltern, die sich unbeschreiblich nett und vorbildlich um ihn bemühten.
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Je schöner etwas ist, desto schneller geht es vorbei. Mathias musste zurückkehren, aus einer seelisch bedingten und eingeschränkten, unbeschwerten Freiheit in die Gefangenschaft, in die Unterdrückung, in die Gefahr weiterer sexueller Missbräuche und Misshandlungen, wie Schlägen, Essensentzügen und anderen Maßnahmen, von denen er mir erst später berichtete.
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Großvater fuhr uns nach den drei wunderschönen Ferienwochen dorthin, wo sich die Pforte der Hölle befand. So sah ich es als Kind, das seinen allerbesten Freund in die Ungewissheit und in die tiefsten Tiefen menschlicher Abgründe entlassen musste. Es war die gleiche, schwere und unheimliche Türe, in die ich ihn bei meinem ersten Besuch betrübt treten sah, für mich jetzt noch viel niedergeschlagener, trauriger, quälender und unheimlicher als je zuvor. Den Abschied beschreibe ich nicht. Den kann ich nicht beschreiben. Um so viele innere Schmerzen und Zweifel nach außen zu kehren, bedürfte ich zahlreicher Worte und Ausdrucksweisen, über die ich beim besten Willen nicht verfüge.
Dann fuhren wir ohne Mathias wieder heim.
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Das neue Schuljahr begann. An den Weihnachtsfeiertagen durfte er das Heim nicht verlassen, aber über Silvester fuhr er mit meiner Mutter, mit Ralph, dessen Söhnen und mir zum Schifahren in die Alpen. Es war herrlich. Mathias – ausgestattet mit einer exklusiven Skiausrüstung, von beiden Omas und Opas und meinem Vater finanziert - fuhr schon am ersten Tag ohne Skilehrer perfekt, fehlerfrei, fast profihaft, so als ob er schon mit Schien an seinen Füßen auf die Welt gekommen wäre. Er war halt auf fast allen Gebieten – ohne Übertreibung - ein Genie.
     An der Stelle der Autobahn, von der wir während der jeweiligen Fahrten zum Urlaubsort für zwei oder drei Sekunden zu unserem Hügel hinübersehen konnten, wurden wir trotz der Vorfreude auf unsere gemeinsamen Urlaubstage stets sehr ernst, äußerst nachdenklich und besonders traurig gestimmt, noch viel stärker und nachdenklicher auf den Rückwegen.
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Während der darauffolgenden Osterferien durfte er uns nicht besuchen. Auch mir wurde ein zugesagter kurzer Besuch bei ihm später plötzlich und unbegründet verwehrt. Die einwöchigen Pfingstferien verbrachte er wieder bei meinen Großeltern und mir.
     In dieser Zeit übergab mein Vater leider seine Dorfpraxis an ein jüngeres Kollegenehepaar. Dorle, Martha und er zogen um. Mein Vater und seine Lebenspartnerin bekamen in einem sehr bedeutenden Klinikum gut dotierte Anstellungen und wollten ihre Facharztausbildung zum Kardiologen bzw. zur Anästhesistin machen und einige Jahre später eine Gemeinschaftspraxis mit mehreren Kolleginnen und Kollegen eröffnen. Dorle und mein Vater kauften sich als Wohnung ein großzügiges Penthaus beinahe mitten im Zentrum Münchens. Damit war bedauerlicherweise der letzte feste ‚Stützpunkt‘ in unserem Dorf weggebrochen. Die Möglichkeit, dass Mathias und ich uns wieder einmal längere Zeit auf unserem Hügel aufhalten konnten, wurde deutlich geschmälert.
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Die folgenden paar Jahre liefen annähernd routinemäßig ab. Nachdem im Heim festgestellt wurde, dass durch Mathias keinerlei einschlägigen Informationen nach draußen in die Öffentlichkeit drangen, durfte er während einiger Ferien öfter bei uns sein. Sie hatten ihn anscheinend schon entsprechend präpariert, um nicht zu sagen eingeschüchtert und indoktriniert. Wenn es den verantwortlichen Herrschaften im Heim gerade passte, gestatteten sie ihm, einen Teil oder die ganzen Ferien bei mir zu verbringen. Man war sich anscheinend skrupellos und unverschämt sicher, dass keine der unheimlichen Schandtaten durch ihn und den anderen Betroffenen in der Öffentlichkeit ausgeplaudert würden.
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In den folgenden Jahren ließen die beschriebenen Übergriffe auf meinen Freund zunächst allmählich nach. Er und seine Leidensgefährten mussten zwar hie und da zum ‚besonderen Vergnügen‘ noch den einen oder anderen Mönch oder Geistlichen in ihren Zellen aufsuchen, die Vorgänge in den Duschräumen waren auch bei den vierzehn- oder fünfzehnjährigen Buben noch gang und gäbe, aber der eine ältere Pater, der sich mannigfach an meinem Freund und den anderen Buben in der allerschamlosesten Weise vergangen hatte, wohnte seit gut einem Jahr nicht mehr im Hause.
