Es ist: 25-10-2020, 03:45
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Der Freund (2) - Lausbub, Lebensretter und das schreckliche Ende einer Kindheit
Beitrag #1 |

Der Freund (2) - Lausbub, Lebensretter und das schreckliche Ende einer Kindheit
In der dritten und vierten Klasse unterrichtete uns ein äußerst netter, ruhiger, junger Lehrer mit viel Verständnis für uns Mädchen und Buben.
     Nur der Religionslehrer blieb der gleiche. Er bereitete uns auf die Erstbeichte vor und legte dabei besonderen Wert auf das Thema Beichtgeheimnis, weil wir verpflichtet waren, ihm alle begangenen Sünden zu sagen. Auch ob wir unkeusch gedacht oder gehandelt hätten, was ihm besonders wichtig zu sein schien. Da fragte er während der Beichte immer auffallend und außergewöhnlich deutlich nach. Wir waren uns aber zurecht keiner Sünde bewusst. Natürlich schauten mein Freund und ich, manchmal noch andere Kinder entsprechende Bilder und Texte aus Fachbüchern meiner Eltern an. Aber ‚Schlimmes‘ empfanden wir dabei nicht. Es interessierte uns halt. Gebeichtet haben Mathias und ich das nie.
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Außerdem führte er uns ausführlich in das Mysterium der Erstkommunion ein. Er erklärte es uns absolut unverständlich. Dazu war er auch methodisch und pädagogisch vollkommen unfähig.
     Stattdessen übten wir unzählige Male im Gotteshaus, wie man in den Kirchenbänken aufrecht sitzt, gerade steht, sich im Beichtstuhl angemessen verhält und andächtig zur Kommunion geht. Machte man dabei etwas falsch oder lachte mal, wurde man sofort ähnlich wie oben beschrieben oder noch ärger bestraft.
     Ganz abscheulich war die Strafe des Kniens auf der spitzen Kante eines Holzscheites vor dem Altar, „im Angesicht des Herrn“, wie sich ‚Hochwürden‘ auszudrücken pflegte, damit er genau sehen konnte, welch missratenen Kinder wir waren. Dieses Stück Holz brachte er jederzeit zu den Proben in das Gotteshaus mit und zeigte es genüsslich allen Mädchen und Buben. Kathi, Rosa, Mathias und ich waren ein paar Mal dran, meistens, nein eigentlich immer zu Unrecht, nur um uns zu quälen, was unsere Sympathie ihm gegenüber nicht gerade förderte.
     Noch intensiver und strenger fand die Vorbereitung auf die Firmung in der vierten Klasse statt, damit es ja keine Pannen geben sollte, wenn der Bischof oder – ich glaube - es war ein Kardinal, die Zeremonie vollzog.
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An ein Ereignis in der vierten Klasse kurz vor unserer Firmung erinnere ich mich noch besonders genau. Als Mathias und ich an einem Mittwochabend von einem unserer Abenteuerausflüge in die Umgebung heimkamen, herrschte dicke Luft bei Mathias’ Eltern. Mein Vater, sowie Kathi und Rosi, jeweils mit ihren Eltern, befanden sich im Wohnzimmer im Schulhaus. Meine Mutter war wieder einmal nicht da. In den letzten Wochen und Monaten fuhr sie häufig mittwochs und am Wochenende weg.
     Der Empfang fiel schrecklich aus. Ich erhielt von meinem Vater ohne Vorwarnung einige furchtbar kräftige Watschen, genauso Mathias von seinem Vater, dass wir ins Taumeln gerieten und beinahe zu Boden stürzten. Dabei wurde ich von meinen Eltern so gut wie nie geschlagen. Die beiden Mädchen weinten herzzerreißend. Sie bezogen schon vorher eine ganz schlimme Tracht Prügel, Kathi von ihrer Mutter gehörig mit einem großen Kochlöffel, wie es sie in Gaststätten damals gab, Rosi mit einem Teppichklopfer. Dass auch Mädchen verhaut würden, konnten wir Buben uns in den schrecklichsten Albträumen nicht vorstellen. Vorher erlebten wir so etwas noch nie. Also musste etwas ganz Außergewöhnliches vorgefallen sein. Wir wussten überhaupt nicht, um was es ging, bis Mathias‘ Vater die Frage stellte: „Wart ihr vier“, und meinte natürlich Rosi, Kathi, Mathias und mich, „bei den Kiesweihern und habt euch alle nackt ausgezogen?“ Mathias und ich schauten uns an. Jeder fragte sich insgeheim, woher die das wussten. Es war so, wir gaben das auch nach einigem Zögern zu. Wir fanden aber nichts dabei, wir wollten eben nur in die Kiesweiher zum Baden steigen und luden die beiden Freundinnen ohne jeglichen Hintergedanken dazu ein. Natürlich sahen wir uns zwangsläufig beim Rein- und Rausklettern kurzzeitig gegenseitig an, das war es aber dann schon. Die Mädchen verrieten sich und uns ganz bestimmt nicht. Denen konnten wir uneingeschränkt vertrauen. Jemand anderer befand sich mit Sicherheit nicht in Sichtweite.
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Eine halbe Stunde später wurde ich nach Hause auf mein Zimmer geschickt, das Abendbrot fiel aus. Mathias musste in sein Zimmer und sollte sich nicht mehr blicken lassen. Die Mädchen gingen heftig schluchzend mit ihren Leuten heim.
     Ich lag in meinem Bett. Es war schon dunkel draußen, als ein Kieselsteinchen an mein Fenster klirrte. Unten im Garten stand flüsternd Mathias: „Der Pfarrer hat uns verraten. Die Mädchen berichteten am Wochenende zuvor bei der alle vierzehn Tage stattfindenden Zwangsbeichte aus Ehrfurcht und ängstlich alles detailliert, auch das vom Nacktbaden mit uns Buben in den Weihern. Er deutete das Kathis Eltern gegenüber so an, dass er das von jemandem erfahren hat. Das sagte meine Mutter zu meinem Vater. Ich hörte es ganz deutlich wie sie miteinander sprachen“. Also verletzte ‚Hochwürden‘ das Beichtgeheimnis in unverzeihlicher Weise, nur um uns anzuschwärzen, sicher um uns damit einer Strafe auszusetzen, nicht in erster Linie aus religiösen oder moralischen Gründen. Soweit zum vielbeschworenen Beichtgeheimnis. Er versuchte alles, um uns was Schlechtes anzuhängen. Den Grund dafür brachten wir nie in Erfahrung. Im Gegenteil, mein Freund und ich betätigten uns pflichtbewusst seit Monaten als Ministranten. Jetzt wurde mir vieles klar, warum sich am Abend diese Szenen abgespielt hatten. Ich wünschte Mathias, der aus seinem Zimmer zum Fenster herausgeklettert war, eine gute Nacht.
     Mathias ging aber nicht zu Bett. Er besorgte sich, es war schon fast vollständig dunkel, heimlich mehrere lange, dicke, besonders reißfeste Drähte. Eine Viertelstunde später fing er an, die vorderen und hinteren Türen zum Pfarrhof mit ihnen zu versperren. Das sollte seine Rache sein. Er führte sie alleine aus, um mich nicht in Schwierigkeiten zu bringen, wie er mir tags darauf erklärte.
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Am nächsten Tag, ganz früh am Morgen, weckte mich mein Vater, was er sonst noch nie getan hatte, tätschelte überraschenderweise meine Wangen und gab mir einen Kuss auf die Stirn: „Die Watschen von gestern waren nicht, weil ihr euch nackt ausgezogen habt, sondern weil du mein und das Vertrauen deiner Mutter missbraucht hast und in den Weihern zum Schwimmen gegangen bist. Du bist alt genug zu wissen, wie ein Mädchen aussieht.“ Damit war überraschenderweise die Angelegenheit zwischen meinem Vater und mir erledigt.
