Es ist: 28-05-2020, 05:25
Es ist: 28-05-2020, 05:25 Hallo, Gast! (Registrieren)


La Belle Morte (2)
Beitrag #1 |

La Belle Morte (2)
Quostanay, die Stadt, die an der Grenze zu Russland in Sibirien lag, empfing Luna mit einem schneidend kalten Wind. Klienten, die in der Karibik lebten, waren ihr eindeutig lieber.
Luna ging zu der angegebenen Adresse. Ein riesiger Gebäudekomplex, der sich in einen strahlend blauen Himmel erhob. Sie entzifferte die kyrillischen Buchstaben auf dem blanken Messingschild. Staatliches Studentenwohnheim.
„Warum in alles in der Welt wohnt ein Mann von fast siebzig Jahren in einem Studentenwohnheim?“, murmelte sie zu sich selbst. Vielleicht war dies auch die einzige Miete, die bezahlen konnte und die Alternative wäre obdachlos unter einer Brücke gewesen. So hatte er wenigstens ein Dach über dem Kopf und war von Leben umgeben. Von Leben. Irgendwie fand Luna das zynisch. In der letzten Zeit ertappte sie sich immer wieder dabei, dass sie über die Menschen und ihre Empfindungen nachdachte.
Viele junge Leute gingen in das Studentenwohnheim oder kamen heraus. Manche zu zweit, andere in Gruppen oder auch allein. Sie waren in Gedankenversunken oder in Gespräche vertieft. Eine junge Studentin grüßte Luna freundlich lächelnd, die den Gruß erwiderte. Ihre Freundin blieb abrupt stehen und starrte Luna aus weitaufgerissenen Augen an. Sie hatte ein bunt gemustertes Tuch um den Kopf gewickelt. Die Augenbrauen waren nur aufgemalt und während die Kleider um ihren dünnen Leib schlotterten, wirkte das Gesicht wie aufgedunsen.
Luna schüttelte nur knapp den Kopf. Nein, dieses junge Mädchen war noch nicht an der Reihe. Sie würde en Krebs besiegen und als alte Frau sterben. Aus dem Leben, das ihr noch bevor stand, musste sie allerdings selbst etwas machen, da konnte Luna ihr nicht helfen. Sie senkte den Kopf und drückte sich eilig an Luna vorbei, die ihr wenig Beachtung schenkte. Dies war Alexej Bondarenkos Stunde.
Luna ging die geschwungene Treppe hinauf. In den letzten Jahren hatte Kasachstan in die Bildung seiner jungen Einwohner investiert. Das Gebäude sah gepflegt aus.
Bondarenkos Zimmer befand sich im obersten Stock und natürlich war der Fahrstuhl kaputt. Luna fluchte innerlich über jede Stufe, die sie in dem Treppenhaus, das von kaltem Neonlicht beleuchtet wurde, nahm. Schließlich war sie keine zwanzig mehr, wie die Studenten. Endlich hatte sie ihr Ziel erreicht. Ein langer Gang, zu beiden Seiten mit Türen, die in unpersönlichem Weiß gestrichen waren, erstreckte sich vor. Luna zig eine Grimasse. Ein langer Tunnel. Ziemlich in der Mitte auf der rechten Seite befand sich Zimmer Nummer 327. Etwas ließ sie einen Moment zögern, dann klopfte sie an die Tür. Von drinnen erklang russische Popmusik. Die Musik wurde leise gedreht und die Tür öffnete sich. Ein heller Lichtstrahl blendete Luna. Ihr Blinzeln ließ sie menschlich wirken.
„Ja, bitte?“ Im Türrahmen stand ein junger Mann, er war nicht besonders groß. Seine Augen leuchteten selbst im Dunkeln blau. Luna verschlug es beinahe die Sprache.
„Tja..ähm.“ Sie hätte sich selbst ohrfeigen könne. So etwas durfte dem Tod eigentlich nicht passieren. Ein typisch menschliches Verhalten.
„Kann ich dir helfen?“, fragte er und lächelte dabei. Was für eine Zuckerschnute. Langsam fand Luna ihre Sprache wieder.
„Ja, ähm.“ Sie gab sich einen Ruck. „Hallo erstmal.“ Sie räusperte sich. „Ich suche einen gewissen Alexej Bondarenko.“
