Es ist: 24-10-2020, 03:43
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Der Freund (1) – Der Eid und eine kurze und beinahe glückliche Kindheit
Beitrag #1 |

Der Freund (1) – Der Eid und eine kurze und beinahe glückliche Kindheit
Die Geschichte wurde von mir zwischen dem 1. September 2019 und dem 19. Dezember 2019 in unregelmäßigen Abständen in München verfasst.
 
Der Freund
 
ein besonders erschütterndes und trauriges Schicksal oder die ungestillte Sehnsucht nach einer gemeinsamen Reise zu den Tempeln von Agrigent - eine fragmentarisch erzählte Geschichte für Menschen mit viel Herz und großer Empathie
 
„Darf man schweigen, obwohl man zum Schweigen verpflichtet ist, wenn durch aktuelle Diskussionen in der Gesellschaft Vergangenes endlich wachgerüttelt wird“.
 
     Diesen Satz, den ich vor ein paar Tagen gelesen habe, kriege ich nicht mehr aus dem Sinn. Er und ein besonderes Datum veranlassen mich, ja rütteln mich geradezu wach, eine Geschichte - tief in meinem Herzen verwurzelt - aus meiner Kinder- und Jugendzeit zu erzählen.
     Es heißt, die Zeit heilt Wunden. Vielleicht mag das in einigen oder sogar vielen Fällen zutreffen, ganz sicher nicht in allen, nicht in meinem Fall. Tiefe Wunden, insbesondere, wenn es sich um seelische handelt, schließen sich nie, reißen immer wieder auf und schmerzen obendrein ganz besonders.
     So geht es mir mit dem, was ich vor langer Zeit mit einem lieben Menschen, meinem besten Freund, erlebte, und was noch heute beinahe täglich unerbittlich in meine Gedanken dringt und sich vor allem erbarmungslos und grausam in meine Seele bohrt. Über viele Jahre hinweg bis heute stimmten mich diese Erlebnisse immer wieder sehr, sehr traurig und melancholisch. „Melancholie“, so sagte Sigmund Freud einst, „ist eine ‚tiefe schmerzliche Verstimmung‘ für die es eigentlich keinen konkreten Anlass gibt“. Eigentlich?! Für mich und vor allem für meinen Freund existierten konkrete, äußerst bitterliche, schmerzliche und unmenschliche Anlässe, genau genommen sogar deren viele.
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Dabei bin ich keineswegs depressiv veranlagt, sondern ein lebenslustiger und lebensbejahender Mensch mit meiner innig geliebten Frau, meinen wohlgeratenen Kindern und Schwiegerkindern, meinen heran- oder schon längst erwachsenen Enkelkindern und zwei mittlerweile beinahe schulpflichtigen Urenkeln. Alle habe ich ganz besonders in mein Herz geschlossen. Ein großer Freundeskreis gehört gleichermaßen dazu. Und beruflich habe ich erreicht, was ich mir einst vorgenommen hatte, und dennoch…
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Nicht einmal meiner Frau vertraute ich bisher die Geschichte um das Geheimnis einer großen, ja unermesslichen und unvergesslichen Freundschaft zwischen zwei Buben an, die allmählich heranwuchsen. Ich schüttete ihr mein Herz nicht etwa aus, weil ich ihr nicht gänzlich vertrauen würde, nein ganz im Gegenteil, aber mein Versprechen, sie niemanden zu verraten, hinderte mich daran.
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Jetzt offenbare ich sie an dieser Stelle trotzdem wahrheitsgemäß – chronologisch nicht immer völlig korrekt, darauf kommt es auch gar nicht an - und gebe einige unserer Geheimnisse preis wie sie sich zutrugen. Auf viele Dinge in unserem gemeinsamen Leben und Lebensabschnitten verzichte ich oder deute sie nur an, weil sie die Erzählung unnötig verlängern würden, respektive im Vergleich zu anderen Ereignissen zu nichtig sind. Manches fällt ausführlicher aus, manches kürzer, so wie ich während des Verfassens gerade empfinde oder des Inhalts wegen verantworten kann.
     Aber ich muss mir einfach vieles von der Seele schreiben. Namen und Orte habe ich so weit verändert, dass man hoffentlich kaum mehr Rückschlüsse und Erkenntnisse auf die damaligen Ereignisse ziehen kann. Es gibt ohnehin nur noch wenige lebende Personen, die in die Geschehen so involviert waren, dass sie Bescheid wissen und sich erinnern bzw. Zusammenhänge herstellen könnten. Ihres Schweigens wäre ich mir sicher, es waren ja ebenfalls ehemalige oder sind heute noch gute Freunde und wahrscheinlich mindestens noch zwei höchst perfide, heimtückische, abscheuliche und verschlagene Schuldige.
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Es ist wie gesagt die Geschichte von meinem besten Freund - ich nenne ihn Mathias - und von mir.
     Wir zwei hatten uns vor Jahrzehnten, als wir noch nicht einmal die Schule besuchten, das große ‚Indianerehrenwort‘ gegeben, nie über bestimmte, aus heutiger Sicht unbedeutende, für uns damals jedoch ausgesprochen wichtige Begebenheiten unseres recht jungen Lebens zu sprechen oder auch nur Andeutungen zu machen, weder unseren Kameradinnen und Kameraden noch den Eltern und schon gar nicht anderen Erwachsenen gegenüber. Es war damals mehr Spiel, Abenteuer und Erwachsensein wollen, aber sicher bereits ein bedeutsames Zeichen größten Vertrauens zueinander. Mathias und ich hielten bedingungslos zusammen und ausnahmslos unser in beteuernder Weise gegebenes Versprechen und versicherten uns, komme was wolle, dies auch in alle Zukunft zu tun.
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Seit Beginn des dritten Lebensjahres wohnten wir in unmittelbarer Nachbarschaft. Bewusst lernten wir uns etwa im Alter von knapp vier Jahren kennen. Von da ab verging kaum eine Stunde, in der wir nicht zusammen unsere Zeit verbrachten, nicht miteinander gespielt, Hausaufgaben gemacht, einvernehmlich was unternommen und fast alle Dinge gemeinsam erledigt hätten. Bei schönem Wetter natürlich im Freien, gleich welche Jahreszeit gerade herrschte, nur bei sehr schlechtem Wetter entweder in der Wohnung seiner oder im Haus meiner Eltern, manchmal auch bei anderen Spielkameraden. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir einmal ernsthaft und missgünstig um ein Spielzeug, während eines Spiels oder eines sportlichen Wettbewerbes in unwürdiger Weise gestritten hätten. Gab es wirklich Meinungsverschiedenheiten zwischen uns, versuchten wir sie bereits in den Jahren vor unserer Schulzeit argumentativ und friedlich zu lösen, so wie es uns unsere Eltern frühzeitig beigebracht hatten. Häufig durften wir auch beim jeweils anderen übernachten.
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Der Garten der Wohnung meines Freundes und seiner Eltern und das Grundstück des Hauses meiner Eltern grenzten aneinander, getrennt durch einen für uns leicht überwindbaren Zaun. Ihre Wohnung war im Erdgeschoss des Schulhauses der kleinen ländlichen Gemeinde untergebracht. Sie konnten dort leben, weil die Lehrerin an unserer Schule bei ihrer Mutter wohnte und die ‚Lehrerwohnung‘ nicht beanspruchte.
     Im Obergeschoß befanden sich das Klassenzimmer, ein Lehrmittelraum mit vielen großflächigen, bunten Geschichts- und Geographiebildern sowie Anschauungsmaterial und ein Stockwerk darüber ein mansardenförmiger, weitläufiger Speicher mit alten, ausgedienten Schulbüchern, in denen wir gerne schmökerten.
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Unsere Mütter lernten sich zwangsweise während der Zeit des Hitlerregimes beim Bund der Deutschen Mädel kennen und freundeten sich an, verloren sich aber durch die Kriegswirren aus den Augen. Eine günstige Fügung des Schicksals bewirkte, dass sie sich Jahre später gleich in den ersten Tagen nach Ende des Zweiten Weltkrieges in München wieder trafen. Nach einer gewissen Zeit – als wir dann in unserem Ort zufälligerweise Nachbarn wurden – schlossen auch unsere Väter eine immer enger werdende Freundschaft.