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Mathias und ich besuchten mittlerweile die neunte Jahrgangsstufe. Er war etwa vierzehneinhalb Jahre alt, als ihm auf eine außergewöhnlich widerwärtige Art trotz der Abwesenheit des älteren Paters ein weiteres zu seinen bisherigen Leiden hinzugefügt wurde.
     Es war einige Zeit vor der Karwoche des Jahres 1962, als er von einem Geistlichen mittleren Alters, den er nicht kannte und den er vorher auch noch nie zu Gesicht bekommen hatte, in dessen weitläufiges Zimmer gerufen wurde. Aufgrund seines außergewöhnlich gepflegten Outfits hatte er vermutlich einen höheren Rang und hielt sich wahrscheinlich besuchsweise im Heim auf oder verbrachte dort seinen Urlaub. Warum dieser ausgerechnet Mathias einbestellte, konnte sich mein Freund nicht erklären. Von ihm wollte der Geistliche die einzelnen Kreuzwegstationen in der richtigen Reihenfolge wissen und was sich da im Einzelnen abgespielt hat. Ob noch andere Buben betroffen waren, fand Mathias nicht heraus. Mein Freund konnte die einzelnen geforderten Abschnitte nicht aufsagen. Bis zum Abend des nächsten Tages musste er die ganze Geschichte auswendig lernen und im gleichen Raum wieder vorstellig werden.
     Mathias prägte sich auch längere Texte relativ leicht ein, trotzdem war er beim Aufsagen aus erklärlichen Gründen ungewöhnlich nervös. Es hatte sich zwischenzeitlich noch ein jüngerer Mann, dem Habitus nach zu schließen, ein junger Geistlicher oder noch ein Priesteramtsstudent mit einer einfachen, eher schäbigen Soutane hinzugesellt. Mathias kannte auch den nicht.
     Dieser widerwärtige Unmensch lebt heute noch; seinen Namen und seinen Aufenthaltsort kenne ich durch verschiedene Umstände. Über ihn weiß ich definitiv, dass er gegenwärtig nach seinem beruflichen Aufstieg ein angenehmes und unbehelligtes Leben im Ruhestand als Geistlicher Rat führt und manchmal in einigen Pfarreien an Sonn- und Feiertagen aushilft.
     Äußerst aufgeregt stockte mein Freund plötzlich bei der Aufzählung einer der vierzehn Darstellungen des Kreuzweges. Er konnte nicht fortsetzen. Das veranlasste den älteren Geistlichen dazu, dass Mathias die Stationen des Kreuzweges ‚darzustellen‘ hatte, um sie sich ‚besser merken‘ zu können.
     Mathias musste sich vor den beiden Herren vollkommen aus- und ein langes, vorne offenes, zerschlissenes, beinahe bodenlanges Hemd und ein schmales, kümmerliches, dürftiges und beinahe durchsichtiges Tuch, gehalten von einer dünnen Schnur als spärlichsten ‚Lendenschurz‘, überziehen. Im Nachhinein war Mathias überzeugt, dass dies alles von einem oder von beiden Männern geplant war. Er hatte nämlich einen sehr schwierigen und nicht allgemein geläufigen Text zum Auswendiglernen erhalten, und die ‚Utensilien‘ waren im Zimmer bereits vorhanden.
     Bei der Station, in der es beispielsweise heißt „Sehet, welch ein Mensch“ und bei zahlreichen anderen musste er das übergestreifte Hemd und den Lendenschurz ablegen, sodass er ebenso wie bei der Station der Geißelung - und nicht nur da – minutenlang vollkommen nackt im Zimmer stand. Mit einer Art Schnurbündel wurde er dann vom jüngeren Geistlichen auf das Genüsslichste, allerdings ‚schmerzfrei‘, ausgepeitscht. Hierauf wurde ihm befohlen, nur mit dem sehr locker umgebundenen Lendenschurz bedeckt, ein schweres Kreuz zu tragen. War so etwas an sexueller Perversität noch zu überbieten?
     Mathias erzählte mir später, dass er so große schwarze Holzkreuze vor Jahren vor der Gnadenkapelle in Altötting gesehen hatte, als er mit seinen Eltern und einigen Wallfahrern aus unserem Dorf dort weilte. Einige Menschen trugen solche Kruzifixe in verschiedenen Größen um die Kapelle.
     Mit so einem Kreuz auf seiner Schulter musste er mehrmals den großen Raum umrunden, auf Zuruf der Geistlichen je nach erreichter Kreuzwegstation zusammenbrechen, wieder aufstehen, bis er dann tatsächlich ‚gekreuzigt‘ wurde. Die Herren erklärten ihm, dass alle zum Kreuzestod verurteilten Menschen im Altertum, auch Jesus, von den Römern vollkommen nackt ans Kreuz geschlagen wurden. Entsprechend geschah das auch während dieses abartigen, empörenden und ungeheuerlichen Szenariums. Seine ausgestreckten Arme wurden mittels starker Seile am Querbalken festgebunden, ebenso die Beine am Längsbalken, so dass er sich kaum mehr bewegen konnte. Lediglich seinen Kopf konnte er ein neigen oder zur Seite drehen. Das Kreuz wurde von den beiden an der Oberseite angehoben, verhältnismäßig sehr steil, beinahe stehend, mit großem Kraftaufwand aufgerichtet und auf die hohe Nischenkante eines schweren alten Schrankes gestützt. Dies führte bei Mathias zu erheblichen Schmerzen in den Armen, von den grausamen seelischen Qualen ganz zu schweigen. Die weiteren Vorgänge und Laute, die kurze Zeit später aus einem Nebenraum durch die offenstehende Tür an sein Ohr drangen und die mir Mathias schilderte, zum Ausdruck zu bringen, sträubt sich mein Taktgefühl. Nach nicht ganz einer halben Stunde einer unerträglichen, barbarischen, kaum zu ertragender Tortur wurde er ‚erlöst‘. Er durfte zurück in den Schlafsaal.
