Es ist: 24-10-2020, 18:29
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Der Freund (3)- Der traurigste Abschied – die Hölle tut sich auf
Beitrag #1 |

Der Freund (3)- Der traurigste Abschied – die Hölle tut sich auf
Dann überraschte uns ein besonders unvergessliches und herrliches Geschenk meiner Großeltern.
     Unser Opa und unsere Oma – Mathias durfte auch sie mittlerweile so ansprechen, beide hatten ihn trotz ihrer eigenen Enkelkinder, besonders gerne und lieb - fuhren mit uns vollkommen unerwartet und überraschend nach Italien, unserem gelobten Land, nach Sirmione an den Gardasee. Wir konnten es gar nicht fassen. Ein unvorstellbarer und unauslöschlicher Traum ging in Erfüllung.
     Mathias und mir kaufte Großvater jeweils eine große Sport- und Reisetasche, in der Art wie sie damals gerade in Mode kamen. Da hinein verstauten wir sorgfältig unser Gepäck. Länger als sechs Tage konnten sich die Großeltern vom Betrieb leider nicht loseisen.
     Unmittelbar am Seeufer mieteten wir uns in einem kleinen, aber sehr netten Hotel ein. Mein Freund und ich bewohnten ein wunderschönes Balkonzimmer mit direktem Blick auf den See. Es war unsere erste weite Reise, und die führte in unser Sehnsuchtsland. Bei traumhaftem Wetter mit einem strahlend blauen Himmel genossen wir den Urlaub von früh bis spät. Unser gemeinsames, grenzenloses Glück kann ich nicht beschreiben; die richtigen Worte würden viel zu sentimental ausfallen.
     Leider verging die Zeit schneller als uns lieb war, aber jede Sekunde kosteten wir voll aus. Fraglos wurde Mathias von seinen seelischen Schmerzen immer wieder eingeholt. Der Druck, der ihn quälte, war riesig. Selten ließ er sich das anmerken, aber ich spürte und empfand es deutlich. Immer wieder hatte ich das Gefühl, er verdrängte seinen Kummer, um die Großeltern und mich nicht zu belasten.
     Besonders gut tat uns beiden, alleine durch Sirmione zu schlendern, vorbei an der Villa der großen Sängerin Maria Callas, bis ans weite Ende der Halbinsel zu den Grotten des Catull oder das übermütige Baden, Wettschwimmen und Bootfahren im See.
     Jeden Abend luden uns die Großeltern zum typischen italienischen Essen in ein jeweils anderes ausgezeichnetes Ristorante ein. Wir fühlten uns wie die Könige. Außerdem machten wir einen Ausflug nach Verona, besichtigten die engen Gassen, wichtige Sehenswürdigkeiten der Stadt, ihre weltberühmte Arena und bewunderten die ausgezeichnete Akustik. Die weithin bekannten Opernfestspiele waren bedauerlicherweise schon zu Ende gegangen. Auf dem Piazza Bra aßen wir zum ersten Mal in unserem Leben eine prima Holzofen-Pizza. Mathias‘ Lächeln und Strahlen schienen zeitweise wiederzukehren.
     Nach den sechs Tagen unermesslicher Glückseligkeit fiel uns die Trennung von Sirmione hoffnungslos und unaussprechlich schwer. Es war ein weiterer Abschied für immer, und wir fühlten uns elend.
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Am Dienstag vor Mathias‘ zwangsweiser Abreise in sein neues ‚Heim‘ kam der ‚Münchner Clan‘. Als erster war Mathias‘ Cousin im Kinderzimmer, nahm sich, nein raubte blitzschnell, ohne eine Frage, ohne jegliche Bitte, den Fußball, an dem mein Freund so unendlich hing, ebenso die anderen Spielsachen, und deponierte sie im Kofferraum des Wagens seiner Eltern. Meinem Freund und mir wurde dies gar nicht sofort bewusst, da wir mithilfe von Martha und meiner Mutter gerade beschäftigt waren, einige wenige Kleidungsstücke und Schulsachen, vermerkt auf einer Liste, für ihn in die neue Tasche zu packen.
     Eine halbe Stunde später traf ein großer Möbelwagen mit Anhänger ein. Mathias Onkel gab wie immer zackig militärisch Anweisungen, was aus der Wohnung zu entfernen und aufzuladen sei.
     Mathias konnte es nicht begreifen. Er blieb wie angewurzelt im Garten stehen. Schrank für Schrank, Bett für Bett, Stuhl für Stuhl, Tisch für Tisch, Bild für Bild, Fotoalbum für Fotoalbum, Tasse für Tasse, Kleidungsstück für Kleidungsstück seiner Eltern und alles andere wurden verpackt in den Umzugswagen verfrachtet. Aus dem kleinen Kellerteil holten die Arbeiter der Spedition zuletzt auch noch das geliebte Fahrrad. Mathias stellte sich ihnen in den Weg und hielt so gut es ging den Gepäckträger fest. Aber Onkel Ferdinand stieß ihn erbarmungslos weg. Das Rad wurde ebenso im Lastwagen verstaut, obwohl mein Vater zugesagt hatte, es in seiner Garage unterzustellen. Mathias sah es nie wieder. Dann kam sein Kinderzimmer an die Reihe. Erst jetzt bemerkte er, dass sein vergötterter Fußball verschwunden war. Auch den sollte er nie wieder zu Gesicht bekommen.
     War es Wut, war es Hilflosigkeit, Ohnmacht, Traurigkeit, Schwäche, Angst, Mutlosigkeit, Schwermut, allertiefste Verzweiflung oder alles zusammen: Mathias ließ sich hart auf die Knie fallen, hämmerte mit seinen Fäusten erbittert auf den Fußboden und heulte zum Steinerweichen.
     Wieder einmal stand oder saß ich, voller Hass auf seine diebischen, ja räuberischen Verwandten, hilflos neben ihm, ohne ein Wort des Mitgefühls oder des Trostes zu äußern. Ich vermochte es einfach nicht. Meine Kehle war wie zugeschnürt.
     Kann ein Bub in diesem Alter so ein Schicksal, so viel Herzlosigkeit erdulden? Ich habe bei ihm, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nie so wehmutsvolle, tieftraurige, fast leblose Augen gesehen wie in diesen unmenschlichen Stunden. Was musste er noch alles erleiden und ertragen? Seine rücksichtlosen Verwandten kümmerte das alles nicht. Sie zeigten nicht das geringste Mitleid.
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Bis zum Abschiedstag wohnte er natürlich bei meinen Eltern und bei mir in meinem Zimmer. Insbesondere Martha, aber ebenso meine Mutter, die die ganze Woche daheimblieb, mein Vater und ich wollten ihm die Zeit so schön wie nur irgendwie möglich gestalten.
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In den Tagen, seit wir es wussten, haben wir nie über den Augenblick der Trennung gesprochen, aber sowohl er als auch ich dachten beinahe unentwegt daran. Am Sonntag sollte Mathias von seinem Onkel abgeholt und in das Internat gebracht werden.
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Am Abend vor dem schrecklichen Schicksalstag gingen wir freiwillig ungewöhnlich früh zu Bett. Wir hatten beschlossen, am nächsten Morgen, unbemerkt von meinen Eltern und Martha, ganz zeitig noch einmal zu unserem Hügel zu radeln. Damit wir möglichst vor Tagesanbruch starten konnten und auf alle Fälle aufwachten, stellte ich meinen Wecker auf drei Uhr. Dieser würde so laut schrillen, dass er das ganze Haus aufweckte. Also hielt ich ihn unter der Bettdecke und dem Kopfkissen krampfhaft die ganze Zeit in der Hand. Einschlafen konnten wir zunächst ohnehin nicht.