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Ich kann mich nicht erinnern, dass es uns nur einmal langweilig geworden wäre. Wir hatten immer irgendwelche Ideen für Spiele und lustige Einfälle, um uns die Zeit zu vertreiben. Manchmal rauften wir, wie es sich bei Buben in dem Alter gehört, aber stets sportlich und ohne Anwendung unfairer, schäbiger oder regelwidriger Gewalt. Das taten wir zweifellos intuitiv, um unsere Geschicklichkeit und Körperstärke zu messen und weiterzuentwickeln. Nicht selten rannten wir ausdauernd einer hinter dem andern wie die Wilden mehrmals um den damals noch kleinen Ort, bis wir erschöpft innehielten. Aber wir hatten stets großen Spaß dabei. Bewegung schien uns besonders wichtig. Allmählich, wie es halt in diesem Alter so ist, weiteten wir unsere Aktionsradien kontinuierlich aus. Beide waren wir absolut abenteuerlustig veranlagt und wollten, wie es bei Kindern üblich ist, schnell Neues kennenlernen, entdecken und erfahren.
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Kinder brauchten damals wie heute viel Platz zum Spielen und Herumtoben. Daran mangelte es uns nicht im Geringsten. So sollte es auch in unserer jetzigen Zeit sein.
     Mobiltelefone oder gar Smartphones kannten wir nicht, sie waren ja auch noch nicht erfunden. Ebenso wenig wie Computer oder andere elektronische Geräte, vor denen wir stundenlang sitzend unsere Freizeit hätten verbringen können. Im ganzen Ort gab es damals höchstens ein oder zwei Fernsehgeräte. Unsere Eltern besaßen keines.
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Also brauchten wir – wie gesagt – viel Platz. Den hatten wir auf dem Land. Es war nicht zubetoniert wie heute. Mittelpunkte des idyllischen Dorfes stellten das Wirtshaus mit seinem gemütlichen Biergarten und ein danebenliegender Anger dar, auf dem sich an lauen Abenden manche Bewohner zum Gedankenaustausch und zur Erholung von der täglichen Arbeit trafen. Die kleine, spätbarocke Kirche stand etwas erhöht am Dorfrand. Sport- und Spielplätze fanden sich genügend, neben, vor und hinter den Bauernhäusern, in den Scheunen, auf den Heuböden, auf gemähten Wiesen, im Winter auf den unbestellten Feldern, in den umgebenden Wäldchen, auf den Wegen und unbefestigten Zufahrtsstraßen, auf denen damals kaum Autos unterwegs waren, aber häufig noch Ochsen- und Pferdefuhrwerke verkehrten. Selten wurde so ein landwirtschaftliches Gespann im Ort von einem Traktor oder - wie es bei uns hieß – von einem Bulldog gezogen. Schaffte sich ein Bauer so eine Zugmaschine an, war das eine bedeutende Sensation nicht nur für uns Kinder.
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Künstliche Kletterwände existierten nicht, brauchten wir sowieso nicht. Es gab ja viele Laub- und Nadelbäume zu erklimmen, hohe und niedrige Zäune oder Mauern zu bezwingen, und die hölzernen Rück- oder Seitenwände der Scheunen und Holzlegen mit ihren Balkenvorsprüngen standen den heutigen Konstruktionen mit ihren künstlichen Überhängen in nichts nach. Bis auf deren Dächer in ‚schwindelerregende Höhen‘ kletterten wir mit zunehmenden Alter - ohne Sicherungsseil. An solche Seile dachten damals nicht einmal die besorgnisvollsten Eltern.
     Natürlich ereigneten sich immer wieder ‚Abstürze‘, die aber meistens glimpflich verliefen, mal eine Prellung, eine Schürfwunde am Knie oder am Ellenbogen, das war’s dann auch schon. Naja, Arm- oder Beinbrüche des einen oder anderen Spielkameraden kamen mal vor, aber äußerst selten. Die versorgte dann meistens mein Vater, der zusammen mit meiner Mutter eine kleine Landarztpraxis führte. Ernsthaft, geschweige denn lebensgefährlich verletzt wurde glücklicherweise ohnedies keiner von uns.
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Zum Fußballspielen genügten uns aus alten Latten selbst zusammengenagelte bzw. -gebundene wacklige Tore, natürlich ohne Netz, oder zwei Bäume im angemessenen Abstand. Und wenn solche Tore nicht greifbar waren, legten wir einfach in einer abgeschrittenen Distanz unsere Hemden und Schuhe als Begrenzung auf den Boden. Gespielt haben wir Buben vom Dorf eh barfuß – schon im frühesten Frühjahr nach der Schneeschmelze bis in den Oktober oder November - und mit nacktem Oberkörper und kurzen Hosen. Für die meisten von uns bewirkte dies, dass wir im Frühjahr schnell eine natürliche, gesunde und gleichmäßig sattbraune Hautfarbe bekamen. Außerdem waren wir in keiner Weise anfällig gegenüber Erkältungskrankheiten. Trotz der schlechten Zeiten - gerade was die Ernährung anbelangte - seit unserer Geburt bis Anfang oder Mitte der Fünfzigerjahre und darüber hinaus, erkrankte so gut wie nie einer von uns, sieht man von den obligatorischen Kinderkrankheiten einmal ab. Meine Eltern meinten spaßeshalber oft, dass ihnen in Zukunft die Arbeit ausgehen würde.
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Zum Schwimmen hätte es ebenfalls Gelegenheiten gegeben. Es waren zwei nebeneinanderliegende große Kiesweiher, richtige Baggerseen. Beide lagen allerdings ziemlich weit von unseren Behausungen entfernt. Außerdem war in ihnen das Baden strengstens verboten. Geländer aus Stangen und dicken Brettern umrandeten sie. Großflächige Holzschilder zeigten es mehrfach an, obwohl ihre Aufschriften schon sehr verwaschen und beinahe unleserlich waren. Wir wussten aber auch so, was darauf stand. Darüber hinaus wurden wir von unseren Eltern vorsorglich immer wieder gewarnt. Uns wurde sogar strikt und vehement verboten, nur in ihre Nähe zu kommen.
     Auf unsere Expeditionen in die weitere Dorfumgebung durften wir auf Anweisung unserer Mütter und Väter keine Badehosen mitnehmen, damit wir nicht in Versuchung kämen, dort zu baden. Es rankten sich allerlei Gerüchte um diese Gewässer; es war davon die Rede, dass darin schon ein Mensch ertrunken sei.
     Die Ufer stiegen steil und gut zwei Meter hoch auf. Dies war sicher der Hauptgrund für das Badeverbot, da beim Verlassen und Herausklettern aus dem Wasser die Kies- bzw. Erdböschung nachrutschte, und ein jeder nur mit großer Anstrengung und einem gewissen Geschick wieder festen Boden unter die Füße bekam. Das Hineinsteigen erwies sich ebenfalls als nicht ungefährlich. Die Badewilligen glitten schneller und ohne Abkühlung in das Wasser als sie es in der Regel wollten. Außerdem waren die Baggerseen an verschiedenen Stellen unterschiedlich tief, obgleich man in dem glasklaren Wasser beinahe überall bis auf den Grund sehen konnte. Für Mathias und mich bildeten gerade solche Umstände eine beliebte und geschätzte Herausforderung. Diese fast schon kleinen Seen entstanden während des Autobahnbaues im Dritten Reich. Mittlerweile gehörten sie zu einem Kieswerk im Nachbarort.
     Trotzdem hielt meinen Freund und mich selten etwas davon ab, darin zu schwimmen. Da stiegen oder sprangen wir halt ungeniert vollkommen unbekleidet ins meistens kalte Wasser. Wir hatten keine Geheimnisse voreinander. Nur, wenn sich, was ganz selten vorkam, andere Leute in der Nähe aufhielten, mussten wir auf unser Schwimm- und Badevergnügen verzichten oder abwarten, bis wir uns wieder alleine auf weiter Flur befanden. Beide Kiesweiher waren so tief, dass wir nicht mehr stehen und bestenfalls mit zunehmendem Alter je nach Standort gerade noch die Nase über die Wasseroberfläche halten konnten. Aber unsere Eltern brachten uns sehr früh, etwa mit vier Jahren, das Schwimmen bei, wenn wir im Sommer einen Ausflug mit dem Motorrad oder mit dem Auto zu einem Badesee in einiger Entfernung unternahmen und während seltener Besuche in einem Schwimmbad in München.
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Im Winter froren die Kiesweiher häufig vollkommen zu, so dass wir auf ihnen dahinschlittern konnten. Schlittschuhe besaßen wir leider nicht, aber es machte auch ohne Spaß. Bei entsprechend dicker Eisdecke und hartgefrorener Böschung wagten sich sonntags manche Burschen und Männer zum Eisstockschießen darauf.
