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Brunschwig: Die Dame von Scutari
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Brunschwig: Die Dame von Scutari
Cécil & Luc Brunschwig: Holmes (1854 - + 1891?) Dritter Band Die Dame von Scutari; Verlag Jacoby & Stuart Berlin 2015; 48 Seiten; ISBN: 978-3-942787-35-2

Dr. Watson setzt seine Suche nach den Familiengeheimnissen von Sherlock Holmes. In Frankreich wird er fündig: Holmes Gouvernante erzählt ihm, was geschah, als Holmes geboren wurde. Einige Geheimnisse können so gelüftet werden.

Mit der Novelle "Das Fräulein von Scutari" von E. T. A. Hoffmann hat diese grafiv novel überhaupt nichts zu tun. Auch wenn es zeitgeschichtliche Ereignisse aus dem 19. Jahrhundert gibt (Krimkrieg, Florence Nightingale), so ist das vorliegende Heft letztendlich doch nur ein reines Phantasieprodukt.

Auch hier fehlt (leider!) eine Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse und der Hinweis auf ein eventuelles Nachfolgewerk. Die Bilde sind, wie bei Cécil so üblich, sehr gut und authentisch gezeichnet; die Geschichte wird ordentlich erzählt. Sie spielt nicht nur in Frankreich,; auch der Londoner Handlungsstrang wird fortgesetzt.

Am Ende gibt es 16 Seiten Bonusmaterial (das Buch hat also insgesamt einen Umfang von 64 Seiten). Es zeigt das "making of", also die Entstehungsgeschichte der Bilder und die Grundkonzeption dieses Bandes.

An dieser Stelle seien ein paar Worte zu der Literaturgattung der graphic novel erlaubt.

Graphic novels sind Comics im Buchformat. Sie richten sich i. d. R. an eine erwachsene Zielgruppe.

Es gibt in der Literatutwissenschaft keine eindeutige Definition des Begriffes. Die Handlung in den graphic novels ist oft ernsthsaft und komplex; die Geschichte ist wie ein literarisches Werk aufgebaut.

Die Sherlock-Holmes-Biographie von William S. Baring-Gould ist hier die Basis für die Beschreibung der Familie von Sherlock Holmes. Es ist also offensichtlich, daß hier eine Pastiche vorliegt, also eine Nachahmung, die etwas Vorhandenes als Ausgangspunkt für eine neue, eigenständige Erzählung nutzt.

Diese Verknüpfung Pastiche - Bilderzählung scheint inzwischen in der Sherlock-Holmes-Literatur üblich zu sein. Sie findet sich inzwischen auch bei anderen Autorengespannend. Der Nachteil: Oft ist (für den literarischen Laien) ein Blick in die literaturwissenschaftliche Fachliteratur (und sei es nur Wikipedia) erforderlich, um überhaupt zu verstehen, was man da gerade liest.

Zum Lesevergnügen trägt dieser Streß nicht unbedingt bei. Viele, wenn nicht gar zu viele Details bleiben so unverständlich, so daß derjenige Leser, der eigentlich nur an guter, weil spannender Unterhaltung und Zeitvertreib interessiert ist, die graphic novel seiner Wahl genervt und unvollendet beiseitie legt.

Für Verlag und Autoren ist dies eine Herausforderung. Muß - beispielsweise - jedem Band Bonusmaterial beigefügt werden, das nicht nur das making of, sondern auch theoretisches Hintergrundwissen liefert? Ist ein solches Erfordernis wirklich Sinn der Sache?

Und: Wie weit darf sich ein Autor vom Original entfernen, ohne sich der Phantasielosigkeit und Geldschneiderei verdächtig zu machen? Bei Buchautoren mit verschiedenen Autoren mag es sinnvoll sein, ein Storybuch mit den wesentlichen Daten und Fakten (als Vorgabe) zu haben; so können inhaltliche Unstimmigkeiten vermieden werden. Was neue Themen und Geschichten anbelangt, dürfen Autoren ihrer Phantasie aber ruhig freien Lauf lassen. Oder müssen wir bald damit rechnen, Pastiches von Kommissar Maigret, Miss Marple und Hercule Poirot zu bekommen?


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