„Das bin ich“, antwortete er und sein Lächeln wurde noch eine Spur herzlicher. Eine steile Falte bildete sich zwischen Lunas Brauen. Verstohlen schaute sie auf den zerknitterten Zettel in ihrer Hand. Name und Adresse stimmten, aber dieser Bondarenko hier war jung genug, der Enkel ihres Klienten zu sein und von ihm strömte auch noch nicht der typische Geruch eines Alkoholikers.
„Du bist noch jung“, platzte es aus ihr heraus.
Alexej schient verwirrt. „Zweiundzwanzig. Ist das tragisch?“
Luna schob den Zettel in die Tasche ihres Mantels. Da musste eine Verwechslung vorliegen. Dieser Typ, der noch mehr Junge als Mann war, musste definitiv der Falsche sein.
„nein, überhaupt nicht.“ Sie zwang sich zu einem entschuldigenden Grinsen. Schnell ließ sie sich eine Ausrede einfallen. „Ich bin neu an der Universität“, erklärte sie. „Sie…du wurdest mir empfohlen … als …als Mentor, der sich um die neuen Studenten kümmert.“ Sie hob die Stimme und ließ den letzten Satz wie eine Frage klingen. Sie hatte nur geraten, doch Fortuna war an ihrer Seite.
„Ich greife den neuen Studenten tatsächlich ein wenig unter die Arme.“ Alexejs skeptische Miene war einem warmen Lächeln gewichen. In seinem Kinn zeigten sich Grübchen. Süß war sie ja, die kleine Brünette. Vielleicht ein wenig verpeilt. Sicherlich war sie eine Auslandsstudentin, sie sprach mit einem deutlichen Akzent.
Er trat zur Seite und machte die Tür weiter auf, als notwendig gewesen wäre. „Komm herein“, bat er sie. Luna nahm die Einladung gerne an. Dieser junge Alexej gefiel ihr.
In Ermangelung an Sitzgelegenheiten – Alexejs Zimmer war nur spartanisch eingerichtet, ein schmales Bett, ein Schrank und ein Schreibtisch mit dazugehörigem Stuhl-nahm sie auf dem Bett Platz.
„Darf ich dir einen Tee anbieten?“ Sie mochte seine dunkle Stimme, die so gar nicht zu seiner geringen Körpergröße zu passen schien.
„Ja, bitte“, antwortete sie und Alexej verschwand aus dem Zimmer. Luna sah sich um. Er hatte den kleinen Raum gemütlich eingerichtet. Auf dem Boden lag ein bunter Flickenteppich. Über dem Bett hing ein Bilderrahmen. Luna musste den Kopf drehen, um die Photographien zu sehen. Sie zeigten Alexej offenbar mit seinen Eltern und Brüdern, vielleicht auch Freunden. Auf einem Bild hielt er einen dicken rotgetigerten Kater im Arm. Nur eine Frau seines Alters war nicht dabei. Luna ertappte sich dabei, wie so etwas wie Erleichterung verspürte.
Auf dem Schreibtisch lagen aufgeschlagen zwei Bücher, ein Block und ein Kugelschreiber. Offenbar hatte sie ihn beim Lernen unterbrochen.
Die angelehnte Tür flog auf und Alexej kam mit zwei dampfenden Tassen herein, von denen er eine Luna in die Hand drückte. Die andere stellte er auf den Schreibtisch.
„Milch und Zucker?“, fragte er und kramte in einer Schublade seines Schreibtisches.
„Nur Zucker. Danke“, antwortet Luna. Ihr Hals war ganz trocken. Alexej zog den Drehstuhl heran und setzte sich Luna gegenüber.
„Jetzt erzähl mal etwas über dich“, forderte er sie auf. Luna schaute ihn einen Augenblick erstaunt an. Die meisten Menschen wussten, dass dies ihre letzte Stunde war, wenn sie ihr begegneten und auch wenn sie gefasst reagierten, wollte niemand Smalltalk mit dem Tod halten oder etwas Persönliches über ihn wissen. Im Gegenteil, wenn die Uhr ablief, konzentrierte sich jeder auf die eigene Person.
Luna nippte an ihrem Tee und schenkte Alexej ein Lächeln. Dem anderen Alexej würde sie noch einige Zeit auf dieser Erde gewähren. Bisschen Spielraum hatte sie ja immer. Sie wollte diesen jungen Mann mit den großen blauen Augen und dem blassen Gesicht unbedingt kennenlernen. Dazu musste sie sich wohl an der Universität einschreiben. Nur, welche Fächer belegte der Tod?
 