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Buben oder ‚Buam‘ sagte der Einheimische damals wie heute in Bayern, genauer in der Region vor dem bayerischen Oberland, einige Kilometer südlich von München gelegen mit einem Traumblick auf die Berge der Alpen, insbesondere bei Föhnlage. Man sprach so wenige Jahre nach dem Krieg nicht von Jungs, geschweige denn ‚Teenies‘ oder ‚Twens‘. Mit sechzehn, siebzehn oder achtzehn Jahren hießen sie dann halt Burschen.
     Noch besser träfe für uns die Bezeichnung Lausbuben, also ‚Lausbuam‘ zu, die Mathias und ich zweifellos und absolut vorbehaltlos waren, die die grenzenlose Freiheit brauchten und über alles liebten. Ja, ohne diese Freiheit wären wir ein gutes Stück unserer Kindheit beraubt gewesen.
     Natürlich waren wir in dem kleinen Dorf mit einer Eisenbahnstation - ein paar Kilometer außerhalb gelegen - mit einer Zugverbindung zum Holzkirchner Bahnhof in München nicht die einzigen Kinder. Es lebten sowohl in der unmittelbaren als auch in der weiteren Nachbarschaft, in einer so kleinen Ansiedlung fühlten wir uns alle als Nachbarn, und etwas entfernter gelegenen Einödhöfen viele Spielkameraden. Es gehörten auch Mädchen - auf gut bayerisch Madl oder Dirndl dazu. Jeder kannte jeden und mit nahezu allen freundeten wir uns an.
     Mit den Madln verstanden wir Buben uns bestens, obwohl sich die meisten von ihnen viel zurückhaltender und nicht so draufgängerisch verhielten.
     Der große Unterschied bestand darin, dass mein lieber Freund und ich ohne Geschwister aufwuchsen, während die anderen alle mindestens einen Bruder und oder eine Schwester hatten. Möglicherweise schweißte uns die Tatsache, Einzelkinder zu sein, besonders zu den zwei unzertrennlichsten Freunden zusammen. Wahrscheinlich hätten sich zwei Brüder gar nicht so gut vertragen wie wir beide.
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Sehr oft mussten die anderen Kinder im Dorf, ob Mädchen oder Buben, insbesondere in der Erntezeit in den Ställen, auf den Höfen und Feldern ihrer Eltern hart mitarbeiten. Für uns war es eine Ehrensache entsprechend unserem Alter und nach unseren Kräften und Können mit dabei zu sein, um sie zu unterstützen.
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Von Hilfsbereitschaft, Vertrauen und Treue, von Ehre und Verschwiegenheit, von Zusammenhalt und gegenseitigem Eintreten hatten wir vielfach bereits vor unserer Schulzeit gehört - und uns zu Herzen genommen.
     Vielleicht war dies in erster Linie meinem Großvater mütterlicherseits zu verdanken, der uns ungezählte Märchen und später aus den Deutschen, Römischen und Griechischen Heldensagen vorlas und erörterte, vieles über aufrichtige Kameradschaft, Brüderschaft, Pflichtbewusstsein, Gemeinschaft, Verbundenheit, Vertrautheit, Zuneigung oder Zusammengehörigkeit und insbesondere vom Frieden zwischen Menschen und Völkern erzählte, wenn er - aus unserer Sicht - leider nur höchstselten zu Besuch weilte. Er konnte, ohne dass es langweilte, viele amüsante, aber ebenso traurige und zum Nachdenken anregende Begebenheiten und Ereignisse aus der Geschichte, aus Kunst und Kultur und aus seinem Leben in seiner Kindheit und Jugend schildern und sie für uns altersgemäß spannend und lebhaft ausmalen. Nur über seine Erlebnisse in den beiden Weltkriegen und die Zeit dazwischen erzählte er bemerkenswert wenig oder schwieg beharrlich. Darüber wollte er nichts oder kaum etwas kundtun, obwohl uns gerade diese Themen besonders interessierten. Sonst konnten wir ihn über alles ausfragen, und er antwortete bereitwillig.
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Später erfuhren mein Freund und ich, dass er sich als Gegner von Krieg und Gewalt ideologisch und politisch schon im Jahre 1929 vor der Machtergreifung mit den Nazis anlegte. Dies brachte ihm ab 1934 mehrere, glücklicherweise aber nur ganz kurze Inhaftierungen und schlimme Verhöre durch die Gestapo ein. „Dass ich nicht nach Dachau musste,“ und er meinte damit das Konzentrationslager, „war ein großes Wunder“, sagte er uns einmal, „das lag mutmaßlich an meinem Beruf. Ein guter Freund von mir, verraten von einem Wehrmachtsoffizier und ein andermal von einem SS-Mann wurde zweimal dort aufgrund von Bagatellen inhaftiert und erlebte in den über sechs Monaten die schrecklichsten und grausamsten Dinge.“
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Uns schilderte er, dass er noch nie einen Menschen geschlagen hat, nie einem seiner zahlreichen Lehrlinge auch nur eine ‚Watschn‘, also eine Ohrfeige gab, obwohl das in dieser Zeit sogar bei kleinsten Verfehlungen üblich war. „Man muss nur mit den jungen Menschen reden, ihnen alles erklären, sie sind deutlich lernwilliger und aufgeschlossener als die meisten Erwachsenen“, begründete er seine Position.
     Er besaß einen florierenden Betrieb, heute würde er als mittelständisch bezeichnet werden, mit einer Reihe von Mitarbeitern. Kurz vor und während der schrecklichen Kriegszeiten ließ ihm die Unrechtsregierung keine andere Wahl als strategisch wichtige Teile in seinem Unternehmen herzustellen. Die ihm in den letzten Kriegsjahren zugeteilten polnischen Zwangsarbeiter behandelte er ebenso respektvoll wie seine deutschen Angestellten. Ein Pole schrieb ihm noch oft bis zu seinem Tod zu Herzen gehende Briefe in deutscher Sprache und bedankte sich wiederholte Male für die gute Behandlung, auch im Namen seiner Mitgefangenen.
     Besonders tragisch empfand er es, wenn seine Lehrlinge nach und nach rekrutiert wurden und in den Krieg ziehen mussten. Einige von ihnen ließen ihr Leben für das Vaterland. Wenn er es wirklich übers Herz brachte, was äußerst selten der Fall war, uns nach Jahren davon zu erzählen, standen ihm die Tränen in den Augen. Einen anderen Menschen – nur, weil er die Macht dazu besaß – zu demütigen, wäre für ihn nie in Frage gekommen.
     Solche menschenfreundlichen Einstellungen blieben bei uns tief im Gedächtnis und in der Seele haften und prägten sicherlich ganz entscheidend unsere spätere Lebenseinstellung.
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Heute meine ich, nein ich weiß es, dass die anschaulichen Darstellungen meines Großvaters die Grundlage für unsere enge und bedingungslose Zuneigung bildeten, aber auch, dass wir Gewalt und Feindschaften verabscheuten.
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Geschichten über Freundschaft, Hilfsbereitschaft und Einstehen füreinander ‚verschlangen‘ wir geradezu immer und immer wieder und in steter Zunahme, je mehr, desto besser wir lesen konnten. Oftmals ergänzten wir sie in unseren Gesprächen und in unseren Phantasien.
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Am meisten liebten wir es, wenn mein Großvater bei schönem Wetter vom Frühjahr bis zum Herbst mit uns zu einem steinigen Hügel, zu ‚unserem‘ Hügel, spazierte. Da gingen wir zwar knapp eine Dreiviertelstunde hin – Mathias und ich bei guter Witterung ausnahmslos barfuß - einen kiesigen und eher beschwerlichen Feldweg mit einem grünen Mittelstreifen entlang, aber das machte uns nichts aus. Unsere Füße waren das gewohnt.
     Etwa dreißig Meter vor dem Hügel endete der Weg und wir mussten auf einem schmalen Pfad zwischen dichtem Gestrüpp vorankommen. Links und rechts des Weges verliefen damals – je nach Jahreszeit - noch breite dickgrasige Ackerraine, die unseren Sohlen ein bisschen Erholung boten. Parallel spannten sich elektrisch geladene Weidezäune; dahinter weideten viele Kühe.