     Geschlafen hat er die ganze Nacht nicht. Seinen Seelenzustand kann man sich beim besten Willen nicht vorstellen, und ich ihn nicht artikulieren. Zu diesem Schauspiel, durch noch schlimmere, ekligere Szenen angereichert, wurde er in den nächsten Tagen mehrmals gerufen. Es erübrigt sich, die im Vergleich zu früher noch drastischeren Erpressungen und Drohungen bezüglich der Noten, des Heimaufenthaltes und anderen Dingen, von beiden Priestern ausgesprochen, wiederzugeben.
     Besonders pervers sexuell gedemütigt hat ihn im gleichen Zeitraum - das tragische Martyrium dauerte etwa zwei Wochen - bei weiteren, beinahe täglichen ‚Vorladungen‘ zusätzlich der jüngere Mann.
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Nach dem vierten oder fünften verabscheuungswürdigen und exzesshaften Schauspiel flüchtete Mathias verzweifelt und unüberlegt Hals über Kopf durch einen Sprung aus einem hochgelegenen, gitterlosen Erdgeschoßfenster des Hauses und verletzte sich, so dass er sich nur schwer humpelnd bewegen konnte. Seine spontan versuchte Flucht konnte er nicht ausführen.
     Vermutlich durfte er deswegen während der Osterferien das Heim nicht verlassen und wurde auf vielfache Weise massiv schikaniert.
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Es war aber die letzte der grausamsten Erniedrigungen und Entwürdigungen, die er in dieser Anstalt erleben musste. Viele andere, denen er und seine Leidensgefährten in nahezu fünf Jahren ausgesetzt waren, und die er mir ausführlich schilderte, kann und will ich aus erdenklichen Gründen nicht wiedergeben.
     Mathias erzählte mir später, dass er bereits den festen Entschluss gefasst hatte, Suizid zu begehen. Sein Plan war im Alter von noch nicht einmal fünfzehn Jahren genau vorbereitet. Er wollte sich nach einer weiteren, diesmal gut überlegten Flucht, per Anhalter zu einer hohen Brücke über eine Schlucht durchschlagen, in München und der weiteren Umgebung damals als Selbstmörderbrücke bekannt, und in den Tod stürzen.
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Dann erinnerte sich aber die Glücksgöttin doch noch daran, dass er als Sonntagskind geboren wurde. Nach all den unheilvollen und unmenschlichen Schrecknissen ereignete sich so etwas wie der Gewinn eines riesigen Lottojackpots, wenn überhaupt ein materieller Vergleich im Leben meines Freundes nicht zu despektierlich erscheint und nur annähernd erlaubt ist.
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Durch einen wunderbaren Glücksfall wurde eine entfernte Verwandte, ich nenne sie Ulrike, auf ihn aufmerksam. Sie war seit ein paar Jahren Witwe mit einer einträglichen Altersversorgung und hatte vermeintlich keine Angehörigen. Ihr verstorbener Mann, meines Wissens nach ein Cousin dritten, vierten oder gar fünften Grades von Mathias‘ Vater, leitete eine wichtige Abteilung in einem sehr bedeutenden und angesehenen Stuttgarter Bankhaus und sammelte jahrelang wichtige Börsenberichte in angesehenen Zeitungen und entsprechenden Fachzeitschriften.
     Beim Aufräumen und Entsorgen dieser alten Blätter - man schlägt die eine oder andere Seite nochmals auf - stieß sie zufällig in einer überregionalen Münchner Tageszeitung auf die Todesanzeige von Mathias‘ Mutter und Vater, die meine Eltern aufgegeben hatten. Ihr und ihrem Mann schien sie damals leider entsetzlicherweise entgangen zu sein. Durch die Namensgleichheit angeregt, forschte sie nach und kam sehr rasch auf Mathias. Nach einigen Querelen mit den Münchner Verwandten und der Heimleitung holte sie meinen Freund zu sich. Er war circa fünfzehn Jahre alt.
     Ulrike und ihr Mann hatten keine Kinder. Sie wollte Mathias umgehend adoptieren, was ihr erst Jahre später gelang. Da war Mathias beinahe achtzehn. Ob eine frühere Adoption Onkel Ferdinand und sein Clan oder die langwierige juristische oder administrative Arbeit der zuständigen Behörden möglicherweise verhindert oder verzögert haben, entzieht sich meiner Kenntnis.