„Oh, Mann hatten die Deutschen denn sonst keine Geschichte?“ Leise schimpfte Alexej in die eng bedruckten Buchseiten hinein. „Nur Hitler. Hitler. Hitler und wieder Hitler.“
Eine kühle Hand legte sich in seinen Nacken. Er wusste, es war Luna, die hinter ihm stand. Aus den beiden war recht schnell ein Paar geworden. Sie besaß die Angewohnheit wie aus dem Nichts zu erscheinen. Dabei hätte er schwören können, die Tür seines Zimmers verschlossen zu haben- Vielleicht hätte er die Wette auch verloren. In den letzten Wochen vergaß er ziemlich viel, das lag wohl am Stress. Ab Montag begannen die Klausurwochen und er wusste nicht einmal die Hälfte von dem, was verlangt wurde. Sicherlich würde er mit Pauken und Trompeten durchfallen. Sein Stipendium konnte er dann auch vergessen. Sein Stuhl quietschte, als er sich herumdrehte. Das Ding musste dringend geölt werden. Alexej schlang die Arme um Lunas Hüften und lehnte mit geschlossenen Augen den Kopf an ihren Bauch. Er liebte es, wenn sie ihm durchs Haar wuschelte.
„Wie läuft’s?“, fragte sie. Ihre Stimme klang immer ein wenig heiser. Überhaupt war sie recht ungewöhnlich wenn man den Vergleich zu anderen Frauen ihres Alters heranzog. Alexej hatte wenig Erfahrung mit Frauen. Strenggenommen überhaupt keine. Luna war seine erste Freundin und mit dem Sex ließen sie sich auch noch Zeit. Schließlich hatten sie beide noch ihr ganzes Leben vor sich und somit genug Zeit. Manchmal erschien ihm die junge Frau mit den schulterlangen Haaren und jadegrünen Augen älter als die einundzwanzig Jahre, die sie vorgab zu sein. Alexej konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, woran er das festmachte. Intuitiv erfasste er, dass Luna mehr war, als die süße Austauschstudentin, an die er sein Herz verloren hatte. Die Art, wie sie manchmal sprach oder sich ausdrückte, unterschied sie von den anderen Kommilitonen. Der nachdenkliche Blick, wenn sie glaubte, unbeobachtet zu sein. So als hätte sie schon viele Menschenleben gelebt.
Luna beugte sich herab und küsste ihn auf die Stirn. Ihre Lippen fühlten sich so kühl an wie ihre Hände. „Was liegt an, Schatz?“ Er hörte ein Schmunzeln in ihrer Stimme. Mit Geschichte kannte sie sich aus. Ihr Gedächtnis für Ereignisse und Jahreszahlen war unglaublich. So als wäre sie mit dabei gewesen, was natürlich absolut unmöglich war. Unwillkürlich lief Alexej ein Schauer über den Rücken. Er löste sich aus ihrer Umarmung und wandte sich beinahe unwirsch wieder seinen Büchern zu. „Das Übliche eben“, brummte er. „Ich kann’s mir einfach nicht mehr merken.“ Er gab dem Buch einen Stoß mit der flachen Hand. Das seltsame Gefühl gegenüber Luna blieb.
 

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Beitrag #2 |

RE: La Belle Morte (2)
Hab's gleich gelesen Icon_smile

Viel hab ich da nicht zu sagen. Vielleicht auch, weil ich die Details der Sprache gar nicht "analysieren" will, mich interessiert eher die Wirkung des Gesamtbildes. Was dahinter steckt, was ungesagt bleibt, was bestimmte Bilder (für mich) bedeuten.
Aber hier doch ein paar Sachen:


Zitat:
Bisschen Spielraum hatte sie ja immer.
Das "bisschen" stört mich persönlich. Klingt nicht nach einem schönen, deutschen Satz. Außer, es ist die Sprache in ihren Gedanken, dann würde ich das aber deutlicher machen. Du könntest stattdessen einfach schreiben "ein bisschen" oder "etwas" oder "ein wenig", da gibt es viele Möglichkeiten.