     Viele wirre Gedanken jagten durch unsere Köpfe, sodass wir nicht müde wurden, im Gegenteil, die Aufregung, die Ängste vor einer ungewissen Zukunft ließen uns nicht zur Ruhe kommen. Vieles fiel uns ein, worüber wir sprachen, und erzählten einige Episoden immer wieder. Beide hörten wir noch die Turmuhr die Mitternacht schlagen. Dann übermannte uns doch der Schlaf.
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Der Wecker läutete schrill, durchdringend und unbarmherzig direkt an meinem Ohr. Auch Mathias wachte augenblicklich auf. Der unglückselige Tag war angebrochen.
     Unsere Gefühle kann ich nicht beschreiben, nicht mit einem Wort, welches das alles ausdrücken kann: Traurigkeit, Verzagtheit, Wehmut, Bedrücktheit, Mutlosigkeit, Niedergeschlagenheit und wieder ein Abschiedsschmerz ohnegleichen erfassten uns, ja bemächtigten sich unser in grausamer Art und Weise.
     Wir sprachen kein Wort und tasteten uns äußerst leise mit unserer Kleidung unterm Arm in den Keller. Dort hatte sich mein Vater kürzlich eine Sauna mit Dusche und Waschbecken einbauen lassen. In der Hoffnung, dass uns niemand hört, begannen wir unsere Morgentoilette, immer noch schweigsam. Dann zogen wir uns so rasch wie möglich an.
     Als wir – es war noch dunkel - die Treppe leise raufgingen, erschraken wir. Das Flurlicht wurde eingeschaltet. Oben stand Martha, den Zeigefinger am Mund, leise zu sein. In der einen Hand hielt sie eine Thermoskanne mit Kaba, in der anderen einen Stoffbeutel mit zwei Tassen, zwei Tellern mit jeweils zwei Stück Apfelkuchen und einem Besteck.
     „Das ist für euer Frühstück auf eurem Hügel“, flüsterte sie, die gute Seele, verständnisvoll, mitfühlend, traurig. Irgendwie musste sie unseren Plan mitbekommen haben, noch einmal rauszufahren. Dankbar gab ich ihr einen Kuss auf die Wange und umarmte sie. Ein ersticktes Dankeschön brachten wir vor tiefer Rührung gerade noch über die Lippen.
     Dann waren wir schon unterwegs. Mathias erhielt mein Fahrrad, ich fuhr mit dem meines Vaters.
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So nett es von Martha war, uns ein so unerwartetes Frühstück zuzubereiten, so wenig Appetit hatten wir. Den Kakao tranken wir gierig, aber von unserem Lieblingskuchen brachten wir nur langsam Stück für Stück hinunter, obwohl wir Hunger hatten.
     Fast schweigend saßen wir auf unserer Bank, sahen in der Morgendämmerung den wenigen Autos auf der Autobahn sehnsuchtsvoll nach, die südwärts in die Freiheit fuhren. Manchmal kam dann: „Weißt du noch …?“ Und wie in der Nacht tauschten wir noch einmal Erinnerungen aus, was wir in den letzten sechs Jahren Tag für Tag gemeinsam Schönes, weniger Schönes und Trauriges erlebt hatten. Sollte das jetzt wirklich alles vorbei sein? Unsere Abenteuer drüben an und in den Baggerseen, beim Fußballspielen, auf den Scheunendächern, in der Schule? Sollte heute das Ende unserer Kindheit angebrochen sein? Was würden wir ohne den anderen tun? Fragen über Fragen taten sich erneut auf, die wir nicht beantworten konnten. Manchmal dachten wir auch daran, irgendwohin abzuhauen. Wir waren nicht zögerlich oder ängstlich, aber die Vernunft siegte. So ein Verschwinden oder Verstecken könnte nur von kurzer Dauer sein, dann würden wir gefunden und zurückgebracht.
     „Wann sehen wir uns, wann plaudern und scherzen wir hier wieder?“ Wir schmiedeten kindliche, bubenhafte Pläne für ein baldiges Wiedertreffen an unserem Lieblingsplatz. Die Zeit raste dahin.
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Was wir nicht ahnten: Mathias sollte nur noch ein einziges Mal auf unseren Hügel zurückkehren, es würden zwölf lange Jahre vergehen.
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Mittags mussten wir wieder zu Hause sein. Martha kochte unsere Lieblingsspeise: Kaiserschmarrn mit Zwetschgenkompott, aber keiner von uns beiden brachte auch nur einen Bissen hinunter. Meine Mutter und mein Vater saßen schweigend mit am Tisch. Sie wussten, dass jedes noch so gut gemeinte Wort zu viel sein konnte.
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Es war ein Uhr. Eine Stunde später würde Onkel Ferdinand Mathias abholen. Sechzig Minuten blieben! Was dann? Vielleicht sehen wir uns schon am ersten Schulwochenende wieder, an einem anderen Wochenende, im Herbst, an Weihnachten? Wo? Vielleicht bei ihm im Internat? Vielleicht hier bei meinen Eltern, bei den Großeltern?
     Dann verließen wir schweigend das Esszimmer und kletterten zum allerletzten Mal über den Zaun in den Garten hinter dem Schulhaus. Zunächst eilten wir zum Sandkasten, in dem wir so oft gespielt hatten und setzten uns auf seine Holzeinfassung, wieder wortlos. Ein paar Minuten danach betraten wir nochmals alle Räume des alten Schulhauses, den Lehrmittelraum, zogen tieftraurig das Lieblingsbild mit den Tempeln von Agrigent hervor und gingen in Mathias‘ Kinderzimmer. In jede leere und kahle Ecke blickten wir, ebenfalls ein letztes Mal. Ich fühlte, dass er ein Wunder herbeisehnte, doch noch seinen Fußball und sein Fahrrad zu finden. Er zitterte am ganzen Körper. Seine Verzweiflung und seine Verzagtheit waren grenzenlos.
     Und ich konnte ihm wieder nicht helfen. Ihm, der mich dreimal vor dem sicheren Tod gerettet hat. Den Versuch, ihn zu trösten, unternahm ich nicht. Es wäre umsonst gewesen. Ich kannte ihn zu gut.
     Wir verließen das alte Schulhaus für immer und kehrten in den Garten zurück.
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Dann kam Kathi mit ihrer Mutter, ihrem Vater und ihren Schwestern. Sie wollten sich von Mathias verabschieden. Kathi überreichte ihm mit Küssen auf beide Wangen einen großen Teddybären mit einer Mütze, auf der sie ihren Namen eingestickt hatte, ohne zu wissen, dass er ihn nicht in seine neue Unterkunft mitnehmen durfte. So sollte der Teddy ein paar Jahre bei mir bleiben. Nach unendlichen Umarmungen, vielen vergossenen Tränen und zahlreichen wohlwollenden Wünschen machte sie sich mit ihren Eltern wieder auf den Heimweg.