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Am selben Abend führte mein Vater mit den Eltern von Mathias ein langes Gespräch, vielleicht in dieser Sache. Wir konnten es nie herausfinden.
     War es Absicht oder Zufall, dass mein Freund von seinen Eltern von da an nicht mehr verprügelt wurde, auch sonstige Ahndungen viel milder ausfielen. Wir beide redeten auf unserem Hügel darüber. Er meinte, dass er dies meinem Vater zu verdanken habe. Sonst hatten sich unsere Eltern niemals gegenseitig in unsere Erziehung eingemischt oder hineingeredet.
     Doch sollten diese Veränderung in der Erziehung von Mathias und unsere gemeinsame Zukunft schrecklicher- und tragischerweise nicht von langer Dauer sein.
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Von meinem Vater so früh geweckt worden zu sein, hatte auch einen großen Vorteil. Dieser bestand darin, dass ich beobachten konnte, wie der doppelzüngige, hinterhältige und scheinheilige Geistliche, nachdem er von innen an den versperrten Türen lautstark gezerrt hatte, wild schimpfend aus einem der Pfarrhoffenster klettern musste. Natürlich berichtete ich Mathias meine Beobachtungen bis ins letzte Detail. Es war uns eine Genugtuung. Für diese skurrile Vorstellung hätte ich gerne noch ein paar zusätzliche Ohrfeigen eingesteckt. Sein Verdacht, wer ihm das angetan hat, fiel allerdings – wie hätte es auch anders sein können - sofort auf Mathias und mich.
     Nur unsere Einstellung dem Geistlichen und der katholischen Kirche gegenüber erhielt spätestens an diesem Tag eine weitere und noch tiefere Delle, um es sehr gemäßigt auszudrücken.
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Als wir die dritte Klasse besuchten, trug sich etwas ganz Besonderes zu.
     Mit Erzählungen und Schilderungen über den letzten Krieg wurden wir – wie ich schon erwähnte - nicht gerade überhäuft. Manchmal sahen wir durch Bomben vollkommen zerstörte Häuser, teilweise durch Astlöcher oder Ritzen in mehr oder weniger hohen Bretterzäunen, mit den Warnungen ‚Betreten verboten‘ oder ‚Einsturzgefahr – Eltern haften für ihre Kinder‘ zwischen den einzelnen stehengebliebenen Mauerresten, die gerade abgerissen oder wiederaufgebaut wurden, wenn wir mit meinen oder seinen Eltern nach München fahren durften. Uns beeindruckte das tief, aber mit den eigentlichen schrecklichen Ereignissen, warum und wie es zu dieser zu diesen Ruinen und Trümmern während des Krieges kam, wurden wir nie zufriedenstellend vertraut gemacht oder nur äußerst lückenhaft aufgeklärt, schon gar nicht über den Bombentod von Mathias‘ Großeltern.
     Im Dezember 1955, kurz vor den Weihnachtsferien, wurden Mathias und ich jedoch mit einem einerseits höchst erfreulichen, andrerseits aber ganz entsetzlichen Geschehnis bezüglich des vergangenen Weltkriegs konfrontiert.
     Da ereignete sich ein besonderer Einschnitt im Leben von Mathias und seinen Eltern, ja nicht nur für ihn und seine Familie, sondern auch für mich, meine Eltern und für die meisten Menschen im Dorf.
     Es mag etwa Mitte des Monats gewesen sein, als kurz vor der Pause plötzlich die Klassenzimmertür ohne anzuklopfen aufgerissen wurde, und die aufgeregte und fast atemlose Frau des Bürgermeisters – sie war eilig zu unserer Schule im Nachbarort geradelt - ganz unerwartet dastand: „Mathias“, rief sie äußerst gerührt: „Dein Onkel Leo kommt nach Hause. Er ist aus der russischen Gefangenschaft entlassen worden. Mathias‘ Onkel Leo sollte wirklich leben und als einer der letzten deutschen Soldaten aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehren. Der jüngere Bruder von Mathias‘ Vater würde nach fast vierzehn unerträglichen Jahren für ihn und seine Familie endlich wieder die Heimat sehen. Im jugendlichen Alter von neunzehn Jahren verbrachte er seinen letzten Fronturlaub bei seinen Eltern und seiner Freundin im Bayerischen Wald.
     Er befand sich bereits in einem Zug von einem ostdeutschen Grenzbahnhof nach München. Tags drauf sollte er eintreffen, auch wenn es nicht sein Zuhause, seine eigentliche, alte Heimat war. Mathias und seine Eltern, insbesondere sein Vater, freuten sich immens.
     Mathias wollte die herrliche Kunde im ganzen Dorf mitteilen. Doch diese hatte sich schon überall herumgesprochen. Jeder wollte am nächsten Tag bei der Begrüßung und beim Empfang dabei sein.
     Mit farbiger Kreide bemalten mein Freund und ich einen großen, alten Karton, mehr hatten wir nicht zur Verfügung, mit einem besonders herzlichen Willkommensgruß, umrahmt von Blumenbildern.
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Als Leo im Ort eintraf, herrschte einerseits eine sorgenvolle Erwartung, andrerseits ein großer Jubel bei den Menschen, obwohl ihn ja niemand persönlich kannte. Bestürzend und erschütternd war aber dann, wie er aus dem Auto stieg. Er war nur noch ein menschliches Wrack. Sein Bruder und mein Vater stützten ihn so gut es ging. Leo sah in seiner schmutzig graublauen Kleidung leichenblass und schmal aus und konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten. Trotzdem lächelte er freundlich den umstehenden Leuten zu. Er war ein körperlich und seelisch gebrochener Mensch, dem wie Millionen anderer die Jugend auf barbarische Weise gestohlen wurde, gleich auf welcher Seite auch immer.
     Mathias und ich waren furchtbar erschrocken und erschüttert. Einen Menschen so zu sehen und zu erleben, traf uns zutiefst in unsere Seelen und in unsere Herzen. Ergriffen, ja fassungslos beobachteten wir, wie Leo ins Haus geführt wurde. So verstört waren wir in unserem ganzen Leben noch nicht.
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Mein Vater untersuchte ihn eingehend. Allmählich erfuhren wir, dass der Heimkehrer lungenkrank sei. Später hörten wir, dass seine russischen Bewacher Onkel Leo in Gefangenenlagern nördlich von Magadan und nahe Moskau in den ersten Jahren mehrfach schwer misshandelten. Dabei wurde auch seine Lunge erheblich verletzt und nicht ärztlich versorgt. Danach gingen sie etwas menschlicher mit ihm um.
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Er wurde in Mathias‘ Zimmer einquartiert. Mathias zog in einen winzigen Raum nebenan, nur durch einen Vorhang getrennt. Er tat das gerne, mit viel Liebe zu seinem Onkel, unterstützte und pflegte ihn, wo es nur ging, manchmal fütterte er ihn und flößte ihm Getränke ein, weil seine Hände so zitterten. Jeden erfüllbaren Wunsch versuchte er, ihm von den Augen abzulesen.
     In der ersten und in vielen folgenden Nächten konnte mein Freund oft stundenlang kein Auge zutun oder er wachte immer wieder auf. Leo - traumatisiert von seinen grauenvollen, schlimmen und tragischen Erlebnissen im Krieg, den Kämpfen in der Sowjetunion, von der harten, unmenschlichen Zwangsarbeit in den ersten Jahren der Gefangenschaft - schreckte nachts laut keuchend aus dem Schlaf hoch, schrie unzusammenhängende Satzteile oder stammelte im Traum russische Worte. Besonders schlimm war für ihn, dass seine Eltern nicht mehr lebten und sein Bruder als vermisst galt. Mathias streichelte ihm während solcher Anfälle über die Hände und das Gesicht. Darauf beruhigte er sich allmählich und seine Angstträume ließen nach.