Zitat:
Nur Zucker. Danke
Nur eine persönliche Kleinigkeit. Ich weiß nicht genau, was mich da stört. Vielleicht die Optik, weil der zweite Teil keinen Punkt hat (was natürlich schon stimmt, klar). Ich würde es ändern zu "Nur Zucker, danke".



Zitat:
Warum in alles in der Welt
Ich glaube, dieser Ausdruck heißt "Warum um alles in der Welt".


Die Geschichte ist für mich eine schöne und logische Weiterentwicklung von Teil 1. Da gab es ja auch schon Andeutungen für menschliches Verhalten bei Luna, und sei es "nur aus Neugier". 
Der Perspektivenwechsel gefällt mir richtig gut, du hast die Gelegenheit ja auch genutzt, um Luna optisch ein wenig näher zu beschreiben. 
Was ich einfach liebe - ich glaube, das hatte ich bei Teil 1 schon erwähnt, sind die versteckten Dinge. Fragen, die sich (indirekt) auftun ohne geklärt zu werden, Andeutungen. 

Nur, um ein Beispiel mal genauer zu beschreiben:

Zitat:
Ein typisch menschliches Verhalten
So, wie das gelegentlich gesagt wird, stellst du klar, dass sie eben etwas anderes ist. In einer großen Fantasywelt gibt es dann diese langen Erklärungen: Wer, woher, wie,… 

Aber hier, wo alles in unserer Welt spielt - und abgesehen von Luna auch so ist, wie wir es kennen - , da würde das für mich nicht passen. Da gibt es nur den Alltag... und dieses Eine, das irgendwie einfach anders ist. Vieles bleibt hier ein Geheimnis. Ich hoffe, du deckst möglichst wenig davon auf  Icon_wink 

Es ist besser, ein einziges kleines Licht anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen. (Konfuzius)

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Beitrag #3 |

RE: La Belle Morte (2)
Hallo Korbinian, 

Ich freue mich so sehr, dass diese Geschichte bei wenigstens  einer Person Anklang gefunden hat. Wie gesagt, die habe ich vor über einem Jahr geschrieben und muss mich selbst erst wieder einlesen. 

Deine Ideen sind gut und ich denke, davon werde ich einiges umsetzen. 

LG Persephone

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Beitrag #4 |

RE: La Belle Morte (2)
Hi Persephone,
 
ich lese Korbinians Kommentar jetzt nicht – du kannst dann vergleichen, ob wir unabhängig voneinander das gleiche sagen Icon_wink
 
ZUM LUNA-TEIL:
Hier zeigst du Luna zum ersten Mal im Zusammenspiel mit anderen Menschen.
Um zu wissen, wie diese anderen Menschen sie wahrnehmen, hätte ich es hilfreich gefunden, jetzt mehr über ihr Äußeres zu erfahren. (z.B.: Die junge Frau starrte sie an. In diesem Fall lag das nicht an Lunas jadegrünen Augen, sondern daran, dass sie die Nähe des Todes spürte. Oder so.)
Unschlüssig bin ich mir auch mit der Charakterisierung von Luna. WIE ist sie? Was für ein Temperament hat sie, was zeichnet sie aus? Im ersten Teil hatte ich erstmal den Eindruck, sie ist tough und cool und schlagfertig, manchmal etwas herablassend / süffisant, was zu ihrer Rolle als Tod passt. Allerdings hatte ich im ersten Teil ja schon moniert, dass sie sich von dem Suizidklienten die Erlaubnis geben lässt, seine Wohnung zu nutzen, anstatt sie sich einfach zu nehmen – warum sollte der Tod so höflich sein zu Leuten, die er buchstäblich nie wieder sieht?
Diese Unklarheit über ihren Charakter setzt sich für mich im zweiten Teil fort. Ich kann sie als Person nicht so ganz einordnen. Auch vor Alexejs Tür verhält sie sich wieder menschlich-sozialkonform und auch recht unsicher:
Zitat:
Schnell ließ sie sich eine Ausrede einfallen. „Ich bin neu an der Universität“, erklärte sie. „Sie…du wurdest mir empfohlen … als …als Mentor, der sich um die neuen Studenten kümmert.“ Sie hob die Stimme und ließ den letzten Satz wie eine Frage klingen. Sie hatte nur geraten, doch Fortuna war an ihrer Seite.