     Wenige Minuten später betrat Rosi mit ihrer Familie den Garten. Auch ihr Abschiedsbesuch verlief auf ähnliche traurige Art und Weise. Rosi setzte Mathias ein selbstgeflochtenes Buchskränzchen wie eine Krone auf den Kopf. An einer Stelle war ein kleines von ihr mit Goldfädchen kunstvoll gesticktes winziges Stoffschild mit ihrem Monogramm und Glückwünschen für die Zukunft angenäht. Ihr Lebewohl fiel besonders wehmütig aus. Das Kränzchen blieb ebenfalls bei mir. Das Stoffschildchen trennte Mathias ab und steckte es in seine kleine Geldbörse.
     Mit und nach ihnen kamen noch viele Nachbarn und vor allem die Madln und die Buben, auch von den Einödhöfen, die Mathias im Verlaufe der Jahre liebgewonnen hatten, um ihm freundschaftlich Auf Wiedersehen zu sagen. Manche brachten kleine Geschenke wie Bonbons, Schokolade, Zeichnungen, Abschiedsbriefe oder irgendein anderes Andenken mit.
     Er war halt bei allen - ob Erwachsenen oder Kindern - im Dorf ausgesprochen beliebt, um nicht zu sagen, er war ihr Mathias. Nur seine bösartigen Verwandten in München und der teuflisch-boshafte Pfarrer machten eine Ausnahme. Nach einer halben Stunde waren alle fort.
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So komisch es klingen mag, Mathias und ich standen auf der Betonabdeckung der Jauchegrube, die nach wie vor für die Schule und die ehemalige Lehrerwohnung benutzt wurde, denn eine zentrale Abwasserkanalisation gab es in dem kleinen Ort nicht. Warum wir dort standen, weiß ich heute nicht mehr, oder doch. In diesem Eck waren wir fürs erste wieder allein und fühlten uns unbeobachtet. Kein Mensch befand sich nach den vielen Verabschiedungen – dem Schicksal sei Dank – mehr in unserer Nähe. Wir konnten in unseren Nöten, unserer Trauer und unserem Seelenschmerz unter uns sein. Dann setzten wir uns auf die beiden schweren Betondeckel, in die eiserne Ringe zum Anheben eingelassen waren. Hie und da bemerkte ich, wie meine Mutter, mein Vater und Martha abwechselnd aus dem Wartezimmerfenster der Praxis herüberblickten. Lediglich von dort konnte man uns sehen. Sie wollten uns anscheinend nicht aus den Augen lassen.
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Unvermittelt standen Mathias‘ Münchner Verwandte vor uns. Der Schrecken war riesig, unsere Herzen pochten. Ihr Kommen hatten wir nicht bemerkt. Vielleicht hatten sie sich nach Soldatenmanier hinterlistig angeschlichen. Onkel Ferdinand befahl mit seinem Offizierston Mathias barsch, unverzüglich aufzustehen und mitzukommen. Doch Mathias machte keine Anstalten. Im Nu fasste ihn der Herr Bundeswehroffizier brutal an der linken Hand und wollte ihn mit brachialer Gewalt hochziehen oder hochreißen, indem er seinen Arm nach hinten drehte. Mathias stieß einen kurzen Schmerzensschrei aus, krallte sich mit der freien Hand an meinem Arm fest, ich mich mit beiden Händen an einem der Eisenringe. Es half nichts. Der Onkel wurde noch gewalttätiger und trennte uns auf rabiate, quälende, peinigende Art und Weise. Er boxte und drosch jähzornig auf uns ein. Nicht nur Mathias, ebenso ich, bekam einiges ab. Wir waren in diesem Fall auch vereint einfach zu schwach. Dieser Brutalität konnten wir nichts entgegensetzen. Ein weiterer Widerstand wäre zwecklos gewesen.
     Meine Eltern und Martha eilten schnell um die beiden Häuser und Gärten, vielleicht um uns noch beizustehen und ganz bestimmt für einen allerletzten Abschiedsgruß. Sie schafften es nicht mehr rechtzeitig. Triumphierend und arrogant lachend verfolgte insbesondere der Cousin unsere Niederlage.
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Dann ging alles so schnell, dass ich nicht einmal mehr ein ‚Servus‘ zu Mathias sagen konnte.
     Das Auto, in das er wie ein Entführungsopfer gezerrt wurde, war längst hinter einer Straßenkuppe verschwunden, als ich immer noch winkte. Das merkte ich anscheinend gar nicht, bis mir Martha verheult ein Glas Limonade über den Zaun reichte. Vorsichtig ließ ich mich, während ich das Glas mit einem Schluck leerte, wieder auf dem Beton nieder.
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Es war der erste Septembertag des Jahres 1957. Für mich war der Herbst gekommen; nicht der meteorologische oder der in der Natur, sondern zutiefst in meinem Herzen. Es fühlte sich grau, öde und leer an. Von meinem Sitzplatz sah ich durch das weit geöffnete Fenster von Mathias‘ Zimmer. Es wirkte genauso grau, öde, leer.
     Übermorgen musste ich ohne Mathias in München in die neue Klasse. Jede Freude daran war verflogen. Mindestens eine halbe Stunde saß ich verzweifelt da, grübelte und hing meinen Gedanken nach. Es tat mir irgendwie gut, dass ich ganz für mich alleine sein konnte.
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„Was fühlt er? Wie geht es ihm? Wie weit weg befindet er sich schon? Sind seine Verwandten wenigsten in diesem Augenblick nett zu ihm? Wie wird seine Ankunft im Internat verlaufen? Denkt er gerade über seine verstorbenen Eltern nach? Trauert er um seinen heiß geliebten Fußball, um sein Fahrrad? Hat er schon Heimweh? Was macht er jetzt ohne Pezzi? Erinnert er sich vielleicht an unsere gemeinsame Zeit, an unsere Freundschaft, an mich, an die Farbbilder im Schulhaus mit den Tempeln von Agrigent, an unsere Zukunftspläne, an Rosi und Kathi, an die anderen Kameraden, an unsere Abenteuer?“
     Diese und zahlreiche weitere Gedanken hetzten wild und chaotisch durch meinen Kopf. „Vielleicht müssen sie noch einmal umkehren, weil sie was vergessen haben. Dann könnte ich ihm wenigstens Servus sagen“, flüsterte ich vor mich hin. „Ich konnte ihm nicht einmal Servus sagen.“ Ich merkte auf einmal, dass ich vor Kummer mit mir selbst sprach.
     Nie in meinem bisherigen Leben war ich so gedankenversunken und so niedergeschlagen. Jetzt fühlte ich mich doch furchtbar einsam, elend und verlassen.
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Ich wusste, dass mich meine Eltern über alles gernhatten. Aber sie konnten es mir irgendwie durch körperliche Nähe, durch Umarmungen, auch mal durch Streicheln oder einen Kuss auf die Wange - wie es trotz der strengen Erziehung auch bei Mathias und bei den anderen Kindern vorkam - nur hin und wieder zeigen.
     Vielleicht lag das an ihrem anstrengenden Beruf. Nicht selten läutete das Telefon nachts, wenn jemand krank wurde. Dann eilte meine Mutter oder mein Vater zu den Menschen, die ihrer Hilfe bedurften. Der Beruf war damals, als es im ländlichen Bereich keine Notärzte gab, besonders stressig und entschuldigt vieles.
     Doch diesmal umarmte mich meine Mutter und gab mir einen Kuss auf die Wange. Ich hatte nicht bemerkt, dass sie sich neben mich setzte, vielleicht schon eine ganze Weile neben mir saß. Etwas später gesellte sich mein Vater dazu, nahm mich in seine Arme und drückte mich eng an sich. Mama und Papa kümmerten sich um mich wie selten zuvor. Eine Zeitlang schwiegen sie. Das tat mir irgendwie gut. Ein bisschen Ruhe war eingekehrt.