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Gut kann ich mich noch erinnern, wie mein Großvater uns auf einem dieser Spaziergänge zeigte, dass ein trockener oder mehr noch ein feuchter Grashalm den Strom aus dem Draht auf den eigenen Körper leiten konnte, die Hand dabei leicht zuckte und manchmal sogar geringste Schmerzen verursachte. Aber was tat’s? Wenn wir mit unseren Füßen auf seinen ‚Haferlschuhen‘, also Lederschuhen mit dicken Schuhsohlen, die er bei Wanderungen stets anzog, stehen konnten, trat der Effekt nicht ein. Nach einem Regen barfuß im nassen Gras spürten wir den ‚Stromstoß‘ allemal stärker. So bekamen wir halt als Vier- oder Fünfjährige schon ein bisschen etwas über Leitfähigkeit und Isolation mit. Vielleicht erwuchs aus diesen Erlebnissen der Grundstein für das immense Interesse von Mathias an den Naturwissenschaften und für mich die Neugier am Arztberuf?
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Bei einem unserer Spaziergänge bat Mathias ganz überraschend meinen Großvater, ob er auch Opa zu ihm sagen dürfte. „Ich habe außer meinen Eltern keine Verwandten, die ich gerne habe oder die mich gerne haben. Mein Onkel Ferdinand, meine Tante Asta, meine Cousine und mein Cousin mögen mich überhaupt nicht. Vor allem habe ich keinen Opa und keine Oma, und ich liebe dich!“ Ich war, glaube ich, genauso erstaunt und zugleich erfreut über diese Bitte wie mein Großvater. Glücklicherweise willigte der spontan ein. „Gerne“, ließ er ihn wissen, drückte ihm beide Hände und hielt sie lange fest. Er zog seinen Kopf an seine Brust und umarmte ihn herzlich. Dann streichelte er ihm über das Haar. Mathias‘ Augen glänzten vor Freude, und er strahlte über das ganze Gesicht. Es war auch für mich ein außergewöhnlich bedeutender und ergreifender Augenblick. Wahrscheinlich vertiefte dieses Erlebnis unsere Freundschaft zusätzlich: Jetzt hatte ich nicht nur einen besten und treuen Freund, sondern einen liebenswerten, brüderlichen Gefährten.
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Später, als wir die Strecke weit außerhalb und vom Dorf nicht einsehbar, alleine entlangschlenderten oder mit unseren Kinderfahrrädern befuhren, weiteten wir die physikalischen Selbstversuche entsprechend unserem bubenhaften Wissensdurst noch weiter aus. Das ging letztendlich soweit, dass wir auf die Drähte pinkelten, selbstredend mit immer geringer werdenden Zwischenräumen. Wollten wir unsere Tapferkeit testen oder war es vielleicht ein erotisches oder experimentelles Abenteuer? Wir reduzierten den Abstand soweit, dass es zum direkten Kontakt mit den stromführenden Drähten kam. Das krampfte in einigen Körperteilen und fühlte sich schon schmerzhafter an. Später weihten wir einige Spielkameraden in unsere physikalischen Versuche und Erkenntnisse ein. Sicher machten das schon Legionen anderer Gleichaltriger vor uns, aber wir fühlten uns halt als Pioniere, die auf diese Idee kamen.
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In unseren Augen war es ein ansehnlicher Hügel, zu dem uns der Weg immer wieder führte. In Wirklichkeit betrug seine Höhe allenfalls fünf, sechs Meter. Es dürfte ein übergroßer, mittlerweile teilweise mit Erde bedeckter Findling aus der letzten Eiszeit gewesen sein. Von hier aus konnten wir wunderbar auf eine in jenen Tagen schon vielbefahrene Autobahn sehen, obwohl sie gut einige hundert Meter, vielleicht sogar mehr als einen Kilometer entfernt, verlief. Sie war damals die einzige Autobahn, die bis Kufstein und dann weiter als Bundes- oder Staatsstraße über Innsbruck und den Brenner ins sonnige Italien - unserem gelobten Sehnsuchtsland - führte, das wir von den Beschreibungen und Schilderungen sowie von alten Schwarz-Weiß-Fotos ‚unseres‘ Opas – er reiste beruflich und geschäftlich schon vor dem Zweiten Weltkrieg gelegentlich nach Italien - und den großformatigen farbigen Bildtafeln im Schulhaus kannten. In dieses Zimmer mit viel Anschauungsmaterial durften wir, wenn kein Unterricht stattfand, jederzeit rein. Und wir waren unzählige Male drinnen und vertieften uns in die höchst interessanten Abbildungen und, als wir schon lesen konnten, in die dazugehörigen Überschriften, Erklärungen und Beschreibungen.
     Oft redeten wir darüber, dass wir beide als Jugendliche, spätestens als Erwachsene, bei der ersten Gelegenheit, die sich uns böte, gemeinsam hinfahren würden. Besondere Wunschziele stellten Syrakus und Taormina mit den herrlichen antiken Theatern, Catania, der Ätna und die Amalfi-Küste mit den steil abfallenden Klippen am wunderbar blauen Mittelmeer dar.
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Außerordentlich, ja geradezu herausragend angetan hat es uns aber Agrigent mit den Ruinen des Concordia- und des Herakles-Tempels. Es war unser innigstes Verlangen, die sehnlichst angestrebte Traumstätte schnellstmöglich besuchen zu können, was für Buben in unserem Alter zweifellos sehr ungewöhnlich war.
     Wir versprachen uns, ja wir gelobten uns regelrecht und feierlich – komme was wolle - nur miteinander dorthin zu reisen.
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Ein Förster, der früher in unserem Dorf wohnte, stellte auf dem Hügel viele Jahre zuvor eine Sitzbank auf. Er zimmerte sie ganz liebevoll aus dem Stamm und einigen Ästen einer Linde zusammen, in die kurz davor der Blitz einschlug. Das Holz war mittlerweile, der Witterung und der Zeit geschuldet, rissig und angegraut. Gut drei oder vier Leute fanden bequem auf ihr Platz. Rundherum siedelten sich allmählich dicht nebeneinander niedrige Sträucher und Nadelbäumchen an. Äußerst selten verirrten sich Menschen dorthin.
     So entwickelte sich der Hügel binnen kurzem zu unserem verborgenen, heimeligen und abgeschiedenen Lieblingstreffpunkt. Hier konnten wir ungestört Probleme miteinander erörtern, plaudern, uns Geheimnisse anvertrauen und träumen. Die Kiesweiher lagen nur knapp zweihundert Meter entfernt.
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Wenn mein Großvater auf dem Hügel dabei war, saß er in der Mitte der Bank, wir beide links und rechts neben ihm. Oft legte er seine Arme um unsere Schultern. Das gab uns das Gefühl einer wunderbaren Geborgenheit. An dieser Stätte fanden wir seine Geschichten besonders spannend.
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Zwei Lausbuben, ich erwähnte es bereits, waren wir schon. Natürlich benahmen wir uns nicht stets nur anständig und brav, sondern ärgerten beispielsweise Leute, die uns ärgerten, was allerdings äußerst selten vorkam, oder machten besonders abenteuerliche Dinge, die verboten waren, die zu tun Mathias und mich aber unbändig reizten. Das geschah des Öfteren und gehörte und gehört, wie ich meine, in diesem Alter einfach zum Heranwachsen und zum selbstständig werden dazu.
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Mathias hieß mein Freund tatsächlich mit seinem vierten Vornamen, aber den kannte kaum einer. Und vor allem nannte ihn niemand mit diesem Namen.
     Sein Vater, Lehrer im Nachbarort, spielte beinahe jeden Sonntag und an den Feiertagen für ‚Gotteslohn‘ die Orgel bei den Gottesdiensten, die abwechselnd in den verschiedenen Kirchen der umliegenden Gemeinden stattfanden. Seine musikalische Mutter leitete den Kirchenchor, schmückte mithilfe anderer Frauen die Gotteshäuser und bereitete Prozessionen und Flurumgänge vor.
     Die Großeltern mütterlicherseits besaßen zwei große Mietshäuser in München. Bei einem Bombenangriff im April 1944 wurden beide Bauten vollkommen in Schutt und Asche gelegt, und seine Oma und sein Opa kamen in dem dürftig abgesicherten Kellerschutzraum ums Leben.