     Im Verlaufe der folgenden Wochen erzählte er uns viele Dinge über den Krieg, was er erlebte, wie er um sein Leben fürchtete, von der Sehnsucht nach seiner Familie, seiner Freundin und seinem Heimweh nach seinem Dorf, obwohl es ihm physisch und vor allem psychisch sichtlich schwerfiel. Andrerseits glaubten wir, dass es ihm wohltat, sich manches von der Seele reden zu können. Wir hörten ihm aufmerksam und ruhig zu. So erfuhren wir ganz authentisch von den infernalischen Schrecken eines mörderischen Krieges.
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Schon für den kommenden Sonntag war eine Fahrt mit dem Heimkehrer in sein Vaterhaus, zum Friedhof, auf dem seine Eltern begraben lagen und in die nähere Umgebung seines Heimatdorfes vorgesehen. Da sein Bruder großen Wert darauf legte, dass Leo beim ersten Besuch in seiner Heimatgemeinde eine gute Kleidung tragen sollte, ließ er seinen besten Sonntagsanzug von einer Schneiderin, die ein paar Kilometer entfernt wohnte, auf die kleinere Körpergröße Leos ändern. Die Maße hatte sie noch mittags genommen. Mathias‘ Eltern begleiteten sie zu Fuß, um den umgearbeiteten Anzug gleich mitbringen zu können. Einen neuen Anzug konnte man in der kurzen Zeit nicht mehr beschaffen.
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Derweil kümmerten wir uns zu Hause um Leo. Plötzlich äußerte er die Bitte, dass wir ihm im Waschhaus außerhalb der Wohnung die große Zinkbadewanne herrichten sollten. Dieses sogenannte Waschhaus war ein kleiner Anbau und wurde von Mathias‘ Mutter nicht nur zum Wäschewaschen verwendet, sondern diente der Familie auch als Badezimmer. Leo wollte nach langen Jahren vor seinem Heimatbesuch unbedingt baden. Um zum Waschhaus zu gelangen, musste er ein paar Meter außer Haus. Dafür war es um diese Jahreszeit viel zu kalt, insbesondere wegen seiner kranken Lunge. Also schleppten Mathias und ich die schwere, lange Wanne neben sein Bett. Zwischenzeitlich heizte Mathias den Ofen des Waschkessels mit Holz und Kohle fest ein und legte ständig nach. Nachdem das Wasser heiß genug war, füllten wir mit zwei Eimern im Eilschritt Liter für Liter ein.
     Dann halfen wir Leo, den Schlafanzug auszuziehen und aus dem Bett in die Wanne zu steigen. Mir war es peinlich, Leo so vollkommen nackt zu sehen, aber weder er noch Mathias dachten sich anscheinend etwas dabei. Mit größter Vorsicht wusch Mathias seinen Onkel mit einem Waschlappen vom Scheitel bis zur Sohle.
     Als sein Bad beendet war, richtete sich Leo vorsichtig auf, gestützt auf unsere Schultern, und Mathias trocknete ihn mit einem großen Badetuch ab. Dabei murmelte Leo, aber deutlich zu verstehen: „Ihr seid liebe Buben, bleibt so. Dass ich einen Neffen habe, der so gütig zu mir ist, der mir uneigennützig jeden Wunsch von den Augen abliest, hätte ich nie im Traume gedacht. Ich freue mich, dass du einen ebenso guten, hilfreichen und netten Freund hast.“ Er streichelte jedem von uns zitternd über das Haar. Dann halfen wir Leo wieder ins Bett zurück und zogen ihm seinen Schlafanzug vorsichtig an. Er war in keiner Weise wehleidig, aber er tat sich vor Schwäche mit jeder Bewegung schwer. Kaum, dass er sich hingelegt hatte, schlief er ein. Das warme Bad tat ihm sichtlich gut, und wir freuten uns riesig.
     Das Wasser schütteten wir trotz der niedrigen Außentemperaturen einfach zügig literweise aus dem Fenster. Anschließend schleppten Mathias und ich die alte Zinkwanne zurück ins Waschhaus.
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Am frühen Morgen des nächsten Tages begann die in der damaligen Zeit verhältnismäßig lange, anstrengende Reise in Leos wirklichen Heimatort. Mein Vater fuhr mit seinem Auto, da es etwas größer und bequemer war als das von Mathias‘ Eltern. Neben Leo befanden sich mein Freund und seine Eltern an Bord. Die Fahrt ging in den ‚mittleren‘ Bayerischen Wald.
     Der Empfang der Bewohner dort war rührend. Sie überreichten ihm trotz der kalten Jahreszeit Blumen und ein Gebinde aus Immergrün. Leo stand das ganze Begrüßungszeremoniell tapfer durch.
     Erschütternd musste dann aber das Wiedersehen mit seinem unbewohnten Vaterhaus, in der Zwischenzeit völlig runtergekommen mit eingeschlagenen Fenstern und eingetretenen oder aufgebrochenen Türen, gewesen sein. Im für diese Jahreszeit nur leicht verschneiten, verwilderten und kleinen Bauerngärtchen brach Leo zum ersten Mal vor Elend und Erschöpfung zusammen. Gut, dass mein Vater ihm sofort mit ärztlicher Hilfe beistehen und ihn mein Freund trösten konnte. Noch schlimmer war es dann am vom Schnee freigeschaufelten Grab seiner Eltern, das von zwei Frauen aus der näheren Umgebung voller Hingabe sorgsam gepflegt wurde. Mathias‘ Vater wollte das so und finanzierte den Grabschmuck. Eine der Frauen war die ehemalige Freundin Leos, die andere deren Mutter.
     Am Abend nach der Rückkehr war Mathias, als er mich noch besuchte und berichtete, seelisch äußerst bedrückt. Er durfte bei mir übernachten. Wir sprachen – beide in trauriger Stimmung - noch lange über den vergangenen Tag bis wir einschliefen.
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Verhältnismäßig erfreulich verliefen dann die Weihnachtstage und das Weihnachtsfest. Leo hatte sich unerwartet schnell etwas erholt und wurde fröhlicher.
     Seine ehemalige Freundin, mittlerweile verheiratet, brachte es nicht übers Herz, vorm Elternhaus oder am Grabe mit dabei zu sein. Später – es war inzwischen März geworden - besuchte sie ihn in unserem Dorf. Sie meinte es gut, aber es war kein glücklicher Gedanke. In Leo stiegen die Erinnerungen an seine Jugendzeit und seine große Liebe hoch. Von diesem Zeitpunkt an wurde er von Tag zu Tag depressiver und sein Gesundheitszustand verschlechterte sich wieder. Mathias und ich bekamen das hautnah mit. Es war nicht leicht für uns.
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Als Onkel Ferdinand einmal zu Besuch war, bestand sein Kommentar neben ein paar unbedeutenden Floskeln in der boshaften Aussage: „Pech gehabt, den Russen in die Hände gefallen zu sein, einiges mitgemacht für das Vaterland. Da stirbt man doch lieber den Heldentod. Aber manche sind für so etwas Ehrenhaftes nicht geboren.“ Für meinen Freund und mich waren diese Worte unbegreiflich. Wir dachten, dass der Herr Bundeswehroffizier nur noch den rechten Arm zu einem bestimmten Gruße erheben müsste. Dies ließ er aber zum Glück sein.