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Als erste begann meine Mutter mit mir zu reden, leise, einfühlsam. Anfänglich konnte ich vor Ergriffenheit und Aufregung nur mit halbem Ohr zuhören.
     Schlagartig wurde mir aber nach einigen Sätzen bewusst, sie versuchte mir zu erklären, dass sich mein Vater und sie trennen wollten, auf Zeit, und mich eigentlich nach dem Abschied meines lieben Freundes nichts mehr an unser Dorf binden würde. Meine Eltern wollten ohne jeglichen Streit und im Frieden einvernehmlich auseinandergehen, und ich könnte meinen Papa jederzeit besuchen, sogar jedes Wochenende oder an Feiertagen, in den Ferien wochenlang, wann ich wollte. Mein neuer Wohnort würde mir sicher gefallen. Dort fände ich auch schnell wieder nette Freunde.
     Nein, einen Freund wie Mathias würde ich nirgendwo auf der Welt finden, dachte ich.
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Es handelte sich um die wirtschaftlich und industriell stark aufstrebende Stadt, in der Mathias und ich geboren wurden. Ein bisschen war ich über sie von wenigen kurzen Aufenthalten und Besuchen bei meinen Großeltern schon im Bilde. Der kürzeste Weg zu ihnen verlief nämlich mitten durch das Zentrum. Die Fahrt mit dem Eilzug oder dem Schnellzug nach München war nur von relativ kurzer Dauer, vom dortigen Hauptbahnhof würde mich mein Vater mit dem Auto abholen.
     Außerdem hätte ich nur wenige Minuten mit dem Rad zum Gymnasium. Schließlich sprach Mama auch von ihrem neuen Freund Ralph und seinen zwei Söhnen etwa in meinem Alter, die bei ihm wohnten; seine deutlich ältere Tochter lebte bei ihrer Mutter und deren Lebensgefährten in den Vereinigten Staaten und, und, und … Mein Vater ergriff in ähnlicher Weise das Wort. Alles gleichzeitig konnte mein zermartertes und unkonzentriertes Gehirn nicht fassen.
     Sehr angenehm fand ich bei den ganzen Schilderungen nach längerem Überlegen den nahen Wohnort meiner Großeltern, mit dem Rad für mich problemlos in vier oder fünf Minuten zu erreichen. Da könnte ich ‚unsere‘ Oma und ‚unseren‘ Opa oft besuchen.
     Ich dachte schon wieder an Mathias.
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Warum war ich nicht oder nur wenig überrascht, erschrocken oder erschüttert?
     Weil ich irgendwie im Unterbewusstsein seit kurzem mit so einer Veränderung in meinem Leben rechnete, weil Mathias nicht mehr da war, weil ich vorher mit Trennungen und Abschieden von liebgewonnenen Menschen, Orten und Sachen schon Erfahrung sammelte? Eigenartigerweise berührte mich dieser neue Wandel nicht wirklich sonderlich. Vielleicht stimmte ich deshalb spontan zu, mit meiner Mutter umzuziehen. Wäre mir auch eine andere Möglichkeit geblieben?
     Noch am späten Nachmittag fuhr ich mit ihr in mein neues Zuhause. Mithilfe von Martha und Mama packte ich die wichtigsten Sachen zusammen, vor allem Kleidung für die kommenden Tage, Schreibzeug und einen Notizblock für den Schulbeginn.
     Jetzt war ich mehr neugierig als traurig. Der Abschied fiel mir verhältnismäßig leicht, denn ich hatte die Möglichkeit, oft zurückzukommen und meinen Vater zu besuchen, Martha, Kathi und Rosi, all meine anderen Kameraden zu sehen und in mein Dorf zurückkehren zu können. Für mich war die Abwesenheit, im Gegensatz zu Mathias, nur episodenhaft; so fühlte ich es wenigstens. Meinen Freunden Wiedersehen zu sagen, nahm ich mir für das kommende Wochenende vor. So geschah es auch. Doch dieser Abschied sollte wider Erwarten fast genauso traurig ausfallen wie der von Mathias.
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Vor meinem neuen Zuhause angekommen, bemerkte ich seltsamerweise - oder hielt ich besonders Ausschau - als erstes trotz der fortgeschrittenen Dämmerung einen nahen Postkasten an einer langen Mauer.
     Erst dann richtete ich den Blick auf die Einfahrt in einen gepflegten Garten und auf eine imposante Villa. Sollte ich in diesem Prachtbau ab sofort wohnen? Dafür reichten meine Vorstellungen nicht aus.
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Der riesige, wunderschöne, parkähnlich angelegte Garten mit Laternen war an einer Stelle mit Basketballkörben, einem Trampolin, überdachten Tischtennisplatten und anderen Sportgeräten ausgestattet. Dies fiel mir trotz der leichten Dunkelheit wegen der hell leuchtenden Laternen sofort auf.
     Meine Mutter und ich betraten den Vorraum der Villa, ein Vestibül, wie sie mir erklärte, mit großen Türen und zwei marmornen Treppenaufgängen. Ich konnte nur staunen. Das kam höchstens in den schönsten Träumen vor.
     Die Überraschung war groß, als sie mich mit ihrem neuen Freund und dessen Kindern Robert und Roland bekannt machte. Ralph erkannte ich sofort wieder, er war der Fahrer des roten Sportwagens, der meine Mutter am Todestag von Mathias‘ Eltern nach Hause gebracht hat. Das war also ihr neuer Geliebter. Da dachte ich verzweifelt und wehmütig an Papa.
     Ralph war mir dennoch vom ersten Augenblick an enorm sympathisch, genauso wie seine beiden Söhne, der eine, Roland, ein halbes Jahr jünger und sein Bruder, Robert, ein halbes Jahr älter als ich. Mit Robert sollte ich in die gleiche Klasse kommen. Nicht nur mit Ralph, auch mit den beiden Brüdern verstand ich mich auf Anhieb prächtig. Das war ein großer Glücksfall. Sie benahmen sich freundlich und lässig, unbefangen und natürlich. Das gefiel mir. Es kamen keinerlei Berührungsängste auf. Ralph zeichnete sich durch sein zuvorkommendes Wesen und seine ausgezeichnete Höflichkeit und einem unbeschreiblich netten Umgangston mit allen Menschen aus. Von Anfang an durfte ich ihn duzen, ohne dass er sich bei mir anbiedern wollte. Er war ein lockerer und absolut netter Typ. Sonderbarerweise fiel mir sogar als Zehnjährigem seine teure und sportlich-elegante Kleidung auf.
     Zwanglos redeten wir Kinder miteinander über die Schule, unsere Hobbys, Sportvorlieben und manches andere. Diese Hürde war genommen. Ich spürte eine unglaubliche Erleichterung.
     Bald wurde mir klar, dass Ralph ausgesprochen wohlhabend, ja sogar sehr reich war, einen enorm einträglichen Beruf ausübte und in seinem Wohnort und in der näheren und weiteren Umgebung eine durchaus bedeutende und einflussreiche Persönlichkeit war.
     Ich bezog mein eigenes Kinderzimmer, vollkommen mit Stilmöbeln eingerichtet, zwar ein bisschen plüschig, aber gemütlich. Räume waren in diesem großzügigen Haus, schon erbaut von Ralphs Großeltern, genügend vorhanden. So etwas hatte ich vorher noch nie gesehen.