     Seine Mutter arbeitete äußerst widerwillig zeitweise in einer Firma, in der Gewehre, Munition und andere Kriegswaffen hergestellt wurden. Deren älterer Bruder Ferdinand schlug im Dritten Reich die Offizierslaufbahn ein und überdauerte den Krieg vollkommen unversehrt. Als die Bundeswehr im November 1955 gegründet wurde, übernahm ihn die Adenauerregierung sofort als Offizier, obwohl in seiner Nachbarschaft unter vorgehaltener Hand gemunkelt wurde, dass er den Krieg bis an sein Ende in der ‚Etappe‘, also weit entfernt von der Front und fern vom unmenschlichen Kriegsgeschehen verbracht hatte und äußerst bequem leben konnte. Sein größter Wunsch, der SS beizutreten, war ihm aus irgendwelchen Gründen verwehrt. Vielleicht lag es an der geringen körperlichen Größe, die seiner minderen Intelligenz entsprach. Muskulös war er zweifellos. Schon früh trat er begeistert in die Hitlerjugend bzw. in die NSDAP ein, er war ein Nazi, wie er im Buch stand. Wenn Jugendliche kurz nach Kriegsbeginn noch auf der Straße ‚rumhingen‘, beschimpfte er sie und schrie sie an: „Verdammt, ihr gehört alle an die Front! Da wird euch der Müßiggang schon vergehen! Der Führer tut alles für euch Nichtsnutze, für euch Abschaum, ihr macht nichts für ihn!“
     Denunziation gehörte angeblich zu seinen häufigen Lieblingsbeschäftigungen. Für seine sadistischen Schindereien und Schleifereien bei der Ausbildung junger Rekruten in den Kasernen war er berühmt berüchtigt. Als dann die Alliierten vorrückten, machte er sich noch rechtzeitig aus dem Staub. Diese und viel mehr schreckliche Sachen erfuhren wir von Mathias‘ Mutter aus Gesprächen mit ihrem Mann und Bekannten, die sie häufig besuchten. Kinderohren hören und bekommen alles mit. Wir machten uns dazu so manche Gedanken, was zweifelsohne dazu beitrug, dass wir später,  um es gelinde auszudrücken, eine extrem negative und überaus kritische Einstellung zur Bundeswehr bekamen, die bei mir bis heute anhält.
     Mit solchen Leuten als ‚Führungskräften‘ wurde damals die Bundeswehr aufgebaut. Da durchlief Onkel Ferdinand eine große Karriere bis zum Stabsoffizier. Seine arrogante Attitüde, sein schneidiger Tonfall und seine schablonenhaften Aussagen gingen uns Kindern stets an die Nerven, zur Bundeswehr passten sie unserer Meinung nach bestens, was wir vor allem in unseren späteren Jugendjahren, insbesondere ich, sehr hautnah und demütigend bestätigt fanden.
     Er würde uns, wenn wir in der Bundeswehr zu dienen hätten, schon richtig erziehen, Disziplin beibringen und aus uns Versagern richtige Männer machen. Außerdem wolle er uns durch den tiefsten Schlamm scheuchen, dass wir unser Schandmaul voller Dreck bekämen und uns die Luft wegbliebe. Das war aber nur ein Teil seiner noch viel schlimmeren und grundlosen Äußerungen uns Kindern gegenüber, die ich nicht wiedergeben möchte. Auch seine ganze Einstellung und sein Gehabe waren eindeutig der Hitler- und der Wehrmachtszeit verhaftet. Als Kinder erkannten wir das nicht, aber einige Jahre später wurde es uns deutlich bewusst. Wir mochten ihn nicht. Seine Frau fanden wir ebenfalls unsympathisch. Ebenso schlimm empfanden wir Mathias‘ etwas älteren und angeberischen Cousin und dessen deutlich jüngere Schwester. Geld, Besitz und Rücksichtslosigkeit schienen für alle vier anscheinend die wichtigsten Elemente in ihrem Leben zu sein.
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Mathias‘ Mutter studierte noch vor und zu Kriegsbeginn für das Lehramt und ergriff gleich zu Anfang des Schuljahres 1945/46 den Beruf der Lehrerin an einer Volksschule und unterrichtete wie ihr Mann in einem nahegelegenen Dorf.
     Ihr manchmal strenges, zeitweise kompromisslos unnachgiebiges Wesen mit ihrem Sohn mag den beschriebenen Kriegserlebnissen zuzuschreiben sein.
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Auch Mathias‘ Vater war ein gestrenger Mann. Seine Eltern stammten aus dem Bayerischen Wald. Sie lebten in äußerst genügsamen Verhältnissen, nannten ein bescheidenes ‚Sacherl‘ ihr Eigen, der Ausdruck Bauernhof wäre weit übertrieben. Es war halt ein kärgliches Holzhäuschen mit ein paar winzigen Zimmern, einem kleinen angebauten Stall mit einer geringen Anzahl an Schafen und Ziegen darin und einem Schuppen, ertragsarmen Feldern und ein wenig Wald. Aber den Erzählungen nach waren es ganz fleißige, liebe, nette, freundliche, besonders hilfsbereite und tiefgläubige Menschen.
     Sie hatten zwei weitere Söhne, die im Krieg vermisst wurden. Beide kämpften an der Ostfront, der ältere vermutlich im Kessel von Stalingrad, vom jüngeren glaubte man, dass er im Kaukasus seine Vaterlandspflicht erfüllen musste.
     Sie waren stolz, dass einer ihrer Söhne Lehrer werden konnte. Anfang der fünfziger Jahre starben sie verhältnismäßig jung, vielleicht aus Kummer und Sorge um ihre vermissten Kinder, konnten aber wenigstens ihren geliebten Enkel noch ein paar kurze Jahre erleben. Über das Schicksal ihrer verschollenen Söhne erfuhren beide nichts mehr.
     Mathias‘ Vater kämpfte im Krieg als einfacher Soldat an der Westfront. Er durchlebte eine entbehrungsreiche Kindheit und Jugend. Bei ihm könnten diese Erfahrungen Ursache für die unduldsame Erziehung seines Sohnes gewesen sein.
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Unter der Strenge seiner Eltern litt Mathias ein wenig. Oft wurde er mit Hausarrest, den ich aber meistens mit ihm verbringen durfte, deftigen Ohrfeigen oder anderen Maßnahmen bestraft, auch schon wegen kleinerer Vergehen, für die meine Eltern bloß geschimpft, in schlimmeren Fällen ‚ernsthaft‘ mit mir gesprochen hätten. Das eine oder andere Mal bekam er sogar den Hintern ganz heftig versohlt, was mir vor allem dann besonders leid-, ja in der Seele wehtat, wenn ich mit ihm bei einer entsprechenden ‚Schandtat‘ ertappt wurde. Stand ich während der Maßregelung wie so oft daneben, wünschte ich insgeheim aus Solidarität mit ihm die gleichen Sanktionen erdulden zu müssen. Er wollte aber nie getröstet werden; er fügte sich in sein Schicksal, ohne zu murren. Mathias war eben ein aufrichtiger, ehrlicher und tapferer Bub.
     Andrerseits bemühten sich seine Eltern besonders fürsorglich und äußerst liebevoll um ihn, dass es ‚ihm möglichst gutgehen und aus ihm was werden sollte‘.
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Die schwierige Zeit nach dem Krieg spürten wir auf vielseitige Art. Trotzdem konnten wir einige Jahre sehr glücklich miteinander verleben. Spielsachen gehörten uns im Vergleich zu heutigen Kindern nur ganz wenige. Dazu zählten ein paar kleine Modellautos und Gesellschaftsspiele wie ‚Mensch ärgere Dich nicht‘, Halma, Mühle oder Dame.
     Mathias besaß aber ein außerordentliches Juwel, einen einfarbig dunkelbraunen Lederfußball, den ihm ein heute unbekannter, aber in der frühen Nachkriegszeit bedeutender Spieler der „Sechziger“, in München schenkte. Dieser Fußball war sein ganzer Stolz und seine ganze Freude, pathetisch könnte man sagen, sein Herzblut klebte daran. Soweit ich mich heute zu erinnern vermag, hieß dieser Spieler Josef Burghardt. Das Autogramm seines Idols mit einer kleinen Widmung, mit einem dicken Zimmermannsbleistift geschrieben, befand sich gut sichtbar auf dem Ball, mit dem wir nie spielten. Er erhielt einen Ehrenplatz in einem kleinen Korb auf einer Kommode in Mathias‘ Zimmer und durfte nicht bewegt werden. Beim Abstauben berührte er ihn vorsichtiger als ein rohes Ei.
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Meine Großeltern mütterlicherseits – das erwähnte ich bereits – leiteten einen mittelgroßen Industriebetrieb. Meine Oma war die Seele des Hauses und der Mittelpunkt der Familie.
     Mein anderer Großvater führte wie meine Eltern eine kleine Landarztpraxis in Niederbayern. Meine liebe Oma half ihm als ausgebildete Arzthelferin.
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Wir wurden kurz hintereinander geboren. Mathias erblickte das Licht der Welt am zweiten Sonntag im Oktober 1947, ich genau nach einer Woche, im selben Kreißsaal in meinem späteren langjährigen Wohnort, wenige Kilometer vom Betrieb meines Großvaters entfernt. Selbst die mittägliche Uhrzeit stimmte bis auf fünf Minuten überein. Wir waren bei der Geburt, von einigen Gramm abgesehen, nicht nur gleich schwer, sondern hatten auch die gleiche Größe.