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Knapp ein Jahr später verschlechterte sich Leos Zustand in der Weihnachtszeit ernsthaft. Sonst feierten unsere beiden Familien den Heiligen Abend mit der Bescherung bei uns. Diesmal kamen wir bei Mathias und seiner Familie im Wohnzimmer im Schulhaus zusammen. Mathias spielte ganz gut Geige, das brachte ihm seine musikbegeisterte Mutter bei, ich so leidlich Klavier. Diese Weihnachten blieben uns lange in unsagbar trauriger Erinnerung, weil Leo schon todkrank war. Seine Schwermut hatte unendlich zugenommen. Bei jedem Weihnachtslied rannen ihm die Tränen über die Wangen, sodass wir aufhörten zu musizieren und nicht einmal richtige Freude an unseren Geschenken empfanden, obwohl uns das ‚Christkind‘ die lang ersehnten Sportfahrräder mit Dreigangschaltung, Leerlauf, Felgenbremsen und weiteren Schikanen unter den Christbaum legte.
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Zwei Monate später starb Leo. Er wurde im Grabe seiner Eltern im Bayerischen Wald beigesetzt.
     Für uns war es die erste Beerdigung, die wir so hautnah erlebten. Tage-, nein wochenlang spürten wir tiefe, unendliche Trauer. Seitdem fühlten wir uns nicht mehr wie sonst.
     Von dem Zeitpunkt an war Mathias ein eher ernster Bub geworden, der nicht mehr stets das unvergleichliche Strahlen im Gesicht hatte. Häufig schlugen meine gutgemeinten, ehrlichen Aufheiterungsversuche fehl, aber trotzdem – ich spürte es – war er mir dankbar.
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Jahrzehnte später fand ich zufällig mithilfe des Suchdienstes des Roten Kreuzes heraus, dass Mathias anderer Onkel 1943 bei schweren Kämpfen in Russland gefallen war. Mathias und seine Eltern erfuhren das nicht mehr.
     Auf dem Friedhof seines Heimatortes ließ ich für ihn neben dem Elterngrab eine granitene Gedenktafel aufstellen, auch mit den Namen meines Freundes und seiner Eltern. Das war ich ihnen schuldig.
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Wir besuchten gerade mal ein paar Wochen die 4. Klasse. Es war rasch Herbst geworden in diesem Jahr mit starken Winden und zeitweise heftigen Stürmen. Mein Freund wünschte sich zu seinem neunten Geburtstag einen Drachen. Zu seiner großen Freude erhielt er ihn auch. Natürlich wollten wir ihn sofort steigen und fliegen lassen. Schon am nächsten Tag, wenige Minuten nach dem Mittagessen, liefen wir auf die freien Felder und Wiesen, möglichst weit weg von den Häusern. Hochspannungsleitungen, die uns gefährlich werden hätten können, gab es weit und breit nicht. Allerdings beschäftigte sich ein Energieunternehmen bereits damit, riesige Masten dafür aufzustellen. Einige standen auch schon. Während der Woche mussten wir diese Gefilde meiden, aber am Wochenende ließen wir das Fluggerät zwischen den hohen Eisenkonstruktionen starten.
     Es war ‚unser‘ erster Drachen. Er blieb, ohne dass wir bisher nur die geringsten Erfahrungen hatten, trotzdem lange in der Luft. Manchmal drohte er auch ins Trudeln zu geraten, kam im Sturzflug der Erde bedenklich nahe, aber mit ein paar raschen und energischen Ziehbewegungen an der dünnen langen Schnur gelang es meinem Freund, ihn wieder in höchste Höhen zu bringen. Für uns war das ein spannendes Abenteuer und – ich denke – auch wieder ein Zeichen der Freiheit, die wir so liebten.
     Natürlich wünschte ich mir zu meinem Geburtstag eine Woche später ebenso einen Drachen und bekam ihn. Bereits am übernächsten Tag, es war ein Sonntag, hob meiner zum Jungfernflug ab. Nur hatte ich nicht so viel Glück und Geschick bei der Steuerung. Schon kurz nach dem Start schoss der Drachen, verursacht durch einen plötzlichen, heftigen Windstoß auf einen der neuen Masten zu und verhedderte sich fast ganz oben im Stahlgerüst.
     Alles Ziehen an der Schnur half nicht. Mir blieb nichts übrig als hinaufzusteigen. Klettern war ich gewohnt, schwindel- und angstfrei war ich ohnehin. Aber durch einen dummen Zufall oder aus Leichtsinn rutschte ich in halber Höhe in eine Schlinge aus Stahldraht, die zweifellos für das Hochziehen der Kabel vorgesehen war. Ich konnte mich nicht mehr halten. Je tiefer ich abglitt, desto fester schnürte sich die Drahtschlinge um meine Brust und Achseln und schmerzte fürchterlich. Ich bekam ausgesprochen starke Probleme mit dem Atmen. Allein konnte ich mich nicht befreien, denn ich hing freischwebend in der Luft. Wäre ich länger in der fatalen Position gefangen gewesen, hätte es mich mit Sicherheit das Leben gekostet. Die Zeit, Hilfe aus dem Dorf zu holen, wäre zu lange gewesen.
     Um es kurz zu machen: Mathias erkannte meine gefährliche Lage, kletterte zu mir herauf und zog mich mit übermenschlicher Kraft aus der Drahtschlinge. Dabei riskierte er zweifellos sein Leben, da er sich weit von der Eisenkonstruktion abstützen musste. Das war das erste Mal, dass er mich mit einer wagemutigen Aktion vor dem Tode bewahrte. Als ich ihm danken wollte, winkte er nur ab und meinte: „Das hättest du für mich genauso getan, wir sagen keinem Bescheid. Denke an unseren Schwur!“
     Meine Eltern durften meinen entblößten Oberkörper wegen der tiefen Hautabschürfungen und der blutunterlaufenen Verletzungen einige Wochen nicht zu Gesicht bekommen, was sich wegen der Schmerzen und der damit verbundenen unnatürlichen Haltung in einem Arzthaushalt nicht so einfach bewerkstelligen ließ. Dass mein Pullover und mein Hemd Löcher und Risse aufwiesen, war für sie eigentlich schon fast selbstverständlich. Es gelang uns beiden, das Blut, ohne dass meine Eltern es wahrnahmen, mit ganz viel Waschpulver und Seife auszuwaschen.
     Zu erwähnen ist, dass Mathias nochmals raufkraxelte, um meinen leicht beschädigten Drachen zu bergen.
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Wie sollte, wie könnte ich ihm für seine Hilfe danken. Irgendetwas musste ich mir einfallen lassen. Da kam mir die Idee, alles auf mich zu nehmen und jede Strafe für ihn zu erdulden, falls er mal wieder zurecht oder zu Unrecht für einen Lausbubenstreich oder eines vermeintlichen oder tatsächlichen ‚Vergehens‘ beschuldigt würde.
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Die erste Gelegenheit dazu bot sich aber erst einige Monate später. Mathias war als Ministrant bei einem Gottesdienst eingesetzt, der in einer der Nachbarkirchen stattfand. Seine Eltern fuhren mit mir wegen einer Orgel- und Chorprobe eine Stunde vor Beginn der Messe mit dem Auto voraus. Ich musste die ‚Orgel treten‘. Orgel treten bedeutete, dass man zwei Holzbretter, die an Scharnieren befestigt und mit einem riesigen Blasbalg für die Orgelpfeifen verbunden waren, stehend, abwechselnd auf- und niederbewegen musste. Das ging für einen Buben in meinem Alter ganz schön in die Beine. Heute würde man das beim Fitnesstraining als Cross-Walking bezeichnen. Nur die Hände hielt man fest an einem Holzgriff. Mein Vater hatte Dienst, konnte von der Praxis nicht weg und war auch sonst nicht der eifrigste Kirchgänger. Meine Mutter ähnelte ihm diesbezüglich sehr, war aber wie so oft am Wochenende eh nicht anwesend.