     Als erste bekamen Pezzi, Bärli, Kathis Teddybär, Rosis Buchskränzchen, die für Mathias gedachten Andenken der Freunde und unser Schachspiel ihre gebührenden Plätze. Sie hatte ich zur Erinnerung an Mathias gleich mitgenommen. Ein Foto von uns als Babys stellte ich auf meinen Schreibtisch.
     Noch am selben späten Abend schrieb ich Mathias meinen ersten Brief. Ich wollte mein ‚Servus‘ nachholen, meine Trauer über unseren erzwungenen Abschied, ihm die aktuellen Entwicklungen, meine jetzige Adresse und die neue Telefonnummer mitteilen. Dann wünschte ich ihm alles erdenklich Gute zum Schulanfang und das Beste vom Besten für sein zukünftiges Leben, mit dem Wunsch, ihn so bald wie möglich wiederzusehen.
     Den Brief warf ich heimlich noch mitternachts in den Postkasten, beinahe heulend. Ich fühlte mich wieder so elend wie Tage und Stunden zuvor.
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Am Montag stand ich schon sehr zeitig auf und marschierte neugierig nach dem gemeinsamen Frühstück mit meiner ‚neuen Familie‘ alleine los, um die neue Umgebung kennenzulernen. Die Brüder hatten andere Verpflichtungen. Überraschend schnell fand ich das Gymnasium, das ich neun Jahre besuchen sollte. Ein Schwimm- und ein neugebautes Hallenbad entdeckte ich kurz darauf. Insgesamt gefiel mir der Stadtteil mit den zahlreichen alten und modernen Gebäuden, in dem ich ab jetzt leben sollte. Freie Plätze für Spiele und Abenteuer wie im Dorf oder in seiner Umgebung sichtete ich zu meinem Leidwesen allerdings nicht. Die Richtung zum nahegelegenen Bahnhof für die Fahrt zu meinem Vater und in meinen eigentlichen Heimatort zeigten Wegweiser an.
     Im Verlauf des Vormittags wollte meine Mutter mich am Gymnasium anmelden. Pflichtgemäß fand ich mich pünktlich ein. Meine erste Begegnung in der neuen Schule hinterließ bei mir einen durchaus positiven Eindruck.
     Mittags ging ich mit ihr und meiner ‚neuen Familie‘ in ein exklusives Speiselokal in der Innenstadt. Anschließend zeigten mir Robert und Roland einige interessante Sehenswürdigkeiten. Mit dem Bus fuhren wir zu einem elitären Tennisclub, in dem Ralph und die beiden Brüder Mitglieder waren.
     Erneut berichtete ich Mathias in einem weiteren Brief, den ich noch am Abend desselben Tages in den Briefkasten steckte. Was ich absichtlich wegließ, waren meine schönen Erlebnisse mit meiner Mutter, Ralph und seinen beiden Söhnen. Ich wollte ihn keinesfalls spüren lassen, dass es mir vermutlich unvergleichlich besserging als ihm.
     Als ich an ihn und sein Schicksal dachte, war mir wieder arg zum Heulen zumute, mein Herz schnürte sich zusammen.
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Der Schulanfang war gekommen. Auch da lief alles problemlos und wunschgemäß mit meinen neuen Mitschülern. Es war eine reine Bubenklasse, ungewohnt für mich. Dennoch fühlte ich mich wohl. Schon in den ersten Tagen war ich voll integriert. Dazu trug auch Robert ganz wesentlich bei.
     Meine Großeltern, die Ralph und seine Kinder von früher bereits gut kannten, besuchten mich gleich mittags nach der Schule. Sie wollten einiges über meinen Abschied von Papa und dem Dorf, meine Ankunft und den ersten Unterrichtsvormittag wissen.
     Noch wichtiger war mir Mathias. Ich überlegte mit ihnen lange Zeit, wie und wann ich ihn wiedersehen könnte. Dies wäre mein sehnlichster Wunsch. Oma und Opa versprachen mir, sich darum zu kümmern. Und ich wusste, dass das keine leere Ankündigung war. Sie würden sich dafür einsetzen.
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Eigentlich hätte ich mir kein besseres Leben wünschen können, trotzdem kreisten meine Gedanken beinahe unentwegt um das Schicksal meines Freundes. Inständig hoffte ich, dass er einigermaßen glücklich sein würde.
     Jeden Tag gab ich entweder eine kurze Grußbotschaft auf einer Postkarte oder einen längeren Brief an ihn auf, aber eine Antwort erhielt ich nicht, obwohl schon Wochen ins Land gezogen waren. Was war los? Was war geschehen? Hatte er mich vergessen? Hatte er neue Freunde gefunden? Mochte mein Lebensretter nichts mehr von mir wissen? Jeden Abend grübelte ich vor dem Einschlafen lange nach.
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Ich unterhielt mich nicht nur mit meinen Großeltern, sondern auch mit Mama, am Telefon oder bei meinen Besuchen mit Papa, mit Ralph, Robert und Roland darüber. Alle zeigten volles Verständnis für meine Sorgen um meinen besten Freund. Roland und Robert verstanden mich besonders gut. Sie wussten, wie ich fühlte, denn sie litten unheimlich Zeitlang nach ihrer Mutter und ihrer Schwester. Im Jahre 1957 konnte man noch nicht so leicht zwischen der Alten und der Neuen Welt hin- und herfliegen. Mit allen möglichen Argumenten und Ablenkungsaktionen versuchten sie mich trotzdem auf ihre angenehme und nette Art zu trösten.
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Zu seinem zehnten Geburtstag gratulierte ich Mathias herzlich. Ich schickte ihm einen Brief mit Glückwünschen und ein Foto mit mir vor meiner neuen Schule. Meine Eltern, meine Großeltern und Ralph übergaben mir sehr großzügige Geldbeträge, die ich beilegen sollte, mit den besten Grüßen von ihnen und Ralphs Kindern. Auf eine Antwort wartete ich wieder vergebens und verzweifelt.
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Eine Woche später feierte ich meinen Geburtstag. Mit Geschenken wurde ich überhäuft. Unter anderem bekam ich von Ralph die Mitgliedschaft in dem vornehmen Tennisclub und eine Fahrt mit meiner Mutter, mit ihm und seinen beiden Kindern zum einwöchigen Schiurlaub über die Silvestertage in den österreichischen Alpen. Mein Vater schickte einen für mich äußerst ansehnlichen Geldbetrag. Meine Mutter spendierte eine komplette Tennisausrüstung. Meine beiden Großeltern bedachten mich mit spannenden Jugendbüchern. Die Brüder schenkten mir eine Dauerkarte für das Hallenbad. Am Abend gingen wir noch schön zum Essen. So wurde ich zum Geburtstag in meinem ganzen Leben nicht verwöhnt, so dass ich mir wie Rockefeller höchstpersönlich vorkam. Hatte ich das verdient? Ich schwebte in einem Hochgefühl ohnegleichen.
     Nach all diesen Erlebnissen schrieb ich Mathias kurz nach Mitternacht einen Brief. Das gesamte Geburtstaggeld meines Vaters legte ich dazu. Leise schlich ich mich aus der Villa, um ihn noch einzuwerfen.