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Nachdem Mathias in sein neues und glückliches Zuhause gezogen war, erholte er sich allmählich. Ulrike wurde eine warmherzige, gütige und verständnisvolle zweite Mutter für ihn. Er liebte sie über alles. Sie hatte ihn aus den Fängen einer teuflischen Institution geholt. Mit Bestimmtheit wurde sie zu seiner Lebensretterin. Er vergötterte sie. Mathias hatte nach so langer Zeit eine menschliche, tolerante, milde, und wohlwollende Seele von einem Menschen mehr als verdient und auch gefunden. Von den vorausgegangenen Erlebnissen meines Freundes im Heim erfuhr sie nie etwas.
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Für mich war das die willkommene Gelegenheit, ihm Pezzi, Kathis Teddybär, sogar Rosis vollkommen vertrocknetes, aber noch rudimentär vorhandenes Buchskränzchen - ich habe wiederholt versucht, es so gut wie in der damaligen Zeit möglich, mit Hilfe meines Großvaters, zu präparieren und zu imprägnieren - und die noch erhaltenen Erinnerungsstücke seiner früheren Dorffreunde zu überreichen und, als besonderes Andenken an unsere unendliche Freundschaft, unser Schachspiel zu schenken.
     Die Begegnung mit Mathias in Freiheit und dabei Ulrike kennenzulernen, war einer der allerschönsten Momente in meinem Leben. Die Freiheit, die wir allzeit so schätzten und die Mathias so lange vermissen musste, war zurückgekehrt.
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Mein Freund arbeitete sich mit größter Ausdauer und seiner herausragenden Intelligenz zu den allerbesten Noten bis zum Abitur hoch. Infolge seines unseligen Heimaufenthaltes musste er vieles nachlernen.
     Er bewegte sich viel, erkor das ausdauernde Laufen im Turnverein zu seiner neuen Leidenschaft, spielte aber nie wieder Fußball. Auch die guten und vor allem die schlechten und traurigen Erinnerungen bedrückten ihn zu sehr, um seinen Lieblingssport noch ausüben zu können. Er sah sich nicht einmal Spiele im Fernsehen oder in einem Stadion an.
     Anfangs hatte er größte Hemmungen nach dem Lauftraining im Verein zu duschen oder sich trotz seiner ausgezeichneten Figur in der Badehose zu zeigen. Nach all dem, was er erlebt hatte, nicht verwunderlich.
     Manches, vielleicht sogar Vieles konnte ich dazu beitragen, dass er sich in der Öffentlichkeit beinahe wieder so lässig bewegte, wie man es gewöhnt war und von ihm erwartete. Sein unbeschreiblicher Humor, sein unvergleichliches Lächeln und überhaupt seine fabelhafte Ausstrahlung büßten in den vielen Schreckensjahren allerdings gewaltig ein. Es dauerte eine gewisse Weile, bis er nach außen hin wenigstens annähernd wieder der ‚Alte‘ war. Er spielte Tennis und begleitete ‚uns‘ zum Schifahren, Silvester in Österreich und Ostern in der Schweiz oder in Italien.
     Seine Hilfsbereitschaft, Menschen aller Altersklassen, vom Baby bis zum Seniorenheimbewohner und Tieren gegenüber hatte nicht gelitten, im Gegenteil, sie wurde noch intensiver, großzügiger, uneigennütziger und großmütiger.
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Er sah attraktiv aus und war in seiner jugendlichen Art trotz seiner unsäglichen Erlebnisse äußerst charmant. Er wurde wirklich – wie ihm prophezeit - zum Liebling der Mädchen. Dies sollte aber im weiteren Verlauf seines Lebens zu seinem größten menschlichen Problem werden.
     Es war aber auch die Zeit, in der wir, wie ich schon angedeutet habe, häufig verwechselt wurden. Wir sahen uns wirklich ausgesprochen ähnlich. Der Verdacht, dass wir einen ‚gemeinsamen‘ Vater hatten, war aus vielerlei Gründen, unbegründet. Diesen Satz musste ich unbedingt einfügen.
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Doch wie es tief drinnen in ihm aussah, konnte nicht einmal ich als sein bester Freund vollständig ergründen, obwohl wir bei unseren wieder etwas häufigeren Treffen viel über alles, über sein und mein Leben, vertrauensvoll und noch intensiver als früher sprechen konnten. Ich erkannte nur, dass er seelisch immer noch unerträglich litt.
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Beide besuchten wir mittlerweile die zwölfte Klasse.
     Ich war noch nicht ganz siebzehn Jahre alt, als ich in meine erste ‚feste‘ Freundin unsterblich verliebt war. Diese schon sehr intime Beziehung dauerte etwa sechs Monate. Ich gebe zu, dass in diesem Zeitraum meine Kontakte zu Mathias enorm abnahmen und eigentlich nur noch in gelegentlichen und kurzen Telefonaten bestanden. Für Besuche reichte meine Zeit nicht aus. Das bereue ich heute zutiefst und mehr denn je. Mein allerbester Freund verdiente meine Vernachlässigung nicht, obwohl er gerade in diesem Zeitraum immer noch besonderen Zuspruch, gerade von mir, gebraucht hätte. Im Nachhinein war es für mich so etwas wie Verrat.