1) Wenn sie den Satz wie eine Frage stellt, dann würde ich auch ein Fragezeichen hinsetzen: „als Mentor, der sich um die neuen Studenten kümmert?“ Sie konnte nicht verhindern, dass der Satz wie eine Frage klang.
2) Luna hat bislang die Menschen ziemlich genau beschrieben und eingeordnet. Den Suizidklienten in Teil 1 oder auch die Krebspatientin am Eingang, die ihr Leben in den Griff kriegen muss. Deshalb hat es mich an dieser Stelle gewundert, dass sie Alexej nicht einordnet oder es nicht mal versucht. Sprich, nach dem ersten Schock hätte ich erwartet, dass sie blitzschnell seine Person, seine Kleidung und die sichtbaren Dinge im Zimmer hinter ihm beobachtet, zudem einen Blick in seine zukünftigen Todesumstände wirft (dazu ist sie ja anscheinend fähig) und dann detektivmäßig die Indizien zusammensetzt: „Das ist ein Klassensprechertyp.“
Und dann eben nicht „Fortuna war ihr hold“ sondern: „Treffer. Luna hatte die Situation wieder unter Kontrolle.“
3) Warum geht Luna nicht einfach wieder? Sagt etwas wie, „Sorry, du entsprichst leider nicht meiner Vorstellung“ und haut ab? Ich würde sagen, an genau dieser Stelle muss sie gerade dazu ansetzen sich zu verabschieden und dann zögern. Was sie erst viel später denkt, wäre hier eine plausible Erklärung: „Sie wollte diesen jungen Mann mit den großen blauen Augen und dem blassen Gesicht unbedingt kennenlernen.“

Nun kann Lunas Verhalten natürlich auch zu ihr passen, genau so, wie du es beschrieben hast. Vielleicht ist sie als Tod nicht so oft in sozialen Situationen und ist daher manchmal etwas unsicher oder linkisch. Vielleicht hat sie ein bisschen ein schlechtes Gewissen gegenüber den "Klienten" und verhält sich daher besonders höflich/respektvoll und hätte sich nie die Wohnung einfach so genommen. Vielleicht verhält sie sich Alexej gegenüber sozialkonform, weil sie auf keinen Fall gegenüber einem Nicht-Todeskandidaten auffallen darf, sonst passiert was schlimmes. Vielleicht. Ich kriege da keinen eindeutigen Eindruck aus dem Text. Kannst du, sagen wir mal, vier Eigenschaften von Luna aufzählen? Mir würde das gerade noch schwer fallen, ich würde "freundlich, aber distanziert" sagen, mehr könnte ich nicht so genau sagen.
 
 
ZUM ALEXEJ-TEIL:
Zitat:
Er wusste, es war Luna, die hinter ihm stand. Aus den beiden war recht schnell ein Paar geworden.

Ooooh. Ich bin enttäuscht. Warum? Das Gespräch zwischen Luna und Alexej hatte so witzig begonnen und die Aussicht auf eine romantische Entwicklung hatte mich neugierig gemacht. Dann aber überspringst du alles, worauf ich mich als Leser gerade eingestellt und gefreut hatte: Lunas Versuche, sich eine plausible Biographie zuzulegen, oder kleinere Pannen die sie erklären muss („Bist du gerade durch die Wand gegangen?“) und natürlich die romantische Spannung. Das alles wird nun sehr knapp aus Alexejs Sicht zusammengefasst. Er erzählt da von ganz vielen Dingen, die ich total gerne als eigene Szene lesen würde (zB wie Luna Geschichte runterbetet oder sogar noch das Geschichtsbuch korrigiert). Aber so zusammengefasst geht der Reiz verloren.
Zudem kommt der Sprung ziemlich plötzlich. Ein neues Thema, Liebe und Beziehung, kommt auf, doch ich erfahre fast nichts darüber wie Luna dazu steht, schon steckt sie mittendrin. Im ersten Teil hat sie ja vor allem über den Tod und die Sichtweise der Menschen auf den Tod philosophiert. Das neue Thema kommt jetzt etwas unvorbereitet.
Nach dem Lunateil hatte ich bestimmte Erwartungen und Neugier, die mich weiterlesen ließ. Dann hast du aber diese Fragen sofort alle beantwortet, ohne mir neues Futter zu geben.