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Und wie ging es Mathias? Nach weit mehr als einem Monat hatte ich noch keine einzige Nachricht von ihm. Er schickte mir auch keine Glückwünsche. Das stimmte mich nach dem Zubettgehen ganz besonders traurig. Geburtstage haben wir zwar nie besonders gefeiert, aber wir gratulierten, es gab unser Lieblingsessen und wir verbrachten den Tag zusammen. Lange konnte ich nicht einschlafen.
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Der Herbst war voll ins Land gezogen. Trotz der häufigen Besuche bei meinen Großeltern, der angenehmen Atmosphäre mit Ralph und seinen Kindern, der netten Klassenkameraden, meiner ersten guten bis sehr guten Noten in fast allen Fächern erfasste mich eines Tages heftiges Heimweh und Sehnsucht nach unserem Ort, nach unserem Hügel, obwohl ich wie versprochen, immer wieder hinfahren durfte. Aber es war in erster Linie die Trennung von Mathias, die ich immer noch nicht überwunden hatte. Einige kurze Wochenenden vom späten Samstagmittag bis zum Sonntagnachmittag verbrachte ich bei meinem Vater, bei der lieben und treuen Martha, seiner wirklich ebenfalls netten Freundin Dorle, mittlerweile seine Lebensgefährtin, und ein paar besonders erfreuliche Minuten mit Kathi, Rosi und anderen Freunden.
     Unseren Hügel konnte ich aber nicht besuchen. Die Zeit dafür war zu kurz, und ohne Mathias hatte ich sowieso keine Lust.
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Sowohl mein Großvater, mein Vater als auch Ralph, versuchten einen Kontakt mit den Verantwortlichen des Internats herzustellen. Es gab immer, wie alle übereinstimmend feststellten, fadenscheinige Ausreden. Mathias durfte nicht einmal an Allerheiligen, wie im katholischen Bayern üblich, das Grab seiner Eltern in München besuchen.
     Ralph hätte ihn vom Heim abgeholt und wieder zurückgebracht. Er war einfach, ich kann es nicht anders ausdrücken, ein ausnehmend lieber Mensch, ja ohne Übertreibung ein einmalig netter Kumpel und Freund mit einem ungeheuren Verständnis für seine Mitmenschen, ein Humanist im wahrsten Sinn.
     Mein Vater versuchte telefonisch mehrmals die Münchner Verwandten zu erreichen. Onkel Ferdinand war meistens nicht zu Hause, er musste sicher das Vaterland mit seinen zackigen Worten verteidigen, junge Rekruten bis aufs Blut quälen oder er ließ sich verleugnen. Tante Asta wurde richtiggehend ausfallend und beleidigend.
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Immer noch kein Lebenszeichen von Mathias!
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In meiner neuen Heimatstadt verlief für mich alles bestens. Alle waren nett zu mir. Mit Ralph und seinen Kindern verstand ich mich nach wie vor blendend. Meine neuen Mitschüler bildeten eine einmalig nette Klassengemeinschaft. In der Schule gefiel es mir gut, meine Noten waren höchsterfreulich. Beim Tennisspielen machte ich riesige Fortschritte. Und ich war auch dem Schwimmverein beigetreten. Ich trainierte intensiv und wurde zu einem ausgezeichneten Brustschwimmer in meiner Altersklasse. Trotzdem vermisste ich das Fußballspiel mit Mathias und meinen alten Freunden vom Dorf.
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Es kam kein Kontakt mit Mathias zustande. Mama spürte, wie ich ungeachtet der Besuche bei den Großeltern und der Zuneigung und Freundschaft von Ralph und seinen beiden Söhnen, meiner neuen Kameraden und des intensiven Tennis- und Schwimmtrainings und der vielen Abwechslungen darunter litt.
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Es sollte bis zum Mai des folgenden Jahres dauern. Großvater und Ralph hatten durch irgendwelche Interventionen schließlich erreicht, dass ich Mathias nach den Pfingstfeiertagen besuchen durfte. Die Heimleitung war überraschend damit einverstanden, dass mein Freund ab vierzehn Uhr für zwei Stunden das Internat verlassen durfte.
     Endlich! Ich war überüberüberglücklich!
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Mindestens eine Stunde vor der verabredeten Zeit stand ich freudig und erwartungsvoll vor der dunklen, verschlossenen und abweisenden Pforte. Die Umgebung und der Vorgarten schienen allerdings gepflegt. Opa brachte mich hin und blieb zunächst vor der Anlage im Auto sitzen. Aufgeregt war ich schon ein bisschen, eigentlich sehr. Mein Herz spürte ich ganz schön klopfen.
     Ein paar Minuten konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Gebäude mehr nach Gefängnis als nach Kloster, Internat, Heim oder Schule aussahen. Ein paar Fenster im Erdgeschoß waren auch mit leicht geschwungenen schmiedeeisernen Gittern versehen. Irgendwo hinter dem Gebäude ertönten manchmal gedämpfte Stimmen von Kindern und Jugendlichen, die vielleicht gerade Sport trieben oder Freizeit hatten. Es waren also außer Mathias noch andere während der Ferienwoche anwesend.
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Nach einer unendlich vorkommenden, ewig langen Wartezeit öffnete sich auf die Sekunde genau die schwere Türe, Mathias stand vor mir. Er sah mich kurz, eher unfreundlich, fragend und sehr traurig an, so als ob er mich gar nicht kennen würde. Bildete ich mir das nur ein?
     Dann lief er ohne einen weiteren Blick an mir vorbei zu Opa, der vor dem Auto wartete, und begrüßte ihn höflich mit einem festen Handschlag und einer gekonnten Verbeugung, allerdings nicht so unverkrampft und ungezwungen, wie er sich sonst benahm.
     Erst jetzt wandte er sich mir zu. Er erhob nur leicht seinen Arm, um abzuklatschen, mehr nicht. Nicht einmal ein leichtes Lächeln zeigte sich in seinem Gesicht. Überrascht über eine derart knappe, unpersönliche Begrüßung konnte ich nicht gleich reagieren. Mit so etwas hatte ich nicht gerechnet. Ernüchterung stellte sich bei mir ein. „Zwei allerbeste, unzertrennliche, brüderliche Freunde müssen sich doch nach so langer Zeit herzlicher und freudiger begrüßen“, dachte ich. Irgendetwas musste sich ereignet haben, dass er sich so verhielt. Hatte ich mich bei seinem Weggang damals aus unserem Dorf falsch verhalten? Oder gab es andere Gründe?
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Opa lud uns bei dem warmen Wetter auf die Terrasse eines nahegelegenen Cafés ein. Mit ruhiger Stimme sprach Mathias förmlich und emotionslos nur mit ihm über belanglose Sachen des Internats, der Räume, der Klassenzimmer, über den Stundenplan, seine Unterrichtsfächer, aber kein Wort über seine Noten, seine Lehrkräfte, Mitschüler und Kameraden. Mich ignorierte er mehr oder weniger, wenn ich mich an ihn wandte und ein paar Sätze sagte.
     Opa merkte das und tat das Beste, was er tun konnte. Er ließ uns verständnisvoll allein, nachdem er für uns noch Kuchen und Getränke bestellt hatte.
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Anfänglich starrten und schwiegen wir uns an. Nach einer gefühlten Ewigkeit fragte ich ihn mit leicht unsicherer, zitternder Stimme, ob er denn meine vielen Briefe nicht erhalten habe. Immer noch reserviert antwortete er kaum hörbar mit „Nein, keinen einzigen.“ „Hast du meine Briefe erhalten?“ war ein paar Sekunden später seine mehr schlecht als recht vernehmliche Gegenfrage. Auch ich verneinte. Wie aus einem Munde kam dann: „Ich habe dir jeden Tag geschrieben.“
     Allmählich wurde er zusehends freundlicher und zugänglicher – noch war es bei Weitem nicht so wie früher.