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Nun ein paar Sätze in eigener Sache, ohne den Faden der Geschichte über meinen Freund zu verlieren. Etwa sechs Monate später, die erste große Liebe war vorbei, ich war siebzehneinhalb Jahre alt und der jüngste Schüler in meiner Klasse, fand insbesondere für mich und viele meiner Klassenkameraden und einigen Mitschülern der Parallelklassen die Bundeswehrmusterung im zuständigen Kreiswehrersatzamt in einer unbeschreiblich demütigenden, beschämenden und niederträchtigen Art Weise und statt.
     Die ‚halböffentlichen‘, man kann eigentlich von ‚öffentlichen‘ Untersuchungen, einschließlich der Intimuntersuchungen sprechen, verliefen, in einem stark frequentierten und eiskalten Durchgangszimmer mit geöffneten und ausgehängten beinahe bodentiefen Fenstern – Schaufenster, wäre der bessere Ausdruck - mit einer Reihe von Arbeitern einschließlich jüngster Lehrlinge davor - ab. Eine Renovierung des Kreiswehrersatzamtes war gerade im Gange. Der wichtigste Paragraph des Grundgesetzes, in dem es heißt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt,“ wurde auf das Brutalste verletzt. Ich erwähnte schon bei der Kurzcharakterisierung von Onkel Ferdinand, dass ich direkt und indirekt nur allerschlechteste Erfahrungen mit der Bundeswehr machen musste. Das muss siebzig Jahre, auch eine besondere Zahl, nach dem Erscheinen unseres Grundgesetzes deutlich gesagt werden. Vielleicht schreibe ich diesbezüglich meine eigene Geschichte und die eines Enkels und einiger seiner Schulfreunde, die vor mehr als zehn Jahren in einer noch viel unvorstellbareren herabwürdigenden Art und Weise gemustert wurden. An schlimme Dinge, die in unserer Republik passierten und passieren, muss man immer wieder erinnern.
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Nach diesen schmachvollen und beschämenden Erlebnissen dachte ich sofort wieder an Mathias. Würde er die Prozedur der Musterung nach seiner verhängnisvollen Vergangenheit seelisch unbeschadet meistern können?
     Er rief mich noch am selben Tag an, um zu erfahren, wie es mir erging. Selbstverständlich spielte ich den gesamten Verlauf von Anfang bis Ende total herunter und stellte ihn beinahe harmlos dar.
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Nachweislich verursachte meine Musterung, dass ich zum ersten und einzigen Mal in meinem ganzen bisherigen Leben ernsthaft krank wurde. Ich bekam eine extrem schmerzhafte, hartnäckige, beinahe chronische Laryngitis, also eine Entzündung der Kehlkopfschleimhaut und der Stimmbänder einhergehend mit einer durchaus besonders ernstzunehmenden und langwierigen Pneumonie, von einem außerordentlich zählebigen und äußerst lästigen Fußpilz ganz zu schweigen.
     Ausgerechnet ich, der eigentlich wegen seiner sportlichen Aktivitäten so abgehärtet war, musste die nächsten Wochen zwangsläufig in einer Münchner Klinik verbringen. Mathias besuchte mich in dieser Zeit an einigen Wochenenden so gut es ihm möglich war. Er nahm dabei, er war ja noch Schüler, viele Unannehmlichkeiten und Strapazen auf sich.
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Seine Musterung fand erst ein halbes Jahr später statt. Es war schlimm, beinahe unerträglich für ihn, sich zwangsweise wieder nackt vor zwei Männern, wenn auch Amts- oder Stabsärzten, präsentieren zu müssen.
     Für uns waren die meisten dieser verbeamteten, nur begutachtenden, nicht therapierenden Militärärzte sowieso Ärzte bestenfalls dritter Klasse, manche ebenso Überbleibsel aus der Nazizeit und zu neuen Ehren gekommen, mit äußerst einseitiger und geringer Kompetenz. Diese Einstellung und Überzeugung unsererseits ergaben sich aus vielen Gesprächen mit Kollegen und Kolleginnen, die meinen Vater und oder meine Mutter besuchten, darunter absolute Spitzenärzte. Bei diesen Besuchen war ich meistens zugegen, auch besonders während meiner Studienzeit. Keiner der hochkarätigen Diskutanten war auch nur einigermaßen annähernd, insbesondere den Stabsärzten und später vor allem den Musterungsärztinnen gegenüber, positiv eingestellt.
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Robert besaß bereits den Führerschein und fuhr mich am Musterungstag zu meinem Freund. Wir schwänzten, das gebe ich offen zu, zwei Tage die Schule. Das sanktionierten uneingeschränkt Ralph und sogar meine Mutter, ohne den wahren Hintergrund und meine Motivation zu kennen.
     Eines intensiven Zuspruches bedurfte mein Freund dringend. Robert, ein feiner Mensch wie sein Vater, ließ uns stundenlang für unsere Gespräche allein, obwohl er weiterhin nichts von den schrecklichen Ereignissen in der Vergangenheit wusste. Eine kurze Bitte von mir genügte, dass wir unter uns sein konnten. Erst später gesellte er sich dazu. Aber an diesem Abend frönten wir zum ersten Mal dem Alkohol in ausgesprochen großzügiger Weise. Das hatten wir uns verdient.