     Ein paar Minuten vor Beginn des Gottesdienstes endete die Chor- und Orgelprobe. Ein wenig konnte ich in der Sakristei verschnaufen. Aber Mathias fehlte noch. Eigentlich zeichnete er sich immer durch seine Pünktlichkeit aus. Mindestens zehn bis fünfzehn Minuten vor Gottesdienstbeginn mussten die Ministranten anwesend sein. Wenige Sekunden zuvor traf er mit seinem neuen Fahrrad ein.
     Fast atemlos erklärte er mir kurz, dass er einem Raben, der sich mit einem Flügel an einem abstehenden, spitzen, eisernen Dorn auf einem der neuen Hochspannungsmasten verfangen und verletzt hatte, befreit und vielleicht das Leben gerettet hat. So war er halt, mein Freund. Er hätte gar nicht anders handeln können.
     ‚Hochwürden‘ schimpfte furchtbar, entwendete dem anwesenden Mesner eine lange Stange mit einem Anzünder für die hohen Kerzen auf dem Altar, holte jähzornig aus, um auf Mathias einzuschlagen. Da rief ich hastig dazwischen: „Mathias kann nichts dafür, ich habe an seinem Fahrrad vorne und hinten die Luft ausgelassen.“ Mein Freund war überrascht, denn in diesem Augenblick kannte er meinen Beweggrund noch nicht. Der gewaltige Hieb des Pfarrers mit der Stange traf mich äußerst qualvoll an der Schulter und am Rücken. Außerdem riss er wutentbrannt sehr schmerzhaft an meinen Ohren und Haaren. Nach dem Gottesdienst erklärte ich meinem Freund mein Motiv.
     Er reichte mir die Hand, bedankte sich und meinte, dass dies nicht notwendig gewesen wäre. Ich aber freute mich, an meinem Vorsatz festgehalten zu haben.
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Ein weiteres Mal nahm ich die Schuld auf mich, als Mathias ‚Hochwürden‘ mit den Drähten in seinem Pfarrhof eingesperrt hatte. Wie ich schon erwähnte, fiel der Verdacht auf uns beide. Ich gestand aber, die Tat alleine begangen zu haben. Zur Strafe befahl er mir, an einer bestimmten Stelle ganz nah am Zaun zur Straße in seinem Pfarrgarten am Nachmittag eine Stunde lang mit erhobenen Armen auf einem Holzscheit zu knien. Alle Leute, die vorbeigingen, könnten mich Verbrecher und Taugenichts, so des Geistlichen Worte, sehen, auch Patienten, die zu meinen Eltern unterwegs waren. Aber keiner verriet ihnen etwas davon. Der Respekt dem Pfarrer gegenüber schien zu groß. Also blieb ich unter heftigsten Schmerzen knien.
     Wenn ich die Arme senkte und mich mit den Händen abstützen wollte, um die Qualen zu verringern, schrie ‚Hochwürden‘ - wahrscheinlich beobachtete er mich ununterbrochen von seinem Schreibtisch aus - lauthals aus dem Fenster und wies mich gnadenlos zurecht. Plötzlich stand Mathias neben mir, legte ein Holzscheit auf den Boden und kniete sich darauf.
     Vermutlich führte dieser Vorgang zu einem Sinneswandel des Geistlichen bezüglich der Strafe. Er bekam wahrscheinlich doch Skrupel, dass sich seine barbarischen, sehr zweifelhaften ‚christlichen‘ Erziehungsmethoden im ganzen Ort und in der Umgebung herumsprechen könnten. Wir durften nach Hause gehen.
     Eingangs der darauffolgenden Religionsstunde wurden wir dafür von ihm unbeherrscht und ungezügelt schmerzhaft geohrfeigt. Anschließend sperrte er uns bei absoluter Finsternis bis zum Beginn der nächsten Unterrichtsstunde in das unerträglich stinkende, unheimliche Kellerloch.
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Wir beschlossen aus Rache, ab dem nächsten Schuljahr nicht mehr zu ministrieren und die jeweiligen Orgeln zu treten. Dass Mathias von den Vorfällen seinen Eltern, deren Einstellung der Kirche und dem Ortspfarrer gegenüber sehr positiv war, nichts erzählte, war mir klar. Warum ich nichts unternahm und meinen Eltern berichtete, lag an unserem geleisteten Versprechen, unsere Geheimnisse für uns zu bewahren.
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Ende Februar setzte in diesem Jahr verhältnismäßig früh und rasch die Schneeschmelze ein. Wir waren keine Skifahrer, aber mit unseren Schlitten rutschten wir gerne die Böschungen hinunter.
     Da das mit dem Schwinden des Schnees nicht mehr möglich war, schlitterten wir bäuchlings mit unseren Rodeln über die noch zugefrorenen Kiesweiher. Bei einer sehr rasanten Fahrt brach ich mitten im Weiher ausgerechnet an der tiefsten Stelle ins schon dünn gewordene Eis ein. Wieder rettete mir Mathias mein Leben, unter Einsatz des eigenen. Ich wäre mit Sicherheit in diesem Eiswasser jämmerlich zu Grunde gegangen. Auf dem Bauch liegend, brachte er mich nach allen Regeln der Kunst mit einer vom Zaun gebrochenen Stange, wie man einen ins Eis eingebrochenen Menschen rettet, zentimeterweise in Sicherheit. Das Ufer hätte ich alleine niemals erreicht. Es war die zweite Lebensrettung innerhalb von nur wenigen Monaten.
     Pudelnass und frierend traten wir eiligst den Heimweg an, schlichen uns in unsere Zimmer und zogen trockene Sachen an. Erkältet haben wir uns glücklicherweise nicht. Wir waren in Anbetracht unserer zahlreichen sportlichen Aktivitäten und abenteuerlichen Unternehmungen bei jedem Wetter genügend gegen Krankheiten dieser Art gefeit und abgehärtet, selbst bei so einem Unglück. Auch dieser Vorfall blieb unser Geheimnis.
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Um es gleich vorwegzunehmen: Einige Wochen später – sein Onkel Leo war zwischenzeitlich gestorben – bewahrte er mich zum dritten Mal vor dem Tod.
     Es geschah im Frühling des Jahres 1957: Eigentlich war es fast zu frisch zum Baden - wir konnten es aber gar nicht erwarten und begaben uns wieder an die Kiesweiher. Das Wasser war bitterkalt. Trotzdem entschlossen wir uns, wenigstens für ein paar Sekunden reinzugehen und einmal durchzuschwimmen. Es war wie immer klar und wir konnten beinahe überall bis auf den Grund sehen. Nachdem niemand in der Nähe war, entledigten wir uns jeglicher Kleidung und rutschten in das nasse Element. Nach ein paar Sekunden spürten wir die Eiseskälte nicht mehr. Ich tauchte sogar und das mehrmals in unmittelbarer Nähe eines verrosteten, großmaschigen Eisengitters, das schon jahrelang auf dem Grund lag. Wahrscheinlich stammte es noch aus der Zeit des Aushubs des Baggersees oder irgendein Mensch hatte es schlicht und einfach entsorgt. Mathias eiferte mir nach.