     Von Anfang an sahen wir uns dem Vernehmen nach ziemlich, ja auffallend ähnlich. Jahre später, als wir die dritte oder vierte Klasse besuchten, sprachen fortgesetzt und zahlreiche Menschen aus, dass wir uns nicht nur äußerlich, sondern auch charakterlich enorm gleichen würden.
     In den folgenden Jahren, ebenso in den Anfängen unserer Studentenzeit stimmte, wie behauptet wurde, unser Erscheinungsbild immer noch bemerkenswert überein. Selber empfanden wir das nicht so. Von hinten gesehen verwechselten uns manchmal sogar gute Bekannte. Wir erreichten beide eine Größe von 1,89 m, waren sehr schlank, hatten eine sportliche Figur und bewegten uns angeblich täuschend ähnlich. Unser Haar war nahezu gleichartig dunkelblond und außergewöhnlich lockig, nur unsere meist braungebrannten Gesichter und die Augenfarben unterschieden sich deutlich, obwohl wir beide – wie man uns oft wissen ließ – ‚unverschämt‘ gut aussahen. „Ihr seid oder werdet bestimmt der Schwarm aller Mädchen!“, so ähnlich lautete es immer wieder. Manchmal hörten wir das ganz gern, manchmal war es uns aber auch zuwider. Mit zunehmendem Alter – ich gebe es zu - kokettierten wir damit sogar mit Freude und ein bisschen stolz.
     Nach so langer Zeit und anonym darf ich das ohne Angeberei schreiben; wir konnten nichts dafür, es war halt ein Geschenk des Schicksals. Heute vermag ich das nicht mehr nachzuvollziehen, da von uns beiden eigenartigerweise nur ganz spärlich Fotos existieren.
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Dass Mathias und ich im gleichen Kreißsaal zur Welt kamen, war kein Zufall. Meine Mutter kannte studien- und berufsbedingt den Chefarzt unseres Geburtskrankenhauses, das sich so kurz nach dem Krieg in einem vergleichsweise vortrefflichen Zustand befand, recht gut. Ihre Freundin lebte während der letzten Wochen vor ihrer Entbindung auf Einladung meiner Mutter bei meinen Großeltern. Unsere Väter vollendeten in weiter entfernten Städten ihr jeweiliges Studium.
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Wir wurden zwar an einem Sonntag geboren, aber zu den Glückskindern, Kindern der Fortuna oder Lieblingen der Götter, wie es so schön heißt, durften wir uns absolut nicht zählen, was vor allem für Mathias im schrecklichen Maße galt.
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Mein Großvater schenkte Mathias und mir anlässlich unserer Geburt jeweils ein kleines, handspannenlanges Stofftier, kleine Plüschbärchen. Das war ein bisschen von dem, was die amerikanischen Besatzungssoldaten nach der Plünderung eines teilweise zerstörten ‚Rüstungsbetriebs‘ und dem dazugehörigen Wohnhaus übrigließen, auch wenn mein Opa sehr schnell rehabilitiert wurde. Mathias nannte seinen später Pezzi, meiner wurde Bärli getauft, obwohl er immer schon so hieß. Diese beiden Spielzeugbärchen befanden sich seit zwei Generationen im Besitz meiner Familie. Sie sollten Mathias und mir als Glücksbringer allzeit zur Seite stehen, so wie sie als Talismane meiner Mutter und meinem Onkel ‚beistanden‘, der kaum älter als fünfzehn Jahre im Mai 1944 mehr oder weniger freiwillig der Wehrmacht beitrat, um der Vereinnahmung durch die SS zu entkommen, und an die französische Kriegsfront geschickt wurde. Er überlebte die große Invasion in der Normandie mit dem Bomben- und Granatenhagel glücklicherweise einige Kilometer hinter den gefährlichen Kampfzonen beim sinnlosen Ausgraben von nicht mehr benützten Unterständen mit ein paar mittelschweren Blessuren. Nach kurzer Kriegsgefangenschaft in amerikanischer Hand kehrte er bald nach Kriegsende zurück.
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Schon im Alter von vier oder fünf Jahren war Mathias ein besonders intelligenter, hilfsbereiter, herzgewinnender, freundlicher, aufrichtiger, ehrlicher, liebenswürdiger, sympathischer und außergewöhnlich sensibler Bub. Gefühlsmäßig erkannte ich das schon sehr früh. In allen Phasen seines damals noch jungen Lebens zeigte sich, dass er ein gütiges, warmes und edles Herz besaß und für seine Mitmenschen, aber vor allem auch für Tiere, immer ‚da‘ war.
     Zunächst diente er mir unwillkürlich und unbewusst, später ganz bewusst als großes Vorbild. Er war schon als Kind etwas Besonderes. Wenn er anderen Menschen half, dann war ich selbstverständlich mit von der Partie.
     So geschah es, dass wir auf seinen Vorschlag hin beispielsweise einem alten Rentnerehepaar stundenlang Brennholz – natürlich ohne Entgelt – vor dem Haus aufschichteten, ihnen bei der Obsternte beistanden oder spontan beim Tragen schwerer Gegenstände mit zupackten. Bei ‚kleineren‘ Bauern, die sich keine Hilfskräfte leisten konnten oder deren Kinder noch zu jung waren, wendeten wir das gemähte Gras auf den Wiesen, bei der Heueinfuhr halfen wir so gut es ging mit den Bauerskindern mit. Oben auf dem großen Leiterwagen stehend, traten wir das mit hölzernen Gabeln aufgeladene Heu mit unseren Füßen nieder, um mit einer Fuhre mehr nach Hause zu bringen und bemühten uns zusätzlich beim Abladen. Nach dem Dreschen des Getreides lagerten wir das hochgeblasene Stroh oder die Spreu auf dem Dachboden über den Stallungen am richtigen Platz. Das machte uns Spaß und im Ort bei nahezu allen Leuten recht beliebt. Manchmal passten wir auf die kleinen Kinder, die noch im Kinderwagen lagen, auf, wenn die Eltern, Großeltern oder andere Angehörige keine Zeit hatten. Damals begann sich in mir der Wunsch zu regen, später Pädiater, also Kinderarzt zu werden.
     Als Belohnung durften wir an den Wochenenden, an Feiertagen oder in den Ferien in warmen Sommernächten in den auf den Wiesen freistehenden Heuschobern übernachten. Das stellte für uns ein besonderes Abenteuer dar. Manchmal wurden wir von Liebespärchen, die es sich dort gemütlich gemacht hatten, was wir bereits mit sechs oder sieben Jahren höchst interessant und amüsant fanden, verscheucht. Dann sahen wir uns halt nach einem anderen Schlafplatz um.
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Als wir die Schule besuchten, erledigten wir die Hausaufgaben in einer selbst erfundenen effektiven Partnerschaft in höchster Eile, die sich bei uns beiden allerdings insbesondere in einer beinahe unleserlichen Schrift bemerkbar machte. Mathias fertigte beispielsweise die Deutschhausaufgabe. Musste ein Aufsatz erstellt werden, schrieb er gekonnt und zügig einen für mich, anschließend einen für sich. Aufsatz war meine einzige, dafür aber besonders schwache Disziplin, für ihn eine leichte Angelegenheit. Ich löste die Rechen- und Sachaufgaben in Windeseile. Anschließend schrieben wir gegenseitig ab. Trotzdem erhielten wir insgesamt sehr gute Noten, ausgenommen meine Zensur, wenn wir einen Aufsatz in der Schule verfassen mussten.
     Über unsere Schriftnoten breite ich das Mäntelchen des Schweigens. Unser recht humorvoller Lehrer der dritten und vierten Klasse fragte Mathias und mich einmal, ob wir unsere Schriften einem Hahn, der im Sandboden scharrt, abgeschaut hätten.
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Es gäbe Myriaden weiterer und vielfältiger Beispiele unserer einzigartigen Freundschaft zu erwähnen, aber es würde den Rahmen dieser Erzählung bei weitem sprengen. Wer sich glücklicherweise an eine besonders enge und bedingungslose Freundschaft in seiner Kindheit und Jugendzeit erinnern darf, vermag vielleicht selbst, sich das in seinen Gedanken und Phantasien auszumalen.
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Beide waren wir knapp sechs Jahre alt, als wir in die Schule kamen. Das war zu diesem Zeitpunkt etwas ungewöhnlich, weil wir das sechste Lebensjahr noch nicht vollendet hatten, aber wir wurden dennoch eingeschult. Schultüten gab es bei uns Abc-Schützen nicht. Die waren damals für fast alle Eltern auf dem Land unbekannt oder vor allem zu teuer oder zu unnütz. Meine Eltern schenkten Mathias und mir zum Schuleintritt ein Taschenschachspiel, dem wir uns nach einigen Erklärungen der Spielregeln mit ausgesprochener Freude intensiv widmeten.