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Zum von uns und ausnahmslos allen unseren Freunden verhassten ‚Bund‘ mussten wir, also Mathias, Robert und ich nicht. Mathias und ich waren nur ‚bedingt‘ tauglich. Dies war ein besonderer Glücksfall, denn man attestierte uns einen juvenilen Bluthochdruck, unter dem wir nach den Erkenntnissen zweier medizinischer Autoritäten allerersten Ranges auf diesem Gebiet nicht – auch nicht phasen- und ansatzweise - litten. Aber vermutlich wurden nach den ernsthaften Vorfällen in Nagold und anderswo mit mindestens einem höchst bedauerlicherweise verstorbenen Wehrpflichtigen selbst inkompetente Stabsärzte und andere Verantwortliche vorübergehend deutlich vorsichtiger.
     Abgesehen davon hätten wir den Kriegsdienst sowieso verweigert, wie es Robert später und ein Jahr darauf Roland erfolgreich in die Tat umsetzen konnten.
     Die arglistig, heimtückisch, hinterhältig und verschlagenen Fragen der Prüfungskommission, zusammengesetzt aus ewig Gestrigen, beantworteten und konterten die beiden souverän.
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Während meines wochenlangen Krankenhausaufenthaltes wären Mathias und ich für ein ganzes Wochenende in unserem Dorf eingeladen gewesen. Kathis Vater hatte sein Gasthaus zu einem ansehnlichen Hotel und einem wunderschönen Ausflugslokal umgestalten und ausbauen lassen.
     Mein Freund und ich sollten auf Wunsch Kathis die besten Hotelzimmer beziehen und bei der Einweihungsfeier sogar mit einigen hochkarätigen Ehrengästen zusammen an einem Tisch sitzen.
     Wenigstens Mathias konnte anwesend sein und mitfeiern. Das Wiedersehen mit Rosi, Kathi und zahlreichen anderen Freunden und Bekannten, gestaltete sich für ihn zu einem unbeschreiblich schönen Erlebnis, ja ohne zu übertreiben, zu einer triumphalen Rückkehr in unser Dorf. Keiner hatte ihn vergessen. Kathi und Rosi erzählten mir bei meinem nachgeholten Besuch, dass er nicht nur ein besonders lieber Gast, sondern der beliebteste Mittelpunkt bei allen war, ob alt oder jung, gleich einem Filmstar, der nach Jahren aus Hollywood in die Heimat zurückkehrte.
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Außerdem hatten Mathias und ich uns fest vorgenommen, nach acht langen Jahren gemeinsam unseren so ins Herz geschlossenen Hügel zu besuchen, aber ohne mich wollte er nicht.
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Es wäre, wie sich wenig später herausstellte, die letzte Gelegenheit gewesen, unseren so oft beschrittenen und zurückgelegten Weg noch einmal entlang zu schlendern. Infolge der regen Bautätigkeit, die im Dorf wegen der relativen Nähe zu München mittlerweile einsetzte, wurde die vielgeliebte Verbindung zu unserem vertrauten Hügel zur kurzen, geteerten Sackgasse, die schon nach zweihundert Meter endete. Zäune um die Gärten neugebauter Häuser versperrten ihn. Den größten weiterführenden Teil pflügten die Landwirte unter, um ihre Felder zu erweitern und jeden Quadratmeter auszunützen. Gleichzeitig wurde eine neue Verbindungsstraße angelegt, die leider allzu weit entfernt an unserem Lieblingsplatz vorbeiführte. Nur über Äcker, Felder und Wiesen konnte man ihn jetzt unter viel schwierigeren Bedingungen erreichen.
     Das alte Schulhaus wurde verkauft, renoviert und zu einem Zweifamilienhaus umgebaut, und das frühere Haus meiner Eltern beherbergte mittlerweile eine größere Praxis mit einem geteerten Parkplatz im ehemaligen Garten. Fast nichts erinnerte schon wenige Jahre nach unserem Wegzug an unser vielgeliebtes Heimatdorf, an die Stätte oftmals glücklicher und unvergesslicher Kindheitstage.
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Kurze Zeit nach der Entlassung aus der Münchner Klinik lernte ich eine Familie mit ihrer besonders lieben und attraktiven siebzehnjährigen Tochter, ich nenne sie Lina, aus dem Raum Stuttgart kennen. Es war - wie man so schön sagt – die ganz große Liebe auf den ersten Blick. Entsprechend leidenschaftlich und unvorsichtig waren wir. Im Februar des folgenden Jahres wurde ich Vater eines Kindes.
     Einerseits fühlte ich mich überglücklich, andererseits aber ebenso höchst verunsichert. Nicht wegen meines noch relativ jungen Alters für einen Vater. Das unüberwindliche Problem war, dass die Eltern der Mutter unseres Kindes und sie selbst einer ganz seltenen, überaus strengen Religionsgemeinschaft, aus meiner Sicht eine schlimme und extrem strenge Sekte, eingeschleppt aus den USA, angehörten. Eine Verbindung mit mir schlossen ihre Eltern aus religiösen Gründen kategorisch und kompromisslos aus.