     Kurz vor dem Wiederauftauchen machte ich eine schwungvolle Wende. Dabei verfing ich mich mit einem Fuß in dem Metallgeflecht. Da wir beide schon länger im Weiher ausharrten, musste ich wegen der drohenden Unterkühlung schnellstens der tödlichen Falle entkommen. Zweifellos wäre ich bewusstlos geworden und jämmerlich ertrunken, bis mein Freund Hilfe holen konnte. Ein unregelmäßiges Atmen war mir gerade noch möglich, weil ich mit Mund und Nase Bruchteile von Sekunden, wenn ich mich unter starken Schmerzen streckte, immer wieder ein paar wenige Zentimeter aus dem Wasser ragte.
     Verzweifelt versuchte ich, mich zu befreien. Mathias tauchte mehrmals, riss und zog mit kurzen Unterbrechungen an meinem Bein. Er zerrte so lange, bis ich endlich loskam. Allerdings blutete ich ganz erheblich am Knöchel. Mathias und ich mussten erst das steile Ufer mühevoll emporklettern und uns von der Frühlingssonne trocknen lassen. Mit unseren Taschentüchern und meinen Kniestrümpfen versuchten wir die starke Blutung am Bein zu stillen und zu verbinden, was nur sehr unzureichend gelang. Endlich begannen wir den Heimweg. Auf ihn gestützt erreichten wir das Dorf und das Haus meiner Eltern. Ein paar Minuten musste ich wegen eines Patienten noch warten, dann wurde ich von meiner Mutter ärztlich versorgt, mit all den unangenehmen Fragen zur Unfallursache. Aber gemäß unserem Schwur hielten wir auch diesmal dicht. Wir dachten uns unterwegs trotz meiner Schmerzen eine ziemlich harmlose Geschichte zum Unfallhergang aus, die uns meine Mutter auch glaubte.
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Mathias rettete mir innerhalb von etwa acht Monaten dreimal das Leben. Ich war ihm unendlich dankbar. Die eigentliche Dimension begriff ich erst viele Jahre später. Nur ihm, ‚meinem Mathias‘, seiner bedingungslosen Freundschaft, seiner uneingeschränkten Tapferkeit, seiner einzigartigen Menschlichkeit, seiner enormen Besonnenheit trotz seines kindlichen Alters verdanke ich, dass ich heute noch lebe.
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Von Monat zu Monat war meine Mutter an den Wochenenden und mittwochs zunehmend häufiger abwesend.
     Mir kam das zunächst einmal gar nicht so seltsam vor. Sie erklärte mir jedes Mal aufs Neue, sie wolle ihren Facharzt machen. Also glaubte ich es ihr. Allmählich fand ich es aber trotzdem merkwürdig, vor allem, weil während ihrer Abwesenheit fast ausnahmslos eine Ärztin auch nachts bei uns im Hause weilte. Ich teilte daher Mathias auf unserem Hügel meine Sorgen mit, die kontinuierlich zunahmen. Wollten sich meine Eltern trennen. Hatte meine Mutter einen neuen Freund, mein Vater die Ärztin als neue Freundin? An eine Scheidung meiner Eltern wagte ich nicht zu denken. In meiner Familie und meinem Lebensumfeld gab es das noch nie. Auch wenn meine Eltern nicht so oft in die Kirche gingen, aber sie waren beide katholisch. Ließ man sich da scheiden? Auch in Mathias‘ Erfahrungsbereich geschah das noch nie. Er versuchte mich zu trösten, aufzuheitern und meine Bedenken zu zerstreuen, was ihm auch immer wieder erfolgreich gelang.
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Seitens der Eltern und der Ratschläge unseres Lehrers sollten Mathias und ich nach der vierten Jahrgangsstufe unter allen Umständen an ein Gymnasium übertreten. Das wollten wir fraglos auch aus eigener Triebfeder. Wir lernten durchaus gerne und schnell, aber wir waren beileibe alles andere als Streber. Mathias wollte später einmal Chemie oder Physik studieren. Das war ihm zu diesem Zeitpunkt, noch nicht einmal zehn Jahre alt, schon ziemlich klar. Mein Ziel war das Medizinstudium, aus Interesse und um in die Fußstapfen meiner Eltern und meines niederbayerischen Großvaters zu treten. Dazu kam, dass Mathias und ich in allen Fächern sehr gute Leistungen erbrachten, mit einer Ausnahme – ich erwähnte es schon - der schriftliche Sprachgebrauch, so nennt man das heute wohl, bei mir. Der ließ zu wünschen übrig. Meine diesbezüglichen Noten befanden sich manchmal tief im roten Bereich. Von unseren Schriftnoten darf ich gar nicht sprechen.
     Die Schule, die damals in Frage kam, war eine große Oberrealschule, später ein sogenanntes Mathematisch-Naturwissenschaftliches-Gymnasium in München, die einzige Schule dieser Art, die wir mit der Bahn von unserem Ort zeitlich angemessen und relativ günstig erreichen konnten, obwohl uns nichts Anderes übrigblieb als kurz nach halb fünf Uhr früh aufzustehen.
     Damals musste sich jede Schülerin und jeder Schüler für den Übertritt an eine weiterführende Schule einer Aufnahmeprüfung unterziehen, um sich zu qualifizieren. Mathias schnitt von weit über hundert Prüflingen als bester ab, während ich immerhin auf Platz drei landete. Die prüfenden Lehrkräfte konnten also unsere Schriften entziffern. Das war geschafft. Außerdem sicherte der Schulleiter unseren Eltern zu, dass wir zwei in die gleiche Klasse kommen würden. Das löste in uns noch mehr Glücksgefühle aus als die Tatsache, die Prüfung geschafft zu haben. Wir waren einfach nur erleichtert, glücklich und begeistert.
     Mathias meinte dann allerdings tieftraurig, dass er infolge der Prüfungsbelastung den Tod seines geliebten Onkels Leo für einige Zeit vergessen hatte. Es tat ihm sichtlich leid. „Er hätte sich ganz bestimmt auch gefreut“, sinnierte er, als wir wieder auf unserem Hügel saßen, „aber vielleicht hat er es von dort oben mitbekommen“, und deutete zum Himmel.
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Etwa zwei Monate später begannen die langersehnten Sommerferien. Das Wetter passte. Der letzte Tag brach an, an dem wir in ‚unsere Volksschule‘ gingen. Zwei Jahre waren es in unserem Heimatdorf, zwei Jahre im Nachbardorf. Ein wenig schwer ums Herz war uns schon. Vom Lehrer wurden wir feierlich verabschiedet, natürlich auch von allen Mädchen und Buben der Klasse. Kathis und meine Eltern spendierten für alle Klassenkameradinnen und Klassenkameraden Würstchen, Brezen und Limonade. Manche Mitschülerinnen und Mitschüler schüttelten uns die Hände, klopften uns auf die Schultern und verabschiedeten sich so herzlich, als ob wir für immer auswandern und uns nie mehr sehen würden. Bei Kathi und Rosi flossen sogar die Tränen. Dabei planten wir schon für den Nachmittag ein Fußballspiel, und die meisten von uns Madln und Buben wollten sich auf dem Dorfplatz nahe dem Schulhaus treffen.
     Nun, wir genossen alle die ersten schönen, freien, sorglosen zwei Wochen der Sommerferien auf unseren Spielplätzen, bei einigen freiwilligen Ernteeinsätzen, auf unserem Hügel und mittlerweile von meinen und Mathias‘ Eltern trotz des offiziellen Badeverbots geduldeten Aufenthalten an und in den Kiesweihern. Unser Ferienglück gestaltete sich vollkommen.