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Meine Briefe wurden vermutlich, aus welchen Gründen auch immer, abgefangen, eine andere Erklärung gab es nicht; seine kontrolliert und zurückgehalten - er beklagte sich in ihnen nur über ein unvorstellbares Heimweh und eigentlich nahezu unbedeutende Mängel seines Aufenthalts in diesem Haus.
     Von Zensur in Heimen und Internaten hatten wir irgendwie früher schon gehört. Das Geld, das ich ihm schickte, erhielt er ebenfalls nicht.
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Dann erzählte ich ihm kurz von meinem Wegzug aus unserem Ort, von der Trennung meiner Eltern, von Ralph und seinen Kindern, von meiner Schule und von meinen Erlebnissen in den letzten Monaten. Verheimlicht habe ich ihm aber, dass ich trotz der geplanten Scheidung meiner Eltern sozusagen im Paradies lebe.
     Ausführlich schilderte ich ihm meine ehrlichen Sorgen um ihn und den Bemühungen meiner Leute, ihn besuchen zu dürfen.
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Nachdem allmählich seine Bedenken und sein Misstrauen geschwunden waren, sprang er unversehens und unerwartet vor den anderen Gästen auf und umarmte mich herzlich. Er hatte für ein paar Sekunden sein unvergleichliches Strahlen zurückgewonnen, dann sah ich wieder in seine tieftraurigen Augen.
     Er packte mich am Arm und zog mich an einen anderen Tisch, weiter weg von den übrigen Gästen.
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Zaghaft, bedrückt und flüsternd begann er zu erzählen, wie schlecht es ihm während der vielen Monate im Heim erging. Er kam sich vor wie in einem Gefängnis mit kurzen Hofgängen und ein paar sportlichen Betätigungen. Manchmal durfte er mit ein paar anderen Buben Fußball spielen, aber nicht einmal das war das erhoffte Glück und seine Freude, im Gegenteil. Warum wollte er mir noch schildern.
     Das Heim konnte er bisher nicht ein einziges Mal verlassen, an Weihnachten nicht einmal für einen kurzen Aufenthalt bei seinen ungeliebten Verwandten in München. Sie hatten ihn bisher auch noch nicht besucht, nichts von sich hören lassen und sind auch bei den allgemeinen Elternsprech- und Besuchstagen nicht erschienen. Außerdem sandten sie kein Geld von der ‚Rente‘, die ihm zustand, und den Ersparnissen seiner Eltern, damit er zunächst mit dem Bus und dann mit der Bahn nach München ans Grab seiner Mutter und seines Vaters fahren konnte. Auf seine Schreiben reagierten Ferdinand und Asta nicht. Kamen die ebenfalls nicht an oder lag es am Desinteresse seiner Verwandten?
     In welchen dunklen Kanälen das Geld steckenblieb, das ich ihm schickte, entzog sich zunächst unserer Kenntnis. Einige Wochen später erfuhr mein Vater mithilfe eines befreundeten Rechtsanwalts, dass angeblich ‚aus Versehen‘ ein Teil in einer Art Klassenkasse landete, der andere Teil einer Kollekte für wohltätige Zwecke zufloss. Diese ‚Machenschaften‘ wurden am Schuljahrsende ‚geradegerückt‘, als man Mathias den Betrag in voller Höhe gegen seine Unterschrift mit der fadenscheinigen Begründung in die Hand drückte, das Ganze sei irrtümlicherweise passiert.
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Als Geschenk zu einem für ihn besonders traurigen Weihnachtsfest ohne seine Eltern und mit wenigen anderen Waisenkindern hat man ihn bei einer kleinen Feier nach der Christmette mit einem Rosenkranz bedacht. Den muss er die ganze Zeit bei sich tragen, zog ihn aus seiner Hosentasche hervor und zeigte ihn mir. Trost gespendet hat ihm und den anderen Kindern niemand aus dem Heim. Es waren für ihn unvorstellbar betrübliche Feiertage.
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Noch trauriger und noch leiser flüsternd, ich glaubte einen flehentlichen Ton herauszuhören, fragte er mich dann ernsthaft und nahezu feierlich, ob unser Eid, unser Versprechen und unser uneingeschränkter Treueschwur immer noch gelten würden, vielleicht mehr als je zuvor. Er meinte ganz eindringlich, wie ein Erwachsener wirkend und sprechend, es sei jetzt kein Spiel mehr, nicht mehr das kameradschaftliche, unbekümmerte und unbeschwerte Indianerehrenwort, nicht mehr Abenteuer und kindliche Phantasie. Er beschwor, dass es plötzlich schrecklicher, unerbittlicher und tragischer Ernst des Lebens sei. All seine Worte klangen für sein Alter enorm intelligent. Das war für mich zwar nicht neu, aber dennoch verwunderlich. Ganz gespannt, eher atemlos, hörte ich ihm zu. Mathias war schon immer ein höchst gescheiter, kluger, begabter, geistreicher und aufgeweckter Bub, für mich, wie gesagt, ein Idol, aber, dass er sich in dieser seriösen Form ausdrückte, befremdete und irritierte mich doch zunächst ein bisschen.
     Wie vor Gericht hob ich unwillkürlich die Hand und erneuerte meinen Eid. Ich erinnerte ihn, dass er mir dreimal das Leben rettete, dass wir die allerbesten Freunde aller Zeiten seien, dass ich ihm bis in alle Ewigkeit zu unendlichem Dank verpflichtet bin und sein Vertrauen nie und nimmer enttäuschen würde. Es war ein eindringliches, seriöses Gespräch wie unter Erwachsenen.
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„Vom ersten Tag meines Lebens hier werde ich …“ Er stockte, setzte aber dann nach ein paar Sekunden fort: „Am ersten Abend kurz nach meiner Ankunft, mein Onkel und die anderen waren nach einem kurzen Gespräch mit einem älteren Pater wieder weggefahren, musste ich zum Institutsleiter, ich glaube, er war es. Bis heute habe ich ihn nicht oft gesehen, außer …“ Mathias unterbrach, setzte aber nach ein paar Sekunden fort: „Er begrüßte mich nicht, sprach irgendein sonderliches, kurzes Gebet, sagte nicht einmal ein ‚Willkommen‘, sondern erläuterte mir forsch die Hausordnung und wie streng Verstöße dagegen geahndet werden. Außerdem wisse er, wie man mit einem wie mir umgehen müsse. Vom Dorfpfarrer und von meinem Onkel hätte er schon einige meiner Missetaten erfahren. Dann schickte er mich in ein Zimmer im ersten Stock. Dort musste ich mich ausziehen, alles, auch die Unterhose. Ein Pater erklärte mir, dass er mich aus Hygienegründen untersuchen muss. Dies sei notwendig, damit keine Krankheiten eingeschleppt werden. Er hat mich überall angeschaut und angefasst Es war schrecklich. Ich durfte mich wieder anziehen. „Der Mönch führte mich anschließend zum Duschraum in den Keller. Dort musste ich mich wieder vor ihm nackt ausziehen. Es kamen noch zwei weitere Pater dazu. So stand ich unter der Dusche, ohne Vorhang. Die drei Mönche schauten genau zu. Ich musste mich vor ihnen gründlich waschen, alles, sogar meinen Penis bei zurückgeschobener … und einseifen, du weißt um was es sich handelt…!“ Er stotterte jetzt beinahe bei seiner Schilderung.