     Es gelang ihnen mit ihren finanziellen Möglichkeiten und den der Sekte zur Verfügung stehenden Optionen, uns unüberwindlich zu trennen, auch gegen den deutlichen Willen der Mutter meines ersten Kindes. Sie wurde, ich erfuhr es erst Jahre später, sogar nach Amerika ‚verbannt‘ und zwangsverheiratet, anders kann ich es nicht nennen. Ein Wiedersehenswunsch schien unerfüllbar. Eine schriftliche oder telefonische Kommunikation blieb uns verwehrt. Mir wurde nicht einmal mitgeteilt, ob ich Vater einer Tochter oder eines Sohnes geworden war. Eine schreckliche und bittere Zeit. Glücklicherweise stand mir meine Familie ohne die geringsten Vorhalte tröstend und mitfühlend bei. Aber auch sie war in diesem Fall machtlos.
     Der erste, mit dem ich darüber sprach, war Mathias. Wie bei allen anderen Problemen zeigte sich wieder seine unbeschreibliche Freund- und Hilfsbereitschaft. Er unternahm alles Mögliche, um wenigstens das Geschlecht des Kindes herauszubekommen. Es gelang ihm nach langen Wochen trotz heftiger Widerstände zu erfahren, dass es ein Bub war. Er konnte mir sogar ein Foto von ihm kurz nach seiner Geburt besorgen. Auch diesmal war ich meinem herzensguten, liebenswerten und teuersten Freund zu allergrößtem Dank verpflichtet. Er versuchte alles Menschenmögliche, eine Begegnung mit der Mutter meines Kindes herbeizuführen, was ihm wie durch ein Wunder gelang. Dieses leidvolle ‚Geheimtreffen‘ am Stuttgarter Flughafen dauerte den misslichen Umständen entsprechend bedauerlicherweise aber nur wenige Minuten.
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Erst als ich Jahrzehnte später durch vollkommen unerwartete Umstände meinen zwei Enkeln aus dieser Beziehung begegnete, Mathias erlebte das nicht mehr, sah ich auch die Mutter meines ersten Kindes wieder und lernte endlich auch meinen Sohn und seine beiden Stiefschwestern kennen.
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Mathias und ich trafen uns immer wieder. Es war nicht wie in alten Zeiten, wir waren ja auch schon um die siebzehn oder achtzehn Jahre alt, aber wir waren nach wie vor die unzertrennlichsten Freunde, die sich alles anvertrauen konnten, ob Erfreuliches oder Bedrückendes. Unsere Freundschaft, das gegenseitige, uneingeschränkte Vertrauen war noch immer in vollem Umfang da.
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Im Sommer des Jahres 1966 schlossen wir unsere Gymnasialzeit mit dem Abitur ab. Mathias absolvierte als bester Abiturient seiner Schule. Von ihm hätte ich es auch nicht anders erwartet. Mein Zeugnis fiel glücklicherweise – das Deutschthema lag mir ausgezeichnet - so gut aus, dass ich mich endgültig für das Medizinstudium entschloss. Unverzüglich konnte ich mit dem ersten Semester an der medizinischen Fakultät der Münchner Universität beginnen.
     Ganz ehrlich: Über seinen Erfolg freute ich mich mehr als über meinen, nachdem, was er in seinem bisherigen Leben alles mitgemacht und für mich getan hatte. Wir beide waren glücklich, nahezu wie früher.
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Was mich aber vollkommen überraschte: Mathias studierte nicht Chemie oder Physik. Er wollte jetzt unbedingt Kinderarzt werden. Seine Absicht, sein Bestreben und sein Vorsatz waren, ohne Wenn und Aber und unter Einsatz seiner ganzen Kraft, missbrauchten, misshandelten und benachteiligten Kindern zu helfen. Das war sein höchstes Ziel für sein weiteres Leben, wie er mir immer wieder eindringlich erklärte. Er hatte auch schon ganz klare Vorstellungen. In Heidelberg inskribierte er an der Medizinischen Fakultät. Dort lernte er prominente Leute der späteren 68-Bewegung kennen. Sie bestärkten ihn zusätzlich in seinen Gedanken, alles zu tun, um ein klein wenig die Welt zum Besseren zu verändern. Außerdem begann er ein Gesangsstudium. Er besaß schon immer eine gute Stimme, vielleicht ein Erbe seiner geliebten und unvergessenen Mutter. Jedes dritte Wochenende fuhr er mit seinem Kleinwagen zu Ulrike nach Hause. Neben seinem intensiven Studium der Medizin vom ersten Tag an widmete er sich in der übrigen freien Zeit bewundernswert und aufopferungsvoll ehemaligen Heimkindern. Unsere leider nur noch wenigen Begegnungen fanden hauptsächlich bei ihm in seiner Wohngemeinschaft mit netten Kommilitoninnen und Kommilitonen, in einer nahegelegenen Kneipe oder zu Hause bei Ulrike statt, weil er so gut wie nicht mehr in sein Münchner Umland oder seinen Geburtsort zurückkam.