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Die Zeit verging viel zu rasch. Diesmal fuhr meine Mutter schon am Donnerstagabend weg. Es war Samstag geworden. Lediglich mein Vater, der auch an diesem Wochenende Dienst hatte und die Praxis für Notfälle offenhielt, die Ärztin, angeblich eine Studienkollegin meines Vaters als Aushilfe, die immer häufiger und länger während der Abwesenheit meiner Mutter ‚zu Besuch‘ weilte, sowie Mathias und ich verbrachten den Vormittag in unserem Haus. Martha, die sich seit etwa eineinhalb Jahren bei uns als Haushälterin befand, kaufte fürs Wochenende im größten Nachbarort ein.
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Mathias‘ Eltern waren schon früh am Morgen dieses Tages mit dem Auto aufgebrochen, um von einem Gärtner noch ein paar besondere Sträucher für die Grünfläche hinter dem Schulhaus einzukaufen.
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Es war der 3. August; dieses Datum prägte sich mir besonders ein, als mein Vater von der Polizei zu einem schweren Verkehrsunfall gerufen wurde. Obwohl sich dieser nur wenige Kilometer entfernt ereignet hatte, blieb er über zwei Stunden weg. Das hatte es noch nie gegeben. Als er nach Hause kam - Mathias und ich spielten im Wohnzimmer Schach – ging er wortlos und eilig an uns vorbei ins Sprechzimmer. Ein paar Minuten später schickte er meinen Freund und mich mit leiser, fast erstickter Stimme zum Spielen in den Garten. So habe ich ihn nie oder nur äußerst selten erlebt. Der Unfall musste ihn ziemlich erschüttert haben.
     Vom Garten aus hörten wir ihn, wie er mit meiner Mutter aufgeregt, fast heiser telefonierte. Wir bekamen bruchstückhaft mit, wie er sie dringend bat, schnellstmöglich nach Hause zu kommen. Dann schloss er das Fenster.
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Mathias‘ Eltern sollten eigentlich schon längst zurück sein. Da keimte in uns ein schlimmer, fürchterlicher Verdacht. Sollte etwas mit ihnen passiert sein? Sind sie an dem Unfall vor mittlerweile ein paar Stunden beteiligt gewesen, wurden sie sogar verletzt? Vielleicht sogar schwer? Ich fragte meinen Vater, aber er schickte mich mit der Begründung, er habe etwas Wichtiges zu erledigen, ich sollte ihn nicht stören, wieder in den Garten.
     Meine Mutter stieg knapp zwei Stunden nach dem Telefongespräch mit ihrem Gepäck aus einem schnittigen roten Sportwagen. Der Fahrer kehrte wenige Sekunden später um und fuhr zurück. Warum kam sie nicht mit ihrem eigenen Auto? Was war passiert?
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Meine Eltern mussten – wie sie später sagten – die traurigste und schrecklichste Pflicht ihres ganzen Lebens erfüllen.
Mathias‘ Mama und Papa waren sofort tot. Sie hatten keine Überlebenschance. Ein schwerer Lastwagen hatte ihnen in ihrem VW-Käfer die Vorfahrt genommen und voll gerammt.
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Geistesabwesend nahm ich gar nicht zur Kenntnis, wie meine Eltern es Mathias erklärten. Sie haben später, selbst nach Jahren, nie darüber gesprochen.
     Ich kann auch nicht beschreiben, wie Mathias reagierte, wie er es aufgenommen hat, ob er zu diesem Zeitpunkt, in diesem Augenblick überhaupt alles verstand, was passiert war.
     Ich fühlte mich, als ob eine unbestimmt lange Phase in meinem Leben ausgeblendet war, wie nach einer endlos andauernden Bewusstlosigkeit. Alles war so unwirklich, so unfassbar, wie in einem Albtraum! Wie musste es ihm erst ergehen?
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Trost half nicht! Mein Freund litt auf unerträgliche, schreckliche und unbeschreibliche Art seelische Qualen.
     Es wäre vermessen zu sagen, dass ich im gleichen Maße mitlitt, aber irgendwie fühlte ich eine unendlich und furchtbar tiefe Trauer, und vor allem eine bittere Hilflosigkeit. Ihm, meine Anteilnahme auf irgendeine Weise kundzutun, sah ich mich außerstande. Trotzdem fühlte ich, dass er sie spürte. Ich konnte ihn nur fest umarmen und an mich drücken. Ihn, meinen besten und getreuesten Freund und dreimaligen Lebensretter.
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Natürlich übernachtete Mathias in meinem Kinderzimmer. Das war schon öfter der Fall gewesen, vor allem, wenn seine Eltern abends noch ausgingen oder wirklich mal an einem Wochenende verreist waren. Das gab uns immer eine gute Gelegenheit nachts stundenlang zu reden, miteinander aus einem interessanten Buch zu lesen oder einfach nur zu blödeln.
     Diesmal war es anders. Mathias legte sich auf meinen Wunsch hin in mein Bett, das ihm Martha sorgfältig bereitet hatte, während ich mich auf dem Sofa auf der anderen Zimmerseite niederließ. Geschlafen haben wir keine Sekunde. Trotzdem sprachen wir während der ganzen Nacht kein einziges Wort. Mathias weinte ganz leise vor sich hin. Im abgedunkelten Licht, das Martha eingeschaltet ließ, konnte ich seine Tränen fließen und seine feuchten Wangen sehen.
     Früher erlebte ich ihn noch nie weinend. Unbeschreiblich traurig und deprimiert war ich dem Weinen selber sehr nahe.
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Trösten? Trösten konnte ich ihn auch jetzt, Stunden später, noch nicht. Was hätte ich auch sagen sollen?
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Die Beerdigung war für den darauffolgenden Donnerstag in der Familiengrabstätte seiner Münchner Großeltern vorgesehen. Die Tage, die bis dahin vor uns lagen, verbrachten Mathias und ich stundenlang auf unserem Hügel. Sehnsuchtsvoll sahen wir abermals den Autos nach, die vielleicht in den Süden nach Italien fuhren.
     Wir sprachen wenig, redeten auch kaum über seine oder unsere Zukunft. Wir hofften inständig, dass unsere beiden Leben so weiterverlaufen sollten wie bisher, zwar ohne seine Eltern, dafür bei meiner Mutter und bei meinem Vater. Sicher würden sich meine Eltern um ihn annehmen, ihn vielleicht sogar adoptieren. Unter Umständen könnte er bei meinen Großeltern oder bei meinem Onkel bleiben. Eine andere Möglichkeit zogen wir nicht in Betracht.
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Am nächsten Tag trafen Mathias‘ Verwandte aus München ein. Mein Freund und ich hörten kein Wort des Bedauerns, lediglich der Herr Offizier wandte sich völlig gefühllos an Mathias: „Kopf hoch, junger Mann! Irgendwann verliert jeder seine Eltern. Ein tapferer Mensch lässt sich nichts anmerken.“ Tante Asta sagte zu Mathias überhaupt nichts.
     Dann hatte ich den Eindruck, dass es nur noch darum ging, wie und wann die Wohnung im Schulhaus geräumt werden sollte, was man mitnehmen wolle, was nicht. Mathias war völlig teilnahmslos und entfernte sich schweigend. Er verhielt sich noch immer wie in einem Trancezustand, wie hypnotisiert.
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Wie soll man die Beerdigung der Eltern seines besten Freundes, der noch nicht einmal zehn Jahre alt war, schildern? Alle Worte, die mir spontan dazu einfallen, wie trauervoll, verzweifelt, bitter, qualvoll, schrecklich, entsetzlich, tragisch und furchtbar sind nichts gegen die Wirklichkeit.
     Während des Trauergottesdienstes lehnte Mathias mit seinem Kopf die ganze Zeit an der Schulter und an der Brust ‚unseres‘ Opas. Ich saß daneben. Manchmal fasste ich Mathias an der Hand. Er schien es nicht zu spüren. Mein Großvater drückte ihn eng an sich.