Nun kenne ich nicht die ganze Architektur der Geschichte, deshalb kann ich noch nicht abschließend etwas dazu sagen. Nach meinem aktuellen Stand frage ich mich, warum der Absatz am Ende aus Alexejs Sicht nötig ist. Also vielleicht wäre es ratsam, den letzten Absatz wegzulassen und stattdessen in ein neues Kapitel zu investieren. Dort kannst du all das, was er hier nur anreißt, schön anschaulich aufrollen. Außerdem hast du dort auch Platz, uns mehr über Alexej zu sagen. Im Moment weiß ich nicht viel über ihn und weiß nicht, warum er mich interessieren sollte und warum ich ihn sympathisch finden sollte ... aber wie gesagt, mit Sicherheit sagen kann ich im Moment nur, dass mich der Zeitsprung nicht überzeugt.

/EDIT: Jetzt habe ich doch bei Korbinian reingelesen und er fand den Zeitsprung gut. Arme Perspephone! Das sind ja mal hilfreiche Kommentare! :D Also ich merke mir das Thema Zeitsprung jetzt einfach mal und denke noch mal darüber nach, evtl. dann auch im Zusammenhang mit dem dritten Teil.

Insgesamt setzt du im Detail den Witz und die Spritzigkeit des ersten Teils fort, das ist ein sehr sympathisches und lesenswertes Merkmal deiner Geschichte. Man merkt gleichzeitig, dass die Geschichte langsam komplexer wird und dabei der ein oder andere zusätzliche Stolperstein auftaucht. Aber ich werde auf jeden Fall weiterlesen, denn ich finde den Schreibstil nach wie vor sehr angenehm und unterhaltsam! 


Viele Grüße


Ichigo




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Hier noch einzelne Stellen.
Zitat:
Quostanay, die Stadt, die an der Grenze zu Russland in Sibirien lag, empfing Luna mit einem schneidend kalten Wind. Klienten, die in der Karibik lebten, waren ihr eindeutig lieber.

Der Text beginnt und ich will erstmal nur eins von ihm: „Mach mich neugierig!“ Das würde hier m.E. viel besser klappen, wenn du nicht mit Fakten beginnst, die machen einen meistens nicht besonders neugierig…
-> Die Stadt empfing Luna mit einem schneidend kalten Wind. Klienten, die in der Karibik lebten, waren ihr eindeutig lieber. Nun würde sie eine Weile mit Quostanay vorlieb nehmen müssen, eine Stadt die ……. (Info)
 
 
Zitat:
Ziemlich in der Mitte auf der rechten Seite befand sich Zimmer Nummer 327. Etwas ließ sie einen Moment zögern, dann klopfte sie an die Tür. Von drinnen erklang russische Popmusik. Die Musik wurde leise gedreht und die Tür öffnete sich. Ein heller Lichtstrahl blendete Luna. Ihr Blinzeln ließ sie menschlich wirken.

Mehrere Irritationen: Von den Sinneseindrücken her müsste sie zuerst die Musik hören, danach klopfen. Und Luna selbst kann nicht sehen, wie menschlich sie wirkt. Da kann maximal stehen: Luna wusste, dass das Blinzeln sie menschlicher wirken ließ.
-> Ziemlich in der Mitte auf der rechten Seite befand sich Zimmer Nummer 327. Von drinnen erklang russische Popmusik. Etwas ließ sie einen Moment zögern, dann klopfte sie an die Tür. Von drinnen erklang russische Popmusik. Die Musik wurde leise gedreht und die Tür öffnete sich. Ein heller Lichtstrahl blendete Luna. Ihr Blinzeln ließ sie menschlich wirken.
 