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Doch auch jetzt, fünf Jahre nach seiner Adoption, schlug das Schicksal für meinen guten Mathias erbarmungslos zu. Ulrike erkrankte schwer. Innerhalb weniger Monate raffte sie eine damals unheilbare Krankheit dahin. Jetzt musste er auch seine zweite Mutter zu Grabe tragen. Erschütternd!
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Er erbte ein ansehnliches, beachtliches Vermögen und das Haus, das er bald verkaufte. Jetzt war er vollkommen frei und unabhängig. Den Erlös aus dem Hausverkauf spendete er – ganz im Sinne Ulrikes - für wohltätige Zwecke, insbesondere für bedürftige Kinder.
    Kurz nach der Beerdigung trat Mathias‘ mit seiner ersten wirklichen Bitte an mich heran, dass ich mich um die Pflege des Grabes von Ulrike kümmern sollte, falls er vor mir ‚das Tal der Tränen‘, wie er sich ausdrückte, verlassen sollte. Finanziell sei dafür ausreichend vorgesorgt. Diesem Wunsch entspreche ich heute noch. Mindestens zweimal im Jahr besuche ich ihr Grab und lasse es regelmäßig pflegen.
     Drückte sich mit dieser Bitte schon eine gewisse Todessehnsucht aus?
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Die Folge des tragischen Heimgangs seiner lieben Ulrike war, dass er sich noch mehr in sein Studium vertiefte. Dass er keine feste Freundin hatte, sondern häufig wechselnde Bekanntschaften pflegte, wie er oft erzählte, führte ich darauf zurück.
     Unerwartet zog er nach dem vierten Semester und dem vorklinischen Teil nach Nordwestdeutschland, um sich an einer anderen, sehr bedeutenden Universität zu immatrikulieren und sein Studium fortzusetzen.
     Frühzeitig gab er mir Bescheid, ich versuchte es ihm auszureden. In intensiven Gesprächen verdeutlichte er mir, dass er im süddeutschen Raum, so verhältnismäßig nahe an seiner entsetzlichen Leidensstätte, in der ihm so unglaublich Schreckliches angetan wurde, nicht mehr für länger bleiben könne. Vielleicht in ein paar Jahren, wenn die Zeit allenfalls seine seelischen Wunden geheilt hätte?
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Er glaubte, dass ihm der räumliche Abstand guttun würde. Außerdem hatte er von einer Einrichtung in seinem neuen Studienort erfahren, in dem Mitarbeiter für die Betreuung gepeinigter Kinder und Jugendlicher gesucht wurden. Seine weitere Gesangsausbildung würde er fortsetzen.
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Ein halbes Jahr sahen wir uns nicht. Weihnachten besuchte er mich dann bei ‚unseren‘ Großeltern. Anschließend reisten er und ich mit meiner Familie zum wiederholten Mal über Neujahr nach Österreich zum Skilaufen.
     In diesen Tagen musste ich erfahren, dass sein seelisches Leiden, hervorgerufen durch die unauslöschlichen Erinnerungen, noch einmal stark zugenommen hatte, er unstetig und nervös wie nie zuvor war und in einer besorgniserregenden, tiefen Depression steckte. Nach dem Urlaub über Silvester in den Bergen kehrten wir zurück zu ‚unseren‘ Großeltern. Wenige Tage, die Studienpflichten standen wieder an, blieben wir beide noch bei ihnen. Mathias hatte sich relativ zufriedenstellend erholt. Beschwörend und beinahe flehentlich riet ich ihm, eine psychiatrische Therapie zu beginnen. Er wollte dies unter Umständen auch tun, vertröstete mich aber auf später.
     Wieder ein äußerst leidvoller und tragischer Aufbruch von Mathias nach unserem diesmal erfreulicherweise längeren Beisammensein.      Besonders fiel mir die tieftraurige Verabschiedung von meiner Mutter, von Ralph und seinen beiden Söhnen auf.
     Herzzerreißend war jedoch die Trennung, mir kam es vor wie ein endgültiges, unabänderliches und unwiderrufliches Lebewohl von ‚unseren‘ Großeltern. So musste es im achtzehnten oder neunzehnten Jahrhundert europäischen Auswanderern in die Länder der Neuen Welt jenseits des Atlantiks ergangen sein, die wussten, dass sie nie mehr zurückkehren, nie mehr ihre Eltern, ihre Kinder, Verwandte, liebgewordene Tiere, ihren Heimatort wiedersehen würden.
     Zahllos und lange waren Mathias Umarmungen und Küsse bei meiner Großmutter und meinem Großvater und der endlose und feste Druck der Hände.
     Unbestreitbar war ich einerseits sehr traurig gestimmt, andererseits zu unsensibel, bestimmte Zeichen, die sich für Mathias‘ weiteres Leben anzudeuten schienen, zu erkennen. Wollte er etwas in die Tat umsetzen, von der er schon als Kind während seines Heimaufenthaltes sprach?
 
(Fortsetzung: Der Freund (5) – Unser Hügel - Hier findst Du Deine Ruh’!)


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