„Dann untersuchte mich der eine wieder gründlich, die anderen sahen grinsend zu. Ich musste mich bücken und …“ Mathias unterbrach erneut. Jetzt konnte er lange nicht weitersprechen. Seine Augen wurden feucht. Er schluckte heftig. „Dann taten mir zwei von denen an bestimmten Stellen meines Körpers auch noch ganz abscheulich weh,“ setzte er fast flüsternd fort.
     Heute noch weiß ich den ungefähren Wortlaut, der mich aufs äußerste aufwühlte, den ich aus verständlichen Gründen nur zu einem kleinen Teil wiedergegeben habe.
    Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Von so etwas hatte ich, hatten wir nie gehört, obwohl wir frühzeitig – damals sehr ungewöhnlich - von unseren Eltern dem Alter entsprechend sexuell aufgeklärt wurden, aber von solchen Dingen war nie die Rede. Ich war erschüttert. Sowas durfte es doch nicht geben. Was hätte ich getan, wenn mir das passiert wäre?
     Auf meinen Vorschlag, dass wir beide es Opa nachher erzählen sollten, reagierte er ganz abweisend. Du musst auf jeden Fall schweigen. Es ist so furchtbar. Du hast es geschworen. Du darfst nie irgendwem erzählen, was ich dir gerade verraten habe.“ Nochmals verlangte er mir das Versprechen ab, dass ich mich daran uneingeschränkt halten müsste. Ich gelobte es abermals hoch und heilig, wobei mir innerlich das Wort ‚heilig‘ plötzlich missfiel, ja widerlich war.
     Nachdem er sich wieder ein bisschen gefasst hatte, erzählte er weiter: „Die Buben und ich in meinem Zimmer und vom Nachbarschlafsaal müssen ein paar Mal in der Woche abends vor dem Zubettgehen gleichzeitig im Umkleideraum alles ausziehen, dann den Gemeinschaftsduschraum, der keine Vorhänge hat, betreten und der Reihe nach duschen. Das wäre an sich nicht so schlimm. Unerträglich ist aber die Anwesenheit von einem, häufig von zwei oder drei Mönchen, die uns genau beobachten. Meistens sind es immer wieder die gleichen, manchmal kommt noch ein anderer dazu. Dabei müssen wir zu ihnen hinschauen. Wir dürfen uns nicht umdrehen. Wenn einem die Seife runterfällt, muss er nachher drei Minuten allein kalt duschen. Auch da steht einer von denen ganz nah dabei, gerade so, dass er nicht nass wird. Anschließend werden wir alle der Reihe nach vor allen anderen ausnahmslos an allen Teilen des ganzen Körpers genauestens untersucht. Sie wiederholen immer wieder, dass sie verantwortlich sind, dass die hygienischen Vorschriften eingehalten werden. Dabei berühren die uns an den intimsten Stellen. Es kam schon vor, dass bei allen Kameraden, auch bei mir etwas passierte, du weißt schon…“ Er konnte wieder geraume Zeit nicht weitersprechen. „Nach dem Fußballspiel duschen wir auch. Da geschieht das ebenfalls, nur bei einem anderen Pater, der uns beim Freizeitsport beaufsichtigt. Darum mag ich nicht mehr spielen.“
     Dann stockte er wieder. Er meinte nur noch, dass er über das, was er mir erzählt hat, mit seinen Zimmerkameraden nicht reden kann. Obwohl jedem das passiert, sei das Schamgefühl untereinander viel zu groß.
     Er hat zwar Zimmergefährten oder besser gesagt Leidensgefährten, mit denen er sich meistens ganz gut versteht, aber richtige, vertrauensvolle Freundschaften werden in dieser Gemeinschaft nicht geschlossen. Manchmal geht einer der Mönche schon am frühen Morgen durch den Schlafraum. Dann müssen alle die Bettdecke zurückschlagen, sich auf den Rücken legen und ihr Nachthemd bis zum Hals hochziehen. Er muss – das sei wegen der körperlichen Entwicklung notwendig - nur feststellen, ob sich bei einigen Buben… Auch hier unterbrach er. Trotzdem wusste ich, was er meinte.
     Mathias vermutete, dass die Patres sehr schnell herausgefunden haben, mit wem sie das alles machen können. Was mit den wesentlich älteren Heiminsassen passiert, weiß er nicht, weil er selten mit denen ins Gespräch kommt und dann auch nicht gleich danach fragen könnte. Über einige andere Dinge, die er mir diesbezüglich noch berichtete, schweige ich.
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Wenn er nicht mein bester und ehrlichster Freund gewesen wäre, ich hätte es ihm nicht geglaubt. Ich war absolut schockiert. War er, wie ‚Hochwürden‘ uns damals zurief, doch in der Hölle und nicht in einer kirchlichen Einrichtung gelandet?
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Mehr konnte er sich nicht mehr von der Seele reden. Aber er schien etwas erleichtert zu sein. Mir konnte er diese schrecklichen Vorfälle erzählen, denn er wusste sicher, dass ich als sein bester Freund absolut schweigen und ohne sein Einverständnis nie und nimmer diesbezüglich etwas ausplaudern würde.
     Die zwei Stunden Besuchszeit waren bis auf wenige Minuten vorüber.
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Unser Opa kam zurück. Er bemerkte die traurigen und betroffenen Gesichtsausdrücke von Mathias und mir, deutete sie aber natürlich anders. Glücklicherweise oder unglücklicherweise, wie man es nimmt, ahnte Opa nichts von dem, was Mathias mir ausführlich geschildert hatte. Er hätte sicher nie an so etwas gedacht. „Ihr werdet euch bald wiedersehen können,“ war seine Reaktion, „dafür werde ich sorgen. Bis zu den Sommerferien ist nicht mehr allzu lange hin. Seid also nicht traurig!“ Mathias versprach er: „Ich hole dich in den großen Ferien auf jeden Fall zu uns.“
     Kurz bevor Mathias wieder in sein ‚Foltergefängnis‘ zurückkehrte, flüsterte er mir während des Abschieds zu: „Ich konnte dir noch lange nicht alles sagen, was sonst noch passiert ist, aber ich bin erleichtert, dass ich mit dir, meinem allerbesten Freund, darüber reden konnte.“
     Wieder ein Abschied. Für ihn und mich noch schlimmer und schrecklicher als je zuvor.
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Mathias und ich hätten die schlimmen Vorgänge Opa erzählen müssen.
     Zumindest ich hätte es ihm im Vertrauen sagen müssen. Mit ihm konnte man über alles reden. Die Zukunft von Mathias wäre zweifellos anders verlaufen. Doch ich fühlte mich unabdingbar an meinen Eid gebunden. Das Brechen meines Schweigens wäre für mich absolut unverzeihlicher Verrat gewesen, trotz der unheilvollen Situation, in der sich mein Freund und auch seine Zimmergefährten befanden. Wenn er mir nicht uneingeschränkt unbedingtes Stillschweigen abverlangt hätte, würde ich es Opa, meinem Vater oder Ralph anvertraut haben.
 
(Fortsetzung: Der Freund (4) – Der Freund – ein schrecklicher Leidensweg)


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