     Mathias weigerte sich, neben seinen Verwandten Platz zu nehmen. Die befanden sich isoliert auf der anderen Seite allein in der Kirchenbank. Mathias wollte in der gleichen Reihe wie meine Eltern, Martha, meine beiden Großeltern, wie Kathi und Rosi mit ihren Müttern und Vätern sitzen. Einige andere Freundinnen und Freunde und deren Eltern sollten auf seinen innigsten Wunsch gleich hinter ihm an der Totenmesse teilnehmen.
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Was der zuständige Münchner Stadtpfarrer, Kathis Vater als Bürgermeister unseres Dorfes und andere Trauerredner gebetet oder bei ihren Nachrufen und Würdigungen sprachen, was gesungen wurde, ja den ganzen Verlauf der Trauerfeier bekamen Mathias und ich überhaupt nicht mit. ‚Hochwürden‘ ließ sich wegen einer Nichtigkeit entschuldigen, obwohl Mathias‘ Eltern wirklich sehr viel unentgeltlich für ihn und die Kirche leisteten. Die meisten Trauergäste aus unserem Dorf schienen eher froh, dass er durch seine Abwesenheit glänzte. Manche von ihnen taten das sogar in ihren Äußerungen deutlich kund, vor allem diejenigen, die mitbekamen, wie er mit Mathias umgesprungen ist. Gemocht hat ihn niemand.
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Während der Grablegung seiner Eltern lehnte mein Freund stehend an Großvater. Im Gedächtnis haftet mir, wie Opa mit Mathias und mir an das offene Grab trat. Zuerst gab er meinem tapferen Freund eine kleine Schaufel, mit der er in beispielhaft vorbildlicher Haltung im dunklen Firmungsanzug und außerordentlich gefasst ein bisschen Erde hinunterwarf, die Stelle mit etwas Weihwasser besprengte und sich auf Großvaters Hinweis leicht verneigte. Dann wiederholten diese feierliche Handlung Opa und ich. Anschließend führte er Mathias und mich eilig weg. Wir warteten in seinem Auto.
     Trotz der Erntezeit waren von jeder Familie unseres Ortes und der umliegenden Einödhöfe mindestens ein Trauergast und viele unserer Freundinnen und Freunde sowie Kolleginnen und Kollegen und ehemalige Schülerinnen und Schüler der Verstorbenen auf dem Münchner Friedhof anwesend.
     Mein Großvater lud alle nach der Feier in ein naheliegendes großes Gasthaus zur - wie es in Bayern heißt - Kremess, also zum Trauer- oder Totenmahl ein. Mathias und mich fuhr er nach Hause. Daheim angekommen, führte uns der Weg umgehend zu unserem Hügel.
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Natürlich kam alles ganz anders. Unsere Träume, unsere Gedanken, unsere Hoffnungen: nur unerfüllbare Wunschgebilde. Die Unschuld von Mathias‘ Eltern am Unfall wurde schnell geklärt, die finanzielle Seite für meinen Freund rasch, aber nicht ausreichend zufriedenstellend geregelt.
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Und da kam wieder Onkel Ferdinand ins Spiel. Ohne dass wir zwei oder meine Eltern etwas vorher erfuhren, hatte er im Einvernehmen mit dem Ortspfarrer mit dem Leiter eines von der katholischen Kirche geführten Kinderheims bereits Kontakt aufgenommen. Dorthin sollte Mathias kommen. Die monatlichen Aufenthaltskosten mussten von der Versicherung übernommen werden. Eine Art kleiner Rente wurde ihm zusätzlich bewilligt. Sein Onkel als bestellter Vormund sollte den Geldbetrag und das Wenige, was Mathias‘ Eltern in der damaligen Zeit erspart hatten, bis zu seiner Volljährigkeit, die damals noch einundzwanzig Jahre betrug, verwalten. Adoptieren wollte die Münchner Verwandtschaft Mathias nicht. Wahrscheinlich, der Grund blieb uns verborgen, war das für sie die finanziell und verantwortungsmäßig weitaus bessere und einfachere Lösung.
     Eine Adoption wäre für Mathias ohnehin das Allerschlimmste gewesen. Dass es aber weitaus unerträglicher und grauenvoller für ihn kommen sollte, hätte niemand nur annähernd gedacht.
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Das einzige, was wir über dieses Heim erfuhren, war, dass es der katholischen Kirche und zu einem Kloster gehörte. ‚Unser‘ Pfarrer, der sich mit dem Herrn Offizier bestens verstand - gleich und gleich gesellt sich gern – meinte, es wäre eine der besten Unterbringungsmöglichkeiten in einem gewissen günstigen finanziellen Rahmen für Buben weit und breit. Das Essen dort sei bekanntermaßen ausgezeichnet und vollkommen ausreichend, ja üppig. Geführt würde es von einem Geistlichen höheren Ranges, er nannte auch einen Titel, der uns Kindern damals nichts sagte und den wir überhaupt nicht wissen wollten. In jedem Schlafsaal seien sechs bis zehn Buben untergebracht, je nach Altersstufe.
     Es sei ein Gymnasium angeschlossen. Versorgt und betreut würden die Zöglinge oder Schutzbefohlenen, wie sich ‚Hochwürden‘ auszudrücken pflegte, von ganz lieben und netten ehrwürdigen Brüdern im Herrn. Die Erziehung und der lehrplangetreue, gymnasiale Unterricht lägen ausschließlich in den Händen von Patres mit einer besonders hervorragenden fachlichen und pädagogischen Ausbildung. Für Sport, Spiel und die weitere Freizeitgestaltung sei bei weitem ausreichend vorgesorgt. Eigene Spielsachen oder Plüschtiere dürfe der künftige Heimbewohner nicht mitnehmen. Dafür sei jetzt kein Platz, aber vielleicht nach einem möglichen Erweiterungs- oder Umbau. Auch die mitzunehmende, private Garderobe unterliege gewissen Regeln und Grenzen, was die Anzahl oder die Auswahl der Kleidungsstücke beträfe.
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Beim letzten zufälligen Treffen auf dem Dorfplatz in der Nähe des Pfarrhofes meinte ‚Hochwürden‘ mit einem Zynismus ohnegleichen und einem hochnäsigen Ton zu meinem Freund: „Das ist jetzt die gerechte Strafe Gottes. Wer sich so schlecht verhält wie du, der verdient nichts Anderes. Sei froh, dass du nicht in die Hölle kommst, sondern in ein Heim.“
     Wie verhielt sich mein Freund? Vorbildlicher, edler, warmherziger, humaner und empathischer als alle anderen Menschen, die ich kannte, beliebt, ohne Übertreibung, geliebt von Jung und Alt im ganzen Dorf.
     Die Worte des Pfarrers werde ich mein Lebtag nicht vergessen. Waren das Äußerungen, die zur christlichen Nächstenliebe passten, von der er in der Kirche so ausführlich predigte? Darunter stellten Mathias und ich uns etwas ganz Anderes vor und liefen tief erschüttert und maßlos enttäuscht ohne Gruß einfach davon.
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Ab dem neuen Schuljahr sollten wir getrennt werden. Etwa zwei bis drei gemeinsame Wochen blieben uns noch. Die ersten Tage bestanden nur aus unbeschreiblicher Trauer, Ungewissheit, Zukunftsängsten, Abschiedsschmerz, sehnsuchtsvollen Blicken vom Hügel in die heimatliche Umgebung, zu den Kiesweihern und aus ein paar freudlosen Fußballspielen.
 
(Fortsetzung: Der Freund (3) – Der traurigste Abschied – die Hölle tut sich auf


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