Zitat:
Verstohlen schaute sie auf den zerknitterten Zettel in ihrer Hand.

Im Teil 1 hatten wir ja über die Kommunikationsmethode schon gesprochen. Ich finde, der Zettel sollte in Teil 1 unbedingt erwähnt werden – dort war die Art der Nachrichtenübermittlung und was sie mit den Infos macht vollkommen nebulös, geradezu geheimnisvoll, in Teil 2 hat sie dann einen banalen Zettel dabei. Da hatte ich irgendwie nach der Lücke im Teil 1 etwas spannenderes erwartet Icon_wink
 
Zitat:
In seinem Kinn zeigten sich Grübchen. Süß war sie ja, die kleine Brünette. Vielleicht ein wenig verpeilt. Sicherlich war sie eine Auslandsstudentin, sie sprach mit einem deutlichen Akzent.

Du hast die Perspektive sonst gut im Griff, aber hier entgleitet sie dir ganz kurz: Alexejs Gedanken und Wahrnehmungen haben hier nichts zu suchen, denn du schreibst aus Lunas Sicht.
Da geht vielleicht so etwas wie: „Du brauchst nicht nervös zu sein, es ist nicht so schwer wie es aussieht.“ Alexej hatte ihre Verwirrung gesehen, aber vollkommen falsch gedeutet. Perfekt. Luna nickte und versuchte, erleichtert auszusehen.
 
Hier sind noch ein paar Verschreiber:
Zitat:
„Warum in alles in der Welt wohnt ein Mann von fast siebzig Jahren in einem Studentenwohnheim?“, murmelte sie zu sich selbst. Vielleicht war dies auch die einzige Miete, die bezahlen konnte und die Alternative wäre obdachlos unter einer Brücke gewesen. …
Sie würde en Krebs besiegen und als alte Frau sterben.
Luna zig eine Grimasse. Ein langer Tunnel.
„Tja..ähm.“ Sie hätte sich selbst ohrfeigen könne.
„nein, überhaupt nicht.“ Sie zwang sich zu einem entschuldigenden Grinsen.


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Beitrag #5 |

RE: La Belle Morte (2)
Hallo Ishigo, 

Erstmal vielen Dank für deinen Kommentar

Da hast du mich ja ordentlich geputzt.  Icon_smile
Du stellst gerade Fragen, die ich mir selbst noch nicht beantwortet habe.  Icon_confused
Wie gesagt, ich habe diese Geschichte vor einiger Zeit- ohne mir wirklich Gedanken zu machen- so runter geschrieben, wie sie mir gerade in den Sinn kam. 

Was für Charaktere sind Luna und Alexej? Zumindest ist Luna so höflich, sich nicht zu nehmen, was sie möchte. Gewisse Manieren und Werte bringt sie schon mit. Gerade weil sie ja eigentlich so alte wie das Leben selbst ist. Sie hat sehr ... Lebenserfahrung und sich verschiedene Sachen von den Menschen abgeschaut. Vielleicht ist Luna auch gar nicht der Tod, sondern eine von vielen.
Ich muss und werde mich definitiv mehr mit dieser Geschichte auseinander setzen und einiges umbauen.

Und ja, sie ist zum ersten Mal verliebt. Dieses Gefühl kannte sie bis dato gar nicht. Also müsste sie ja doch ein wenig überfordert sein. 

Ich werde mir diesbezüglich einige Gedanken machen. Nachdem ich nämlich aufgrund der Kommentare nochmals die Geschichte gelesen hatte, sind mir einige Stellen aufgefallen, die von meiner Sicht her auch nicht passen. 

Werde das mal in der freien Zeit jetzt in Angriff nehmen.