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Die Lehrerin, die uns in den ersten beiden Schuljahren unterrichtete, war einerseits nett, freundlich und gerecht, andererseits aber aus unserer Sicht streng. Wenn man dabei ertappt wurde, dass man mit dem Nachbarn schwätzte oder auch nur wenige Worte flüsterte, bekam man mit dem ‚Tatzensteckerl‘, so eine Art Rohrstock, umgehend ein paar leichte Hiebe auf die Handfläche. Meistens schmerzte das aber gar nicht so, außer sie traf die Fingerspitzen. Wir waren ihr nie böse. Fehlte die Hausaufgabe oder war sie schlampig angefertigt, mussten wir nachsitzen und sie noch einmal schreiben oder zeichnen, bis sie den Ansprüchen der Lehrerin genügte. Das passierte nicht nur uns beiden wegen der mangelhaften Schrift, sondern vor allem den Bauerskindern, die, wie ich schon andeutete, sehr häufig zu Hause hart arbeiten mussten und ihre Hausaufgaben nicht schafften. Auch in solchen Fällen versuchten wir zu helfen, indem wir ihnen verdeckt unter der Sitzbank die Schiefertafel hinschoben oder vor Unterrichtsbeginn kleine Zettel mit den Lösungen zusteckten.
     Erwähnenswert ist, dass die Lehrerin neben der ersten Klasse im gleichen Klassenzimmer nebeneinander die zweite unterrichtete. Mathias und ich konnten so einen umfangreichen Teil des gesamten Unterrichtsstoffes der höheren Jahrgangsstufe zusätzlich mitlernen.
     Genauso verhielt es sich dann im Schulgebäude im nahen Nachbarort als wir in die dritte und vierte Klasse gingen und mit den Viert- bzw. den Drittklässlern beisammen waren. Mathias und ich halfen oftmals den Klassenkameradinnen und Klassenkameraden, die sich in manchen Fächern schwertaten, das Pensum zu lernen.
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Den Religionsunterricht hielt der Pfarrer unseres und der umliegenden kleineren Orte. Manche Erwachsenen grüßten ihn mit Herr Kurat oder Herr Hochwürden. Wir Kinder mussten uns vor ihm verbeugen und ihn mit ‚Hochwürdiger Herr‘ und ‚Gelobt sei Jesus Christus‘ ansprechen. Außerhalb der Schule und der Kirche gingen wir ihm soweit wie möglich aus dem Weg. Er war ein ungerechter, sadistisch veranlagter und grausamer Mensch, nicht, was man sich so weitläufig unter einem katholischen Priester vorstellt, trotz seines verhältnismäßig jungen Alters.
     Zu Beginn des Religionsunterrichts wurden alle Schülerinnen und Schüler von ihm im schroffen Befehlston aufgefordert, sich zum Beten auf den harten Boden zu knien, manchmal eine Viertelstunde und länger. Uns allen schmerzten die Knie.
     Wenn sich eines der Mädchen bewegte, trat er unversehens von hinten heran, gab ihm einen heftigen Stoß, dass es nach vorne fiel und sich nicht selten wehtat oder verletzte.
     Die Buben drückte er am Kopf und an den Schultern zusätzlich zu Boden oder zog sie an den Spitzen der Schläfenhaare hoch, dass manche – schon auf den Zehenspitzen stehend - vor Schmerzen stöhnten. An seinem zynischen Lächeln erkannte man deutlich, dass es ihm großen Spaß bereitete.
     Konnte jemand etwa ein Gebet nicht richtig oder nur stockend aufsagen, was meistens bei den Buben zutraf, die Mädchen lernten eifriger, schlug er mit einem festen, gut einen Meter langen, hölzernen und harten Zeigestock zu. Die Delinquenten mussten sich über das Lehrerpult, manchmal über einen Stuhl beugen, und er traktierte den Körperteil gewaltig, auf dem man gewöhnlich zu sitzen pflegt. Nicht wenige der Opfer jammerten dabei entsetzlich. Mathias, einige andere Buben und ich unterdrückten tapfer die Schmerzensschreie. Wir wollten ihm den Triumph nicht gönnen, was fatalerweise den Geistlichen zu noch stärkeren Hieben anspornte. Das hatte zur Folge, dass jedes Opfer wegen der geraumen Zeit anhaltenden Schmerzen den restlichen Teil des vormittäglichen Unterrichts, manchmal auch noch nachmittags, eine sehr verbogene Körperhaltung einnehmen musste. Trug ein Bub eine kurze Lederhose, die nach seiner Meinung die zu erduldenden Leiden reduzierte, dann malträtierte er mit dem Stock von hinten die Beine, bevorzugt den Oberschenkel. Das fühlte sich dann besonders brutal und quälend an. Bei den meisten hinterließ diese Behandlung deutliche Striemen, Schwellungen und Hämatome. Bei den älteren Schülern in den fünften bis achten Jahrgängen fielen die körperlichen Züchtigungen noch viel krasser und gemeiner aus und sind – sehr zurückhaltend ausgedrückt – besonders bei den Buben schon extrem sexuell gefärbt und motiviert gewesen, wie mir bei späteren Klassentreffen erzählt wurde.
     Nicht selten sperrte er uns in dem Schulhaus im Nachbarort, das wir ab der dritten Klasse besuchten, in ein fensterloses, absolut dunkles, ekelhaft stinkendes Kellerloch, das ausschließlich von außen zugänglich und verschließbar war, in dem man, wenn es mal notwendig war, nicht einmal seine Notdurft verrichten konnte. Abgeführt wurden wir, indem er uns an den Ohren mit den Knien auf dem Boden in das Verlies zog. Das war Folter höchsten Grades. Dass er dafür nie zur Rechenschaft gezogen wurde, ist mir bis heute ein Rätsel. Aber viele sahen in ihm halt einen Mann Gottes. Angeblich wurde er nach ein paar Versetzungen und der schrittweisen Beförderung zum Prälaten auch noch in das Münchner Domkapitel berufen.
     Als ein neuer Mitschüler in die Klasse kam, verbot ‚Hochwürden‘ uns unter Androhung von Strafen, mit ihm zu sprechen und zu spielen. Der Neue übersiedelte mit seinen Eltern von Berlin in unseren Ort und gehörte der protestantischen Konfession an. Evangelisch zu sein, erschien in den Augen von ‚Hochwürden‘ als Todsünde. Wir würden also ein großes Verbrechen dem lieben Gott gegenüber begehen, mit dem Buben zu verkehren. Diese strenge Anordnung befolgten insbesondere Mathias und ich, trotzdem nicht. Sie schien uns vollkommen unverständlich, und der Berliner ‚Junge‘ wurde ein guter Freund.
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So verliefen Mathias‘, meine, Kathis und Rosis erste schlimme Begegnungen mit einem katholischen Geistlichen. Uns zwei Buben, aber auch die zwei ganz besonders netten Mitschülerinnen nahm er auffallend häufig und gerne ins Visier. Beide kannten Mathias und ich natürlich schon einige Jahre. Sie waren nur ein paar Monate älter als wir und ganz, ganz liebe Kameradinnen. Man konnte – wie man so schön sagt - mit ihnen Pferde stehlen und sich hundertprozentig auf sie verlassen. Kathi, eine der Töchter vom Bürgermeister, ein für damalige Verhältnisse sehr wohlhabender Land- und Gastwirt, wohnte direkt gegenüber dem Schulhaus im größten Bauern- und Gasthof am Platz. Rosi lebte mit ihren weitaus nicht so gut situierten Eltern und zwei Brüdern einige Häuser weiter. Ihr Vater verlor im Krieg seine linke Hand und verdingte sich als Hilfsarbeiter in einer kleinen Mühle in der Nähe. Vor seiner Verstümmelung war er ein wichtiger Musiker eines berühmten Münchner Orchesters und erteilte mir Klavierunterricht. Ihre Mutter half zeitweise in der Gastwirtschaft und auf dem Bauernhof von Kathis Vater mit und stickte Tischdecken oder häkelte Taschentücher, die sie dann alle paar Wochen in München vorbeieilenden Menschen in der Kaufinger- oder Neuhauser-Straße zum Kauf anbot. Mit diesen beiden Mädchen verband uns von Beginn der ersten Klasse an eine besonders herzliche Freundschaft. Kathi war mein Mädchen, Rosi das von Mathias. Wie es halt bei Buben so war, wenn man seine kleine Mitschülerin liebhatte, versprachen wir uns schon in der ersten Klasse die Ehe.
     Geheiratet haben wir nicht, aber die Freundschaft von Kathi, Rosi und mir hält bis heute.