LG Persephone

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Beitrag #6 |

RE: La Belle Morte (2)
Die Geschichte ist gut, mir geht es nur gerade zu schnell Icon_wink
Was du über Luna sagst klingt plausibel, jetzt ist die Frage, wie kann das aus dem Text sprechen. Mein Eindruck von Luna speist sich zu einem großen Teil aus dem Anfang: Dort fläzt Luna zappend auf dem Sofa und isst Chips und philosophiert recht abgehoben über den Tod. Ich zog daraus dass sie distanziert zu den Menschen ist. mal zum Vergleich was gesponnen:


Luna holte sich Chips aus der Küche, wie sie es bei den Menschen beobachtet hatte. In diesem Zeitalter gab es wohl nichts menschlicheres, als Chips essend vor dem Fernseher zu sitzen, und Luna stellte sich gerne dabei vor, sie sei gerade aus einem der stumpfen Büros heimgekehrt ("Feierabend" nannten es die Menschen heute) und gleich würde ihr Mann heimkommen.
"Ja Schatz, mein Meeting war auch furchtbar, ichh wäre fast eingeschlafen", sagte Luna probeweise in den leeren Raum hinein.
Wie es wohl war, jeden Tag zu jemandem zurück zu kehren? Sie hätte die Vorstellung als langweilig abgetan, wäre da nicht der tiefe Frieden gewesen, den sie so oft in den Augen eines Paares erblickt hatte. Außerdem war ein Date so ziemlich das einzige aus der Welt der Menschen, das Luna noch nicht ausprobiert hatte.
Irgendwann, dachte sie träge. Irgendwann suche ich mir einen knackigen Typen und probiere es aus. Allerdings würde das ganze damit enden, dass sie ihm das Herz brach. Und Luna brach berufsbedingt schon so viele Herzen, dass sie versuchte, nicht auch noch zusätzlich Leid zu verursachen. Auch wenn sie sehr flüchtig waren, irgendwie mochte sie die Menschen. Sie überraschten Luna immer wieder.
Auchjetzt hob sie reflexartig einige Chipskrümel auf, die ihr auf den Teppich gefallen waren.

Jetzt nur gesponnen, aber su siehst wie hier ein bestimmtes Verhältnis von Luna zu den Menschen etabliert wird und zudem das Thema Liebe vorbereitet wird. Wenn so etwas im ersten Teil stünde, käme der zweite Teil dann nicht mehr so unvermittelt. Und wenn Luna stotternd vor Alexejs Tür steht könnte sie denken: "Warum steh ich hier noch und mach mich lächerlich? Ich bin der Tod, verdammt, ich kann kommen und gehen wie ich will." Aber wie immer siegte der Teil in Luna, der sich möglichst menschlich verhalten wollte. Außerdem war etwas an Alexej ...

Ich glaube ich versuche mal, die nächsten Teile am Stück zu lesen, denn das Problem ist, die Architektur hängt ja über die einzelnen Teile hinaus zusammen, deshalb bin ich eigtl recht unsicher, so viel darüber zu sagen. Also ich versuche jetzt erst mal, den größeren Bogen zu lesen!



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Beitrag #7 |

RE: La Belle Morte (2)
Hallo Ishigo,

Zitat:"Ja Schatz, mein Meeting war auch furchtbar, ichh wäre fast eingeschlafen", sagte Luna probeweise in den leeren Raum hinein.
Wie es wohl war, jeden Tag zu jemandem zurück zu kehren? Sie hätte die Vorstellung als langweilig abgetan, wäre da nicht der tiefe Frieden gewesen, den sie so oft in den Augen eines Paares erblickt hatte. Außerdem war ein Date so ziemlich das einzige aus der Welt der Menschen, das Luna noch nicht ausprobiert hatte.
Irgendwann, dachte sie träge. Irgendwann suche ich mir einen knackigen Typen und probiere es aus. Allerdings würde das ganze damit enden, dass sie ihm das Herz brach. Und Luna brach berufsbedingt schon so viele Herzen, dass sie versuchte, nicht auch noch zusätzlich Leid zu verursachen. Auch wenn sie sehr flüchtig waren, irgendwie mochte sie die Menschen. Sie überraschten Luna immer wieder.
 Luna ist eher fasziniert von den Menschen, fühlt sich aber auch ein wenig überlegen. Ja, sie findet Menschen niedlich, so wie wir ein Baby-Tier niedlich finden. Aber eine (Liebes-)Beziehung mit einem Menschen anzufangen, kommt ihr eigentlich gar nicht erst in den Sinn. Bis sie auf Alexej trifft. Das muss ich echt noch stärker rausbringen.

LG Persi

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