Fortsetzung: Der Freund (2) – Lausbub, Lebensretter, Menschenfreund und das schreckliche Ende einer Kindheit)


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Beitrag #2 |

RE: Der Freund (1) – Der Eid - eine kurze, aber beinahe glückliche Kindheit
Hallo homosapiens,

mir ist aufgefallen, dass deine Fortsetzungsgeschichte noch keine Kommentare erhalten hat. Und ich merke, dass es mir ebenfalls schwer fällt, hierzu etwas zu schreiben. Warum?


Der Text strahlt eine tiefe Hingabe an die Geschichte aus, eine tiefe Schwermut und Authentizität. Das ist alles gut, verbietet aber eigentlich jeden Kommentar. Man wird von der schweren Last, die in dem Text steckt, auch förmlich erdrückt. Ich weiß nicht, ob ich dieses authentische Stück Leben nun wirklich so betrachten darf/kann/soll, wie ich einen Unterhaltungsroman betrachte. Es fühlt sich "entweihend" an.

Ich nehme aber an, dass du Textkritik wolltest, als du den Text in ein öffentliches Forum gestellt hast. Deshalb schreibe ich jetzt ein paar strukturelle Dinge, die den Text wie einen Unterhaltungsroman betrachten.

Wenn ich das als einen autobiographischen Text betrachte, den ein Mensch für seine Familie und Freunde verfasste, dann ist sehe ich ihn als Text mit großer Liebe, Sorgfalt und Sprachgefühl.
Wenn ich das als einen Text betrachte, der veröffentlicht werden soll, und der Menschen jeden Alters auch außerhalb der eigenen Familie ansprechen soll, dann fehlen mir noch die "Haken" zum Anbeißen.
Dumm ausgedrückt: Gib mir einen Grund, warum ich weiterlesen sollte, und gib ihn mir im ersten Absatz. Gib mir interessante Personen oder eine aufregende Situation. Und zwar nicht nach einer halben Seite, sondern sofort! Jaja ... diese modernen Leser, furchtbar Icon_lol  aber so ist es wirklich, ich habe die ersten fünf Absätze mehr oder weniger überscrollt, weil du hier "nur" abstrakte Gedankenausführungen darstellst. Das betrifft die ganze Passage vom Anfang bis zu dem Satz "Es ist wie gesagt die Geschichte von meinem besten Freund - ich nenne ihn Mathias - und von mir".

Zum Vergleich:

"Heute breche ich einen Eid. Den Eid, niemals etwas über die Geschehnisse von jenem Frühling (Jahr) zu erzählen. Dieses große Indianerehrenwort habe ich meinem Freund Mathias gegeben, als wir ... Jahre alt waren.
Heute aber kann, darf ich nicht länger schweigen. Ich muss Mathias' Geschichte niederschreiben und festhalten, was damals wirklich geschehen ist. Einst hatte ich Mathias versprochen, die Wahrheit zu verschleiern. Heute gelobe ich ihm, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Ich hoffe, er wird meine Entscheidung verstehen.
Mathias und ich wurden beide an einem Sonntag geboren. "Fortunas Kinder", so nannte man uns Sonntagskinder damals, und glaubte, wir seien mit einem besonderen Glück gesegnet.
Auf Mathias traf das aber nicht zu.
..........."

Etwas in diese Richtung würde mich eher ködern. Andeutung, dass etwas schlimmes passiert ist, in aller geheimnisvollen Kürze.

Mein zweiter Kritikpunkt bezieht sich auf das, was du als "fragmentarische" Erzählung bereits ankündigst: Nach der einleitenden Passage erzählst du mehrere Begebenheiten aus der Kindheit, die aber wie du angekündigt hattest, fragmentarisch sind, zufällig zusammengewürfelt.
Ich habe gerade mal in den zweiten Teil reingescrollt: Dort ist es so, dass ein Leo auftritt, und alle Anekdoten und einzelnen Ereignisse hängen augenscheinlich mit ihm zusammen, deshalb gibt es einen roten Faden.
Diesen roten Faden empfinde ich im ersten Teil nicht so, da eben Anekdoten "aufgereiht" werden. Hier habe ich den Eindruck, der Text könnte eindrücklicher sein, wenn du zwei drei Begebenheiten exemplarisch herauspickst und dir für diese richtig schön Zeit lässt. Ein innerer Zusammenhang könnte zum Beispiel entstehen, indem das ganze damit beginnt, dass die Freunde beschließen, den beiden Mädchen einen Heiratsantrag zu machen, aber sie wissen noch nicht genau wie. So geht das ein paar Tage lang (mit verschiedenen Ereignissen und vielleicht einem großväterlichen Ratschlag dazu) bis sie es dann am Ende des ersten Teils hinkriegen. Die beiden Mädchen sagen Ja. Der Erzähler fügt schmunzelnd hinzu, dass daraus nichts wurde.
Oder auch ein anderes Problem, das am Anfang gestellt wird - eine Herausforderung, eine Mutprobe, ein Plan, eine Frage -, die im Laufe des Textes bearbeitet wird. Anhand dieses Grundthemas lassen sich sicherlich immer noch sehr viele Anekdoten und Nebengeschichten einbringen, aber diese sind dann wie Perlen auf einem zusammenhängenden roten Faden aufgehängt und liegen nicht mehr einzeln durcheinander Icon_smile

So viel die Betrachtung aus der rein egoistischen Lesersicht.

Ich glaube man kann zusammenfassend sagen, ein Roman "nach einer wahren Geschichte" ist NICHT immer realitätsgetreu strukturiert und dargestellt, sondern darf auch künstlerische Freiheit walten lassen und einige Geschehnisse so sortieren und darstellen, dass der Spannungsbogen gefestigt wird.

Ich muss sagen, nachdem ich mich jetzt etwas mehr damit beschäftigt habe, bin ich doch "neugierig" geworden (ich weiß nicht ob das das richtige Wort ist... eigentlich duckt man sich eher schaudernd weg bei all den düsteren Andeutungen). Ich werde in die Texte nochmal reinschauen, aber wahrscheinlich dann einfach ohne Textkritik.

Keine Ahnung, ob das jetzt für dich hilfreich ist, aber zumindest hat sich jetzt mal jemand getraut, zu kommentieren Icon_confused 

Viele liebe Grüße


Ichigo


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Beitrag #3 |

RE: Der Freund (1) – Der Eid und eine kurze und beinahe glückliche Kindheit
Lieber ‚armer‘ Poet, nein (ich denke) liebe ‚arme‘ Poetin, liebe(-r) Ichigo oder der (die) Beschützer*in, der (die) für die „Literaturfamilie Icon_smile Literatopia“ seit äußerst geraumer Zeit sehr viel Gutes schrieb und schreibt. Icon_smile
 
Für Deinen Kommentar zu meiner Fortsetzungsgeschichte möchte ich Dir jetzt, nach lang  verstrichener Zeit, öffentlich herzlich danken.
     Deine Gedanken, Überlegungen, Anregungen und Vorschläge sind für mich äußerst wichtig und wertvoll, auch wenn ich beileibe nicht vorhabe, schriftstellerisch tätig zu werden, obwohl ich baldigst eine (sehr kurze, höchst aktuelle) Geschichte schreiben und im Forum von Literatopia veröffentlichen möchte.
     Ich hoffe aber, dass Dich mein kurzer Dank und meine erste kurze Stellungnahme via E-Mail wenige Tage nach Erscheinen Deiner ‚Kritik‘ schon erreicht hat.
     Z.Zt. bin ich in der ärztlichen Praxis des Sohnes eines ehemaligen lieben und geschätzten Mitarbeiters trotz meines Ruhestandes noch in ‚zweiter Reihe‘ tätig. Die Zeiten verlangen das.
In etwa einer guten Woche (Quarantänezeiten zweier Kollegen, sowie der Ausfall zweier Medizinisch-technischer Assistenten) werde ich mich ausführlich(er) äußern.
Habe bitte dafür Verständnis, ebenso die Leser meiner (Fortsetzungs-) Geschichte.
Dein homosapiens47


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Beitrag #4 |

RE: Der Freund (1) – Der Eid und eine kurze und beinahe glückliche Kindheit
Hallo Homosapiens,

deine nette private Nachricht hat mich erreicht, ja -- und sorry, ich dachte irgendwie, ich hätte dir darauf geantwortet Icon_irre 
Ich werde deine Geschichte irgendwann mal komplett durchlesen, wenn ich ein entsprechendes Zeitfenster habe, einfach nur um sie als ganzes zu sehen. Ich weiß nur leider noch nicht wann.

Ich wünsche dir alles Gute privat und beruflich und drücke dir die Daumen, dass sich die Situation bei euch beruhigt. Keine Eile mit dem Feedback, du hast sicher gerade ganz andere Baustellen Icon_smile

LG
ichigo


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